Günter Faltin: Corona-Zeit ist Gründerzeit

Webinar der Kontist Stiftung, 12. Juni 2020

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Früher war das größte Hindernis, Unternehmer zu werden, dass dafür sehr viel Kapital notwendig war – für die Fabriken, die Maschinen etc. 

  • „Deswegen heißt das Ding auch Kapitalismus.“
  • Nur, wenn man sehr viel Kapital hatte, konnte man in diesem Spiel mitspielen. Das ist heute komplett anders. 
  • [Genau deswegen sind wir im Übergang zu einer neuen Wirtschaftsform, die unter verschiedenen Namen firmiert: Network Economy, Wissensökonomie, Gift Economy, … Die knappen Ressourcen sind jetzt andere: gute Konzepte, Aufmerksamkeit, Vertrauen]

Heute gibt es keinen Mangel an Kapital, es gibt einen Mangel an wirklich guten Konzepten.

  • Ein Konzept ist etwas anderes als ein Einfall, eine Idee.
  • Ein Konzept ist ein Gesamtkunstwerk („Entrepreneurial Design”), an dem man so lange arbeitet, bis es auch den Angriffen der Konkurrenz stand halten kann.
  • Ein Konzept steht auf mehreren Beinen, von denen jedes einzelne an sich schon attraktiv ist.
  • Man kann systematisch (!) an so eine Konzeptentwicklung herangehen und muss nicht auf den genialen Einfall warten.

Über die „traditionelle” Gründerberatung:

  • „80% aller Selbständigen sind nach fünf Jahren nicht mehr dabei. Offenbar läuft da etwas völlig schief.“
  • Deswegen hat er „Kopf schlägt Kapital” geschrieben – als „Wut-Buch”.

Seine Antwort war: Die Konzepte besser machen! Den Kopf nutzen!

  • Das Entrepreneurial Design, das Gesamtkunstwerk muss zur Person passen!
  • Natürlich muss es auch zum Markt passen, aber auch zur Person, sonst bringt man nicht die Energie auf, die man für den Erfolg braucht.
  • „Konzepterarbeitung ist wie ein Marathon” – und den hält man nur durch, wenn man „mit Leib und Seele und Begeisterung” dabei ist.
  • „in einem Wort gesagt: Passion! Leidenschaft ist wichtig.“ Dann wird man gut sein, dann wird man überzeugen, dann wird man auch erfolgreich sein.

Citizen Entrepreurship

  • „Wir brauchen sehr viel mehr Menschen, die an diesem ökonomischen Teil der Gesellschaft teilnehmen.“
  • „Wir sind in der Ökonomie immer noch in der Zeit der Fürsten und ihrer Generäle.” – Diese Fürsten und Generäle (= große Unternehmen und ihre Manager) haben Interessen, nämlich ihr Gebiet auszudehnen. Dieses Spiel ist aber nur für die Fürsten und Generäle lustig. Demokratieentwicklung bedeutet, auch die Interessen aller anderen mit einzubringen.

„Der Alleskönner gehört auch ins Museum!”

  • vgl. Ernesto Sirolli: Trinity Of Management
  • Man muss arbeitsteilig vorgehen. 
  • Arbeitsteilung ist überall Standard – „außer beim Gründen!“ Dem Gründer sagt man, er muss sich in alles einarbeiten. 
  • „Die meisten Selbständigen werden im Alltag erschlagen.“
  • Das Problem ist nämlich: You can’t make someone care about things they don’t care about. (Derek Sivers) Das gilt selbstverständlich auch für GründerInnen!

„Management kann man delegieren!”

  • Diese Leute, die Management gelernt haben, kann man anstellen. „Stellen Sie solche Leute ein!“
  • Das Konzept muss so gut sein, dass man das auch finanzieren kann – „sonst gründen Sie besser nicht!“
  • Unternehmer müssen nicht den Alltag im Auge behalten, sondern das große Ganze, den Horizont. „Den Alltag kann man delegieren.“

Wie merkt man, dass ein Konzept „fertig” ist?

  • „Sie merken es in Ihrem Hintern! Sie können nicht mehr ruhig sitzen. Sie merken, dass sie etwas haben, das deutlich besser ist als das, was es draußen gibt und dass Sie das unbedingt umsetzen müssen, sonst wäre das jammerschade, sonst wäre das eine verlorene Lebenschance.“

Ein Weg zum Konzept: Dinge als „Konvention” betrachten

  • Dinge können vor einem Jahr noch eine Funktion gehabt haben, aber das was gestern noch die beste Lösung war, kann heute schon veraltet sein.
  • „Gehen Sie von der Arbeitshypothese aus: Das, was Sie vorfinden in der Praxis, ist Konvention. Das, was Sie suchen müssen, ist eine Lösung auf die Funktion.“
  • Radikales Hinterfragen des Status Quo, des bisher Üblichen = „neu denken”; das versucht auch Design Thinking

Der schwierige Punkt ist: Vom Einfall zum Konzept: „Das muss ich methodisch machen, da brauche ich eine Anleitung, sonst drehe ich mich im Kreis.“

„Ein Businessplan ist ein Bündel von Annahmen.”

