Tag#Lebensfragen

Cheerleader

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Wenn wir gründen, wenn wir selbständig sind und unser eigenes Business haben oder wenn wir uns sonst wie aus dem Fenster lehnen… Dann haben wir nicht nur Supporter. Es gibt eine Menge Menschen, die ihre Freude daran hätten, wenn wir auf die Fresse fallen.

Ich verstehe diese Missgunst nicht, und zwar überhaupt nicht. Aber ich kann sie nicht wegzaubern.

Was ich tun kann, ist meine Gründer:innen anzufeuern und ihnen zu sagen: Du schaffst das! Go, go, go!

Hoffnungen und Sorgen

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Wenn man ein großes neues Projekt startet, dann sind damit Hoffnungen und Sorgen verbunden.

Nicht alle Hoffnungen werden sich erfüllen. Das Leben ist schließlich kein Wunschkonzert.

Nicht alle Sorgen werden eintreten. Gott sei Dank.

Manchmal wechseln Sorgen und Hoffnungen sogar die Seiten.

Was tatsächlich passieren wird, können wir nicht wissen. Müssen wir auch nicht.

Es genügt, bei sich zu bleiben.

Ziele, die passen

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Marilyn Ferguson schreibt in Die sanfte Revolution: “Wer ernsthaft spielt, nimmt Rücksicht auf seine Menschlichkeit, wenn er sich Ziele setzt.”

Solopreneurship, das funktioniert, setzt Ziele, die zur eigenen Natur passen — nicht gegen sie.

Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Ist es aber wahrscheinlich nicht, solange der Markt voller Vorbilder ist, die ihre Ausnahmefähigkeiten als Maßstab verkaufen.

Wer mit seinem Solo-Business erfolgreich sein will, sollte seine Ziele nicht daran messen, wer man im besten aller Fälle vielleicht sein könnte — sondern daran, womit man wirklich und dauerhaft arbeiten kann.

Herausfordernde Visionen

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Viele Solopreneure suchen sich selbst, bevor sie gründen. Sie wollen erst herausfinden, was ihre Stärken sind, was sie wirklich können, worin sie gut sind. Ein vernünftiger Gedanke — und trotzdem führt er oft nicht zum Ziel.

Unsere Fähigkeiten zeigen sich nämlich nicht im luftleeren Raum. Erst eine konkrete Ausrichtung, eine starke Gründungsvision bringt Talente zum Vorschein, die vorher schlicht nicht sichtbar waren — weil es keinen Grund gab, sie zu aktiveren.

Wer weiß, wohin er will, entwickelt plötzlich Fähigkeiten, die er sich vorher nicht zugetraut hätte.

Nicht, weil er sich verändert hätte — sondern weil die neue Aufgabe sie herausfordert.

Das Wettrennen der Übertreibung

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Weil wir Angst haben, nicht ernst genommen zu werden, übertreiben wir.

Und weil wir wissen, dass alle anderen auch übertreiben, trauen wir uns gegenseitig nicht mehr über den Weg. Und weil wir uns gegenseitig nicht mehr über den Weg trauen, müssen wir noch lauter übertreiben. Ein Teufelskreis.

Im Online-Marketing ist das besonders gut zu beobachten. Wer selbst lügt — oder zumindest “übertreibt” —, weiß, dass die anderen das auch tun. Die sogenannte trust recession hat hier ihre Wurzel: Nicht in einzelnen schwarzen Schafen, sondern in einem System, das Übertreibung als Normalzustand akzeptiert hat.

Das Tückische daran: Wer die Dinge täglich zu seinen Gunsten zurechtbiegt, merkt irgendwann nicht mehr, dass er das tut. Falsche Informationen werden zum “neuen normal” — nicht aus Bosheit, sondern weil alle es machen.

Die Lösung? Nicht mehr lügen. Ganz einfach.

Das X auf der Linie

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Eine Übung für alle Gründer:innen:

Stell dir eine Linie vor. Links steht Freiheit, rechts steht Sicherheit. Und jetzt: Wo setzt du dein X?

Freiheit und Sicherheit schließen sich aus – aber die meisten Gründer:innen wünschen sich beides: Die Freiheit der Selbständigkeit gepaart mit dem sicheren Einkommen und der Planbarkeit einer Anstellung.

Aber das Spannungsfeld von Freiheit und Sicherheit ist nicht auflösbar. Du kannst dich in diesem Spannungsfeld nur verorten, nach deiner ganz persönlichen Präferenz. Wer sich nicht aktiv verortet, landet trotzdem irgendwo — nur eben unbewusst. Und dann wundert man sich, warum die Selbständigkeit nicht das ist, was man sich vorgestellt hat.

Wer sich aktiv im Spannungsfeld positioniert, hört auf, zu beklagen, was er nicht hat — und fängt an, das zu gestalten, wofür er sich entschieden hat.

