­čôÖ Alois Brandstetter: Zu Lasten der Brieftr├Ąger (1976)

Eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Sprachlich brilliant und mit einem Humor, von dem ich nicht genug bekommen kann. 

Der Vorteil

  • „Der Vorteil treibt das Handwerk, hei├čt in Sprichwort. Jeder Berufsstand hat seine eigenen Techniken und Verfahrensweisen, die Kraft macht es nicht. Mit Gewalt geht es nicht, mit Gewalt kann man in der Regel gar nichts ausrichten. Wenn beispielsweise ein M├╝ller die schweren S├Ącke einfach so mit der nackten und rohen Gewalt schultern m├Âchte, w├Ąre er bald erledigt, da w├Ąre er bald mit seiner Kraft am Ende. Ein M├╝ller, der sich ohne seinen Vorteil die schweren Mehl- und Getreides├Ącke auf die Schulter heben w├╝rde, w├Ąre bald ersch├Âpft und h├Ątte sich ein Bruchleiden zugezogen oder sonst etwas. Da springt der sogenannte Vorteil ein, der besondere Griff. Mit dem speziellen Trick geht es m├╝helos. Ein eher schw├Ąchlicher und schm├Ąchtiger Mensch, der ├╝ber den sogenannten Vorteil verf├╝gt, ist einem kr├Ąftigen und schweren Menschen, der ├╝ber den sogenannten Vorteil nicht verf├╝gt und der die besonderen Tricks und Techniken und Methoden nicht kennt, haushoch ├╝berlegen.“ (S. 13)

Besonders witzige Textstellen

  • „Das Postlesen, lieber Postmeister, h├Ąlt auch auf, mit dem Postlesen habt ihr immer so lange zu tun, da├č ihr oft kaum noch zum Zustellen kommt. Deine Post, lieber Postmeister, ist ein Lektorat, deine Post ist das reinste Lektorat. Mit dem Sortieren h├Ąttet ihr nie so lange zu tun, das Lesen der Post braucht seine Zeit. Und noch etwas, lieber Postmeister, nicht nur das Lesen an sich h├Ąlt euch so lange auf, nicht das Lesen an sich blockiert den gesamten Postbetrieb in eurer Viererpost, sondern vor allem das Vorlesen, das Vorlesen der Briefe verschlingt die meiste Zeit. Denn die interessanten Postst├╝cke, die pikanten und delikaten Briefe lest ihr euch ja gegenseitig vor. Wir sind ein Team, sagen der ├ťrdinger und der Deuth und der Blumauer, wir arbeiten zusammen. Und darum wei├č einer um die Post des anderen, wir haben keine Postgeheimnisse voreinander, jeder, sagen der ├ťrdinger und der Deuth und der Blumauer, ist ├╝ber den Rayon des anderen informiert, jeder hat einen ├ťberblick ├╝ber das Ganze und nicht nur einen Ausschnitt, nicht nur ├╝ber seinen Teil. So kann jeder f├╝r jeden notfalls einspringen. Wir gehen nach dem Prinzip der Subsidiarit├Ąt, sagt der Lateiner Deuth.“ (S. 15)
  • „Ich bin keine wichtige Person, Postmeister, aber wenn ich telephoniere, begr├╝├če ich sicherheitshalber immer auch die Mith├Ârer von Post und Verfassungsschutz. Gr├╝├č Gott, sage ich, meine Herren. Wenn es pl├Âtzlich ein wenig knackt, dann wei├č ich, da├č schon wieder der Wurm in der Leitung ist, der Gewissenswurm, der Ohrwurm der Obrigkeit. Ich sei, gew├Ąhrt mir die Bitte, in eurer Verbindung der dritte, sage ich dann. Oder: Aufh├Âren mit dem Abh├Âren, sage ich und lege auf. Und wenn ich einen Brief schreibe, dann bringe ich oft f├╝r die mitlesenden Brieftr├Ąger noch ein Postskriptum an. Liebe Brieftr├Ąger, schreibe ich meinetwegen, ich bitte, diese Mitteilungen vertraulich zu behandeln. Oder ich schreibe: Ich bitte um gezielte Verbreitung dieser Indiskretionen.“ (S. 16)
  • „Was auch die Gr├╝nde im einzelnen sind, die Post kommt immer zu sp├Ąt, die Post kommt immer a posteriori, Postmeister. Ich habe schon Briete von Toten bekommen. Mancher ist schon gestorben, bevor sein Brief den Adressaten erreichte. Beispiel: Zwei Tage nach dem Begr├Ąbnis meiner Tante bekomme ich von ihr aus Kalnau einen Brief, in dem sie mich bittet, ihr doch einige Romane hin├╝berzubringen. Sie ist leider bettl├Ągerig, schreibt sie, und habe bereits alles zwei- und dreimal gelesen, was sie an B├╝chern im Haus habe. Die Brief hat aber leider ├╝ber 14 Tage ben├Âtigt, und die gute Frau war immerhin zwei Tage unter der Erde, als ich von ihr dieses Lebenszeichen erhielt. Die 14 Tage aus dem nahen Kalnau nach Prach sind eine Schande f├╝r die Post, eine Affenschande. Und der Brief meiner Tante war gar nicht der erste Brief, den ich postum erhielt. Bei eurem Tempo und bei der Geschwindigkeit der heutigen Post mu├č es sich der Mensch sehr fr├╝h ├╝berlegen und beizeiten schreiben, wenn er m├Âchte, dass seine Nachricht den Adressaten auch noch zu Lebzeiten erreicht, da tut der Mensch gut daran, wenn er bereits in der Jugend schreibt.“ (S. 23)

