Tag#Gründungsberatung

Cheerleader

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Wenn wir gründen, wenn wir selbständig sind und unser eigenes Business haben oder wenn wir uns sonst wie aus dem Fenster lehnen… Dann haben wir nicht nur Supporter. Es gibt eine Menge Menschen, die ihre Freude daran hätten, wenn wir auf die Fresse fallen.

Ich verstehe diese Missgunst nicht, und zwar überhaupt nicht. Aber ich kann sie nicht wegzaubern.

Was ich tun kann, ist meine Gründer:innen anzufeuern und ihnen zu sagen: Du schaffst das! Go, go, go!

Das passiert nur den anderen

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Menschen, die nie zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen, tun dies oft aus der ehrlichen Überzeugung, dass sie gesünder sind als der Durchschnitt. Natürlich werden andere Menschen irgendwann krank. Aber ich? Ich nicht.

Bei Gründer:innen beobachte ich ein ähnliches Muster. Dass viele EPUs in den ersten Jahren scheitern, weil sie zu wenig Rücklagen haben und die Wichtigkeit der Liquidität unterschätzen — das wissen sie. Aber das gilt für die anderen. Für sich selbst haben sie eine interne Ausnahmegenehmigung ausgestellt. Als ob die grundlegendsten betriebswirtschaftlichen Gesetze ausgerechnet für sie keine Gültigkeit hätten.

Das ist kein unternehmerischer Mut, und das ist kein Optimismus. Das ist die pure Ignoranz.

Du bist nicht anders als die anderen. Du bist nichts Besonderes. Dich kann es genauso treffen wie alle anderen.

Der Robin-Hood-Trick

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Von Katrin Gildner habe ich folgende Idee: Lieber von einer Firma bezahlt werden als von den eigenen Followern.

Der Gedanke dahinter ist so simpel wie bestechend. Wer Workshops, Inhalte oder Beratung für Zielgruppen anbietet, die traditionell wenig Kaufkraft haben – Solopreneure, EPUs, Kreative im frühen Stadium –, der kämpft strukturell gegen eine Wand. Nicht weil die Leistung zu wenig wert wäre. Sondern weil diese Zielgruppen schlichtweg kein Geld haben.

Die Lösung: Hol dir das Geld woanders. Nämlich von kaufkräftigen Firmen, die Zugang zu deiner Zielgruppe haben und über Interesse und Budget verfügen, um Angebote für diese Zielgruppen zu finanzieren.

Der Robin-Hood-Ansatz bedeutet nicht, die eigene Zielgruppe aufzugeben. Er bedeutet, das Finanzierungsmodell von ihr zu entkoppeln.

Not-Gründungen 2026

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Zum heutigen Tag der Arbeit…

Es mag ein subjektiver Eindruck sein, aber: Ich habe das Gefühl, dass in letzter Zeit die Zahl der “Not-Gründungen” steigt.

Eine “Not-Gründung” ist eine Gründung, die mangels Alternativen erfolgt. Soll heißen: Die Gründer:innen kriegen keinen Job am Arbeitsmarkt, also bleibt die Gründung als vermeintlich einziger Ausweg.

“Not-Gründungen” gab es immer schon, besonders in Bevölkerungsgruppen, die es immer schon schwer hatten am Arbeitsmarkt, z.B. Wiedereinsteigerinnen, Menschen 55+, Migrant:innen.

Aber in letzter Zeit ist eine neue Gruppe dazugekommen: Junge, gut ausgebildete Menschen aus der Kreativbranche. Ein Gamedesigner Anfang 30, der nirgends in Österreich eine Anstellung bekommt. Die Artdirektorin Ende 30, die gekündigt wurde und am Arbeitsmarkt keine adäquate Stelle findet.

Die Kreativbranche ist unter Druck, nicht zuletzt wegen KI. Die Frage ist halt, ob eine Selbständigkeit darauf eine brauchbare Antwort ist.

Man wird sehen.

Wo kommen die Zahlen her?

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Spannende Frage in der Gründungsberatung: Bildet der Finanzplan die Geschäftsidee ab?

Oder, anders formuliert: Was hat dein Finanzplan eigentlich mit deinem Geschäftsmodell zu tun?

Meine Beobachtung: Businessplan und Kalkulation sind meistens vollkommen entkoppelt. Es wird eine Kalkulation erstellt, aber die Gründer:innen haben überhaupt keine Anhaltspunkte für die Kosten, die notwendig sind, um ihre Geschäftsidee zum Fliegen zu bringen.

