📙 Josef Kirschner: Die Kunst, ohne Überfluss glĂŒcklich zu leben (1980)

Es ist schon erstaunlich, dass Josef Kirschner 1980 zu diesem Thema geschrieben hat und damit die Minimalismus-Bewegung vorweg genommen hat. Er muss damals als ein ziemlicher Spinner gesehen worden sein.

Was ist zum Buch insgesamt zu sagen?

  • Das Buch ist so lala. Es sind immer wieder mal gute Anregungen und Ideen drinnen, aber es ist nicht richtig kohĂ€rent. Es gibt keinen roten Faden, und die einzelnen Kapitel stehen ziemlich unabhĂ€ngig fĂŒr sich. Wobei es da immer wieder Redundanzen gibt.
  • Insgesamt scheint es ihm weniger um deine Anleitung fĂŒr den Einzelnen zum Minimalismus zu gehen, sondern um eine Kritik an einer Gesellschaft, die im Überfluss lebt und dabei degeneriert.
  • Kirschners Sprache ist stellenweise ein bisschen hölzern, und seine Beispiele sind mitunter aus der Zeit gefallen (z.B. wenn er ĂŒber die Aufgaben seiner Frau schreibt).
  • Dennoch ist es interessant, dass Joki Kirschner mit diesem Buch etwas sehr modernes vorweg genommen hat, aber er dafĂŒr heute (zumindest meiner Wahrnehmung nach) keine Credits bekommt. Wie ĂŒberhaupt ich finde, dass er (zu unrecht?) in Vergessenheit gerĂ€t…

Meine Notizen

S. 19: „Die grĂ¶ĂŸte Gefahr ist nicht der Wohlstand selbst, sondern das Maß, in dem er unsere Bereitschaft korrumpiert, um unser tĂ€gliches GlĂŒck zĂ€h und entschlossen zu kĂ€mpfen.”

S. 24: „Denkend durchs Leben gehen.” -> Das ist ein schönes Motto!

S. 26: „Die natĂŒrlichen Grenzen unseres Lebens ergeben sich aus der PolaritĂ€t aller Dinge. Wir sollten deshalb beizeiten lernen, mit dieser PolaritĂ€t zu leben.”

S. 27: „Wir leben in der Sehnsucht nach grĂ¶ĂŸtmöglicher Sicherheit. Dabei ist das Leben ein einziges Risikounternehmen, in dem es nur eine einzige wirklich sinnvolle Möglichkeit gibt, einigermaßen heil davonzukommen. Indem wir nĂ€mlich lernen, mit dem Risiko genauso zu leben wie mit der Sehnsucht nach Sicherheit.”

S. 32f: „Wer seine Lebensgewohnheiten Ă€ndert, befindet sich in einem Kampf an zwei Fronten. Eine Front ist der Kampf gegen sich selbst und gegen die permanente Versuchung, in alte Gewohnheiten zurĂŒckzufallen. Die zweite Front sind die Mitmenschen, die uns beneiden, weil wir etwas zuwege bringen, was sie nicht schaffen. FĂŒr sie wĂ€re es eine Genugtuung, wenn wir scheiterten. Dann nĂ€mlich könnten sich unsere Freunde sagen: „Siehst du, der hat auch versagt, also fange ich erst gar nicht an.” Unser Versagen wĂ€re eine willkommene Ausrede fĂŒr sie.”

S. 43: Der Weg des geringsten Widerstands fĂŒhrt uns auf dem direkten Weg in den Überfluss.

  • Reduktion ist Auseinandersetzung.
  • Mehr wird es von selbst — wenn wir uns nicht wehren.

S. 46: „Wer nach seinen eigenen BedĂŒrfnissen lebt, braucht niemand wegen seines Reichtums beneiden.”

S. 47: „Manchmal horche ich mit zu großen Erwartungen. Ich bilde mir ein, ich mĂŒsste bestimmte Lösungen erzwingen. Dabei weiß ich lĂ€ngst, dass man „Es” gewĂ€hren lassen muss. Wenn ich es zulasse, dass mein Nörgler-Ich die Oberhand behĂ€lt, hindert es die schöpferischen Gedanken, sich frei und ungehemmt zu entfalten.”

  • vgl. wie Aha-Erlebnisse entstehen

S. 54f: Lebensplanungs-Formel

  • „Es ist nur vernĂŒnftig, wenn wir die vielen neuen eigenen Lebensvorstellungen in irgendeiner Weise registrieren und zu einem Plan verarbeiten. Einem Plan, der nichts anderes ist als unsere Verhaltensalternative zum Verhaltensangebot der Außenwelt.“
  • Das ist eine schöne Beschreibung eines Lebens- und auch eines Businessplans!

S. 66: „An die Stelle des natĂŒrlichen Ablaufs des Genießens ist eine neue Form getreten, die Ersatz-Lustbefriedigung.”

S. 70: Beschreibt einen Lifestyle Entrepreneur – 1980!

S. 87: Wir sollten wieder lernen, uns mehr auf uns selbst zu verlassen.

S. 87: „Sehr oft in unsrem Leben lassen wir die Höhe der Ausgabe fĂŒr ein Geschenk von dem SchulgefĂŒhl bestimmen, das wir dem Beschenkten gegenĂŒber haben.”

