📙 Rutger Bregman: Utopien fĂŒr Realisten (2017)

Mich hat das Buch sehr inspiriert. Es erweiterte meine Denkgrenzen, hatte interessante Konzepte parat – und es hat einige Tendenzen in Worte gefasst, die ich intuitiv schon gespĂŒrt hatte. Ein klassischer Fall von „das rechte Buch zur rechten Zeit”.

Gelesen: MĂ€rz 2019

S. 25: Das Problem der heutigen Gesellschaft

  • „Wenn die heutige Jugend unter etwas leidet, dann darunter, dass sie ĂŒbermĂ€ĂŸig verhĂ€tschelt wird.“
  • „Wir sind mit Narzissmus gefĂŒttert worden, aber wenn wir in die große weite Welt der unbegrenzten Möglichkeiten entlassen werden, stĂŒrzen mehr und mehr von uns ab. Es stellt sich heraus, dass die Welt ein kalter und rauer Ort ist, an dem der Wettbewerb tobt und Arbeitslosigkeit droht. Sie ist kein Disneyland, in dem alle TrĂ€ume wahr werden, sondern der Schauplatz eines erbarmungslosen Wettlaufs, in dem wir nur uns selbst die Schuld geben können, wenn wir uns nicht durchsetzen.“
  • „Es ĂŒberrascht nicht, dass sich hinter dem Narzissmus eine große Unsicherheit verbirgt.“

S. 62: „Knappheit” ist DER zentrale Begriff der Wirtschaftswelt. Wir EPU wissen viel zu wenig ĂŒber die Spielregeln und die Spielarten und die Vorkommen von Knappheit; wie sie uns hemmt und wie wir sie als Treibstoff nutzen können.

  • „Menschen verhalten sich anders, wenn sie das GefĂŒhl haben, dass etwas knapp ist.“

S. 63: Mentale Bandbreite: Wenn einzelne Personal Projects (z.B. Armut) unsere mentale Bandbreite ĂŒber GebĂŒhr beanspruchen, treffen wir schlechte Entscheidungen fĂŒr unser gesamtes „Personal Projects Web“ – laufend.

  • vgl. Scarcity (Sendhil Mullainathan, Eldar Shafir)
  • vgl. „Heavy Mental Load Projekte”

S. 67f: Die Grenzen der Weiterbildung (vgl. AMS)

  • „Menschen weiterzubilden ist zweifellos nicht vollkommen sinnlos, aber die Bildung kann ihnen nur beschrĂ€nkt dabei helfen, ihre mentale Bandbreite optimal zu nutzen, weil diese durch Belastungen wie das undurchdringliche bĂŒrokratische Dickicht des Sozialstaats stark beansprucht ist.“
  • „Die Folge ist, dass zahlreiche Programme von ebenden Personen, denen sie zugutekommen sollen, kaum in Anspruch genommen werden.“
  • „Eine Person, deren Denken von der Knappheit beherrscht wird, hat einen Tunnelblick und sieht den Nutzen eines Stipendiums nicht.“

S. 74: Armut hat nichts mit einem charakterlichen Mangel zu tun. Armut hat mit einem Mangel an Geld zu tun.

S. 76: Es ist besser, ein Problem zu lösen, statt es nur zu verwalten. 

S. 82: „Die Welt wird nicht von abstrakten KrĂ€ften gesteuert, sondern von Menschen, die ihren eigenen Kurs einschlagen.”

