ūüďô Jeremy Rifkin: Access – Das Verschwinden des Eigentums (2000)

Rifkin hat vor √ľber 20 Jahren vorausgesehen, wie Facebook und Co. funktionieren werden. Die Zugangs-√Ėkonomie, von der er spricht, steckt immer noch in den Kinderschuhen, wird unser Wirtschaftsleben aber nachhaltig ver√§ndern, da bin ich sicher.

Gelesen: Dezember 2020

Netzwerke statt Märkte

  • „Im kommenden Zeitalter treten Netzwerke an die Stelle der M√§rkte, und aus dem Streben nach Eigentum wird Streben nach Zugang, nach Zugriff auf das, was diese Netzwerke zu bieten haben.“ (S. 10)

Geistiges Kapital wird zur treibenden Kraft

  • „Konzepte, Ideen und Vorstellungen – nicht Dinge – sind in der neuen √Ėkonomie die Gegenst√§nde von Wert.“ (S. 11)

Verkäufer -> Anbieter, Käufer -> Nutzer

  • „Drehte sich auf den herk√∂mmlichen M√§rkten alles um Verk√§ufer und K√§ufer, stehen heute Anbieter und Nutzer im Mittelpunkt.“ (S. 12)

Gatekeeper

  • „Im Zeitalter der Netzwerke gewinnen Anbieter, die wertvolles geistiges Kapital angeh√§uft haben, zunehmend an Macht √ľber die Bedingungen, unter denen Nutzer auf gewinntr√§chtige Ideen, Wissen und Fachkenntnisse zugreifen k√∂nnen.“
  • Siehe 2021: Die Gatekeeper, die √ľber die Kunden-Daten verf√ľgen, die √ľber die Kunden verf√ľgen, definieren die Spielregeln des Zugriffs – z.B. Facebook, Google, Apple, Amazon, Netflix, …

Der Graben zwischen Vernetzten und Nichtvernetzten

  • „Der Graben zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden ist tief, der zwischen den Vernetzten und den Nichtvernetzten ist allerdings noch tiefer.“ (S. 23)
  • Zugang ist noch ungerechter verteilt als Besitz?!?
  • vgl. Winner-take-all: Neben den gro√üen Gatekeepern hat kaum ein Unternehmen Platz.

Access ist der Schl√ľsselbegriff des 21. Jahrhunderts

  • “ „Access“, Zugang, ist der Schl√ľsselbegriff, wenn wir verstehen wollen, was sich an unserer Wahrnehmung von Welt und Wirtschaftsgeschehen ver√§ndert hat – er wird die Metapher des kommenden Zeitalters sein.“ (S. 25)

Rasende Geschwindigkeit

  • „Heute haben Verbraucher, und zwar alle bis hin zum Endverbraucher, kaum Zeit, eine neue Technik, ein neues Produkt oder eine neue Dienstleistung kennen zu lernen, bevor ihre verbesserten Nachfolger erh√§ltlich sind. In einer derart durchkommerzialisierten Umgebung ist die Vorstellung von Eigentum oder Besitz wirklich fehl am Platz. Warum sollte man den Wunsch haben, eine Technik oder ein Produkt zu besitzen, wenn sie wahrscheinlich veralten, noch bevor sie bezahlt sind?“ (S. 34f)
    • vgl. iPhone: Menschen nutzen kaum alle Funktionen des aktuellen Modells, um kurze Zeit sp√§ter ein neues Modell zu kaufen, von dem sie noch weniger Funktionen nutzen.

