Das digitale Notizbuch von Günter Schmatzberger

Flughafen-Geschichten

F

Unlängst, im Urlaub mit meiner Familie:

Wir warten am Flughafen Antalya (lange) auf unser Gepäck. Sofort beginnen meine beiden Kinder (8 und 6), irgendwelche Gründe und Erklärungen zu finden, was passiert sein könnte, dass unser Gepäck nicht daher kommt. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und die Geschichten sprudeln ohne große Anstrengung aus ihnen heraus.

Wir Menschen können gar nicht anders, als dass wir uns Unsicherheiten irgendwie zu erklären. Kindern muss man das nicht beibringen, und Erwachsene werden nie zu alt dafür.

Und auch wenn wir wissen, dass diese Erklärungen höchstwahrscheinlich nicht stimmen, ist irgendeine Geschichte immer noch besser, als gar keine Erklärung zu haben.

Für dein Marketing könnte das bedeuten: Die Menschen in deiner Zielgruppe reimen sich sowieso eine Geschichte über dich und dein Solo-Business zusammen. Wenn du ihnen eine leiwande Geschichte von dir aus anbietest, dann werden sie diese wahrscheinlich gern übernehmen, weil’s weniger anstrengend für sie ist, als selbst nach Erklärungen zu suchen.

Und du hast den Vorteil, dass deine Geschichte wahrscheinlich etwas näher an den Tatsachen ist als die imaginierten Geschichten deiner Zielgruppe.

Altersweisheit

A

Unlängst ist ein guter Freund von mir 50 geworden.

Als einen der Vorteile des Älterwerdens nannte er: „Du musst niemandem mehr was beweisen. Mach einfach, was dir taugt.“

Was, wenn du so frech wärst und dir diese Freiheit jetzt schon erlauben würdest – und nicht erst, wenn dir die Erfahrung deines Lebensalters bewiesen hat, dass diese Art von „Frechheit“ immer siegt?

Einfach einen Brief geschrieben

E

Vor vielen Jahren, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Jugendarbeitslosigkeit in Zagreb…

Salvatore aus Rom erzählt mir folgende Geschichte:

Er arbeitet an einem Sozialprojekt, wo sie mit Jugendlichen ein Haus völlig neu bauen. Zur Gestaltung der Fassade hat er sich gedacht, dass er den Grafitti-Künstler Millo einladen möchte, die Fassade zu gestalten.

Das Geld dafür hat er sich bei privaten Sponsoren geholt.

Und dem Künstler hat er einfach einen Brief geschrieben und gefragt, ob er das machen würde. Der hat geantwortet, dass er zuerst noch Projekte in Moskau, in San Francisco und Johannesburg abschließen muss, aber dann kommt er vorbei.

Wer fragt, dem wird gegeben.

Was besser ankommt

W

Vor vielen Jahren, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Jugendarbeitslosigkeit in Zagreb…

Neben mir sitzt eine Vertreterin des Bildungsministerium.

Sie sagt: „The ministry is preparing a strategic document that will help to improve the frameworks for young people looking for a job.”

Ich sage: „If you want to get a job, be nice!”

Das sind zwei völlig konträre Ansätze. Natürlich auch inhaltlich, aber vor allem in dem, wie kommuniziert wird.

Im Publikum war eindeutig, was besser „ankommt”.

Zweiter Taschenrechner

Z

Ich habe ja schon mal darüber geschrieben, dass bei jeder Prüfung jemand dabei ist, der seinen Taschenrechner vergessen hat. Es ist immer einer. (Es sind ausschließlich Männer.)

Diese Hypothese hat sich in den letzten Wochen zweimal bestätigt. Deshalb habe ich immer meinen eigenen Taschenrechner mit, um ihn bei Bedarf herborgen zu können. (Ja, ich bin ein netter Professor.)

Aber bei der letzten Prüfung ist etwas Spannendes und für mich völlig Überraschendes passiert: Als sich derjenige meldete, der seinen Taschenrechner diesmal vergessen hatte, sagte plötzlich ein Kollege von ihm: Hier, ICH habe einen zweiten Taschenrechner mit!

Für mich der allerbeste Grund, meinen Ersatz-Taschenrechner im Rucksack lassen zu können.

Wenn ich alles richtig machen will

W

Ein Projekt, ein Risiko, eine Unwegbarkeit erzeugt ein ungutes Gefühl. Ich bin mir unsicher, ob ich das richtige tue und welche Auswirkungen das hat. Ich will alles richtig machen – aber was ist das Richtige? 

    Das Erfolgsrezept wäre:

    1. Vertrau deiner Intuition. Bleib authentisch. Handle beherzt. 
    2. Verzichte auf den Narrativ. Bleib bei den Fakten. Das reicht. 
    3. Lerne aus deinen Erfahrungen. Sei dankbar. 

