???? Georg Silló-Seidl: Die Affaire Semmelweis (1985)

Ein überraschend fesselndes Buch über das Leben dieses großen österreich-ungarischen Mediziners.

Meine Learnings

  • Ignaz Semmelweis hat die Blutvergiftung entdeckt und wie sie übertragen wird. Nämlich: Er war Arzt an einer Geburtenstation der Wiener Universitätsklinik. Die behandelnden Ärzte sezierten zu Ausbildungszwecken auch Leichen, ohne sich danach die Hände zu desinfizieren. (Ihre Hände haben sie sehr wohl gewaschen, aber das reichte nicht.) Dadurch wurden Keime übertragen, welche über die Schleimhäute bzw. die Gebärmutter ins Blut der Frauen gelangten und tödliches “Kindbettfieber” auslösten. Diesen Zusammenhang hat Semmelweis entdeckt.
  • Seine Entdeckung war bahnbrechend. Sie hat unzähligen Menschen das Leben gerettet und die moderne Chirurgie im 20. Jahrhundert erst möglich gemacht.
  • Er war aber kein lupenreiner Held. Er war lange zu passiv. Er war viel zu lange schweigsam. Er hat viel zu lange nichts zu seinen Erkenntnissen publiziert. In der Zeit sind viel zu viele Frauen gestorben. Er hätte viel mehr tun können, um seine Entdeckung zu verbreiten.
  • Es waren seine Fürsprecher, die für ihn argumentiert hatten. Aber teilweise mit Fehlern, teilweise fachfremd. Warum hat Semmelweis sich so lange Zeit nicht mehr ins Zeug gelegt?
  • Wie so viele Lifestyle Entrepreneure auch hat er viel zu lange geglaubt, dass seine Arbeit für sich spricht und sich Vernunft und Qualität von selbst durchsetzen werden.
  • Seth Godin bezieht sich öfter mal auf Ignaz Semmelweis, hat möglicherweise einen falschen Eindruck von Semmelweis und der Ärzteschaft dieser Zeit. Er erzählt die Geschichte immer im Zusammenhang mit culture, nämlich dass die Ärzte die Erkenntnisse von Semmelweis viel zu lange ignoriert hätten, aus Status- und Prestigegründen, wegen people like us don’t do things like this. Das stimmt, aber nur teilweise. Ein namhafter Teil der Ärzteschaft hat sofort mit Chlorwaschungen begonnen, nachdem sie Semmelweis verstanden hatten und anerkannten sofort den entscheidenden Unterschied. Aber es gab auch einen renitenten Kern, der sich ignorant und verblendet und justament weigerte, das Offensichtliche anzuerkennen.
  • Es stimmt, dass sich Semmelweis der modernen Statistik bedient hat, um seine Erkenntnisse zu beweisen. Das war damals insofern neu, als es in der Medizin bis dato üblich war, mit Mutmaßungen und Ideen zu “argumentieren”. Je angesehener ein Professor, desto mehr Gewicht hatte und desto glaubwürdiger war eine Erklärung — vollkommen ohne dass ein „Beweis“ nötig gewesen wäre. Das kann man sich in der heutigen Wissenschaft gar nicht mehr vorstellen. Aber andererseits: Genauso befremdlich muss Semmelweis‘ Vorgehensweise für seine medizinischen Zeitgenossen gewesen sein. Er hat sicher viele vor den Kopf gestoßen.
  • Semmelweis starb tragischerweise selbst an Blutvergiftung. Der Autor behauptet, dass er von missgünstigen ungarischen Kollegen fälschlicherweise in eine Wiener “Irrenanstalt” eingewiesen wurde, um ihn kalt zu stellen. Und dass er in der Anstalt von den Ärzten unfähig behandelt und den Pflegern körperlich misshandelt wurde, was zu seinem Tod führte.

Meine Notizen

“Man muß eine persönliche Beziehung zu einem Thema haben.” (S. 11)

Jozsef Palotay-Purgstaller, ein Lehrer von Semmelweis in seinem Buch “Die Elemente der Philosophie” (1843) auf die Frage, was von einem Schüler zu fordern sei:

“Er muß nicht die Worte des Lehrers beschwören, sondern soll die mitgeteilten Gegenstände untersuchen, und er denke darüber nach: somit wird er nicht sein Gedächtnis pflegen, sondern seinen Verstand erwecken, was eben ein Hauptziel des Unterrichts ist. Das wissenschaftliche Studium wird von folgenden Regeln beherrscht: nämlich vom richtigen Verständnis der Einzelheiten, vom Begreifen des Ganzen, von der Forschung der Ursachen und von der Auslegung der Ergebnisse.” (S. 23)

  • Was für ein hoch modernen Anspruch in der (Hochschul-)Pädagogik, vor fast 200 Jahren formuliert!
  • Und: Was für ein ambitionierter Anspruch für die beste Gründungsberatung der Welt!

Semmelweis, der Schweigsame: “Drei Jahre waren seit seiner Entdeckung vergangen, und er trat in dieser Zeit nicht ein einziges Mal aufs Podium! Schrieb keinen einzigen Artikel, in dem er seine Entdeckung der Welt bekundete! Trotzdem erwartete Semmelweis, daß seine Sache als solche baldmöglichst den Sieg davontrug. Aber warum? Weil er dachte, eine gerechte Sache muss von selbst siegen. Bis bei Semmelweis der Groschen fiel, daß er sich geirrt hatte, waren weitere zehn Jahre vergangen. Was er während dieser Zeit versäumte, kann man bis heute nicht wettmachen.” (S. 42)

“Er wurde im Jahre 1858 40 Jahre alt und begann das Jahrzehnt des fruchtbarsten Mannesalters.” (S. 118)

  • Sowas würde heute kein Autor mehr schreiben. Das Buch ist ein Kind seiner Zeit. Der Autor war in den Achzigerjahren auch schon ein Senior.

Semmelweis ging es um die Lehre: “Semmelweis brauchte keinen persönlichen Trost oder Anerkennung. Er wollte lediglich seiner Lehre zum Sieg verhelfen, d.h. die Patienten vor dem Tode retten. Seine Person stand immer nur im Hintergrund. Er klagte auch niemals über seine Person. Semmelweis taten seine Gegner leid. Er wollte ihnen die Erkenntnis beibringen. Sein Stil, die laufenden Wiederholungen der Angaben oder die Beleuchtung der Daten von allen Seiten sprachen für eine psychologische Methode: Er hämmerte seine Lehre regelrecht in die Köpfe ein.” (S. 132)

Aus einem Brief von Dr. Kugelmann aus Hannover an Semmelweis: Zuspruch ist meist Schweigsam: “Vergessen Sie übrigens nicht, verehrtester Freund, dass Sie vorwiegend die Stimmen Ihrer Gegner vernehmen, nicht aber erfahren, wie viele sich von Ihnen belehren lassen.” (S. 134)


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