Beispiel: Wie viel Budget du für Social Media Marketing ansetzen musst, hängt davon ab, welche Rolle Social Media in deinem Geschäftsmodell spielt. Was soll Social Media für dich tun – und was wird diese Leistung kosten?

Diese Frage kann dir kaum ein:e Gründer:in beantworten.

Wer kein Netzwerk hat, zahlt

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Es gibt einen Unterschied, über den in der Gründungsberatung wahrscheinlich zu wenig offen gesprochen wird: Manche Solopreneure starten mit einem starken persönlichen Netzwerk – und andere nicht.

Wer ein gewachsenes Netzwerk mitbringt, hat Zugang zu ersten Kund:innen, zu Weiterempfehlungen, zu Gesprächen, die einen weiterbringen. Dieser “organische” Zugang zum Markt kostet nichts. Er ist einfach da (bzw. über die Jahre vor der Gründung aufgebaut).

Wer dieses Netzwerk nicht hat – oder sich scheut, es “zu nützen” – steht vor einem strukturellen Problem: Er muss sich Aufmerksamkeit nämlich (teuer) erkaufen. Über Werbung, über Social Media oder über Content, der vielleicht irgendwann irgendwen erreicht. Das kostet Geld, Zeit, und/oder Nerven.

Erfolg in der Selbständigkeit ist nicht allein eine Frage von Fleiß oder Talent. Dein persönliches Netzwerk ist ein Startkapital, das in keiner Bilanz aufscheint – und das dennoch in den ersten Jahre deines Unternehmens ein unbezahlbares Asset ist.

Die Glaskugel

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Ein sehr leiwander Gründungsberater-Kollege hat auf seinem Schreibtisch eine Glaskugel – so eine, wie man sich vorstellt, dass Wahrsager:innen verwenden..

Ich finde: Das ist ein sehr nützliches Tool in der Gründungsberatung.

Nicht, um aus der Glaskugel “Erkenntnisse” zu gewinnen. Sondern um zu verdeutlichen: Niemand von uns kann in die Zukunft schauen. Auch wir Gründungsberater:innen nicht. Wir arbeiten mit Hypothesen, Intuitionen, Wahrscheinlichkeiten und Erfahrungen. Das ist nicht nichts, aber mehr haben auch wir nicht anzubieten.

Das Gute daran: Als Selbständige:r kann man sich seine Zukunft gestalten!

Wir brauchen, was unsere Zukunft als Solopreneure betrifft, keine Sicherheiten. Wir brauchen keine Menschen, die uns die Zukunft voraussagen. Was wir brauchen, ist Selbstvertrauen, Mut und Initiative. Und Menschen, die diese in uns stärken.

Das reicht.

Bruchlandung

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Der allererste Gründer, den ich beraten habe, ist gleich mal Pleite gegangen.

Das erzähle ich nicht oft, und ich erzähle es nicht gerne.

Aber immerhin: Es war mir eine Lehre.

Wie lange das dauert!

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Viele meiner Gründer:innen sind überrascht, wie lang die Behördenwege bei der Gründung dauern können.

Alles dauert nämlich sehr lang. Die Betriebsanlagengenehmigung. Das Bankkonto. Der AWS-Kredit. Die Feststellung der individuellen Befähigung. Die Zuteilung einer UID-Nummer. Und so weiter.

Die Behördenwege sind mühsam, und man hat das Gefühl, dass am anderen Ende Menschen sitzen, denen es wurscht ist, wie lang es dauert.

Das, was an unternehmerischer Motivation da war, wird auf dem Amtsweg ausgebremst.

Nicht dein Leben

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Gründungsberater:innen haben meistens eine Meinung. Über Geschäftsmodelle, über Preise, über Wachstumspläne. Das ist nicht per se schlecht. Aber es gibt einen Unterschied, der in der Praxis selten gemacht wird: den Unterschied zwischen fachlicher Position und moralischer Bewertung.

Casey Davis, eine US-amerikanische Therapeutin, hat das Konzept der moralischen Neutralität ursprünglich für die Arbeit mit Erwachsenen entwickelt, die sich wegen unerledigter Haushaltsaufgaben massiv selbst verurteilten. Ihr Kerngedanke: Der eigene Wert als Mensch hängt nicht davon ab, ob man arbiträre gesellschaftliche Standards erfüllt.