S. 89: „Wir können richtige oder falsche Entscheidungen fĂ€llen, und dies wird sich sicherlich nie Ă€ndern. Was wir verbessern können, ist unsere Chance, Ă¶fter als bisher richtig zu entscheiden.”

S. 94: Hier wird das Problem der EPU mit der WKO beschrieben:

  • „Er meint, er könne als einzelner sowieso nichts gegen den Lauf der Dinge unternehmen, der von irgendwelchen geheimnisvollen MĂ€chten gesteuert wird.“
  • „Was stattfindet, ist eine systematische Entmutigung des einzelnen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er wird zur UnmĂŒndigkeit verdammt, damit er sich willig der Masse unterwirft. Ăœberfluss ist Beruhigungs- und Aufputschmittel zugleich, damit der einzelne nicht gegen diese Art von UnterdrĂŒckung aufbegehrt.“
    • vgl. EPU-Services der WK: Man wird mit Workshops und Service-Angeboten förmlich erschlagen — beruhigt und abgelenkt.
    • Die echten Themen, die EPU haben, werden aber nicht angegangen. Nach dem Motto: Wir tun ja eh was fĂŒr euch. Schon, aber das sind Potemkinsche Dörfer.
  • „Seltsamerweise wird den meisten Menschen nicht bewusst, dass sie als einzelne der Anfang und das Ende dieses Steuerungsmechanismus sind. Wohlgemerkt, nicht der einzelne als Teilchen einer großen SolidaritĂ€tsgemeinschaft, sondern wirklich als einzelner. Er ist es allerdings nur, wenn er die Möglichkeit zur eigenen Entscheidung nĂŒtzt und mit aller Konsequenz davon Gebrauch macht.“

S. 95f: Wir wĂ€hlen fĂŒr unsere Probleme Umwege, weil sie uns einfacher erscheinen.

  • „Jeder Ersatz ist uns dabei recht, der unserer Bequemlichkeit entgegenkommt. FĂŒr den wir möglichst wenig eigene Verantwortung ĂŒbernehmen mĂŒssen.“
  • Die Alternative wĂ€re: Das Problem rechtzeitig erkennen, es ohne Beschönigung analysieren, sich entscheiden und das Problem auf direktem Weg lösen.

S. 111: „In der Bequemlichkeit des Überflusses ist unser Kampfinstinkt abgestumpft. Die Abenteuer werden vom ReisebĂŒro arrangiert, und die Romantik der Liebe wurde zur ehelichen Pflicht degradiert, bei der es kein Erobern mehr gibt. Wir leben ein Leben, das keine Herausforderung mehr bietet, weil wir verlernt haben, die Herausforderung anzunehmen.”

S. 111f: „Es ist bezeichnend fĂŒr unsere Zeit, dass dass so vielen Menschen ihr Beruf keine Befriedigung gibt. Es fehlt ihnen die Beziehung zu ihm. Also haben sie sich auf Umwegen andere BezugsverhĂ€ltnisse geschaffen. Indem sie sagen: „Meine Arbeit macht mir keinen Spaß, aber ich kann mir fĂŒr den Verdienst alles leisten, was ich möchte.” Oder sie sagen: „Ich verdiene ja nicht viel, aber jedes Jahr gibt es automatisch eine Gehaltserhöhung, und im Alter bin ich durch die Pension versorgt.” Die fehlende Beziehung zu dem, was wir tun, hat ihre Hauptursache in der fehlenden Konsequenz. Wir haben uns daran gewöhnt, mangelnde Ergebnisse durch schöne Worte und elegante Argumente zu ersetzen.”

  • vgl. Spiritual Divide: Fehlender Sinn kommt von fehlender Beziehung.
  • Und es ist auch umgekehrt: Fehlende Konsequenz kommt vom fehlenden Sinn. Wenn wir unser Grund-Warum nicht kennen, wofĂŒr lohnt es sich dann, konsequent zu sein?

S. 113: „Wenn wir kĂ€mpfen, sollten wir den vollkommenen Sieg anstreben. Dies setzt wieder voraus, dass wir vollkommen auf den Kampf vorbereitet sind und uns selbst und den Gegner genau kennen.“

  • vgl. Larry Smith – Be A Star: Finding Important Problems
  • Es geht um IMPORTANT problems, die zu einer GREAT career fĂŒhren; nicht „normal” oder „mediocre”.

Kapitel 19 (S. 120ff) D:a schreibt er ĂŒber das Laufen und was das fĂŒr ihn bedeutet. Das fand ich inspirierend in seiner martialischen Beschreibung der SelbstĂŒberwindung mit seinem inneren Nörgler. (Allerdings bin ich nicht sicher, was das noch mit Überfluss zu tun hat
)

S. 129: Wir mĂŒssen unser Wissen regelmĂ€ĂŸig auf seinen WERT hin ĂŒberprĂŒfen. NĂ€mlich auf den Wert fĂŒr unser Handeln.