Sie l├╝gen die Wahrheit

  • „Vieles von dem, lieber Postmeister, was deine Leute vorbringen, ist an und f├╝r sich und isoliert betrachtet richtig, aber sie bringen es hartn├Ąckig am verkehrten Platz vor. Und sie schlie├čen kurz, alles was sie folgern und ableiten, ist von einer gewaltigen Kurzschl├╝ssigkeit, ihr Wahnsinn hat eine eigenartige Konsequenz, ihr Wahnsinn hat Methode, das kann man nicht anders sagen. Deine drei l├╝gen die Wahrheit, das ist das Problem.“ (S. 81)

Wer vielerlei bietet

  • „[…] wer vielerlei bietet, bietet nicht viel, letztlich sogar wenig bis gar nichts […].“ (S. 82)

Der Lehrerfolg

  • „Der Lehrerfolg zeigt sich n├Ąmlich schlie├člich in einem Ahaerlebnis, sagen sie. Aber dieses Ahaerlebnis, Postmeister, kommt bei den unbegabteren Sch├╝lern oft erst nach vier Jahren Grundschule oder bei der Schulentlassung. Das Kind darf nicht nur wissen, da├č drei und vier sieben ist, sagen die Lehrer, sondern es mu├č es einsehen, einsehen mu├č es das Kind, darauf kommt es an, mit dem blo├čen Wissen ist gar nichts getan. Aber das dauert nat├╝rlich, bis sie das Ergebnis einsehen und bis es ihnen einleuchtet, und bei manchen Kindern kommt die Einsicht und bei manchen Kindern kommt die Erleuchtung gar nicht oder eben sehr sp├Ąt, kurz vor der Entlassung.“ (S. 107)

Das wirklich Erstaunliche an den neuen Methoden

  • „Mein lieber Postmeister, das wirklich Erstaunliche an verschiedenen neuen Unterrichtspraktiken und Methoden besteht darin, da├č sich nicht einmal durch sie und ihre Anwendung ein gewisser Erfolg, jedenfalls bei den Begabteren, vermeiden l├Ą├čt. Das ist das Erstaunliche und was auch die fortschrittsgl├Ąubigen Lehrer immer wieder verbl├╝fft. Sieh da, sagen die Lehrer, so geht es auch, so geht es also tats├Ąchlich auch. Man kann von Prach auch ├╝ber Kiel nach Passau fahren. Darin besteht das Wesen der Ganzheitsmethode. Und darum sind viele Lehrer immer wieder von diesen Methoden so begeistert und angetan. Weil sie es selbst nicht f├╝r m├Âglich gehalten haben und weil mit diesem, wenn auch d├╝rftigen Ergebnis, nach menschlichem Ermessen wirklich nicht zu rechnen war. Das nimmt sie f├╝r diese Methode ein, das begeistert sie und befriedigt sie restlos.“ (S. 108)

Diese Fachlehrer und Spezialisten

  • „Diese Fachlehrer und Spezialisten der P├Ądagogischen Hochschulen unterscheiden sich von den Absolventen der alten Lehrerbildungsanstalten von fr├╝her vor allem dadurch, da├č sie vieles nicht, etwas ein bi├čchen, ihr Spezialfach, ihr sogenanntes Spezialfach ungef├Ąhr, und nichts genau kennen. Heute wird wahllos abgew├Ąhlt, habe ich zum Direktor gesagt, aus der heutigen p├Ądagogischen Ausbildung gehen keine Lehrkr├Ąfte hervor, habe ich gesagt, sondern Lehrschw├Ąchlinge, habe ich gesagt.“ (S. 110)

Bildungschancen

  • „Die Bildungschancen sind in Kunsterziehung, aber gar nicht nur in Kunsterziehung, unendlich, aber leider unendlich gering.“ (S. 112)

Trotz der Schulbildung

  • „Wenn ich bei uns in Niederbayern von einem h├Âre, der es in der geistigen Welt zu Ansehen gebracht hat, dann wei├č ich, da├č er es nicht dank der hier genossenen Schulbildung zu etwas gebracht hat, sondern trotzdem. Trotz, lieber Postmeister, trotz, habe ich zum Direktor gesagt.“ (S. 112)

├ťben ist fad

  • „Proben, lieber Postmeister, gibt es bei unserer Musik kaum noch, Spielen ist eine Gaudi, sagen die Musiker, aber ├╝ben ist fad.“ (S. 123)

Weil wir uns alles gefallen lassen

  • „Und weil wir uns alles gefallen lassen, darum verdienen wir es nicht besser.“ (S. 130)