    Ich weiß, dass dieses Rezept stimmt. Das weiß ich aus vielen Jahren Erfahrung.

    Jetzt muss ich mich nur noch daran halten.

    Lehren ist leben

    L

    Unlängst bin in einer späten Abendstunde drauf gekommen, warum mir das Lehren so taugt und warum mir das Lehren so viel Sinn schenkt:

    Weil ich beim Lehren ganz im Hier und Jetzt bin. Weil ich es sein muss, um ein guter Lehrer zu sein.

    Wenn ich lehre, dann bin ich präsent – und zwar voll und ganz. Und wenn ich präsent bin, dann bin ich mitten im Leben.

    Wenn ich lehre, dann bin ich nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Wenn ich lehre, dann erschaffe ich den Moment.

    Car Wash

    C

    Es gibt diesen Song von Bruce Springsteen, Car Wash. Der Song ist aus dem Jahr 1983 und ein Outtake, d.h. er hat es damals nicht auf ein reguläres Springsteen-Album geschafft.

    Es geht darin um diese Frau namens Catherine LeFevre, die in einer Autowaschanlage (einem car wash) arbeitet, aber eigentlich… eigentlich… Eigentlich fühlt sie sich für etwas ganz Anderes bestimmt.

    Weil: Eines Tages will sie in einem night club singen, und dann wird sie entdeckt werden. Dann bekommt sie einen Plattenvertrag und einen million dollar break – und dann ist endlich alles so, wie es eigentlich sein sollte.

    Das Problem dieser Cathrine ist allerdings: Sie singt noch in keinem night club, geschweige denn, dass sie entdeckt werden könnte. Sie tut nur das, was sie über die Runden bringt (also in einem car wash zu arbeiten), aber nicht das, was sie ihrem Traum tatsächlich näher bringen könnte (z.B. sich mal in einem night club als Sängerin zu bewerben). 

    There’s a lot of longing but no striving.

    Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass der Song in Los Angeles spielt. Dort gibt es so viele Menschen, die davon ausgehen, dass Sie Großes verdient haben es nur some mistake ist, dass sie noch nicht den großen Durchbruch geschafft haben.

    Nun fragt sich: Haben die wirklich nur Pech? Hindern sie tatsächlich ihre Lebensumstände (Cathrines kids)? Oder strengen sie sich nicht genug an?

    Welche Antwort findest du? Welcher Ideologie hängst du an?

    Communities

    C

    Was mir aktuell auffällt: Der neueste Trend im Online-Marketing sind Communities. Nach dem Motto: Ich habe genug von Social Media, ich mache mir jetzt meine eigene Plattform, wo ich meine Audience versammle und wo wir uns über alles Mögliche austauschen können.

    Im Prinzip ist die Idee ja nicht neu. Wer in den frühen 2000er-Jahren im World Wide Web aktiv war, kennt auch ein Forum. Online-Foren waren immer schon ein Treffpunkt für Gleichgesinnte, und einige davon funktionieren heute noch genauso gut wie damals – z.B. zwei von meinen Lieblingen: Austrian Soccer Board und Greasy Lake.

    Es gibt also nichts Neues unter der Sonne. Aber wie immer bei solchen Hypes gibt es Coaches und Berater, die sich auf das Thema draufstehen und versuchen, damit Geld zu verdienen – z.B. hier oder hier.

    Das ist per se überhaupt nichts Schlechtes. Das passt schon so. Denn schließlich können Communities ja für den einen oder die andere Solopreneur:in wirklich eine super Idee sein.

    Problematisch wird es aus meiner Sicht bei den Verkaufsargumenten dieser Coaches. Nämlich dann, wenn mit der FOMO („fear of missing out„) von Menschen „gespielt“ wird. Nach dem Motto: Communities sind der neueste Trend im Marketing. Spring schnell auf den Zug auf, bevor es alle machen. Die ersten werden überproportional von diesem Trend profitieren. Oder willst du schon wieder einen Megatrend versäumen wie damals Instagram oder TikTok?

    FOMO ist mächtig, und mit FOMO-Argumenten wird man immer verkaufen können. Aber wenn das Marketing nur aus FOMO besteht – oder überhaupt das ganze Geschäftsmodell auf FOMO basiert –, dann werden die Grenzen dessen überschritten, was ich unter menschlichem Unternehmertum verstehe.

    Schlafwandeln

    S

    Vielleicht kennst du das: Der Wecker läutet, du musst früh aufstehen. Viel früher als gewohnt, und entsprechend müde bist du noch.