S. 135: Die Angstformel: „Was geschieht, wenn morgen dies oder jenes passiert?”

S. 141f: „Die Probleme der Zukunft bedĂŒrfen höchster KreativitĂ€t und maximaler Verantwortung des einzelnen Menschen. [
] Es bedarf eines hohen Maßes an individueller Freiheit. Diese Freiheit kann jedoch nur bei Individuen entstehen, die bereit sind, sich aus eigenem Antrieb, aus einem echten BedĂŒrfnis nach Erfolg und GlĂŒck fĂŒr die Lösung von Aufgaben [zu, sic!] engagieren.”

  • vgl. Lifestyle Entrepreneure / EPU

S. 161f: „Der Überfluss beginnt bei der UnfĂ€higkeit, sich dem tĂ€glichen Lebenskampf zu stellen. Wer dieser Herausforderung ausweicht, wer ein Leben der stĂ€ndigen Kompromisse zwischen den eigenen Vorstellungen und den Verlockungen der Überflussgesellschaft fĂŒhrt, wird naturgemĂ€ĂŸ versuchen, das fehlende Erfolgserlebnis durch Ersatzbefriedigungen auszugleichen.”

S. 177: Wir mĂŒssen eine sehr tiefe und persönliche (!) Beziehung zum Gegenstand unseres Wissens herstellen.

S. 177: „Bildung hat sicherlich weniger mit den Werken anderer zu tun, die wir studieren, als mit dem oft schmerzhaften BemĂŒhen, eine Erkenntnis aus eigener Kraft zu gewinnen.”

S. 187: Josef Kirschner berichtet von einem Zahnarzt, den er auf einer Geburtstagsfeier kennengelernt hat, der ihm erzĂ€hlt hat: „Seit ich auf meinem Messingschild an der TĂŒr den Titel ‚Medizinalrat‘ stehen habe, kommen um zehn Prozent mehr Leute zu mir.”

S. 192

  • grĂ¶ĂŸere Risikobereitschaft
  • persönliche Problemlösung
  • maximale Eigenverantwortlichkeit

= die heilige Dreifaltigkeit des Personal Project Management?

S. 196: „Dabei geht es nicht darum, den Sturz der bĂŒrokratischen Macht anzustreben. Es ist auch nicht notwendig, die Festungen der Verwaltung mit Bomben anzugreifen. Schon gar nicht helfen die in Mode gekommenen Proteste, Appelle und Resolutionen gegen alles, was uns nicht passt. Viel wirksamer ist die Revolution, die mit dem Glauben an unsere FĂ€higkeiten beginnt, uns selbst zu verĂ€ndern.”

S. 201: „Das meiste, was sie tun, stimmt nicht ganz, sondern nur ein bisschen.”

S. 205: „Der Menschentyp, den wir brauchen, um die Entwicklung zu Ă€ndern, muss frei sein von den systemimmanenten ZwĂ€ngen der Gesellschaft. Ruhm, Macht, Reichtum und Karriere dĂŒrfen ihm nicht mehr viel bedeuten.” (JK zitiert hier „einen Wiener Wirtschaftswissenschaftler”)

S. 212: „Vielleicht liegt es nicht zuletzt daran, dass wir nicht mehr bereit sind, fĂŒr unsere Freiheit zu kĂ€mpfen, fĂŒr die höchsten Ziele auch die grĂ¶ĂŸten Opfer zu bringen und uns die hĂ€rteste Disziplin aufzuerlegen.”

  • vgl. Jim Collins bei der Tim Ferriss Show – vor allem, was die Disziplin betrifft. Relentless!

S. 216: Wo beginnt der Überfluss?

  • Überfluss beginnt bei MIR, nicht bei den reichen Leuten.
  • Überfluss entsteht immer dort, wo ich mir ĂŒber meine eigentlichen BedĂŒrfnisse nicht klar bin!
  • Wenn ich meine wahren BedĂŒrfnisse gut kenne, dann entsteht auch kein problematischer Überfluss.
  • => Das Problem löst sich von selbst!
  • => Hineinhorchen! -> „Was ich zur Befriedigung meiner BedĂŒrfnisse brauche, ist richtig. Was darĂŒber hinausgeht, ist ĂŒberflĂŒssig.“

S. 218: „Sicher ist auch, dass unser Leben ein ununterbrochenes Spiel zwischen zwei Polen ist. Ein Spiel, dessen Regeln wir stĂ€ndig neu studieren, lernen und befolgen mĂŒssen. Manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg.”

  • vgl. JBP: Die beiden Pole sind „chaos” und „order”.

S. 223: „Je selbstĂ€ndiger wir unser Leben meistern, um so deutlicher wird uns bewusst werden, dass wir unsere Mitwelt brauchen.”

  • Wieder zwei Pole: SelbstĂ€ndig vs. miteinander
  • Vgl. Buber: Ich werde erst im Du zum Ich.

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