ūüďô Matthias Horx: Smart Capitalism (2001)

Bei meinem Versuch zu verstehen, wie die Märkte im Jahr 2021 funktionieren, hat mir dieses Buch aus dem Jahr 2001 sehr geholfen.

Gelesen: Jänner 2021

Der Markt ist ein zutiefst menschlicher Ort

  • „Der Markt ist ein zutiefst menschlicher Ort. Soft factors wie Sympathie, Vertrauen spielen eine gewaltige Rolle. Auf dem Markt erfahren Menschen etwas √ľber die Welt. Der Markt ist der Ort der Sprache. Der Ort, an dem wir lernen, dass es einen Preis gibt, einen Wert und den Wert von Beziehungen.“ (S. 12)

„Markt“ ist hierzulande eher ein Schimpfwort

  • „Marktkr√§fte sind d√§monisch, antisozial, kalt. Markt muss „reguliert“ und „gez√§hmt“ werden, man muss „seine Stacheln ziehen“, seine „Ungerechtigkeiten“ beseitigen.“ (S. 14)

Wertschöpfungsketten

  • David Bovet, Joseph Martha: Value Nets (Buch)
  • „Aus Wertsch√∂pfungsketten werden […] Wertsch√∂pfungsnetze. Unternehmen gruppieren sich nun rund um den Kunden, dem sie mit Hilfe von anderen Dienstleistern und Providern dienen.“ (S. 18)
  • „In dieser neuen Welt des Providing geht es immer weniger um einzelne Produkte, sondern um Marktprozesse. Es ist vor allem der Zugang zum Kunden, der nun zum „Asset“, zum eigentlich wertvollen Produktionsfaktor wird.“ (S. 19)
  • vgl. Seth Godin: Die V√∂gel auf den Nash√∂rern.

Portal-Effekt

  • „Der Zugang zum Kunden ist in einer Netzwerk√∂konomie die K√∂nigskunst mit v√∂llig neuen M√∂glichkeiten.“ (S. 24)
  • „Wer Zugang zum Kunden hat, kann ihm, so die Spekulation, wom√∂glich √ľber lange Zeit etwas verkaufen – und dabei lernen, seine Kosten im Vergleich zum Erl√∂s immer weiter zu reduzieren.“ (S. 25)

Das Spezielle profitiert vom Netz

  • „Nicht das Allgemeine, Massenhafte, Akzeptierte profitiert vom Netz, sondern das Besondere, Eigenwillige, Spezielle und Spezifische findet nun seinen Weg ins Licht der M√§rkte.“ (S. 29)

Egoismus vs. Altruismus

  • „Wir m√ľssen verstehen, dass nicht derjenige moralisch gut handelt, der nach biblischem Vorbild seinen Mantel mit dem Bettler teilt. Dann werden beide erfrieren. Die vernetzte Wissensgesellschaft gibt uns unendlich viel mehr M√∂glichkeiten dazu, mit Phantasie und Engagement f√ľr beide gen√ľgend Kleidung aufzutreiben. Und dabei noch Spa√ü zu haben und etwas zu lernen!“ (S. 120)
  • Social Entrepreneurship neu denken!

Das Web ist keine Verkaufsmaschine

  • „Allzu oft wurde das Web als Verkaufsmaschine uminterpretiert. […] Doch das Web l√§sst sich nicht betr√ľgen. Es ist und bleibt ein soziales Medium der Kommunikation, der Gegenseitigkeit, des Austauschs. Im Netz kann man mit seinen Kunden kommunizieren, etwas √ľber sie lernen und vor allem von ihnen lernen. Das Web ist ein m√§chtiges Tool der Eigenorganisation von Gruppen, Fankreisen, St√§mmen und Peergroups. Man kann vielleicht mit ihm Geld verdienen – mit seiner Hilfe. Aber nicht in ihm.“ (S. 130f)

Die Agenten des Verstehens profitieren

  • „One-to-One-Kommunikation wird durch das Netz nicht √ľberfl√ľssig, sondern im Gegenteil aufgewertet. Weil die Allverf√ľgbarkeit von Informationen den Informationsstress erh√∂ht, profitieren die Agenten es Verstehens, der Weisheit und des Handelns mit steigenden Honoraren.“ (S. 134)
  • Das Internet braucht Experten; vgl. Expertenmarketing, expert branding
  • Edupreneure sind im besten Fall solche „Agenten des Verstehens“.

„Man kann Kundenvertrauen nicht aus dem Boden stampfen.“ (S. 137)
Drei Grundregeln der Neuen √Ėkonomie:

  • „Die Kultur der Neuen √Ėkonomie fu√üt auf drei Grundregeln: Freiheit und Selbstbestimmung in deiner Arbeit; Stolz und Engagement mit deiner Arbeit; Schaffung von Wohlstand durch deine Arbeit.“ (Fast Company; S. 151)
  • Genau das streben auch Lifestyle Entrepreneure an; so w√ľrden Lifestyle Entrepreneure „Erfolg“ definieren; vgl. auch three-legged stool bzw. happy-smart-useful

Ritz-Carlton

  • „Die Erfolge der internationalen Hotelkette Ritz-Carlton basieren auf einem Konzept, das auf die Kultur des gesteigerten gegenseitigen Respekts setzt: Dem Gast wird mit √ľberdurchschnittlicher Zuvorkommenheit und extraordin√§rer Aufmerksamkeit entgegengekommen. Aber man erwartet auch, dass sich die G√§ste respektvoll gegen√ľber dem Personal verhalten, und man ist gewillt, im Konfliktfall auch Grenzen zu setzen, die das Personal vor Anma√üung und brutalen Ausf√§llen der G√§ste sch√ľtzen.“ (S. 169)

