Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst (2007)

Das, was in dem Buch gesagt wird, ist ausgesprochen gescheit, inspirierend und erhellend. Aber es ist kaum jemandem zuzumuten, das Buch zu lesen!

Gelesen: 2020

Einleitung

Die Forderung, „jeder solle sich bis in den letzten Winkel seiner Seele zum Unternehmer in eigener Sache mausern”, wird von Motivationsgurus und Selbstmanagementtrainern gestellt, aber auch von Wirtschaftswissenschaftlern, Bildungsexperten und Trendforschern, sagt UB (S. 7).

  • Ich ergänze: Auch von immer mehr LehrerInnen, Jugendcoaches, AMS etc. (vgl. EBCL LifeManagement und deren Fans; die gehen durch alle Bevölkerungsschichten, da gibt es kaum Widerspruch, das ist „common sense”.) 
  • Ich ergänze: Auch von Proponenten der Zivilgesellschaft, vgl. Wolf Lotter

S. 7: Das unternehmerische Selbst „ist ein Bündel an Deutungsschemata” aus:

  • normativen Anforderungen
  • Rollenangeboten und Vorbildern
  • institutionellen Arrangements
  • Sozial- und Selbsttechnologien
  • Mit anderen Worten: „Das unternehmerische Selbst ist ein Leitbild.” (S. 7)

„Unternehmerisch” wird im politischen Kontext gerne synonym verwendet für „Eigeninitiative” und „Selbstverantwortung”. (S. 8)

  • Wenn der Politik bzw. den traditionellen Institutionen (Schulen, AMS, WKO) die Antworten ausgehen, dann appellieren sie an die Selbstverantwortung: Wenn wir dir nicht mehr sagen können, was du tun sollst, dann (und nur dann) wirst du wieder deines Glückes Schmied. 
  • Das Problem ist nur: Wie soll jemand am Ende der Fahnenstange unternehmerisch denken und handeln können, wenn er es bis dahin nie gelernt hat? Dieselben Institutionen, die unternehmerisches Denken und Handeln als ultima ratio fordern, haben genau das nicht gefördert bzw. verhindert, solange es ihnen lästig war.  Erst, wenn sie mit ihrem Latein am Ende sind, delegieren sie die Verantwortung auf den Einzelnen zurück (und putzen sich damit ab). 
  • Der Forderung nach Selbstverantwortung haftet damit immer ein starker Zynismusverdacht an.

„Unternehmerische Wissensgesellschaft” (S. 8): Da werden zwei gewichtige Schlagwörter kombiniert; in dem zitierten Kontext ist es politische Schaumschlägerei, aber ist da vielleicht etwas dran an dieser Kombination?

  • Ist die Wissensgesellschaft (besonders im Sinne der knowledge worker von Peter Drucker) ohne die Unternehmer denkbar, die sie hervorzubringen das Potenzial hat? 
  • Ist es die Wissensgesellschaft, wie Drucker sie meint, überhaupt denkbar, wenn in ihr nicht auch Edupreneure (als eine Ausformung) entstehen?
  • Werden nicht bestimmte Formen des Unternehmertums erst durch die Wissensgesellschaft und knowledge work ermöglicht?
  • Bedingt hier eines das andere? Was ist Ursache, was ist Wirkung?

Der Staat sieht es als seine Aufgabe, das Umfeld zu schaffen, den Rahmen zu bilden, damit diese unternehmerisch denkenden Menschen für sich selbst Sorge tragen können. (S. 8)

  • Gleichzeitig haben wir in Europa, besonders in Österreich, auch den Sozialstaat, den niemand so leicht aufgeben will – auch nicht die liberalsten Politiker (und sei es nur deswegen, weil sie um ihre Wählerstimmen bangen). 
  • Wir sind in Europa nicht in den USA, wo dieser liberale Gedanke ganz stark ausgeprägt ist und wo er nicht mehr hinterfragt wird.
  • Wir haben in Europa die Chance, die Selbstverantwortung mit einer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und der Gesellschaft gegenüber uns zu kombinieren. Nur ist das gar nicht so einfach zu denken und noch schwerer in ein praktisches Denk- und Handlungsmodell zu gießen. Das muss man erst mal begreifen und dann vermitteln können! Da ist es leichter, auf ideologische Schwarz-Weiß-Malerei zurückzufallen. Nur findet man darin selten die Antworten für eine komplexe Zukunft.
  • Gleichzeitig will uns „der Staat“ schon auch unter Kontrolle haben, gängeln, „beherrschen“.

UB spricht in Bezug auf das unternehmerische Selbst von einem „Kraftfeld” (S. 8), das den Einzelnen in seinen Bann zieht und auf den es einen Sog auswirkt – vor allem auf sein Verhalten.

„Das Kraftfeld des unternehmerischen Selbst speist sich aus vielen Quellen” (S. 9). Es ist nicht nur ein politisches Thema – aber es wird auch in der Politik instrumentalisiert.

WICHTIG: Das ist KEIN Buch über Lifestyle Entrepreneure! In diesem Buch geht es nicht um unternehmerisch handelnde Subjekte, sondern um das unternehmerische Selbst als Instrument der Herrschaftsausübung!

  • „Untersucht wird also das Regime der Subjektivierung, nicht was die diesem Regime unterworfenen und in dieser Unterwerfung sich selbst als Subjekte konstituierenden Menschen tatsächlich sagen oder tun. Die Frage lautet nicht, wie wirkmächtig das Postulat, unternehmerisch zu handeln, ist, sondern auf welche Weise  es seine Wirkung entfaltet.” (S. 10)
  • Damit fehlt für mich ein wichtiger Teil des Bildes.
  • In diesem Buch erfahre ich also etwas über das „Kraftfeld”, aber nicht darüber, wie die Menschen in diesem Kraftfeld agieren, wie es ihnen damit geht, wie gut oder schlecht sie damit zurecht kommen – und auch nicht, wie sie dieses Kraftfeld ev. sogar nützen können, um ihre eigenen Lifestyle Businesses voranzubringen.
  • Es ist wichtig, dass ich diese Einschränkung bei Lesen immer im Auge behalte.

Das unternehmerische Selbst ist ein Ideal, das nie erreicht werden kann!

  • „Es geht im Folgenden nicht nur um das, was die Einzelnen tun sollen und wie sie dazu in die Lage versetzt werden, sondern auch darum, dass ihre Anstrengungen immer wieder fehlgehen und die den Anforderungen niemals vollends genügen können.” (S. 11)
  • Einerseits: Ein Ziel, das sich nie erreichen lässt, ist keine gute Leitlinie für ein gelungenes Leben.
  • Andererseits: Ist das nicht das Charakteristikum jedes Ideals, dass es sich nie ganz erreichen lässt? Gilt das nicht für das Leben an sich, dass man seinen Anforderungen nie ganz genügen kann?
  • Inwiefern ist das unternehmerische Selbst also anders, schlechter, „gefährlicher” als andere gesellschaftliche Ideale?

Das Ideal des unternehmerischen Selbst ist im Kontext zu sehen mit der generellen Dynamik der Ökonomisierung des Lebens. (S. 11)

Das unternehmerische Selbst ist gezwungen, frei zu sein. Es hat sich diese Freiheit nicht ausgesucht, es ist gezwungen, fortwährend zu wählen. (S. 12)

Der Arbeitskraftunternehmer (S. 12)

  • Der Einzelne übernimmt die unternehmerische Verantwortung für seinen Produktionsfaktor Arbeitskraft und vermarktet sich möglichst optimal am Arbeitsmarkt. Dazu gehören Karriereplanung und „strategische Entscheidungen“, z.B. den Arbeitgeber zu wechseln und wo anders neue Erfahrungen zu sammeln. 

„Das unternehmerische Selbst ist ein Abkömmling des homo oeconomicus“ (S. 12)

„Die Fabrikation des unternehmerischen Selbst operiert mit Erfolgsversprechen und Ansturzdrohungen“ (S. 12)

  • Ja, eh. Das sind die Kampfmittel jeder Ideologie. Warum sollte es hier anders sein. 