    Es sind die gleichen Aufgaben, die du nun vor dir hast, wie du sie jeden Morgen erledigst: Anziehen, frühstücken, Bad. Es ist nicht anders wie immer, und dennoch fällt dir jeder Schritt viel schwerer. Es ist, als wäre Blei an den Füßen und dein Hirn noch in einer dicken Daunendecke eingewickelt.

    An solchen Morgen ist es schon eine Riesenleistung, wenn du es schaffst, in langsamem Tempo einen Schritt nach dem anderen zu erledigen. Nichts zu vergessen. Keine groben Schnitzer zu machen.

    An anderen Tagen wird es wieder leichter gehen. Aber heute…

    Heute ist der Kampf, den es zu gewinnen gilt, die Selbstverständlichkeiten zu bewältigen.

    FOMO als Geschäftsmodell

    F

    Es gibt Businesses, die verdienen ihr Geld mit der Angst der Menschen, etwas zu verpassen.

    Beispiel: Anlageberater, Finfluencer, Konzertveranstalter, Social Media Plattformen.

    FOMO ist mächtig. Und mit FOMO lässt sich gut Geld verdienen, weil viele Menschen aus FOMO sehr unvernünftige (finanzielle) Entscheidungen treffen.

    Trotzdem sage ich: Ein Business, dessen Geschäftsmodell auf Angst basiert, wird wenig gesellschaftlich Wünschenswertes beitragen.

    Das Problem lieben

    D

    Als Berater ist es total wichtig, dass man gerne Lösungen findet. Dass man gemeinsam mit den Kund:innen versucht, eine Herausforderung, die blockiert, in etwas zu verwandeln, dass Kraft und Mut zum Weitergehen macht.

    Aber mindestens genauso wichtig ist es, dass man das Problem liebt.

    Ich als Gründungsberater mag es sehr, mit meinen Gründer:innen gemeinsam nachzudenken, wie sie ihr Business voranbringen können. Es ist einfach großartig, wenn wir gemeinsam Lösungen entwickeln.

    Aber was mich an der Gründungsberatung in Wirklichkeit reizt, ist das Problem, das es zu lösen gilt. Nämlich: Wie findet man eine Gründungsidee, die stimmig zur Person und stimmig zum Markt ist (wie Günter Faltin sagen würde)? Und wie schaffen wir es, diese Geschäftsidee tatsächlich erfolgreich in die Welt zu bringen?

    Ich liebe dieses Problem. Es macht mir Spaß, darüber nachzudenken. Es macht mir Spaß, darüber zu sprechen. Es macht mir Spaß, darüber zu lesen.

    Und deshalb wird die Gründungsberatung für mich niemals langweilig werden.

    [Danke Gabe Anderson für diesen Gedanken.]

    Netzwerk bringt’s

    N

    Spannende Hypothese von Corinna Hintenberger:

    Je besser ein:e Gründer:in vor der Selbständigkeit schon vernetzt ist (innerhalb der Branche, im aktuellen Job, in Vereinen, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde etc.), desto schneller wird er/sie erfolgreich in der Selbständigkeit.

    Ich glaube: Sie hat vollkommen recht.

    Leicht ist schwer

    L

    Eigenartigerweise tun wir uns oft viel leichter mit schwer als mit leicht.

    Wenn im Business etwas leicht geht, werden wir misstrauisch. Wo ist der Haken? Ist das nicht zu gut, um wahr zu sein?

    Wenn im Business etwas leicht geht, dann denken wir uns: Ich habe mich nicht genug angestrengt. Nächstes Mal muss ich mich mehr ins Zeug legen!

    Wenn im Business etwas leicht geht, dann folgern wir: Aha, wenn das so leicht war, dann geht da noch viel, viel mehr!

    Wenn jedoch im Business etwas schwer geht, dann ist alles so, wie wir es gewohnt sind. Dann ist alles in Ordnung. Dann hinterfragen wir die Umstände ganz selten.

    Dabei wäre gerade die Leichtigkeit ein ausgesprochen verlässlicher Indikator dafür, dass es genau so passt, wie es ist.

    [Danke Oliver Burkeman für diesen Gedanken.]

    Kampf der Worte

    K

    Wir dürfen uns unsere Sprache nicht wegnehmen lassen.

    Ja, es gibt Menschen, die verwenden bestimmte Wörter missbräuchlich. Ja, es gibt Wörter, die werden durch diesen ständigen Missbrauch irgendwann zu bullshit-Wörtern oder überhaupt nicht mehr brauchbar für seriöse Unterhaltungen. Gerade im Business, besonders im Marketing.

    Und dennoch dürfen wir den Missetätern die Wörter nicht kampflos überlassen. Wir müssen uns die Wörter, die wichtig sind, zurückholen. Wir müssen sie weiter verwenden, und zwar in den Kontexten, wo sie ihren Sinn und ihre Würde behalten.