Der zuverlässige Reflex der Selbstständigkeit

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Wenn es nicht läuft, dann arbeitet der Solopreneur mehr.

Umsatz zu niedrig? Ordentlich dahinterknien! Projekt ins Stocken geraten? Wochenende opfern!

Dieser Reflex funktioniert bei Solopreneuren so zuverlässig, dass man ihn kaum noch bemerkt. Er fühlt sich sogar richtig an — nach Verantwortung, nach Ernsthaftigkeit, nach Entrepreneurship.

Aber das ist keine Strategie. Das ist eine Gewohnheit. Und: Gewohnheiten skalieren nicht.

Irgendwann sind die Stunden aufgebraucht. Und dann? Noch noch mehr arbeiten?

Fleiß beantwortet die strategischen Fragen nicht. Er verdrängt sie nur.

Gedankenlose Geschenke

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Wenn man Geburtstag hat, kriegt man gerne mal ein Mail mit Geburtstagsgrüßen von irgendwelchen Firmen, bei denen man Kunde ist – oder war. Mitunter ist auch ein kleines Geschenk dabei.

Mein Freund Martin hat sich unlängst über so ein Geburtstags-“Geschenk” geärgert. Es war ein 5-Euro-Gutschein ab einem Einkaufswert von 50 Euro. Er hat das nämlich nicht als Geschenk empfunden, sondern an schlecht verkleidete Werbemaßnahme, die ihn zum Kaufen animieren soll. Der eigentlich Beschenkte wäre dann nicht er, sondern das Unternehmen.

Über solche “Geschenke” freut man sich nicht, weil sie nicht leiwand sind. Leiwand ist, wenn man am Geburtstag gratis auf den Wiener Donauturm gehen kann. Oder wenn die ÖBB sagen; Wenn du die Vorteilscard hast, kannst du an deinem Geburtstag gratis in ganz Österreich herumfahren.

Darüber freut man sich, weil man wirklich etwas geschenkt bekommt.

Und nicht zuletzt deshalb, weil man das Gefühl hat: Hier hat sich jemand wirklich was überlegt, womit er mir eine Freude machen kann.

Dabei unterstelle ich der 5-Euro-Gutschein-Firma nicht mal eine schlechte Absicht. Vielleicht glauben die Marketing-Leute dort ja wirklich, dass sich die Kunden darüber freuen. Aber ich bin mir sicher: Wenn sich die verantwortlichen Mitarbeiter:innen auch nur eine Stunde lang zusammensetzen würden, kämen sie ohne große Mühe auf etliche viel leiwandere Ideen. Man müsste nur wollen.

Denn besonders bei Geschenken gilt: Mach es gscheit, oder lass es bleiben.

Persönliche Grenzen

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Leslie Jäger sagt: Ja, man hat Grenzen, aber man muss sie nicht immer akzeptieren. Das ist eine Entscheidung. 

Tatsächlich ist es wahrscheinlich eher so: Meine Leistungsgrenzen muss ich nicht akzeptieren. Ich kann mein Leben lang dazulernen und besser werden. Aber ich muss akzeptieren, dass meine Ressourcen begrenzt sind, und dass ich notwendigerweise irgendwo an meine Grenzen stoßen werde.

Feldnotizen 04/26

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Ein paar Gedanken aus meinen Notizbuch. Ungeordnet, ungefiltert, ohne Anspruch auf Wahrheit.

Der Markt gibt immer die Antwort.

„Do you want to send this email, or do you want to get a job?“ (Maggie Patterson)

„Enshittification“ führt dazu, dass das Internet zunehmend unleiwand wird.

„Der Naturzustand von Unternehmen ist nicht, dass sie gekommen sind, um zu bleiben“. (Phillip Maderthaner)

Mehrwert schlägt Selbstdarstellung.

KI kann auch eine große Zeitverschwendung sein → KI als Unterhaltung und Ablenkung → „KI-Konsumismus“ (© ich)

Wertlose Ideen

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„Eine Idee ist nichts wert, wenn die Ausführung nix wert ist”, sagt David Schalko.

Oder, für ein Gründungsprojekt formuliert: Eine Geschäftsidee ist nur so gut wie ihre Ausführung.

Oder, nochmal anders: Mach dir keine Sorgen, dass dir irgendjemand deine gute Idee klauen könnte. Mach dir lieber Gedanken, wie du deiner guten Idee mit einer exzellenten Umsetzung gerecht wirst.

Der Feed zeigt nicht die Welt, er zeigt dich

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Unlängst wieder: LinkedIn geöffnet, Feed reingezogen, und nach zehn Minuten die quälende Frage im Hinterkopf: Mache ich eigentlich irgendetwas richtig?

Dabei passiert da etwas Eigenartiges: Der Feed zeigt mir nicht, wie die Welt wirklich funktioniert. Er zeigt mir, wo ich unsicher bin.