Ich finde, moralische Neutralität passt auch gut in die Gründungsberatung. Ein Geschäftsmodell, das Schaden anrichtet, ist nicht moralisch neutral, eh klar. Aber ob jemand keine Mitarbeiter will, ob jemand bewusst klein bleiben möchte, ob jemand lieber 2.000 € im Monat verdient und dafür jeden Freitag frei hat – das sind keine moralischen Fragen. Das sind Prioritäten. Und es ist nicht mein Job als Gründungsberater, diese Prioritäten zu korrigieren.

Moralische Neutralität als Haltung bedeutet nicht, keine Meinung zu haben. Es bedeutet zu wissen, wo die eigene Meinung aufhört und das Leben der anderen Person beginnt.

Ausgelernt

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Wer wirklich ein Experte ist auf einem Gebiet, der weiß, dass er mit dem Lernen niemals fertig sein wird.

Es sind die Pseudo-Experten, die sagen: Ich brauche keine Weiterbildung mehr, ich weiß schon alles.

Echte Profis bilden sich ständig weiter.

Das Bauchweh verschwindet nicht

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Ich beobachte das immer wieder in der Gründungsberatung: Jemand möchte einen Deal mit einem Kooperationspartner abschließen. Die Verhandlungen laufen. Aber da ist dieses ungute Gefühl bei einem wichtigen Vertragspunkt. „Wird sich schon klären”, sagen mir die Gründer:innen dann oft. „Wenn wir erst mal zusammenarbeiten, finden wir sicher eine Lösung.”

Nein, das werdet ihr nicht.

Themen, die dir jetzt Bauchweh machen, lösen sich später nicht von selbst. K.O.-Kriterien gehören auf den Tisch, bevor du unterschreibst – nicht danach.

Ein Vertrag schafft Fakten. Er ist keine Einladung zur weiteren Diskussion. Was vorher nicht geklärt ist, bleibt ungeklärt – nur jetzt mit unterschriebenen Verpflichtungen drumherum.

Also: Wenn’s jetzt schon drückt, wird’s später nicht leichter. K.O.-Kriterien vor der Unterschrift klären. Alles andere wäre unverantwortlich – dir, aber auch dem Partner gegenüber.

Aus der Anstellung in die Selbständigkeit

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Der Weg in die Selbstständigkeit aus der Anstellung heraus hat ganz viele Tücken.

Hier ein paar:

  • Wir übernehmen Belohnungs- und Bestrafungsmuster für unsere Arbeit.
  • Wir übernehmen mentale Gehaltsgefüge und die Einschätzung des „Wertes“ für unsere Leistung.
  • Wir übernehmen, wie wir unserer Tage, Wochen und Jahre strukturieren.
  • Wir übernehmen, wann und wie wir Urlaub machen.
  • Wir übernehmen, wie wir unsere Leistung (nicht) messen.

Eigentlich müssten wir das, was wir in unseren Anstellungen gelernt haben, ablegen wie einen abgetragenen Anzug, bevor wir in die Selbständigkeit starten.

Aber so leicht ist das nicht.

Vorbilder schlagen Förderprogramme

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Der Frauenanteil bei Gründungen in Niederösterreich lag 2025 bei 46,3 Prozent. Das war schon mal ein bisschen mehr, aber selten über 50 Prozent.

Das Problem ist nicht fehlende Förderung. Es gibt eine ganze Menge Unterstützungsprogramme speziell für Frauen, auch und gerade in Sachen Gründung und Selbständigkeit.

Das Problem: Frauen entwickeln seltener überhaupt ein Gründungsinteresse. Ist das Interesse da, setzen sie ihre Pläne genauso häufig um wie Männer und bleiben genauso lange am Markt.

Die Frage ist also: Wie kann man das Interesse von Frauen an der Selbstständigkeit wecken? Cathi Bruns schlägt drei spannende Ansätze vor, mit denen sich die meisten Förderprogramme schwer tun:

  1. Vorbilder, die zeigen, dass es geht.
  2. Unternehmerisches Know-how – Geschäftskonzeption, Positionierung, Finanzbildung – spannend zugänglich gemacht.
  3. Eine Kultur, die Selbstständigkeit als normalen Karriereweg begreift.

Frauen brauchen ihrer Ansicht nach keine spezielle Gründungsförderung. Sie brauchen dieselbe Chance wie alle: Zu sehen, dass es geht, zu lernen, wie es geht, und dann selbst zu entscheiden.

Der versteckte Preis der Innovation

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Innovation klingt super sexy. Aber Innovation hat auch einen Haken, über den kaum jemand spricht: Wenn du ein echt innovatives, noch nie da gewesenes Angebot hast, musst du dir die Vertriebsstruktur von Grund auf selbst aufbauen.