Teilen als Erfolgsfaktor

  • „In einer vernetzten Wirtschaft wird kommerzieller Erfolg zunehmend nach der Vorstellung bemessen, „was mein ist, ist auch dein, und was dein ist, ist auch mein“. Das Muster des auf Netzwerken beruhenden Austauschs bildet das Teilen wirtschaftlicher Aktivit√§ten ab.“ (S. 69)

Die schwerelose √Ėkonomie

  • „Das Rennen der Zukunft […] wird unter den neuen, leichtgewichtigen Firmen ausgetragen, die nicht von umfangreichen gebundenen Verm√∂genswerten belastet sind.“ (S. 72)
  • „Der Wechsel in eine √Ėkonomie, in der Erfolg zunehmend an der Kontrolle von Ideen, also am intellektuellen und immateriellen Kapital gemessen wird, stellt die konventionellen Bewertungsmethoden in Frage.“ (S. 72)
    • er meint wohl: Verm√∂gen

Was f√ľr ein Unfug!

  • „In den neuen Bewertungsmodellen der vernetzten Wirtschaft wandert physisches Kapital stetig von der Habenseite auf die Sollseite, wo es als Betriebskosten aufgef√ľhrt wird, w√§hrend immaterielle Werte zunehmend ihren Weg auf die Habenseite finden werden.“ (S. 74)
  • Er hat wirklich keine Ahnung von Buchhaltung und Bilanzierung. Und/oder die √úbersetzer nicht. Das ist wirklich ein grober Unfug.

Wie prophetisch!

  • „Waren die Menschen des Industriezeitalters damit besch√§ftigt, sich Materie anzueignen und neu zu formen, ist die erste Generation im Zeitalter des Zugangs mehr daran interessiert, den menschlichen Geist zu manipulieren. […] Die eigene mentale Pr√§senz ausdehnen zu k√∂nnen, universell verkn√ľpft zu sein und auch das menschliche Bewusstsein beeinflussen und formen zu k√∂nnen, das ist das Ziel, das die Wirtschaft √ľber die Branchen hinweg motiviert.“ (S. 75)
  • Er kannte Social Media damals noch nicht!

Revolution des Kapitalismus: Kunden bekommen nur mehr temporären Zugang, ihnen gehört nichts mehr

  • „Der Kapitalismus l√§sst die M√§rkte hinter sich und erfindet sich selbst schrittweise neu: in Gestalt von Netzwerken.“ (S. 77)
  • „Die zentrale Operation der Marktwirtschaft, die zwischen Verk√§ufer und K√§ufer ausgehandelte √úbertragung von Eigentum, wird seltener werden. Der kurzfristige Zugang wird lukrativer scheinen als der Erwerb.“ (S. 77)
  • Kirkham und McGowan: „Wenn ich Ihnen etwas verkaufe, haben Sie es gekauft. Wenn Sie es gekauft haben, geh√∂rt es Ihnen. Und wenn Ihnen etwas geh√∂rt, k√∂nnen Sie damit tun, was Sie wollen.“ Nichts davon gilt f√ľr Lizenzvereinbarungen. (S. 84)
  • vgl. Don’t build on rented land (Facebook, Instagram etc.)
  • vgl. Apple Music statt CDs: Mir geh√∂rt meine Musik nicht mehr. Ich erwerbe den Zugang dazu, ich lease. Aber Apple kann jederzeit entscheiden, mir meine Musik (mit allen Playlists, Bewertungen, mit meiner ganzen Geschichte dahinter) wieder wegzunehmen!

Meine Wohnung als Ort der Produktion

  • „Mit der industriellen Produktion wurde das Haus zur Wohnung: von einem Ort der Produktion zu einem der Konsumtion umgewandelt.“ (S. 110)
  • Ich will meine Wohnung wieder zu einem Ort der Produktion machen! (vgl. Home Office)

Dienstleistungen werden zugänglich gemacht

  • „Produkte werden gekauft, Dienstleistungen dagegen zug√§nglich gemacht.“ (S. 115)

Der Kunde bleibt ungeschult

  • „Da er sich nie selbst mit den Details dieser Dienstleistungen besch√§ftigen muss, bleibt der Kunde h√§ufig ungeschult und unwissend bez√ľglich der wirkenden Kr√§fte und kann mit der Zeit immer abh√§ngiger von den „Experten“ werden, die seine Angelegenheiten managen.“ (S. 140)
  • Ich sehe es als Aufgabe eines Dienst-Leisters, seine Kunden zu „schulen“. Geschulte Kunden sind loyale Kunden – weil sie loyal sein wollen, nicht weil sie aus Ohnm√§chtigkeit keine Alternativen sehen.