  • Bevor man losgeht: Diese Annahmen prüfen! Raus gehen! Die potenziellen Kunden fragen! 
  • Nicht sofort ins volle Risiko gehen!
  • vgl. The Lean Startup
  • Den Pionierkunden sagen: „Ich gebe Ihnen einen Rabatt, ich gebe Ihnen ganz viel, so viel ich kann an Vorteilen. Sie sind mein Pionierkunde, aber unterschreiben Sie den Kaufvertrag. Und erst, wenn ich genügend Kaufverträge habe, fange ich an.“
  • „Jede einzelne dieser Annahmen, wenn sie falsch sind, kann das Konzept zum Scheitern bringen. Also muss ich die Annahmen testen. ‚Proof Of Concept‘ ist das englische Wort dafür.“
  • Es reicht nicht, einen schönen Businessplan auszuarbeiten: „Die Annahmen werden nicht realistischer oder besser, wenn ich sie auf schönes Papier schreibe, mit schönen Excel-Tabellen.“

Faltins Meinung zum Businessplan:

  • Manchen Menschen tut es gut, ihre Gedanken mal auf Papier zu bringen, systematisch, hintereinander.
  • Aber: „Der Businessplan ist veraltet, wenn er aus dem Drucker kommt.“
  • „Schmeißen Sie den Businessplan hin, wenn Sie einen potenziellen Kunden sehen. Laufen Sie los und fragen Sie den Kunden: Würden Sie mein Produkt kaufen? Ist der Preis in Ordnung? Kennen Sie meinen Vertriebsweg, würden Sie den finden?“
  • In Deutschland hat man „mit deutscher Gründlichkeit” etwas anderes aus dem Businessplan gemacht, als dessen Erfinder Jeffry Timmons intendiert hatte. „Ein Investor, der mir aufgrund eines schön geschriebenen Businessplans Geld geben würde, von dem würde ich kein Geld nehmen.“

Lean Entrepreneurship = „Prüfen Sie die Annahmen!”

  • „Das Risiko ist viel zu hoch. Sie sind in einem hochriskanten Feld! Sie sind als Bergsteiger an der Eiger Nordwand, und Sie wissen: Ein falscher Schritt genügt, und das war’s!“
  • „Dieses Geschwätz, wir brauchen mehr risikobereite Leute: Das ist oberflächlich!“
    • Als Unternehmer will ich gerade KEIN Risiko eingehen – weil ich meine Annahmen geprüft habe und weiß: Ja, dieses Konzept wird funktionieren!
    • Der Unternehmer „muss Risiken vermeiden, weil dann immer noch Risiken übrig bleiben.“

Indirekte Kritik an Unternehmensgründungsprogrammen: „‚Kopf schlägt Kapital‘ war ein Wut-Buch gegen diese normale übliche Beschreibung von Selbständigkeit, womit man die Leute, glaube ich, nicht glücklich macht, wenn man sie in so eine Art von Selbständigkeit hineinredet oder ihnen diese Ausbildung gibt, wo sie zu allem so ein bisschen was verstehen, was ihnen in der Praxis nicht hilft, weil sie zu allem mehr oder weniger nur Überblickswissen haben und Anfänger sind. Ich sage immer, es ist besser einzugestehen, ich weiß es nicht, als dass ich glaube, es zu wissen und Entscheidungen aufgrund von Halbwissen treffe. Das ist heute hochgefährlich.”

Günter Faltins Rat zum Thema Risiko:

  • „Ich rate dringend ab, mit irgendeiner Idee ins kalte Wasser zu springen – obwohl das oft empfohlen wird: Einfach machen, anfangen.“
  • „Ich rate zu etwas ganz anderes: Bleiben Sie in Ihrem alten Job, aber verwenden Sie Ihre freie Zeit und Ihre Möglichkeiten vielleicht auch während der Arbeitszeit darüber nachzudenken: Was passt zu Ihnen, und was passt gleichzeitig in unsere Gesellschaft? Da etwas auszuarbeiten, ein Gesamtkunstwerk… das dauert.“
  • „Erst wenn Sie sich sehr sicher sind, dass Ihr Konzept so gut ist, dass es auf so vielen Pfeilern steht, dass mindestens ein Pfeiler Ihr Konzept erfolgreich macht – und wenn’s mehrere Pfeiler sind, umso besser – erst dann… Lean Entrepreneurship: Die Annahmen testen. Und erst dann, wenn die Annahmen auch zutreffen, dann ins Risiko gehen.“

„Wenn man sich lange genug die Zeit nimmt, an seinem Konzept zu arbeiten, kommen die Lösungen.”

  • Nach Voltaire: Kein Problem widersteht dem ausdauernden Nachdenken.
  • Things fall into place.
  • „Wenn dieses Gefühl kommt: Ich wüsste nicht, was schief gehen kann… Dann wird es immer noch ein paar überraschende Dinge geben, auf die Sie vorher nicht gestoßen sind… aber Sie sind auf der sicheren Seite.“