I. Genealogie der Subjektivierung – ein Forschungsprogramm

Wie man zum Subjekt wird:

  • „Ein Subjekt zu werden ist ein paradoxer Vorgang, bei dem aktive und passive Momente, Fremd- und Eigensteuerung unauflösbar ineinander verwoben sind.” (S. 19)
  • „Der Mensch wird zum Subjekt, weil er sich zu dem erst machen muss, was er schon ist, weil er das Leben führen muss, welches er lebt.” (S. 19)

Foucault: Auf das Subjekt wird Macht ausgeübt. Diese Machtausübung „stachelt an, gibt ein, lenkt ab, erleichtert oder erschwert, erweitert oder begrenzt, macht es mehr oder weniger wahrscheinlich, im Grenzfall nötigt oder verhindert sie vollständig”. (S. 20)

  • Der Einzelne ist in Machtstrukturen verstrickt und verwoben. Diese „Mächte” bestimmen mit, wie weit der Einzelne mit seiner Selbst-Werdung kommen kann/darf bzw. in welche Richtung sie gehen soll.
  • Es liegt nicht alleine in unseren Händen. Es liegt lediglich in unserer Macht, die Spielräume, welche die Machtstrukturen bieten, voll und ganz und für unsere Zwecke auszunutzen.
  • Machtstrukturen: Politik, Gesellschaft, Schule, Familie, Eltern, Beziehungen, Wirtschaftssysteme, Arbeitgeber, Wirtschaftskammer, …

„Zum Selbst werden” ist eine total rekursive, selbstbezogene (und letztlich auch unabschließbare) Arbeit. „Der Gegenstand, dem [die Arbeit] gilt, und der Arbeiter, der sie leisten soll, fallen zusammen.” (S. 22)

  • Das Objekt, das bearbeitet wird, bin ich selbst. Der Arbeiter bin ich auch selbst. Dadurch entstehen notwendigerweise viele Selbstbezüge – aber auch viele innere Widersprüche und Konflikte.
  • Kann man „Selbstbezogenheit” jemanden zum Vorwurf machen, der sich mit sich selbst beschäftigt (vgl. Gen Y)?
  • In wie weit können Externe („Lebensberater”) in diesen Prozess überhaupt sinnvoll eingreifen? Können Sie die Selbstbezogenheit sinnvoll lenken? Oder sind sie auch nur ein Artefakt der Machtstrukturen? Oder sind sie Helfer/Komplizen?

Der Prozess der Subjektivierung ist unabschließbar. (S. 22)

  • Das Projekt Leben wird nie fertig. (Außer durch den Tod beendet. Deswegen gehört der auch so notwendig dazu!)
  • Für Selbstoptimierung gibt es keine natürlichen Grenzen.
  • „Lebenslanges Lernen” greift diesen Gedanken auf und macht ihn zum „common sense”.
  • Ist das eine Zumutung für den Menschen, oder ist das sein größtes Geschenk? (Oder ist es beides?)

Individualisierung = der Einzelne findet heraus, was ihn von anderen unterscheidet. (S. 23)

  • Das geschieht durch Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung.
  • Der Einzelne wird zur „Marke”, mit einer USP.
  • Daher: Individualisierung und Subjektivierung sind nicht das Gleiche. UB versteht Individualisierung als einenModus der Subjektivierung.

„Individuum-Sein wird zur Pflicht” (Niklas Luhmann; S. 24)

  • Die USP zu finden, ist der prototypische Rat an Gründer, besonders an EPU.
  • Die USP zu finden, wird auch allen geraten, die sich am Arbeitsmarkt bewerben.
  • VM empfiehlt sogar im Prozess der Partnersuche seine USP zu finden, um „erfolgreich“ zu sein.
  • Es geht um Einzigartigkeit und Unvergleichbarkeit.
  • Individualisierung ist Resultat und Grund der Wettbewerbsgesellschaft. Im Konkurrenzkampf um Jobs, Aufmerksamkeit, … muss man unverwechselbar sein, muss man auffallen, um einen Vorteil zu haben.
    • Vgl. „Du musst nicht besser sein, nur anders.“

Die Herausforderung für das Individuum: Das plurale Selbst wird niemals damit fertig, „seine Elemente zu einer kohärenten Einheit zu versammeln”. (S. 24)

  • Vgl. die schwierige Aufgabe, „seine eigene Story” zu schreiben und sowas wie einen roten Faden in den Zufälligkeiten des Lebens zu finden. Jeder hat sooo viele verschiedene Erkenntnisse darüber, wer er/sie ist, was ihn/sie ausmacht.
  • Ist es nicht für den Einzelnen eine völlig überfordernde Aufgabe, diese „kohärente Einheit” zu finden? Noch dazu, weil sich die Elemente im Laufe des Lebens auch immer wieder verändern?
  • Der Mensch wird zum „Produkt” (oder, weniger industriell, zur „Marke”). Ein Produkt hat klare Eigenschaften und einen klaren Nutzen. Weil das Produkt fixiert ist, kann man auch eine Story des Produktes fabrizieren. Weil das Produkt fix ist, lässt es sich auch vermarkten. Wenn etwas im Fluss ist, wenn es uneindeutig und vielleicht sogar widersprüchlich ist, wird es schwer mit der Vermarktung. 
  • => Erst die Individualisierung macht es möglich, sich selbst zu vermarkten. Wenn alle gleich sind, gibt es keinen Markt (zumindest keinen Markt, der den Einzelnen favorisiert).

Individuen haben heute bisher ungeahnte Wahlmöglichkeiten, aber sind gleichzeitig auch in gleichem Maße Wahlzwängen unterworfen. (S. 26)

  • Ulrich Beck: „Die Menschen sind zur Individualisierung verdammt.“
  • Wahlzwang kann zu Überforderung und Paralyse führen.

„Zwang zur Individualisierung bedeutet schließlich auch, die Verantwortung für das eigene Scheitern sich selbst zurechnen zu müssen.” (S. 26)

  • Verantwortung für das eigene Scheitern muss selbst übernommen werden („Du hast dich ja so entschieden”) -> aus Angst vor dieser Anklage ziehen es junge Menschen vor, sich lieber gar nicht zu entscheiden.

Die Aufgabe, ja die Pflicht zur Subjektivierung und Individualisierung ist herausfordernd, ja überfordernd. Es ist ein Wechselspiel zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und dem, was der Einzelne daraus zu machen versucht. Deshalb wendet sich der Einzelne an Autoritätsinstanzen, die ihm den Weg weisen sollen, die ihm sagen sollen, wo es lang geht. Aber sehr häufig kommt da nichts Brauchbares. (S. 30)

  • Blogger, Podcaster, „Gurus”, Influencer, sind neue Formen dieser Autoritätsinstanzen.
  • Menschen suchen nach Problemlösungen, nicht nach Problemerläuterungen.

„Ein Subjekt zu werden ist etwas, dem niemand entgeht und das zugleich niemandem gelingt.” (S. 30)

  • Es ist eine kollektive Aufgabe. Sie betrifft jeden.
  • Insofern muss jeder durch diese Gasse. Das Thema ist ein Evergreen.

„Selbsttechnologien” (S. 31) – ein interessantes Wort

Es gibt hier keine einfachen Reiz-Reaktions-Automatismen. Es gibt einen Sog, der bestimmte Verhaltensweise wahrscheinlicher macht als andere. (S. 38). Und: Es gibt immer auch Widerstände:

  • „Programme übersetzen sich niemals bruchlos in individuelles Verhalten; sich ihre Regeln anzueignen, heißt immer auch, sie zu modifizieren. Der Eigensinn menschlichen Handelns insistiert in Gestalt von Gegenbewegungen, Trägheitsmomenten und Neutralisierungstechniken.” (S. 40)

„Subjektivierungsregime brauchen Subjektivierungsregisseure.” (S. 41)

  • Klassisch: Seelsorger, Lehrer, Ärzte
  • Neu: Berater, Gutachter, Therapeuten, Trainer
  • Sie alle sind „Experten der Subjektivität”, weil sie die Frage nach dem Sinn des Lebens (existenzielle Frage) in das technische Problem transferieren, wie Schwierigkeiten möglichst effizient zu „managen” sind und „Qualität des Lebens” gesteigert werden kann.
  • Selbstmanagement/Lifemanagement als neue Antwort auf die ältesten Fragen der Menschheit? Selbstmanagement/Lifemanagement als neue „Religion”, die Sinn gibt – aber ohne spirituelle Energie?

Prozess der Professionalisierung und Ausdifferenzierung (S. 41f)

  • „Um herauszufinden, wer man ist, braucht man offensichtlich jemanden, der es einem sagt; um dazu zu werden, jemanden, der einem dabei hilft.” (S. 42)
  • Zugleich „konstruiert jedwede professionelle Hilfe zuallererst Hilfsbedürftige”. Sie unterstellt Hilfsbedürftigkeit und stellt diese Unterstellung gar nicht mehr in Frage!