Marketing Myopia (Theodore Lewitt)

  • = Unternehmen sind zu sehr an den Produkten interessiert, die sie herstellen, und zu wenig an den Konsumenten, denen sie dienen sollten. (S. 144)

Interessengemeinschaften

  • „Unter Marketingexperten steigt das Bewusstsein daf√ľr, dass der Aufbau von sogenannten „Interessengemeinschaften“ die effektivste M√∂glichkeit ist, die Aufmerksamkeit der Kunden zu gewinnen, zu halten und lebenslange Beziehungen zu kn√ľpfen.“ (S. 147)

Der √úbergang von Eigentum zu Zugang

  • „Der √úbergang von Eigentum zu Zugang ist oft eine recht unsystematische Angelegenheit. Diese Transformation ver√§ndert manchmal so wenig, dass dies praktisch unbemerkt geschieht und erst im Nachhinein sichtbar wird.“ (S. 155)

Was die Werbefachleute kapiert haben

  • „Die Werbefachleute haben realisiert, dass die Menschen zuallererst Konsumenten von Symbolen und weniger der Produkte selbst sind. Die Werbung √ľbernimmt die Rolle eines Vermittlers und Interpreten von kulturellen Bedeutungen. Sie dient als Br√ľcke, die unabl√§ssig die Lebensgeschichte einer Person mit den gro√üen Erz√§hlungen verbindet, welche die Kultur ausmachen.“ (S. 238)
  • No story, no glory.

Szenarios, Geschichten, Fantasien

  • „Im Zeitalter des Zugangs, in dem Szenarios geschrieben, Geschichten erz√§hlt und Fantasien ausagiert werden, ist es nebens√§chlich, Dinge herzustellen und auszutauschen und Eigentum zu akkumulieren.“ (S. 263)

Autorenschaft im Zeitalter des Hypertext

  • „Hypertexte verwischen die traditionelle Vorstellung von Autorenschaft. Weil das Medium auf Inklusivit√§t und Verbundenheit beruht, statt auf Exklusivit√§t und Autonomie, gibt es oft keine klare Grenze, die die Beitr√§ge verschiedener Menschen voneinander trennen k√∂nnte. Die Menschen nehmen Materialien aus verschiedenen Quellen, zu denen sie Zugang haben, zerschnippeln und bearbeiten sie, picken dies und das heraus und kombinieren ihre Fundst√ľcke neu.“ (S. 278f)
    • Das ist DEFINITIV das, was ich mit SILBE mache.
    • Das ist z.B. genau das, was Roam Research m√∂glich macht und f√∂rdert.
  • „Hypertext f√ľhrt zu dem, was der franz√∂sische Literaturtheoretiker Roland Barthes den „Tod des Autors“ genannt hat […].“ (S. 279)

Der unheimliche Multizugang

  • „[Robert J.] Lifton behauptet, dass heute jeder, der es sich leisten kann, „Zugang zu jedem Bild oder jeder Idee, die irgendwo in der heutigen Welt entstehen oder aus irgendeinem kulturellen Augenblick der gesamten Menschheitsgeschichte stammen“, haben k√∂nnte. Dieser „unheimliche Multizugang“ hat seiner Meinung nach keinen Vorl√§ufer in der Menschheitsgesichte.“ (S. 285)