Der Weg zur High-Trust-Kultur ist steinig

  • „Die gr√∂√üte Schwierigkeit auf dem Weg zu einer High-Trust-Kultur liegt darin, dass wir alle nicht gelernt haben, uns offen und selbst-ehrlich auszuverhandeln. Wir tricksen. Wir kennen uns selbst nicht. Wir fahren nicht nur mit dem anderen, sondern auch mit uns selbst Schlitten.“ (S. 172)

Individualität ist smart

  • „Individualit√§t ist in ihrem Wesen smart: Sie basiert auf einem bewusst gelebten und gestalteten Ausgleich zwischen Selbst und Umwelt, Wachstum und Begrenzung.“ (S. 177)

Kosmopolitischen Lokalpatrioten gehört die Zukunft

  • „In der Welt der Wissensgesellschaft werden sich diejenigen am besten zurechtfinden, f√ľr die der Bruch zwischen den √∂rtlichen und ortlosen psychischen Dimensionen keinen unl√∂sbaren Konflikt darstellt.“ (S. 179)
  • vgl. „Die Europ√§ische Schule des Lifestyle Entrepreneurship“; „S√ľdst√§dter Institut f√ľr…“ => sie sind ganz klar verortet, und sie sind f√ľr die Welt!
  • „Kosmopolitische Lokalpatrioten hat es immer schon gegeben, und sie geh√∂ren zum Kostbarsten, was die Weltgeschichte hervorgebracht hat.“ (S. 179)
    • Paradebeispiel: Peter Ustinov
  • „Die Zukunft geh√∂rt den Multiidentit√§ten, Multiheimaten, die in vielen Schichten √ľbereinander gelagert sind. Wir sprechen Englisch, aber wir bleiben im Herzen Deutsche, Franzosen oder Skandinavier. Oder auch Oberhessen, Holsteiner und Bewohner eines bestimmten H√ľgels. Die Orte unseres inneren Bezugs werden gr√∂√üer und kleiner gleichzeitig: Aus dem „Bundesland“ wird ein Stadtviertel, zur Not tut es auch ein Stra√üenzug oder ein Hinterhof.“ (S. 179)
  • „Die vielkritisierte Vielfalt Europas wird sich am Ende als segensreich erweisen.“ (S. 190)

Smart Capitalism ist harte Arbeit

  • „Die Kultur des Wissens ist darauf angewiesen, den Menschen nicht festzuhalten, sondern zu entfalten. Nat√ľrlich geht dies nicht ohne Wachstumsschmerzen. Deshalb meint Smart Capitalism keine Kuschelwelt mit Dreifachabsicherung, kein Teamworkparadies, in dem wir alle zu einem einzigen Mentalkollektiv verschmelzen. Es geh um harte Arbeit: Arbeit an der Selbststeuerung des Menschen. Aber auch an Systemen, die ihm dabei helfen k√∂nnen!“ (S. 182)

Die √úberwindung von Spaltungen => √Ėkonomie wird kulturalisiert

  • „In der Wissens√∂konomie werden nun die Grenzen der Sph√§ren durchl√§ssig. Lebens- und Arbeitswelten durchmischen sich, Klassengrenzen verschwimmen, die √Ėkonomie wird kulturalisiert.“ (S. 182)
  • vgl. Zivilkapitalismus
  • „Netzwerke statt Institutionen“ (S. 182)

Win-Win-Kapitalismus

  • Spannende Skizze S. 184
  • Diese Skizze m√ľsste man mal lesen, verstehen und erkl√§ren k√∂nnen. Horx erkl√§rt sie n√§mlich mit keinem Wort sondern stellt sie (als Beh√ľbschung?) einfach so rein.
  • Das w√§re ev. eine lohnenswerte Aufgabe f√ľr das WS 2021/22.

Das Gespenst des Neoliberalismus

  • „Und was ist mit dem viel zitierten „Neoliberalismus“, der unsere Gesellschaften √ľber kurz oder land in √∂konomisch-kalte Ein√∂den verwandeln wird? Er ist eine populistische Chim√§re, ein Popanz, der den Populisten von links und rechts gleicherma√üen ans Herz gewachsen ist.“ (S. 189)
  • „Ausw√ľchse wie BSE, atomare Unf√§lle, global warming entstehen nicht aufgrund von Marktgesetzen, sondern weil der Markt nicht funktioniert. Der Wert der Natur, die Unversehrtheit der Menschen, ging ins Gesch√§ft nicht ein.“ (S. 191)
    • vgl. Externalit√§ten, die nicht eingepreist sind.

Die Furcht vor dem Markt ist eine Furcht vor dem Leben

  • „Die Furcht vor dem Markt ist eine Furcht vor dem Leben. Wenn seine Vielfalt gro√ü genug geworden ist, entwickelt sich in seinem Inneren die Komplexit√§t des Humanen. Komplexe M√§rkte entwickeln eine Unzahl von Nischen, Pufferzonen, Gegenwelten.“ (S. 192)
  • „In den M√§rkten der Zukunft werden immer mehr marktferne Dinge bewertet: Privatheit, Unerreichbarkeit, Eigen-Zeit und Eigensinn, Kreativit√§t. Wer wirklich wohlhabend ist, investiert in die M√∂glichkeiten, sich die materiellen Dinge vom Leib zu halten. Askese wird kostbar, und vieles wird nicht mehr in Geld bezahlt, sondern in anderen, komplexeren √Ąquivalenten: Aufmerksamkeit, Wissenstransfer, Kompetenz, Beziehungen werden zu W√§hrungen.“ (S. 192)
  • Vgl. Facebook, dessen Nutzung kein Geld kostet, sondern Aufmerksamkeit und Informationen/Daten.