S. 98ff: „Aktivierungsmaßnahmen“ fĂŒr Arbeitssuchende: Dazu will ich NIE MEHR die Hand reichen!

  • „Die reichen LĂ€nder haben sich in den letzten Jahren auf „Aktivierungsmaßnahmen” zur Integration der BeschĂ€ftigungslosen verlegt, von Schulungen fĂŒr Arbeitssuchende bis zu KurzeinsĂ€tzen als Straßenreiniger, von GesprĂ€chstherapien bis zu LinkedIn-Seminaren.“
  • „Selbst wenn es zehn Bewerber fĂŒr jeden Arbeitsplatz gibt, wird das Problem nicht in der Nachfrage, sondern im Angebot gesucht – also bei den Arbeitslosen, die nicht in der Lage sind, ihre „BeschĂ€ftigungsfĂ€higkeit” zu entwickeln, oder sich einfach nicht ausreichend bemĂŒhen.“
  • „Bemerkenswert ist, dass die Ökonomen mittlerweile wissen, dass diese Arbeitslosenindustrie nicht funktioniert. Einige Programme zur Wiedereingliederung BeschĂ€ftigungsloser in den Arbeitsmarkt verlĂ€ngern sogar die Arbeitslosigkeit, und die Kosten der Betreuer, die den Arbeitssuchenden helfen sollen, ĂŒbersteigen oft die ArbeitslosenunterstĂŒtzung.“
  • „Das ist kein Krieg gegen die Armut, sondern ein Krieg gegen die Armen.“

S. 133f: Isaac Asimov: Visit to the World’s Fair 2014 (1964) -> Sagt den „erzwungenen MĂŒĂŸiggang” als gesellschaftliches Problem voraus.

S. 139: Das Problem der Gegenwart ist aber nicht Langeweile, sondern im Gegenteil: Überarbeitung und Stress. Wie passt das zusammen?

  • Sinn-losigkeit und Stress sind kein Widerspruch. Im Gegenteil: Sinnlose Arbeit erzeugt Stress!
  • Stress ist auch Selbstschutz, weil Ablenkung: Wenn der Stress nicht mehr da wĂ€re, was wĂŒrde die Sinnlosigkeit dann noch kaschieren?
  • vgl. Wolf Lotter: Strengt euch an!

S. 150: Im Meer von Freizeit schwimmen

  • „Es stimmt, dass es nicht leicht sein wird, in einem Meer von Freizeit zu schwimmen. Das Bildungssystem des 21. Jahrhunderts sollte die Menschen nicht nur auf das Erwerbsleben, sondern auch und vor allem auf das Leben vorbereiten.“
  • „Wenn die Menschen nicht mehr mĂŒde in die Freizeit hineingehen, dann wird es sie auch bald nicht mehr nach passiver und geistloser Unterhaltung verlangen.” (Bertrand Russell, Lob des MĂŒĂŸiggangs, 1932)

S. 161: „Etwas ist nicht automatisch wertvoll, weil es schwierig ist.”

  • vgl. Bullshit Jobs

S. 166: Die Überzeugung ist falsch, man bringe etwas Wertvolles hervor, weil man viel verdient.

  • Vor allem der Umkehrschluss ist noch falscher (und kontraproduktiver): Wer nicht viel verdient, der leistet nichts Wertvolles.

S. 169f: Bildung: Wir stellen die völlig falschen Fragen!

  • Problemlösungskompetenz als didaktisches Ideal, ohne dass geklĂ€rt wĂŒrde,  welche Probleme gelöst werden mĂŒssen.
  • „Die Debatte dreht sich immer nur um die Frage: Welches Wissen und welche FĂ€higkeiten brauchen die Lernenden der Gegenwart, um sich auf dem Arbeitsmarkt von morgen – dem Markt von 2030 – behaupten zu können? Und das ist genau die falsche Frage.“
  • „Wir sollten uns eine ganz andere Frage stellen: Welche Kenntnisse und FĂ€higkeiten wĂŒnschen wir uns fĂŒr unsere Kinder?“
  • „Um diese Frage zu beantworten, mĂŒssen wir uns selbst und unsere persönlichen Ideale prĂŒfen: Was wollen wir? Mehr Zeit fĂŒr unsere Freunde oder unsere Familie? FĂŒr gemeinnĂŒtzige TĂ€tigkeiten? FĂŒr die Kunst? FĂŒr den Sport?“
  • „Die Bildung der Zukunft sollte uns nicht einfach auf den Arbeitsmarkt vorbereiten, sondern auf das Leben.“