Das Etablierte hat seine Vertriebswege längst gefunden. Vertriebskanäle funktionieren, Händler:innen kennen die Produkte, Kund:innen wissen, wo sie hingehen müssen. Wenn du mit etwas wirklich Neuem kommst, stehst du da mit deiner brillanten Idee und keiner weiß, wie er sie bekommen soll – oder dass es sie überhaupt gibt.

Innovationen bedeutet also immer doppelte Arbeit. Du entwickelst nicht nur dein vollkommen neues Produkt, du musst auch die komplette Infrastruktur drumherum erfinden. Während die Konkurrenz einfach ihre gut eingefahrenen Wege nutzt.

Die Frage im Gründungsprozess ist also nicht nur: Ist die Idee gut? Sondern: Hast du die Ressourcen, die Vertriebswege mitzubauen – und durchzuhalten, bis sie funktionieren?

Individuell und gemeinsam

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Von Matthias Horx habe ich gelernt: Zu jedem Trend gibt es einen Gegentrend.

Spannend ist die Kombination aus Trend und Gegentrend beim Megatrend “Individualisierung”: Die Menschen brauchen ihre Individualität weiterhin, aber sie wollen diese Individualität in Gemeinschaft erleben.

Das ist ganz spannend für mich als jemanden, der sinnvolle Angebote für Gründer:innen und Solopreneure entwickelt. Ich merken nämlich auch: Solopreneure sind der Inbegriff von Individualisten, aber sie “wollen ihre Individualität in einem neuen Setting erleben und ausüben”, sagt Oona Horx Strathern.

Ich könnte mir vorstellen, dass mich diese spannende Kombination im Jahr 2026 noch viel beschäftigen wird.

Der Installateur, der keine Rohre kennt

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Meine Beobachtung als Gründungsberater: Die meisten Marketing-Probleme sind keine Marketing-Probleme.

Wer keine Kund:innen gewinnt, glaubt oft, das falsche Tool zu nutzen. Falscher Newsletter-Anbieter. Falsche Posting-Zeit. Falscher Hashtag. Also wird optimiert, experimentiert, gebucht – neues Webinar, neue Strategie, neues Glück. Aber: Das eigentliche Problem sitzt tiefer.

Das Problem liegt im Geschäftsmodell. Kein klares Angebot. Keine definierte Zielkunden. Keine Klarheit, wofür die Kunden eigentlich bezahlen sollen.

Das sind alles keine Marketing-Fragen. Das sind Grundlagenfragen. Und wer sie nicht beantwortet hat, dem hilft auch der beste Marketing-Kurs nichts – so wie einem Installateur, der keine Rohre kennt, ein neues Werkzeug wenig nützt.

Klar: Symptome behandeln ist einfacher als Ursachen suchen. Und die Anbieter von Marketing-Kursen wissen das.

Die Scarcity-Falle

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Mir kommt vor, viele Solopreneure treffen genau dann ihre schlechtesten Entscheidungen, wenn sie sie sich am wenigsten leisten können.

Wenn dir das Geld ausgeht, wenn du nicht weißt, wie du nächsten Monat die Fixkosten decken sollst und an dir selbst zweifelst – dann spürst du starke scarcity. Dein Gehirn geht in den Überlebensmodus. Und dadurch schrumpft deine mental bandwidth dramatisch.

Das bedeutet: Du bist nicht mehr zugänglich für differenzierte Argumente. Und für dein Solo-Business kann das bedeuten: Du interessierst dich nicht für langfristig sinnvolle Veränderungen im Geschäftsmodell – sondern kaufst den Kurs von jemandem, der sagt: Mit meinem Kurs machst du in zwei Wochen sechsstellige Umsätze! Auch wenn du eigentlich ganz genau weißt, dass dieses Versprechen zu gut ist, um wahr zu sein.

Das ist keine Dummheit. Das ist ein Gehirn unter existenziellem Stress, das einfach nicht mehr klar denken kann. Und genau deswegen sind Menschen in dieser Lage so anfällig für Bullshit-Versprechen.

Nicht weil sie naiv wären, sondern weil ein überlastetes Gehirn keine guten Entscheidungen trifft.

Im Krieg

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Gestern habe ich mit einem Gründer gesprochen, der aus dem Iran kommt.

Es ist schwer, sich auf die Gründung zu konzentrieren, wenn in deinem Heimatland Krieg herrscht und du in Sorge um die Sicherheit deiner Familie bist.

Oder, anders formuliert: Egal, welche Sorgen du gerade in deinem Business hast… Wahrscheinlich ist es ein Luxus-Problem.