    Hier ein paar Wörter (bzw. Konzepte), um deren Würde es sich zu kämpfen lohnt:

    • Gründung
    • Lifestyle Entrepreneur
    • Ethisches Marketing
    • Storytelling
    • Bildung
    • Kundensicht
    • Positionierung
    • Selbstwert
    • Existenzangst
    • Würde

    Verletzlich

    V

    Unlängst hat eine Kollegin sehr offen von einer persönlichen Niederlage erzählt. Dass sie es nicht geschafft hat, die erhoffte Veränderung herbeizuführen und wie sie dadurch einen Auftrag verloren hat, der ihr sehr am Herzen gelegen hatte.

    Als Zuhörer habe ich ihren Schmerz gespürt. Ich habe einen Moment teilhaben können an ihrem inneren Kampf zwischen Zuversicht und Enttäuschung. Der Schmerz war in ihrem Gesicht zu sehen und in ihrer Stimme zu hören.

    Und gleichzeitig war sie in dieser Situation höchst würdevoll.

    Ich habe vor meiner Kollegin noch nie so viel Respekt gehabt als in diesem Moment ihrer größten Verletzlichkeit.

    Zahlen lügen nicht

    Z

    Das hört man Betriebswirte gerne sagen.

    Aber das stimmt nur zum Teil. Eine Zahl ist zunächst mal nur eine Zahl. Interessant wird eine Zahl erst durch die Geschichte, die wir rund um die Zahl spinnen, um die Zahl zu „erklären“.

    Und Geschichten… Die können durchaus eingebildet, erfunden oder geflunkert sein.

    Investitionskompetenz

    I

    Die meisten von uns haben gelernt, wie man Geld verdient.

    Den meisten von uns fällt es auch nicht schwer, dieses Geld wieder auszugeben in unserer konsumorientierten Welt.

    Die glücklichen unter uns haben gelernt, mit ihrem Einkommen auszukommen und sogar noch ein bisschen was sparen. Der Notgroschen für die schlechte Zeiten.

    Aber die wenigsten unter uns haben gelernt, wie man Geld richtig ausgibt. Also wann es sinnvoll ist, Geld in die Hand zu nehmen und zu investieren. Nicht konsumieren, sondern investieren.

    Doch gerade wir Lifestyle Entrepreneure brauchen ein investing mindset, wenn wir uns ein nachhaltiges Business aufbauen wollen. Wir müssen wissen, wofür es sich lohnt, Geld auszugeben und was wir uns sparen können.

    Die meisten von uns haben das nie gelernt.

    Ich würde das gerne ändern.

    Das will ich auch!

    D

    Unlängst bin ich (auf LinkedIn) auf eine Unternehmerin gestoßen, die ein halbes Jahr in Berlin und die andere Hälfte des Jahres auf Fuerteventura arbeitet.

    Und ich habe mir gedacht: Das will ich auch!

    Diese Unternehmerin sagt, sie macht einen Umsatz von 500.000 Euro pro Jahr.

    Und ich habe mir gedacht: Das will ich auch!

    Neid ist wirklich ein verlässlicher Begleiter. Aber er ist ein schlechter Ratgeber. Den Winter auf Fuerteventura zu verbringen, klingt zwar gut, aber in Wirklichkeit müsste ich dafür meine Kinder für ein halbes Jahr aus der Schule nehmen. Oder ein halbes Jahr ohne sie verbringen. Und beides würde ich aber sowas von überhaupt nicht wollen.

    Und 500.000 Euro Umsatz? Ja, eh. Aber die 3 Mitarbeiter:innen und 8 Freelancer:innen, die diesen Umsatz möglich machen, möchte ich nicht haben.

    Genau hier liegt die ewige Herausforderung im Lifestyle Business: Immer beim eigenen Lifestyle zu bleiben. Was willst du wirklich? Was passt zu deiner Persönlichkeit, deiner Familie, deinen Bedürfnissen am besten?

    Und sich nicht ablenken oder blenden zu lassen von den lifestyle choices, die andere Selbständige für sich treffen.

    Beib bei dir.

    Badezimmerkastltürl

    B

    Manchmal lässt sich die Essenz einer Beziehung zwischen zwei Menschen, ihre ganz individuellen Persönlichkeiten und das Gemeinsame, das daraus entsteht, in einem Satz ausdrücken.

    Und so einen Satz – diesen Satz – hat meine Frau einmal zu mir gesagt:

    Du solltest mal einen Blog darüber schreiben, warum du im Bad immer das Kastl offen lässt.

    Damit ist alles gesagt über uns beide. 😘

    Happy Birthday!