S. 244: Welche Ideen werden bereitliegen, wenn die Krise eintritt?

  • Milton Friedman: „Wenn diese Krise eintritt, hĂ€ngen die Maßnahmen, die ergriffen werden, davon ab, welche Ideen bereitliegen.“
  • Wenn ich ein fertiges Lösungskonzept habe, werde ich mit Handkuss empfangen. Kann/will ich auf diesen Fall vorbereitet sein?
  • vgl. Zoom: Die Lösung lag zu Beginn der Corona-Krise bereit!

S. 245: „Wir leben in einer Welt von Managern und Technokraten.”

  • „Konzentrieren wir uns darauf, die Probleme zu lösen”, sagen sie.
  • Ich wĂŒrde sagen: Wir leben in einer Welt von BĂŒrokraten. BĂŒrokraten denken bĂŒrokratisch und suchen nach bĂŒrokratischen Lösungen fĂŒr bĂŒrokratische Probleme.
  • Will ich in BĂŒrokratien mit meinen Ideen „anschlussfĂ€hig” sein, muss ich meine Ideen „bĂŒrokratisieren”.
    • Wobei ich fĂŒr mich die Frage beantworten muss: Will ich das? Wozu ist das gut? Dient das meinen ĂŒbergeordneten Zielen? Wozu reiche ich die Hand?
    • Vgl. Seth Godin: Who is it for? What is it for?

S. 245f: „NatĂŒrlich sollten wir auf die Freiheit stolz sein, fĂŒr die Generationen vor uns gekĂ€mpft haben. Aber wir mĂŒssen uns fragen, welchen Wert die Meinungsfreiheit hat, wenn wir nichts Wertvolles mehr zu sagen haben? Welchen Sinn hat die Versammlungsfreiheit, wenn wir kein BedĂŒrfnis mehr haben, uns zusammenzuschließen? Welchem Zweck dient die Religionsfreiheit, wenn wir an nichts mehr glauben?” 

S. 246: Zitat Eduardo Galeano: „Utopia taucht am Horizont auf. Ich gehe zwei Schritte darauf zu, und es entfernt sich zwei Schritte. Ich gehe weitere zehn Schritte darauf zu, und der Horizont zieht sich zehn Schritte zurĂŒck. So weit ich auch gehe, ich werde ihn nie erreichen. Welchen Sinn hat dann die Utopie? Ganz einfach: DafĂŒr zu sorgen, dass wir weitergehen.”

  • Deshalb brauchen wir Vordenker und VisionĂ€re.

S. 253: Das Problem der „Underdog-Sozialisten“

  • „Aber das grĂ¶ĂŸte Problem der Underdog-Sozialisten ist nicht, dass sie im Irrtum sind. Ihr grĂ¶ĂŸtes Problem ist, dass sie langweilig sind. Langweilig wie eine TĂŒrklinke. Sie haben keine Geschichte zu erzĂ€hlen, ja nicht einmal eine Sprache, in der sie eine Geschichte erzĂ€hlen könnten.“

S. 259: Noch zwei RatschlÀge

  • „Also möchte ich all jenen, die bereit sind, die in diesem Buch dargelegten Ideen zu verwirklichen, zum Abschluss noch zwei RatschlĂ€ge geben.“
  • „Erstens mĂŒssen Sie wissen, dass es dort draußen mehr Leute gibt, die denken wie Sie. Sehr viel mehr Leute.“
  • „In Wahrheit haben die meisten Menschen das Herz am richtigen Fleck.“
  • „Mein zweiter Rat lautet: Legen Sie sich eine dickere Haut zu. Lassen Sie sich von niemandem etwas einreden. Wenn wir die Welt verĂ€ndern wollen, mĂŒssen wir unrealistisch, unvernĂŒnftig und ungehörig sein.“