„Die Genealogie der Subjektivierung weiß nicht, ob es ein Jenseits der Regierungen des Selbst gibt, aber sie insistiert darauf, die Zumutungen sichtbar zu machen, welche die Subjektivierungsregime den Einzelnen abverlangen.” (S. 44)

  • Es sind Zumutungen!
  • Genealogie = Ahnenforschung, Erforschung des Ursprungs

„Die vorliegende Studie […] untersucht ein Subjektivierungsmodell, in dem sich, so die im Weiteren zu explizierende These, eine Vielzahl gegenwärtiger Regierungs- und Selbstregulierungspraktiken verdichten: das unternehmerische Selbst.” (S. 45)


2. Konturen des unternehmerischen Selbst – eine Spurensuche

Die Ich-AGs arbeiten ständig am Kurswert der eigenen Aktie. (S. 46)

  • Ziel ist die Wertsteigerung – bis ins Unendliche?
  • „Wert” ist dabei nicht nur Vermarktungswert (= Arbeitskraft); Wert = Wertschätzung

Das unternehmerische Selbst gibt es in der Realität gar nicht. Man wird es nirgends finden. (S. 46)

  • „Das unternehmerische Selbst bezeichnet überhaupt keine empirisch beobachtbare Entität, sondern die Weise, in der Individuen als Personen adressiert werden, und zugleich die Richtung, in der sie verändert werden und sich verändern sollen.“
  • Das Unternehmerische Selbst ist „kein Werkzeug zur Beschreibung der Wirklichkeit, sondern ein Instrument, sie zu verändern”. (S. 48)
  • Das ist nicht ganz leicht zu kapieren.

„Ein unternehmerisches Selbst ist man nicht, man soll es werden.” (S. 47)

  • „nicht vorfindbar, sondern hervorzubringend“
  • Dieses Ideal ist gerade ausgesprochen zeitgeistig.

Zunehmende Verbetrieblichung der alltäglichen Lebensführung (S. 48)

  • Und ob! Genau das mach doch ein LifeManager: Haushaltsplan, Budgetcontrolling, Lebensplanung, -vision, -strategie… = Aufgaben eines Betriebes, einer „Ich-AG“
  • Es wird unwidersprochen hingenommen, wenn man sagt: Eine Familie, das ist wie ein kleiner Betrieb.
  • „Der Ökonomisierungsdruck erfasst alle Bereiche des Alltags.” (S. 48)
  • Weiterlesen: Hans J. Pongratz, G. Günter Voß: Fremdorganisierte Selbstorganisation (1997)

„Die Tendenz zu gesteigerter Selbstkontrolle, Selbstökonomisierung und Selbstrationalisierung […] lässt sich demnach insbesondere  in zukunftsträchtigen Erwerbsfeldern wie […] im Weiterbildungs- und Beratungssektor nachweisen […].” (S. 49)

  • Das unternehmerische Selbst ist also besonders für Edupreneure relevant. Das hatte ich schon vermutet.

„Die prekäre Variante des Arbeitskraftunternehmers schließlich bildet das wachsende Heer der Kleinselbständigen, die sich arbeitsagenturgefördert oder ohne staatliche Anschubfinanzierung durchschlagen  – ohne große Aussicht, damit irgendwann zu jenem Wohlstand zu gelangen, den man einmal mit der Gestalt des Unternehmers assoziierte.” (S. 49)

  • Das trifft leider definitiv auf einige TeilnehmerInnen des UGP zu.
  • Das trifft ganz sicher auch auf einige (die meisten?) Edupreneure zu.
  • Wie sieht das in Hinblick auf Lifestyle Entrepreneure aus? Ist es unvermeidbar, dass der Lifestyle Entrepreneur auf (finanziellen) Wohlstand verzichten werden muss?

„Konsumistischer und unternehmerischer Imperativ fielen zusammen: Als Konsument sollte der Einzelne sein Genusskapital akkumulieren und hatte sich zu diesem Zweck so innovativ, risikobereit und entscheidungsfreudig zu erweisen, als müsse er ein Unternehmen zum Markterfolg führen.” (S. 51)

  • Interessanter Gedanke: Der „Triumph des Unternehmers” kommt eigentlich auch der Logik des Konsumismus. Die Individualität entsteht im Privaten und darin vor allem über den Konsum. Durch das, was ich konsumiere, unterscheide ich mich von anderen. 
  • Und: Um die Mittel aufzubringen, die ich für den Konsum brauche, muss ich mich unternehmerisch verhalten. Dabei geht es aber mMn nicht nur um Geldmittel, sondern auch um Vision und Kreativität . Ich muss meinen Konsum so strategisch planen wie ein Unternehmen, damit ich im Privaten individuell und unterscheidbar bin, damit ich meine USP habe.
  • Diese USP ist notwendig, weil für uns Menschen Status so enorm wichtig ist (vgl. Seth Godin). Der Status im Privaten definiert sich also über die Einzigartigkeit meines Konsums. Und um hier einzigartig zu sein, braucht es unternehmerisches Denken und Handeln.
  • Das ist wirklich ein ganz spannender Gedanke. Er kommt übrigens nicht von Bröckling, sondern von einem Artikel von Paul Thibaud: The Triumph of the Entrepreneur (1984)

„Dabei konnte er jene Verhaltensdispositionen einüben, die ihm auch in anderen Lebensbereichen zugute kamen.” (S. 51)

  • Es endet also nicht beim privaten Konsum – im Gegenteil. Das ist erst der Startpunkt.
  • „Von einem Unternehmer im Dienste des eigenen Genusses kann man zu einem Unternehmer im Allgemeinen werden.” (Thibaud)

„Zwischen dem Streben nach Selbstverwirklichung und dem nach wirtschaftlichem Erfolg klaffte nicht länger ein unversöhnlicher Gegensatz, beide verstärkten sich vielmehr gegenseitig.” (S. 52)

  • Das ist wirklich spannend. Das unternehmerische Denken und  der Kapitalismus wandern also quasi die Bedürfnispyramide hinauf. Sie beginnt bei materiellen Dingen und erreicht schließlich sogar die Domäne der Selbstverwirklichung. 
  • Wieder unterstelle ich hier das Streben nach Individualismus und Unterscheidbarkeit als grundlegenden Antrieb. Unternehmerisches Denken ist einfach dafür geeignet, diesen Antrieb erfolgreich zu füttern. Es ist ein Erfolgsrezept! Der Kapitalismus ist ein Erfolgsrezept! Klar, dass es auch in der Domäne der Selbstverwirklichung Fuß fassen konnte.
  • Nur entstand damit halt ein Problem: Selbstverwirklichung und wirtschaftlicher Erfolg wurden (und werden) gleichgesetzt. Der Prozess wurde verkürzt auf: Finanzieller Erfolg = Selbstverwirklichung. Und umgekehrt: Selbstverwirklichung („Folge deiner Leidenschaft!“) => Finanzieller Erfolg. Und diese Formeln sind bis heute sehr präsent. 
  • Nur: Das kann sich nicht ausgehen! Denn: Bin ich kein „richtiger”, „vollwertiger” Mensch, wenn ich (gerade) keinen finanziellen Erfolg habe? (Vgl. Menschen in Arbeitslosigkeit; Gründer/Unternehmer, die mit ihrem Unternehmen scheitern, etc.) Was ist, wenn ich mit meiner Leidenschaft nicht reich und erfolgreich werde?
  • Dieses Spiel lässt sich nicht gewinnen. Es führt nur zu einem immer galoppierenderen Konsum, was im Endeffekt für die Klimakatastrophe verantwortlich ist. Und diese Katastrophe hat ihr Grundübel in der verkürzten Formel „Konsum = Selbstverwirklichung = Glück”.
  • Diese industriekapitalistische Welt- und Menschensicht beruht darauf, dass wir unsere eigenen Lebensgrundlagen untergraben (Philipp Blom) – die materiellen, aber auch die psychologischen. Das Erfolgsrezept wirkt also nur kurzfristig. Langfristig führt es uns in die Hölle.

Eine weitere Folge dieser Entwicklung: Umkehrung von Mittel und Zweck

  • „Nicht länger erschien die Ökonomie als ein Instrument im Dienste der Gesellschaft und ihrer politischen Institutionen, fortan sollte vielmehr die Gesellschaft und ihre politischen Institutionen dem Imperativ der Ökonomie gehorchen.” (S. 52)
  • Auf den Punkt gebracht als: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut.
  • Das ist in der Corona-Krise 2020 präsenter denn je: Das Wichtigste ist, dass die Wirtschaft sich derfängt. Das ist ziemlich unhinterfragt, auch bei den Grünen. Das ist Common Sense.

Parallel dazu: Übergang vom Wohlfahrts- zum aktivierenden Staat (S. 52)

  • Menschen sollen „in Arbeit gebracht” werden. Das AMS setzt „Aktivierungsmaßnahmen”. 
  • Aktuell: Zur Reintegration der vielen Corona-bedingten Arbeitslosen setzt man eher auf Umschulungen als auf eine Erhöhung des Arbeitslosengeldes. Es soll möglichst unattraktiv sein, „nicht aktiv” zu sein.

