Gerald Schöpfer / Günther Witamwas (Hrsg.): Unternehmertum und Gründergeist (2002)

Ich habe das Buch zufällig in einer Hotel-Bibliothek in Graz gefunden und aus seinem Dornröschenschlaf geweckt. Ich hatte einen Abend Zeit, es durchzuarbeiten. Das sind die Nuggets, die ich dabei entdeckt habe. 

Günther Witamwas: Unternehmertum und Gründergeist

Praktiker “passen” (S. 8)

  • “Praktiker” kommen deswegen häufig in der Wissenschaft nicht zu Wort, weil sie nicht die Zeit haben, aufwendige wissenschaftliche Papers zu verfassen. Einen Vortrag bei einer Konferenz zu halten, das geht. Aber den Vortrag danach zu verschriftlichen und wissenschaftlich zu belegen – da “passen” die Praktiker dann meistens.
  • Deswegen werden die Praktiker in der wissenschaftlichen Diskussion so wenig wahrgenommen. Es diskutieren nur Wissenschaftler untereinander. Das ist schade.

Gerald Schöpfer: Dimensionen und Entwicklungslinien von Unternehmertum und Gründergeist

Werner Sombart skizziert den Fische-Unternehmer (S. 42)

  • “Sombart zählte zu den wichtigsten Prämissen einer unternehmerischen Persönlichkeit neben der Tatenlust und der Tatkraft, die Entschlossenheit, Stetigkeit, Ausdauer, Rastlosigkeit, Zielstrebigkeit, Zähigkeit, Wagemut, Kühnheit etc., Eigenschaften, die nach seiner Meinung in einer starken “Vitalität” verankert sind. Hingegen hielt er eine besondere Entwicklung der gefühlsbetonten Anlagen für “eher ein Hemmnis”.”
  • Angegebene Quelle: Werner Sombart: Der moderne Kapitalismus (1902), S. 838

Was an Unis im Argen liegt (S. 45)

  • “Die Art, wie die an der Universität erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten geprüft werden, ist sicherlich verbesserungsfähig. Es kann nicht nur darum gehen, das erlernte reine Faktenwissen abzuprüfen, sondern es geht auch um die Frage, wie dieses Wissen entsprechend verarbeitet und für die konkreten Problemlösungen eingesetzt wird. Noch immer wird meist die vom Lehrbuch nahegelegte Antwort als die allein selig machende angesehen. Kreativität, Originalität und Einfallsreichtum werden nicht von allen Prüfern in ihrer Bedeutung geschätzt. Angepasste Prüflinge, welche die Autorität der Vortragenden nicht in Frage stellen und papageienartig deren Lieblingsstehsätze wiedergeben, haben es meist leichter, als jene, die gegen den Strich bürsten und auf eigenständigen Ansichten beharren.”

Dieter Mandl, Erwin Sorschag, Michaela Trummer: Entrepreneurship Education: Ein aktuelles Aufgabengebiet der Wirtschaftspädagogik zur Förderung der Unternehmensgründung und des UnternehmerInnentums

Gründungsnebel (S. 92)

  • “Existenzgründungen vollziehen sich in einer Art “Gründungsnebel”, bei dem nicht immer hinreichend Klarheit besteht, wie der Gründungsprozess in seinen Einzelschritten verläuft und unter Zuhilfenahme welcher Ressourcen er realisiert wird.”
  • Als Quelle für das Konzept des “Gründungsnebel” angegeben: Dieter Bogenhold: Gründungsforschung aus sozialwissenschaftlicher Sicht. (1993)

Undynamische Wirtschaftsfiguren = Lifestyle Entrepreneure? (S. 93)

  • “Die Erwerbskategorie der beruflichen Selbständigkeit ist in sich selbst ausgesprochen heterogen und beherbergt dabei Wirtschaftsfiguren, die in klaren Interessensgegensätzen stehen können: Die Selbständigen können die erhofften volkswirtschaftlichen Multiplikatoren der Arbeitsmarkt-, Wirtschafts- und Technologiepolitik sein, sie können freilich genauso gut auch das genaue Gegenteil sein, nämlich undynamische Wirtschaftsakteure, die in Armutsnähe Geschäfte treiben, die keine Aussicht auf Wachstum und individuellen und wirtschaftlichen Erfolg haben.”

