📙 Christine Nöstlinger: Glück ist was für Augenblicke — Erinnerungen (2013)

Eine wunderbar offene Autobiografie.

Wie während des Krieges gewohnt wurde (S. 39-41)

  • “Die meisten Wohnungen im Haus hatten ein Zimmer, eine Küche und ein Kabinett. Die Klos waren auf dem Gang, Badezimmer gab es nicht. Unser Kabinett war nicht unterkellert, deshalb waren die Wände feucht. Im Winter pflanzte der Schimmel graugrünen Ausschlag an die Wand, im Sommer trockneten die Mauern und der Verputz wurde an vielen Stellern wie Blätterteig. Kratzte man dort herum, kamen die verschiedenen Farben und Muster zum Vorschein, mit denen der Raum im Lauf der Jahrzehnte ausgemalt worden war.”
  • “Mehr als zehn Quadratmeter groß war unsere Küche sicher nicht, und da waren gerade noch unterzubringen: eine breite Kredenz, ein Gasherd, eine Abwasch mit zwei Schaffeln, natürlich ohne fließendes Wasser, ein Gaskastl, in dem der große grüne Gaszähler versteckt war, eine Wäschebank, sowohl für die Dreckwäsche als auch zum Draufsitzen. Solange wir noch kein fließendes Wasser in der Wohnung hatten, gab es noch ein Waschstockerl mit Lavabo und eine große Emailkanne, mit der wir von der Gangbassena Wasser holten.”

Soziale Treue (S. 171f)

  • “Mich interessierte nicht, ob der Nö gerade eine Affäre hatte oder nicht, und ich sah keinen vernünftigen Grund, ihm diesbezüglich von mir zu erzählen. Eifersucht, sagten wir, ist Besitzgier und Verlustangst. Die hässliche Besitzgier hat man zu überwinden, die Verlustangst ist unnötig, wenn man auf die „soziale Treue” vertraut.”
  • “Mir tut es nicht leid, das alles erlebt zu haben, es sind schöne Erinnerungen, die ich nicht missen wollten. Ein halbes Jahrhundert in totaler sexueller Treue zu verbringen, das kommt mir öde vor. Aber so dachte damals auch nur eine Minderheit, und wenn ich mich heute unter jungen Leuten umhöre, scheint es mir, als hätten sie wieder die traditionellen Vorstellungen von Treue, die ihre Urgroßeltern hatten.”

Die Dinge, zu denen ihr Vater nicht gekommen war (S. 180f)

  • “Den Sarg aus dem engen Kabinett rauszubekommen, war auch nicht leicht. Mitten in der Tür zur Küche kann er in Schieflage, der Deckel rutschte runter und ich sah, dass die Träger die Hände meines Vaters über der Brust gefaltet und drunter ein Metallkreuz mit Jesus gesteckt hatten. Ich riss das Kreuz aus den Händen meines Vaters und schob es einem Träger in die Jackentasche. Der fragte: „Ist er denn nicht katholisch?” Ich antwortete bloß: „Trotzdem!” Dass mein Vater ein halbes Jahrhundert aus der Kirche hatte austreten wollen und bloß nicht dazugekommen war, weil er halt zu vielem, was er unbedingt wollte, nicht gekommen war, das ging ja die Leichenträger nichts an.”

Marketing Nöstlinger-Style (S. 191)

  • Ich arbeitete emsig wie eine Brummhummel, von Jahr zu Jahr mehr, ich machte Sendungen für den Rundfunk, schrieb Drehbücher für den ORF und das ZDF, und einmal in der Woche die Glosse für die Ganze Woche. Von mir ging die Initiative nie aus. Ich bekam Angebote und wenn mir diese zusagten, sagte ich auch zu. Oft sagte ich auch zu, weil ich dachte, dass es mir Spaß machen würde, mit diesem Regisseur oder jener Journalistin etwas zu machen. Und das tat es ja auch! Durch eine solche Zusammenarbeit konnten sogar Freundschaften, die ein Leben lang halten, entstehen.”
  • “Ich hätte wahrscheinlich auch nie so viele Kinderbücher geschrieben, wenn aus zwei meiner Verleger nicht zwei gute Freunde geworden wären. Freunde darf man nicht enttäuschen, warten sie auf ein Manuskript von dir, muss es geliefert werden, und zwar zum versprochenen Termin! Ich verdiene zwar gern Geld, weil ich gern Geld ausgebe, aber ich habe nie überlegt, ob ich nicht bei anderen Verlegern noch erfolgreicher sein könnte. Gute Freunde tauscht man nicht aus.”

Und sie kamen sehr gerne (S. 199)

  • “Wollte jemand dringend mit mir reden, ob Freunde, Lektoren, Verleger oder ORF-Redakteure, mussten sie eben zu mir raus kommen [ins Waldviertel]. Und das taten sie auch. Sogar gern.”

Tja, so bist du eben (S. 234)

  • “Ich lache gern. Auch über mich. Meine merkwürdigen Angewohnheiten und Eigenheiten nehme ich so tolerant hin wie die der anderen. Wenn es einem gegeben ist, viel Verständnis für die Macken anderer aufzubringen, hat man das gute Recht, es auch für die eigenen zu tun. Oft schaue ich mir gelassen dabei zu, wie ich mich bei etwas sehr falsch verhalte und sehe die Konsequenzen, die sich daraus ergeben werden, und denke: Tja, so bist du eben!”