Nicht unterschätzen sollte man in diesem Zusammenhang den Einfluss der USA und GB in den Achtzigerjahren. (S. 53)

  • „Dass jede und jeder zum Unternehmer des eigenen Lebens werden sollte, lag in der Logik von Thatcherism und Reaganomics, welche die individuelle Selbstverantwortung an die oberste Stelle der politischen Agenda setzten […].” (S. 52)
  • Es ging um die Etablierung einer „enterprise culture”.
  • Reagan (1985): neue „Ära des Unternehmertums”: „Unternehmerisch zu handeln, ist nichts ausschließlich Amerikanisches, aber Unternehmergeist scheint stärker in unserer Natur zu liegen als sonst irgendwo auf der Welt.” (S. 54)
  • Darüber habe ich mir weitere Gedanken gemacht: Wo sind die europäischen / österreichischen Denker und Gurus?

Ein verstörendes Paradoxon: „Sich als handlungsmächtiges Subjekt zu imaginieren, statt sich den Kräften des Marktes wehrlos ausgeliefert zu fühlen, wird gleichbedeutend damit, sich konsequent als Marktsubjekt zu verhalten.” (S. 56)

  • Gegen den Markt zu rebellieren bedeutet gleichzeitig, ihn als existent anzuerkennen.
  • Der Markt ist nur so mächtig, wie Menschen versuchen, ihn für sich zu nutzen bzw. ihn zu überlisten. Indem man versucht, sich dem Markt zu entziehen, akzeptiert und bestärkt man erst die Existenz des Marktes.

Neue Selbständige: „Das Mehr an Selbstbestimmung erkaufen Sie mit einem Weniger an sozialer Absicherung.” (S. 57)

  • Weil sie ihre Geschäftsbeziehungen selbst organisieren müssen, wird Kommunikationsarbeit zu einem wesentlichen Bestandteil ihrer Tätigkeit.

Das unternehmerische Selbst spricht die Sehnsüchte von Menschen an: „Zu einer hegemonialen Gestalt konnte das unternehmerische Selbst […] nur werden, weil sie an ein kollektives Begehren nach Autonomie, Selbstverwirklichung und nichtentfremdeter Arbeit anschloss. Ohne die utopischen Energien […] hätte dieses Rollenmodell niemals eine solche Anziehungskraft entwickeln können.” (S. 58)

  • Diese Sehnsüchte bestehen weiter. Wenn das unternehmerische Selbst keine gute Antwort ist – was ist es dann? Oder ist das die falsche Frage?

„Die Individuen sollen ihre Macht über sich selbst, ihr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein und ihre Gesundheit ebenso maximieren wie ihre Arbeitsleistung und ihren Wohlstand; sie sollen das umso besser können, je aktiver und selbstverantwortlicher sie ihr Leben in die Hand nehmen; und sie sollen professionelle Hilfe suchen, wenn sie mit all dem überfordert sind.” (S. 61)

  • Das ist das Nutzenversprechen, das „Glaubensbekenntnis” des Life Management, der kleinen Unternehmer, die die Welt verändern.
  • Das ist auch die Kernidee von Zivilgesellschaft und Zivilkapitalismus.
  • Das ist auch das, was die attraktive Utopie ist: Wir haben unser Glück selbst in der Hand. Es kommt nur darauf an, was wir daraus machen!
  • Das entspricht paradoxerweise auch den Werten der „Therapiekultur”: Psychologen, Berater, Coaches, … haben ein Interesse daran, dieses Ideal am Leben zu erhalten, weil es ihre Arbeit legitimiert und auch materiell ermöglicht. 
    • Wolf Lotter würde das ganz anders sehen. In der Wissensgesellschaft sind die Ansprüche eben anders.
  • Insofern haben wir da viel Selbstbezug: Berater beraten Berater, die Berater beraten.
  • Jedes Modell, das interessengeleitet ist, hat eine Agenda. So wird aus einer Utopie eine Ideologie – weil sie denen nützt, die sie vertreten.

„Selbstmanagement beruht in wesentlichen Teilen auf der Überzeugung, das erreichen zu können, was man erreichen will.” (S. 68)

  • Ohne diese Überzeugung hätte Selbstmanagement keinen Sinn.
  • Das bedeutet aber gleichzeitig auch: Wenn du das, was du willst, (noch) nicht erreicht hast, dann musst du dein Selbstmanagement verbessern! Du musst produktiver/effektiver werden! Nicht die Umwelt ist schuld, sondern es liegt an dir. Denn alles andere wäre ja eine Opfer-Mentalität.
  • Das ist auch das, was Brian Little meint mit: Sind die Kabel angesteckt? Du kannst optimieren was du willst, wenn du das, was du erreichen willst, nicht erreichen kannst, dann wird es dir nicht gelingen.
  • Selbstmanagement muss also ausgeglichen werden mit einem realistischen Gespür dafür, was für den Einzelnen überhaupt mach- und erreichbar ist.

„Permanente Weiterbildung, lebenslanges Lernen, persönliches Wachstum – die Selbstoptimierungsimperative implizieren die Nötigung zur kontinuierlichen Verbesserung. Angetrieben wird dieser Zwang zur Selbstüberbietung vom Mechanismus der Konkurrenz.” (S. 71f)

  • Ich finde, hier geht er zu weit. Weiterbildung, Lernen und Wachstum rein als Instrumente der Disziplinierung zu sehen, ignoriert aus meiner Sicht den intrinsischen Impuls des Menschen nach Wachstum und Entwicklung. Sieht man ja bei Kindern: Der Mensch will lernen, will sich entwickeln, will wachsen. Dieser Aspekt wird hier völlig ausgeklammert.
  • Es stimmt schon: In dieser Sichtweise ist keine Freiwilligkeit dabei. Er spricht von „Nötigung”. Der Einzelne hat keine Wahl. Es geht nicht darum, dass er wachsen will, sondern er wird zum Wachstum genötigt. Das ist halt schon ein großer Unterschied.
  • Und dennoch: Mich stört, dass dieser erste Aspekt so komplett ausgeklammert wird. Damit wird mir das Bild zu einseitig.

„Sichtbar geworden ist schließlich auch die dunkle Seite der unternehmerischen Selbstoptimierung: Die dauernde Angst, nicht genug oder nicht das Richtige getan zu haben, und das unabstellbare Gefühl des Ungenügens gehören zum Unternehmer in eigener Sache […].” (S. 74)

  • Ja, das US überfordert. Dabei gibt es tatsächlich dunkle Seiten und unerwünschte Nebenwirkungen. 
  • Es ist fraglich, ob Lifestyle Entrepreneure in der Summe wirklich glücklicher sind. Eine Frage, die weh tut.

„Die Anrufung des unternehmerischen Selbst macht auch vor jenen nicht Halt, in deren Ohren selbst bescheidene Verheißungen wie blanker Hohn klingen müssen, weil ihnen ihre Überflüssigkeit tagtäglich vor Augen geführt wird.”

  • Gemeint sind: Langzeitarbeitslose, benachteiligte Jugendliche und wohl auch Flüchtlinge
  • Wirklich erstaunlich, welche Anziehung unternehmerischen Konzepte auf jene ausstrahlt, die für diese Personengruppen verantwortlich sind. Sie sind von dem Wunsch beseelt, dass diese „schwierigen Zielgruppen” endlich ihr Leben selbst in die Hand nehmen und sich damit das Leben derer erleichtern würde, die sich mit ihnen beschäftigen müssen. Die Zauberformel des „Sei der Kapitän deines eigenen Lebens” ist wirklich zu verlockend.
  • Das kann aber ganz leicht in Zynismus abgleiten. 
  • Vgl. Life Management: Die Grenze zwischen ehrlich empfundener Hilfe und Unterstützung und einer Zumutung von jemandem, der überhaupt nicht versteht, wie es einem Langzeitarbeitslosen geht, ist sehr, sehr schmal. Weißt du eigentlich wirklich, wozu du da die Hand reichst?

3. Rationalität

3.1 Die Wahrheit des Marktes. Facetten des Neoliberalismus

„Unternehmer gibt es nur, wo es Märkte gibt; unternehmerisches Handeln ist nur Handeln in Hinblick auf Markterfolg.” (S. 76)

  • Unternehmertum und Markt bedingen einander. Wer sich mehr unternehmerisches Handeln wünscht, wünscht sich gleichzeitig mehr Lebensbereiche, die durch eine Marktlogik reguliert sind.
  • Wer A sagt, muss auch B sagen.