Vom Unternehmergeist zum Unternehmer (S. 102f)

  • “Die Bedeutung und Notwendigkeit von Entrepreneurship Education muss aber dann auch wieder relativiert werden. Zwar besitzen die meisten Menschen so etwas wie Unternehmergeist — Unternehmenslust und Kreativität ist schon Kindern von Natur aus mitgegeben — auch wenn der Impuls zur Gründung und Führung eines eigenen Unternehmens nicht zwangsläufig weit oben in der Motivhierarchie angesiedelt ist. Die wichtigste Determinante für das Wirksamwerden eines Motivs ist allerdings die konkrete Situation, die passende Gelegenheit, das Erkennen eines “window of opportunity”, damit der unternehmerische Prozess in Gang gesetzt wird: Unternehmerische Kompetenz wird nach diesem Ansatz in erster Linie dadurch entwickelt, indem jemand ins kalte Wasser springt und aus den Erfolgen und Misserfolgen lernt. Keine noch so gute Stimulation im Klassenzimmer kann die TeilnehmerInnen von Gründungsveranstaltungen vollständig auf Härten und persönliche Ängste vorbereiten, die sich zwangsläufig aus einer unternehmerischen Tätigkeit ergeben.”

Drei Gründertypen (S. 108f)

  • Geborene Entrepreneure, Displacement Entrepreneure und Steter Tropfen höhlt den Stein-Entrepreneure
  • “Der geborene Entrepreneur organisiert sich und seine Umwelt derart, dass nur die Selbständigkeit als Karrierealternative in Frage kommt. Er bemüht sich, diese Disposition lebensgeschichtlich durchzutragen.”
  • “Displacement Entrepreneure reagieren stark auf Sonderereignisse, die den bisherigen Lebensplan zu stören in der Lage sind. Negative und positive Displacement-Effekte führen zu einer Statusänderung vom Nicht-Entrepreneur zum potenziellen Entrepreneur, der nun aktiv die Selbständigkeit als Karrierealternative reflektiert und seiner Klärung zuführt.”
  • “Der Ansatz Steter Tropfen höhlt den Stein beinhaltet die Erkenntnis, dass eine Kumulation von letztlich gleichgerichtet wirkenden Ereignissen in der Lage ist, eine neue (Erlebens-) Qualität herzustellen; ein Nicht-Entrepreneur wird zum Entrepreneur und umgekehrt.”

Drei grundlegende Fähigkeiten (S. 109)

  • “Trotz der in der Literatur sehr unterschiedlich beschriebenen Verhaltensmuster und Persönlichkeitsmerkmale von erfolgreichen UnternehmerInnen lassen sich drei grundlegende Fähigkeits- und Kenntnisbereiche herausfiltern: ökonomisch-technische Kreativität, betriebswirtschaftliche Kompetenz und psychische Grundfähigkeiten.”
  • Interessant. Was bedeutet das praktisch übersetzt für Lifestyle Entrepreneure?
    • ökonomisch-technische Kreativität = Geschäftssinn, unternehmerisches Denken und Handeln
    • betriebswirtschaftliche Kompetenz = Solo-BWL
    • psychische Fähigkeiten = Mindset, Resilienz, strategische Weiterbildung

Markus A. Tomaschitz: Der unternehmerische Mensch – Entrepreneurship im 21. Jahrhundert

Unternehmerische Entwicklungsssprünge (S. 162)

Als Quelle genannt: Peter Goebel: Erfolgreiche Jungunternehmer. 1996. S. 211

Günther Witamwas: “Gründergeist” als universitäres Zukunftspotenzial?

Universitäre BWL vs. “triviale Selbstorganisation” (S. 174)

  • “Auf der anderen Seite ist unschwer zu erkennen, dass sich die sekundären Bildungseinrichtungen — allen voran die Universitäten — in den relativ jungen Disziplinen der Wirtschaftswissenschaften, insbesondere in der Betriebswirtschaftslehre, bisher eher mit Fragestellungen der “Optimierung” von Unternehmensabläufen unterschiedlicher Art befasst haben und weniger mit Fragestellungen der Unternehmensgründung an sich, die implizit eher im Bereich der “trivialen” unternehmerischen Selbstorganisation zugeordnet wurden. Die bisherige Sichtweise der Betriebswirtschaftslehre war somit nicht so sehr auf das Problem konzentriert “Wie starte ich mit meiner Unternehmung richtig”, sondern eben auf die bereits zitierten Optimierungseffekte gerichtet, präsentiert durch Fragestellungen wie “Wie strukturiere ich meine Organisation optimal?” […].”
  • vgl. Die Neue BWL („Bauhaus-BWL“; vgl. Axel Gloger: Betriebswirtschaftsleere (2016))
  • Auf 1000 Seiten “Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre” gibt es praktisch nichts zur Unternehmensgründung.

Unis werden zum “Gründergeist” auch in Zukunft wenig zu sagen haben (S. 178)

  • “Die Frage, ob in diesem “Intimkenntnis- und Kreativprozess” — und dies quer über alle Branchen, Sparten und Bereiche — die Universität Beiträge wird leisten können, dürfte eher zu verneinen sein. “Gründergeist” als “Geist der universitären Hexenküche” wäre zwar verlockend, stellt eher aber keine reale Zukunftsperspektive betriebswirtschaftlicher Universitätstätigkeit dar.”