Ein Coach mit hundert Reaktionen auf einen einzigen Post trifft mich genau dort, wo ich mir selbst nicht erfolgreich genug vorkomme. Die Zeitmanagement-Queen mit drei extra “freien Stunden” pro Tag trifft mich dort, wo ich das Gefühl habe, selbst zu wenig zu schaffen.

Der Feed ist ein Spiegel der eigenen Zweifel. Und er ist sehr gut darin, diese Zweifel zu finden – und zu nähren.

[Danke Matthias Barth für diesen Gedanken.]

Die stille Seite des Sonntags

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Manche Fragen stellen sich nur in ruhigen Momenten.

Unter der Woche ist man zu beschäftigt dafür. Man checkt ständig die Inbox, schaut ob der letzte LinkedIn-Post performt hat, zählt die Follower auf Insta. Man weiß rational, dass es keine Rolle spielt — und checkt trotzdem drei-, viermal am Tag. Das Wissen hilft nicht gegen den Reflex.

Aber: “Genug” ist kein Zustand, den man irgendwann erreicht. Es ist eher eine Entscheidung — und zwar eine, die sich nur in stillen Momenten treffen lässt.

Entscheidungen ohne Strategie

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Viele Solopreneure verwenden eine Menge Energie darauf, einzelne Entscheidungen zu optimieren. Welches Angebot? Welcher Preis? Welcher Kanal?

Das kann auf Dauer sehr anstrengend werden.

Dieses Klein-Klein entsteht dann, wenn man keine Strategie hat. (Und die allermeisten Solo-Businesses haben keine Strategie.)

Der eigentliche Aufwand liegt also nicht in den tausend Einzelentscheidungen. Er liegt in der Stufe davor, wenn es darum geht, seine Solo-Business-Strategie zu entwickeln: Wer bin ich, was will ich eigentlich erreichen – und warum?

Der Philosoph stört

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Social-Media-Plattformen sind keine Diskursräume. Differenzierte Meinungen und tiefgehende Gespräche haben es dort ganz, ganz schwer.

Alles, was die Leichtigkeit und die Gefälligkeit des kontinuierlichen Inhalte-Flusses stört (also differenzierte Argumentationen oder ein echter Meinungsaustausch), wird vom Algorithmus nicht gern gesehen.

Der Clown wird gegenüber dem Philosophen eindeutig bevorzugt, weil der Clown platt ist und sofort Reaktionen auslöst — und kein langes Nachdenken verlangt.

Die Plattformen sind wie Einkaufszentren: Alles ist darauf ausgerichtet, dass man möglichst lang weitergeht und weiterschaut – und seine gute Laune nicht verliert.

Vertrauen und Hinterfragen

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Je komplexer die Welt wird, desto öfter müssen wir Menschen und Systemen vertrauen, die wir nicht durchschauen. Und damit meine nicht nur KI.

Es bleibt dir als Solopreneur ja auch gar nichts anderes über. Du kannst nicht alles kontrollieren, nicht alles wissen, überall up to date sein. Niemand kann das.

Niklas Luhmann hat das „Komplexitätsreduktion” genannt. Vertrauen ermöglicht uns, trotz Nichtwissen zu handeln. Aber das bedeutet auch: Gerade weil wir uns auf Systeme verlassen müssen, die wir nicht durchschauen, brauchen wir wirksame Kontrollmöglichkeiten. Sonst wird aus dem notwendigem Vertrauen gefährliche Naivität.

Das Paradoxon des modernen Lebens ist also: Wir müssen vertrauen, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig dürfen wir nie aufhören, dieses Vertrauen zu hinterfragen.

Freude als Widerstand

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Es gibt Momente, in denen Fröhlichkeit keine Stimmungslage ist, sondern eine Haltung.

Martin Shaw nennt das the Merrie — jene alte, fast vergessene Qualität des gemeinsamen Feierns, die nicht trotz der Schwere des Lebens entsteht, sondern wegen ihr.

Unser Alltag liebt den Ernst. Er klappt am besten, wenn wir funktionieren. Fröhlichkeit irritiert da meistens.

Aber: Wer heute mit anderen am Tisch sitzt, isst, lacht — der tut etwas Subversives. Nicht weil er die Welt ignoriert, sondern weil er sie feiert. Die Gemeinschaft. Den Moment. Das Genug.

Das ist keine Kleinigkeit.

[Danke Martin Shaw für diesen Gedanken]

Gut gemacht, trotzdem schlecht

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Auch Folgendes ist denkbar: Du hast alles richtig gemacht, und das Ergebnis ist trotzdem suboptimal.

Es liegt nicht immer alles nur an dir!

Du hast nicht die volle Kontrolle über das Ergebnis eines Prozesses. So leid es mir tut, und so sehr du dir das auch wünschen würdest.

Der Anfang vom Ende

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“Veränderung kann ein Umweg sein, um Abschied zu vermeiden”, sagt Gordon Schönwälder.

Er meint damit Podcasts.

Aber der Gedanke geht viel weiter — und tiefer.