Der Neoliberalismus hat kein einheitliches politisches Konzept, ist kein kohärentes Ideengebäude: „Die ökonomischen Theorien, die unter dem selbst gewählten oder von außen zugeschriebenen Label „Neoliberalismus” firmieren, sind alles andere als homogen.” (S. 104) Aber folgende sind wichtige Eckpunkte: (vgl. S. 78f; S. 106)

  • Generalverdacht: Es wird zu viel regiert.
  • Der Ort, wo sich die Wahrheit über die Natur des Regierens zeigt, ist der Markt.
  • Es ist immer das Individuum, das sich entscheidet. Das Individuum entscheidet so, dass es für sich den Nutzen maximiert.
  • Versprechen des Liberalismus (nach Foucault): „Ich werde dir die Möglichkeiten zur Freiheit bereitstellen. Ich werde es so einrichten, dass du frei bist, frei zu sein.“
  • „Regieren unter dieser Maxime erfordert konsequenten Verzicht auf jede Maßnahme, die der unsichtbaren Hand des Marktes Fesseln anlegen könnte. Deshalb stehen alle politischen Interventionen zunächst unter Generalverdacht.“
  • Wehrt sich gegen jede Form der Umverteilung, z.B. Wohlfahrtsstaat, weil sie mit den marktwirtschaftlichen Prinzipien nicht vereinbar sind (Ausnahme: Subvention von jenen, die kurzfristig oder langfristig ihre Existenz nicht sichern können und damit als Marktteilnehmer ausscheiden würden). (vgl. S. 84)
  • Wichtig: Die Ordoliberalen (!, die deutsche Schule des klassischen Liberalismus) sehen den Wettbewerb als bestes Ordnungsprinzip für die Ökonomie – aber nur für die Ökonomie! Sie wollen den Wettbewerb nicht als Prinzip, mit der man die Gesellschaft als Ganzes aufbauen könnte. Es braucht außerhalb der Ökonomie einen „kräftigen politisch-moralischen Rahmen”. (S. 85f)
    • Damit unterscheiden sie sich von der Chicago School of Economics, die den Wettbewerb als „allgemeines Beschreibungsmodell menschlichen Handelns” auffassen. 

Ökonomischer Imperialismus = „Ausweitung ökonomischer Erklärungen auch auf Lebensbereiche, die traditionell nicht der Sphäre der Ökonomie zugerechnet werden” (S. 86f)

  • Wie das u.a. gelingt: Indem der Einzelne als Akteur begriffen wird, der mit seinen Entscheidungen den Markt beeinflusst.
  • „Was auch immer jemand tut, er könnte es auch unterlassen oder in derselben Zeit etwas anderes tun. Deshalb ist es sinnvoll davon auszugehen, dass er jene Option ergreifen wird, von der er annimmt, dass sie seinen Präferenzen am ehesten entspricht. Der Mensch der Humankapitaltheorie ist vor allem ein Mensch, der sich unentwegt unterscheidet.” (S. 88)
  • Dieser Opportunitätskosten-Ansatz lässt sich (mit ein bisschen gutem Willen) natürlich auf sämtliche Lebensbereiche übertragen. Vgl. Personal Project Management 

Liberalismus = „Verschiebung weg vom Paradigma des Tausches hin zu dem des Wettbewerbs”

  • Tauschökonomie wird zur Wettbewerbsgesellschaft
  • Gabenökonomie -> Tauschökonomie -> Wettbewerbsökonomie -> Netzwerkökonomie -> Zugangsökonomie

Menschen sind im Liberalismus von Becker und Schultz „Kompetenzmaschinen” (Foucault):

  • Bildung als Humankapitalinvestition: „[…] diese Maschinen wollen umsichtig entwickelt, sorgfältig gewartet und kontinuierlich auf die Marktanforderungen hin adjustiert werden. Damit kann gar nicht früh genug begonnen werden, und es erfordert, noch bevor der Einzelne den Auf- und permanenten Ausbau seiner Kompetenzen in die eigene Hand nehmen kann, das Engagement seiner Eltern sowie anderer gesellschaftlicher Institutionen.” (S. 92)
  • „Vom Versprechen, die Investition in das Humankapital eines Säuglings lasse sich noch optimieren, indem man ihm „aktivierendes” Spielmaterial zur Verfügung stellt, lebt mit neurowissenschaftlicher Rückendeckung eine ganze Industrie.” (S. 92)
  • Majia Holmer Nadesan: Engeneering the entrepreneurial infant (2003)
  • Vgl. Englisch im Kindergarten; Talente so früh wie möglich erkennen

Es herrscht das Universalprinzip „Selbst schuld!” (S. 93)

  • „Wer krank wird, hat sich nicht genug um seine Gesundheit gesorgt [oder hat zu viel „negative Energie” in sein Leben gelassen, Anm.]; wer Opfer eines Unfalls oder eines Verbrechens wird, hätte sich mehr um seine Sicherheit kümmern sollen.“
  • Vgl. Life Management, wo diese Denkweise auch manifestiert war/ist: Beispiel Rauchen: Der Raucher wählt das Rauchen, weil er daraus (kurzfristig) hohen Nutzen zieht und entscheidet sich dagegen, etwas gegen den langfristigen gesundheitlichen Schaden zu unternehmen. Alles, was der Mensch tut, ist eine Entscheidung mit Opportunitätskosten. 

Auch Wissen ist eine Investition (S. 95)

  • „Welche Ressourcenallokation den maximalen Return On Investment erbringt, erweist sich erst im Nachhinein, doch gerade weil vollständige Information nicht erreichbar und er Markterfolg letztlich kontingent ist, kann der relative Informationsvorsprung den Ausschlag geben. Auch der Wille zum Wissen ist in dieser Perspektive eine ökonomische Funktion […].“
  • [Der Erwerb von Wissen stellt] eine Investition ins eigene Humankapital dar […]. Ein homo oeconomicus zu werden, ist auch ein Bildungsprogramm.“

Was Friedrich August von Hayek (laut UB) sagt:

  • „Kurzum, der Markt ist klüger als seine Teilnehmer, weshalb diese gut daran tun, seinen Signalen zu folgen.” (S. 99)
    • vgl. Seth Godin: Der Markt ist ein „listening device“.
  • „Deutlicher als die meisten seiner Weggefährten spricht er aus, dass der Wettbewerb nicht nur Sieger hervorbringt und der Erfolg mindestens ebenso sehr vom Glück abhängt wie vom individuellen Bemühen.” (S. 102) 
  • „Eine Wettbewerbsgesellschaft ist keine Leistungsgesellschaft, und sie stiftet erst recht keine soziale Gerechtigkeit.” (S. 102)
  • „Es ist die Hauptaufgabe des Wettbewerbs, zu zeigen, welche Pläne falsch sind.” (S. 103)

Welche Verhaltensregeln für die individuelle Lebensführung ergeben sich daraus?

  • „Weil Glück und Geschick unauflöslich miteinander verwoben sind, kann er nie sicher sein, ob sein Erfolg dem puren Zufall uns sein Misserfolg mangelnder Anstrengung geschuldet ist, und muss in jedem Fall weiterhin all seine Kräfte einsetzen, ohne je wissen zu können, ob die Mühe sich lohnen wird. Das Glück winkt nur dem Tüchtigen, aber noch so viel Tüchtigkeit schützt nicht unbedingt vor dem Unglück.” (S. 103)
    • Daran zerbrechen Unternehmer*innen auch schon mal. 

3.2 Unternehmerfunktionen

„Unternehmerisches Handeln, so weit besteht Konsens, ist ökonomisches Handeln, aber nicht jede ökonomische Aktivität ist unternehmerisch.” (S. 108)

  • vgl. Unternehmer vs. Manager: Ein Manager handelt auch wirtschaftlich (= ökonomisch), aber er macht oft das Gegenteil dessen, was man „unternehmerisches Handeln” nennen würde. 
  • Ich würde das sogar einschränken und sagen: Ein Unternehmer handelt mitunter auch nicht ökonomisch (im Sinne von wirtschaftlich). Unternehmerisches Handeln muss nicht immer rein ökonomisch sein – vor allem nicht bei Lifestyle Entrepreneuren.

