Überbucht

Da ist die Freundin meiner Frau, selbständige Psychotherapeutin. Wahnsinnig lieb, sehr gewissenhaft, hat sich letztes Jahr selbständig gemacht.

Vor Weihnachten haben innerhalb einer Woche drei ihrer Klient*innen die Termine abgesagt. Bedeutet einen Umsatz-Verlust von 300 Euro.

Sofort setzt die finanzielle Verlustangst ein. Nicht, dass dieser Umsatz-Entgang objektiv gesehen bedrohlich wäre. Sie kann es sich leisten, sowohl von der Liquidität als auch von der Rentabilität her. Jeder Buchhalter würde ihr sagen: Überhaupt kein Problem! Machen Sie sich keine Sorgen, genießen sie die gewonnene Zeit und tun Sie sich was Gutes!

Aber so denken wir Solo-Selbständige nicht. Wir machen uns sofort Sorgen: Was, wenn das jetzt so weitergeht? Was, wenn das erst der Anfang ist? Was, wenn mein Umsatz von jetzt an jede Woche um 300 Euro weniger ist? Das wären 15.000 Euro weniger Umsatz pro Jahr! Oh mein Gott!!!

Und von dieser Existenzangst angetrieben, treffen wir kurzsichtige Entscheidungen. Ihre Lösung: Sie überbucht sich. Sie nimmt jede Woche drei Termine mehr an, als ihr eigentlich gut tun, um sich abzusichern, wenn drei Klient*innen kurzfristig absagen.

Und was ist passiert? Letzte Woche sind alle Klient*innen planmäßig gekommen. Und damit hatte sie drei Termine zu viel – und war am Ende der Woche völlig ausgepowert. Der Umsatz war gerettet, aber er war teuer erkauft.

Ich habe volles Verständnis für ihre Entscheidung, weil ich diese Existenzängste selbst gut nachvollziehen kann und bei so, so, so vielen Gründer*innen und Selbständigen beobachtet habe. Aber schlau war die Idee natürlich trotzdem nicht.

Schlau wäre, ruhig zu bleiben und zu vertrauen, dass alles gut wird. Wer ruhig bleibt, gewinnt.

Aber das ist soooo verdammt schwer.