Wenn der materielle Mangel √ľberwunden ist

  • „In einer Gesellschaft, die den materiellen Mangel √ľberwunden hat, bekommen immaterielle Werte Priorit√§t: Die Suche nach Selbsterf√ľllung und pers√∂nlicher Ver√§nderung wird zum wichtigsten Ziel. In einer solchen Gesellschaft wird das Recht, nicht aus einem „vollen Leben“ ausgeschlossen zu sein, zum wichtigsten Eigentumswert, √ľber den eine Person verf√ľgen kann.“ (S. 321)
  • vgl. Kapitalismus wandert in der Bed√ľrfnispyramide nach oben (The School of Life)
  • „Nicht mehr Autonomie und Eigentum, sondern Inklusion und Zugang werden zum Pr√ľfstein f√ľr das Ma√ü der pers√∂nlichen Freiheit. Diese zeigt sich in den M√∂glichkeiten eines Menschen, Beziehungen aufzubauen, Allianzen zu schlie√üen und an Netzwerken gemeinsamer Interessen teilzunehmen. Verbunden zu sein, macht frei. Autonomie, einst gleichgesetzt mit pers√∂nlicher Freiheit, schl√§gt in ihr Gegenteil um. Wer in der vernetzen Welt „autonom“ ist, ist isoliert und nicht verbunden.“ (S. 323)

Lifestyle Entrepreneure sind dem Spiel näher als der Arbeit!

  • „Die Annahmen und Regeln des Spiels unterscheiden sich sehr von denen, die traditionell die Arbeit beherrschen. Erstens ist Spiel unterhaltsam, es dient dem Vergn√ľgen. […] Zweitens ist Spiel eine freiwillige T√§tigkeit. Man kann Menschen nicht zum Spielen n√∂tigen oder zwingen. An einem Spiel kann man nur in freier Entscheidung teilnehmen.“ (S. 352)
    • Die Spiele-Metapher ist ev. am besten geeignet, um das Wesen von Lifestyle Businesses zu beschreiben. Lifestyle Businesses sind keine klassische „Arbeit“.
    • vgl. You can’t say you can’t play.
  • „Spiel ist spontan. Zwar gibt es Regeln – manche implizit, andere explizit -, und das Spiel ist oft ernst, wird oft geleitet und ist zielorientiert, aber es ist im Allgemeinen weniger rigide als traditionelle Arbeitspl√§ne in der Fabrikhalle oder den B√ľros. […] Es findet seine Belohnung in sich selbst. Und das  spontane Spiel […] kann nicht so leicht quantifiziert werden wie Arbeit.“ (S. 353)
    • Das trifft definitiv auf Lifestyle Businesses zu.
  • „Die Spieler geben sich frei „der Liebe zum Spiel“ hin. Das Ziel ist Vergn√ľgen und eine Best√§tigung des Lebensgef√ľhls. Also steht Spiel in scharfem Kontrast zur Arbeit, deren Ziel es ist zu enteignen, abzut√∂ten, zu verarbeiten und zu produzieren.“ (S. 354)
  • „Wir werden niemals wirklich frei sein, wenn wir uns nicht vollkommen dem reinen Spiel hingeben k√∂nnen.“ (S. 357)
    • BGE erm√∂glicht diese Hingabe, weil Erwerbszwang rausgenommen wird und Leichtigkeit ins Spiel kommt.
  • Reifes Spiel: „Wenn Menschen einander verpflichten, dann sind sie an einem sehr reifen Spiel beteiligt.“ (S. 357)
    • Spielen ‚Ȇ unverbindlich

Welche Zugänge wollen wir?

  • „Das Zeitalter des Zugangs wird jeden von uns vor diese grunds√§tzliche Frage stellen, wie wir unsere elementarsten Beziehungen zueinander neu gestalten wollen. Zugang hat vor allem damit zu tun, welche Ebenen und Arten der Teilnahme wir wollen: Es geht nicht nur darum, wer Zugang bekommt, sondern auch welche Erfahrungen und Welten der Beteiligung des Zugangs wert sind. Mit der Antwort auf diese Frage entscheiden wir √ľber die Gesellschaft, in der wir im 21. Jahrhundert leben werden.“ (S. 359)