Die Nationalökonomen (Schumpeter und Co) unterstellen „dem Unternehmer” vier Grundfunktionen unternehmerischen Handelns (vgl. S. 110):

  1. Unternehmer sind findige Nutzer von Gewinnchancen
  2. Unternehmer sind Neuerer
  3. Unternehmer übernehmen die Unsicherheiten des ökonomischen Prozesses 
  4. Unternehmer koordinieren die Abläufe von Produktion und Vermarktung

Diese Funktionen sind keineswegs trennscharf voneinander abzugrenzen.
Der Unternehmer als findiger Nutzer von Gewinnchancen

  • „Findigkeit” (alertness) ist nach Israel M. Kirzner die entscheidende Eigenschaft des Unternehmers (S. 114)
  • UB zitiert Kirzner: „Unternehmertum besteht nicht darin, nach einem freien Zehndollarschein zu greifen, den man bereits irgendwo entdeckt hat. Es besteht vielmehr darin, zu entdecken, dass es ihn gibt und dass er greifbar ist.“
  • „Findigkeit lässt sich verstehen als die Fähigkeit, schneller als andere und vor allem „ohne gezieltes Vorgehen zu lernen” [Kirzner].” (S. 114)
  • „Findigkeit braucht Stimulation [vonseiten der Politik, mithilfe von Märkten, die Findigkeit auch belohnen]. Auch das ist ein unabschließbares Projekt.” (S. 115)

Der Unternehmer als Innovator (Schumpeter)

  • Schumpeter sieht im Unternehmer „weniger den findigen Spekulanten als den schöpferischen Zerstörer und Innovator”. (S. 115)
  • „Was den Entrepreneur von den übrigen Menschen unterscheidet, sind erst in zweiter Linie sein Wissen und seine Auffassungsgabe; in erster Linie ist es seine Willensstärke.” (S. 116)
    • Der Entrepreneur ist in erster Linie ein Macher, ein Führer; hat Willen, hat Kraft, hat Macht; hat Autorität, hat Gewicht, findet Gehorsam.
  • „Angetrieben wird der Entrepreneur nicht von hedonistischen Motiven: der unternehmerische Drang zu handeln speist sich vielmehr aus dem Streben nach Unabhängigkeit, der Lust am Kämpfen und Siegen, am Erfolg als solchem, schließlich an der Freude am Tun wie am Schaffen eines Werkes.” (S. 116)
    • … und beschreibt damit ein endliches Spiel.
  • „In den konkreten Personen mögen sich beide Momente in unterschiedlichen Kombinationen verbinden, bezogen auf die Funktion im ökonomischen Prozess gibt es nur Neuerer oder Nachahmer. Schöpferische Gestaltung oder Routine, einen Weg bauen oder einen Weg gehen – tertium non datur.” (S. 117)
  • „Die wirtschaftliche Entwicklung wird allein von den Entrepreneuren vorangebracht, die anderen verwalten Bestände.” (S. 117)

Der Unternehmer als Träger von Risiken

  • „[Frank H.] Knights Unternehmer „ist einfach ein Spezialist für de Übernahme von Risiken und das Handeln unter Ungewissheit”.” (S. 118)
  • Im Unternehmer vereinigen sich Verantwortung und Kontrolle des für ihn arbeitenden Personals: „In dieser Kopplung liegt für Knight der Kern des Unternehmertums, weshalb er dem bezahlten Manager, der lenkt, aber nicht die wirtschaftlichen Konsequenzen seiner Entscheidungen zu tragen hat, den Unternehmerstatus abspricht, sofern er nicht auch zumindest partieller Kapitalgeber ist.” (S. 118)
    • vgl. Ernesto Sirolli: Entrepreneur vs. Manager
    • „Unternehmer sind Agenten des Wandels, Manager der Stabilität.” (Peter Temin) (S. 123)

Der Unternehmer als Koordinator

  • Marc Casson: „Ein Unternehmer ist derjenige, der sich darauf spezialisiert hat, Entscheidungen über die Koordination knapper Ressourcen zu treffen.” (S. 120)
  • „Er glaubt, dass er recht hat, während alle anderen sich irren.” (S. 121)
  • „Den Informationsvorsprung zu gewinnen und zu erhalten, verursacht Kosten, für deren Deckung der Unternehmer Kapital braucht. Sein Zugang zu Informationen hängt nicht zuletzt von einem sozialen Umfeld ab, das ihn – etwa durch familiäre Beziehungen oder Mitgliedschaften in Clubs und Vereinigungen – in Kontakt zu Informationsträgern bringt.” (S, 122)

Diese Unternehmerfunktionen stellen nicht nur eine Deskription dar, sondern bilden zugleich „ein normatives Modell individueller Lebensführung.” (S. 123)

  • Entrepreneurship ist „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unproduktivität”. (Jan Masschelein, Maarten Simons) (S. 123)
  • „Selbstverschuldet ist dies Unproduktivität, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel an Humankapital, sondern am Mangel an Entschlossenheit und Mut liegt, sich seines Humankapitals ohne Leitung eines anderen zu bedienen.” (Jan Masschelein, Maarten Simons) (S. 123)

„Entrepreneurship findet ihr Vorbild weit eher im Genius des Künstlers, im strategischen Geschick un der Entschlusskraft des Feldherrn oder im Rekordstreben des Sportlers.” (S. 124)

„Unternehmerische Initiative gilt inzwischen als Universaltherapie für alles und jeden, ihr Fehlen als Ursache sämtlicher Probleme.” (S. 124)

„Die Entwicklung von Entrepreneurship steht unter dem Diktat des Komparativs: Unternehmerisch handelt man nur, sofern und solange man innovativer, findiger, wagemutiger, selbstverantwortlicher und führungsbewusster ist als die anderen. […] Jeder soll Entrepreneur werden, aber wären es tatsächlich alle, wäre es keiner. Jeder könnte, aber nicht alle können.” (S. 126)

„Diesem Wettkampf kann sich niemand entziehen, aber nicht alle spielen in der gleichen Liga.” (S. 126)

  • Ja, definitiv. Sieht man ja auch im UGP. Da spielen auch nicht alle in der gleichen Liga. Wer hat, dem wird gegeben. Wir werden immer Arme unter den Gründer*innen haben. 

3.3 Vertragswelten

Unser Alltagsleben ist sehr stark durch Verträge geregelt, ganz besonders durch die impliziten Verträge – „Gesellschaftsverträge” im weitesten Sinn.

  • Ein Beispiel: „Pädagogische Bestseller empfehlen gestressten Eltern bereits seit den 70er-Jahren, im Streit mit ihrem Nachwuchs nicht auf ihre Autorität zu pochen, sondern eine „Familienkonferenz” einzuberufen und gemeinsam für alle akzeptable Regeln des Zusammenlebens zu vereinbaren. Kontraktpädagogik tritt an die Stelle disziplinierender Sanktionen.” (S. 130)
  • Wir hinterfragen gar nicht mehr, ob das die beste Herangehensweise ist. Sie ist so intuitiv „vernünftig”, dass sie zur Selbstverständlichkeit geworden ist.
  • Damit ist kein Werturteil getroffen. „Kontraktpädagogik” kann eine gute Idee sein oder auch nicht. Der Punkt ist: Sie ist oft unhinterfragt und unwidersprochen.

Implizite Verträge gibt es auch in Angestelltenverhältnissen (neben dem expliziten Arbeitsvertrag): „Leistungsanforderungen lassen sich leichter durchsetzen, so das Credo eines Management by Objectives, wenn die Geschäftsführung sie nicht dekretiert, sondern mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aushandelt. Zielvereinbarungen verpflichten nachhaltiger als ein Regime des Anordnens und Kontrollierens.” (S. 130f)

„Trotz der allseits beschworenen neuen Kontraktkultur ist die Vertragsbeziehung zwischen Dienstleisterstaat und Bürgerkunden indes alles andere als symmetrisch: Die eine Seite bestimmt, wann ein Vertrag geschlossen wird, und legt die Konditionen fest, die andere hat sich daran zu halten.” (S. 131)

  • vgl. UGP: Der Vertrag ist nicht verhandelbar. Details lassen sich ev. individuell leben, aber der Vertrag ist für alle Gründer*innen der gleiche. Nimm ihn, oder nimm ihn nicht – egal, ob er zu dir passt oder nicht.

4. Strategien und Programme

4.1 Kreativität

„Der Begriff Kreativität weckt uneingeschränkt positive Assoziationen; umgekehrt gibt es kaum ein Übel, das nicht auf Kreativitätsdefizite zurückzuführen und nicht durch vermehrte kreative Anstrengungen zu kurieren sein soll. Was auch immer das Problem ist, Kreativität verspricht die Lösung.” (S. 152)

  • Das sagt man auch Solopreneuren: Ihr müsst eben kreativ sein!

„Wie jede Religion besteht auch die der Kreativität nicht nur aus Glaubensüberzeugungen, sondern auch aus sozialen Praktiken sowie aus Experten, die sie verkünden und die Laien entsprechend anleiten.” (S. 153)

„Menschen können nicht aus nichts etwas schaffen, ihre Schöpfungen sind stets Derivate – Umschöpfungen von bereits Vorhandenem. Weil sie sich die Welt aber handelnd und deutend aneignen, gehen ihre Hervorbringungen stets über das Vorgefundene hinaus. Menschen können und müssen Neues zustande bringen, doch ihre Inventionen und Innovationen sind niemals absolut. Der Versuch, kreative Personen, Akte oder Produkte dingfest zu machen, mündet deshalb in einem unendlichen Regress: In allem Neuen steckt etwas Altes, auf dem es aufbaut, das es modifiziert oder von dem es sich absetzt. Umbekehrt steckt in jeder Wiederholung ein Moment der schöpferischen Variation. Dass etwas kreativ ist, lässt sich daher mit gleichem Recht behaupten wie bestreiten.” (S. 155)

„Weil das Neue eine relationale Kategorie ist, bedeutet kreativ zu sein, Distinktionen zu schaffen. […] Die Möglichkeiten, Neues zu schaffen, sind unbegrenzt, entscheidend ist das Moment der Differenz.” (S. 157)

„Als Leitmetapher des zeitgenössischen Kreativitätsdiskurses fungiert zweifellos das problemlösende Denken. […] Das Problem, das es zu lösen gilt, ist freilich immer das gleiche: Erfolgreich und innovativ zu sein, sich im Wettbewerb zu behaupten, Kunden zu finden für sich und die eigenen Produkte.” (S. 159)

„Czikszentmihalyi macht auch auf die soziale Dimension von Kreativität aufmerksam. Der „schöpferische Augenblick” mag dem Einzelnen gehören und ihn im sprichwörtlichen stillen Kämmerlein ereilen, doch kreativ ist man nie allein. Der Kreative steht in der Auseinandersetzung mit anderen, die seinen Erfindungen, Artefakten oder Sinndeutungen bzw. ihm selbst dieses Attribut zusprechen oder verweigern, auf deren Anerkennung er hofft oder deren Missachtung er fürchtet, mit denen er gemeinsam Ideen schmiedet oder die er meidet, um auf Ideen zu kommen, die ihm Probleme aufgeben oder deren Lösungen ihn nicht befriedigen, in deren Fußstapfen er tritt oder aus deren Fußstapfen er gerade heraustritt.” (S. 168)

„Einfach nur andere Wege zu gehen als die Masse, nützt gar nichts, solange sich niemand dafür interessiert. Kreativ ist das Neue, das sich durchsetzt.” (S. 169)

  • „Welche Kreationen Rendite abwerfen, entscheidet sich auf dem Markt. Der Rest verpufft.” (S. 169)
  • „Jeder hat nicht einfach nur kreativ zu sein, sondern kreativer als die anderen.” (S. 170)

Richard Florida: The Rise Of The Creative Class (2002)

  • Kreativität ist die ultimative ökonomische Ressource (S. 172)
  • Zitat aus dem Buch: „Die kreative Klasse besteht aus Menschen, die durch ihre Kreativität ökonomischen Wert schaffen. Sie schließt viele Wissensarbeiter, Symbolanalytiker und qualifizierte technische Angestellte ein, der Begriff betont aber ihre im Kern ökonomische Bedeutung. […] Die meisten Angehörigen der kreativen Klasse verfügen nicht über nennenswertes materielles Eigentum. Ihr Eigentum – das aus ihren kreativen Fähigkeiten erwächst – ist immateriell, weil sie es im Wortsinn in ihren Köpfen tragen. […] Die Angehörigen der kreativen Klasse betrachten sich bis jetzt nicht als eine klar identifizierbare soziale Gruppe; aber sie teilen viele Wünsche und Vorlieben. Die neue Klasse mag in dieser Hinsicht nicht so eindeutig abgrenzbar sein wie die industrielle Arbeiterklasse in ihrer Hochzeit, aber sie zeigt eine zunehmende Kohärenz.” (S. 173)
  • Da gibt es SO VIELE Anknüpfungspunkte: Lifestyle Entrepreneure, Wassermann-Wirtschaft, Gabenökonomie, Seth Godin: The Icarus Deception; Zugangsökonomie usw. 
  • Da entwickelt ein Wissenschaftler eine für mich sehr nützliche Theorie!
  • Floridas Anliegen: Standortförderung. Gegenden mit vielen Kreativen sind wettbewerbsfähig und prosperieren wirtschaftlich.
  • „Kreative sind Individualisten, und Bowling ist nicht unbedingt ihre bevorzugte Freizeitbeschäftigung. Nicht die Rückkehr zu festen, sondern die Multiplikation loser Bindungen kennzeichnet diese Klasse […].” (S. 173)

„[…] aus dem permanenten Gefühl des Unvermögens resultieren denn auch sowohl der nicht nachlassende Hunger nach Kreativitätstechniken wie der fortwährende Boom entsprechender Angebote.” (S. 179)

  • In der Leistungsgesellschaft des unternehmerischen Selbst wird immer ein „Markt” sein für Kreativitätsangebote, weil es nie genug ist.

4.2 Empowerment

Saul D. Alinsky: „Tatsache ist doch, dass jede Gemeinschaft ganz gleich wie arm sie ist, Probleme hat, aber sie hat keine Ziele, sie kennt nur schlechte Verhältnisse.” (S. 187)

  • Diesen Menschen muss zuerst einmal aufgezeigt werden, was Anderes noch möglich wäre. Erst aus dieser Vision können sich Ziele entwickeln, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Paolo Freire: Bankiers-Methode herkömmlicher Bildungsprogramme (S. 190)

  • Buch: Paolo Freire: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit
  • Schüler sind Anlage-Objekte, Lehrer sind die Anleger.
  • Paolo Freire: „Statt zu kommunizieren, gibt der Lehrer Kommuniqués heraus, macht er Einlagen, die die Schüler geduldig entgegennehmen, auswendig lernen und wiederholen. […] Je mehr die Schüler damit beschäftigt sind, die Einlagen zu stapeln, die ihnen anvertraut sind, um so weniger entwickeln sie jenes kritische Bewusstsein, das entstehen würde, wenn sie in der Welt als Verwalter dieser Welt eingreifen würden. Je vollständiger sie ihre passive Rolle akzeptieren, die ihnen aufgenötigt wird, desto stärker neigen sie dazu, sich der Welt einfach so, wie sie ist, und der bruchstückhaften Schau der Wirklichkeit, die ihnen eingelagert wurde, anzupassen.“
  • Mich erinnert das an die Gründer/EPU: Sie sind damit beschäftigt, das abzuarbeiten, was ihnen von Außen als Aufgaben aufgebürdet wird – und bleiben damit weitgehend in einer passiven Rolle.
    • Make Gründungsberatung suck less! -> Das müsste man begreifen!

„ „Empowered” ist man nie genug.” (S. 195)

  • Auch Empowerment ist ein unabschließbares Projekt.
  • Auch der Versuch, EPU zu empowern, kann kein Ende finden. Wann ist dieses Ziel erreicht? Ist hier überhaupt noch etwas zu erreichen, oder sind EPU ohnehin empowered genug? Wer entscheidet das? usw.

„Persönliches Wachstum und das der Firma, der Kampf um individuelle Autonomie und der gegen die Pleite sollen zusammenfallen, und der Einzelne soll von den an ihn gestellten Anforderungen sebst dann noch profitieren können, wenn das Unternehmen ihn ausmustert.” (S. 211)

„Die Freiheit vom Disziplinarzwang wird erkauft mit der Pflicht zur permanenten Optimierung und Selbstoptimierung.” (S. 212)

4.3 Qualität

„Verliehen wird das Qualitätssiegel auf dem Markt. Selbst die seltenste Preziose ist wertlos, solange niemand den geforderten Preis für sie zu zahlen bereit ist. Umgekehrt besitzt auch ein Ramschprodukt Qualität, wenn nur das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt und sich Abnehmer finden. Weil Marktorientierung in diesem Sinne konsequente Qualitätsorientierung verlangt (und umgekehrt), wird unternehmerisches Handeln gleichbedeutend mit Qualitätsmanagement.” (S. 216)

Total Quality Management dient in erster Linie dazu, „die Mitarbeiter aller Ebenen auf unternehmerisches Handeln zu verpflichten. Unternehmen steigern ihre Qualität und damit ihre Wirtschaftlichkeit, lautet die Botschaft des TQM, wenn sie sich in eine Vielzahl von „Unternehmen im Unternehmen” verwandeln. Aus Lohnempfängern sollen Intrapreneure werden, die Verantwortung übernehmen, Engagement zeigen und ihre Arbeitsbereiche entsprechend der internen wie externen Kundenbedürfnisse selbständig optimieren.” (S. 221)

„Benchmarking beruht auf der Imitation erfolgreicher Verhaltensmuster. Individuen wie Organisationen sollen, so das Prinzip, den Erfolgreichsten die Rezepte abschauen, denen diese ihren Erfolg verdanken. Doch wenn alle den gleichen Rezepten folgen, verschwindet der Abstand und damit der Erfolg. Das Paradox des Benchmarking liegt darin, dass seine Wirkung in dem Maße abnimmt, in dem die Zahl der Nutzer des Konzepts steigt. Die Nachahmer lernen immer das Falsche, weil das optimale Verfahren von heute schon morgen zur Standardlösung geworden ist und eben keinen Wettbewerbsvorteil mehr garantiert.” (S. 232)

„Er unermüdliche Wille zum Wissen schlägt bisweilen seltsame Kapriolen […].” (S. 234)

„Man tut, was gemessen, und unterlässt, was vom Bewertungsraster nicht erfasst wird. Die Feedbacks schaffen so erst die Wirklichkeit, die sie zu bewerten vorgeben […].” (S. 241)

4.4 Projekte

„Wenn auch fast alles zum Projekt werden kann, so doch nicht alles zugleich. Die Festlegung auf ein Projekt schließt viele andere aus, und wo verschiedene Projekte parallel laufen, müssen sie als voneinander unterschiedene kenntlich bleiben. Projekte zeichnen sich geradezu über ihre Begrenzungen aus […].” (S. 251)

„Der Name, den man einer Sache gibt, lässt diese nicht unberührt. Etwas als Projekt zu deklarieren heißt, ihm den Charakter eines Entwurfs oder Vorhabens zuzusprechen und in der Folge so auf es einzuwirken, dass es den Kriterien der Projektförmigkeit entspricht.” (S. 251)

„ „Projekt” ist eine spezifische Form, die Wirklichkeit zu organisieren – ein Rationalitätsschema, ein Bündel von Technologien, schließlich ein Modus des Verhältnisses zu sich selbst.” (S. 251)

„Nichts ist per se ein Projekt, aber es gibt kaum etwas, das nicht in diese Form gebracht werden könnte.” (S. 251)

„Alle Menschen sind Projectmacher”, sagte Johann Heinrich Gottlob von Justi schon 1761 in seinem Aufsatz „Gedanken von Projecten und Projectmachern. (S. 253f)

  • „Menschen müssen, so der Ausgangspunkt seiner Überlegungen, sich um ihr Wohlergehen selbst kümmern und deshalb Pläne schmieden, sich Ziele setzen und Strategien entwickeln, wie sie diese erreichen können – mit anderen Worten: Sie müssen ihre eigenes Leben als Projekt führen. Justi entwirft nicht weniger als die Gestalt des Lebensunternehmers […].” (S. 254)
  • vgl. „Projekt: Leben“

„Richtig voran geht nur dann etwas, wenn jemand sich richtig drum kümmert und andere anstiftet mitzumachen.” (Bröckling zitiert „zwei Mitglieder einer Landkommune”, S. 258)

  • Es braucht in jedem Projekt einen „Kümmerer”.
  • Der Kümmerer muss sich richtig drum kümmern – also sowohl richtig im Sinn von geeigneten Mitteln, als auch richtig im Sinn von mit vollem Einsatz.
  • Der Kümmerer macht das Projekt aber nicht für sich allein, sondern reißt andere mit. Es ist die wesentliche Aufgabe des Kümmerers, andere ins Boot zu holen.
  • Man könnte natürlich sagen, in den modernen Projekten ist der Projektleiter dieser Kümmerer. Aber so leicht ist es nicht. Weil dem Projektleiter das Projekt oft gar nicht so am Herzen liegt. Mitunter gibt es in Projekten Kümmerer, die gar nicht die formalen Projektleiter sind.

Projekt Ich

„Und wenn als ausgemacht gilt, dass Projektorganisation der Königsweg zu mehr Flexibilität und Selbstverantwortung ist, dann liegt es nahe, auch die Verwaltung des eigenen Lebens auf Projektmanagement umzustellen.“ (S. 279)

  • vgl. Personal Project Management 

„Da dieses Projekt Ich sich selbst wiederum aus vielfältigen Arbeits-, Beziehungs-, Freizeit-, Gesundheitsprojekten usw. zusammensetzt, avanciert seine Selbstführung zum Management des individuellen „Projektportfolios“.“ (S. 279)

  • Genau das ist Personal Project Management!
  • Ich frage mich: In wie fern hat Bröckling daran etwas auszusetzen? Beschreibt er nur, oder wertet er auch mit dem sarkastischen Unterton, der das ganze Buch durchzieht?

„Hilfreich ist in jedem Fall, so ein Leitfaden für Ich-AGs, „die Orientierung an klassischen Methoden des Projektmanagements, wie sie in der Wirtschaft alltäglich eingesetzt werden“. Auch das eigene Leben lässt sich als Problemlösungszyklus mit festgelegten Schritten begreifen.“ (S. 280)

„Checklisten, Selbstverpflichtungen und persönliche „Jahres-Klausuren“ sollen dem Einzelnen helfen, den Überblick über die Vielzahl individueller Projekte zu behalten.“ (S. 280)

„Die Form „Projekt“ ist ein historisches Apriori unseres Selbstverständnisses, eine Folie, auf der wir uns – im Guten wie im Schlechten – selbst begreifen und modellieren.“ (S. 282)

„Das definitive Projektende kommt irgendwann für alle, das „Projekt ‚Leben'“, das Tom Peters so pathetisch beschwört, endet in jedem Fall letal. Vorher kann es ein endgültiges Misslingen so wenig geben wie einen endgültigen Triumph. Auf jeden Erfolg wie auf jedes Scheitern folgt nur das nächste Projekt. So ungleich die Chancen dabei verteilt sind, die Maximen sind für alle gleich: Sei aktiv! Nimm dein Leben in die Hand! Sei dein eigener Chairman!““ (S. 282)

5. Schluss: Fluchtlinien oder die Kunst, anders anders zu sein

„Ein vom unternehmerischen Subjektivierungsregime unberührtes Außen oder einen ihm entzogenen Innenraum des Selbst gibt es nicht oder wenn, dann nur als Zone künftiger Eroberungen, wo ungenutzte Ressourcen ihrer Erschließung harren.“ (S. 285)
„Anders anders zu sein, schließt Verweigerung ebenso ein wie Verweigerung der Verweigerung. Kritik, so verstanden, ist kein bloßes Spiegelbild ihres Gegenstands. Sie ist kein Gegenprogramm zur unternehmerischen Selbstoptimierung, sondern die kontinuierliche Anstrengung, sich dem Zugriff gleich welcher Programme wenigstens zeitweise zu entziehen. Nicht Gegenkraft, sondern ein Außerkraftsetzen; Unterbrechung statt Umpolen des Energieflusses […].“ (S. 286)

  • z.B. Lifestyle Entrepreneur sein UND meditieren, um sich immer wieder zu erinnern, dass es ein Konstrukt des Egos/Geistes ist.
  • „Gelingen kann das Außerkraftsetzen des unternehmerischen Kraftfelds stets nur für den Moment, aber es sind diese Momente, die schlagartig erkennen lassen, dass der Sog nicht unausweichlich ist.“ (S. 287)

„Weil die unternehmerische Anrufung einer Logik der Entgrenzung folgt, gibt es kein Jenseits der Grenzen, sondern allenfalls Räume, in denen der Sog stärker oder schwächer wirkt, der Imperativ, unternehmerisch zu handeln, mehr oder weniger von anderen Anrufungen überlagert wird. […] In welche Richtung und wie stark der Sog zieht, hängt nicht zuletzt davon ab, auf welche Hindernisse er stößt.“ (S. 288)

Wodurch wird die Kraft der unternehmerischen Anrufung (beispielhaft) gebremst?

  1. Immanente Überforderung führt zu Depression und Burn-out: „Das unternehmerische Selbst ist ein „erschöpftes Selbst“. Weil die Anforderungen unabschließbar sind, bleibt der Einzelne stets hinter sich zurück […]. Nicht alle sind in der Lage, diesem Druck standzuhalten, und niemand ist es immer.“ (S. 289)
  2. Ironisierung: „Der Ironiker kennt die Gesetze des Marktes und ihre paradoxen Anforderungen an die Individuen. Er weiß, was ihm zugemutet wird, und er spricht es auch aus. Er treibt die Dinge auf die Spitze, legt ihre Absurditäten frei – und zieht so ins Lächerliche, was er nicht ändern kann.“ (S. 291). Ulrich Bröckling nennt als Beispiel die Dilbert-Comics von Scott Adams.
  3. Passive Resistenz: Müßiggang, Die Entdeckung der Faulheit (Corinne Maier)