ūüéô „Wer nicht arbeitet, wird faul“ – Warum glauben wir das?

Die Rechnung geht auf uns Podcast #2, 16. Dezember 2019

Wir leben in Arbeitsgesellschaften. Wir definieren uns „nahezu alle“ dar√ľber, wie wir arbeiten.

  • „Harte Arbeit“ zu leisten, ist wichtiger Teil unseres Selbstverst√§ndnisses.

Ein wichtiges Element daf√ľr ist die Protestantische Arbeitsethik: In der fr√ľhen Neuzeit wird Arbeit moralisch-religi√∂s aufgeladen (Luther, Calvin).

  • Arbeiten zu m√ľssen war vorher im Abendland etwas Unw√ľrdiges. Vgl. Griechenland: Arbeiten mussten die Sklaven, aber nicht der gute B√ľrger. **
  • Luther: Wer seine profane Erwerbsarbeit ordentlich verrichtet; wer seine Kunden nicht betr√ľgt; wer flei√üig ist und korrekt arbeitet – der tut ein Gott wohlgef√§lliges Werk. Arbeit = Gottesdienst
  • Luther entwickelt die Idee, dass profane Erwerbsarbeit religi√∂s wertvoll ist.

Aber: Das heißt aber nicht, dass wir uns durch fleißige Arbeit das Himmelreich verdienen können!

  • Die Gnade Gottes ist f√ľr keinen Menschen durch eigene religi√∂se Leistungen erreichbar. (Im Gegensatz zum Katholizismus, wo es Ablasshandel, Beichten, Sakramente etc. gibt, mit denen man „beim Lieben Gott Punkte sammeln“ kann.)
  • Die Gnade Gottes ist ganz und gar unverdient.
  • Mit Gott kann man nicht handeln. Luther: Ihr k√∂nnt mit Gott keine Gesch√§fte machen.
  • Das bedeutet: In den Lehren von Luther und Calvin ist die protestantische Arbeitsethik eigentlich nicht grundgelegt.

Calvin: Gott hat schon vor aller Zeit, bevor du geboren bist, entschieden, ob du in den Himmel oder in die Hölle kommst.

  • Die meisten kommen sowieso in die H√∂lle, ein paar wenige Auserw√§hlte kommen in den Himmel.
  • Die Calvinisten mussten daher mit der Frage klarkommen: Bin ich auserw√§hlt, oder bin ich schon verdammt?
  • Die Calvinisten suchen daher nach Hinweisen in ihrem irdischen Leben, dass Gott ihnen doch gn√§dig ist.
  • Daraus entwickelt sich die Tradition zu sagen: Wenn ich mich an die Gebote halte, wenn ich flei√üig arbeite, wenn ich ein guter Christenmensch bin, wenn ich mir wenig g√∂nne, … dann kann ich doch davon ausgehen, dass der Segen Gottes auf mir ruht.
  • ‚áí „Volks-Calvinismus“: Mir gelingt es im Leben, also ruht wohl der Segen Gottes auf mir – weil ich es durch harte Arbeit, durch Disziplin, durch ein nicht ausschweifendes Leben zu etwas gebracht habe.

Dieses Mindset hat sich auch in unsere sekulare Welt √ľbertragen. (Wohl √ľber den Umweg der USA und deren Leitkultur.)

  • USA: Calvinistische Tradition, stark sekularisiert; Reichtum hat eine hohe moralische Wertsch√§tzung. (Bei uns eher nicht.)
  • In den USA ist man stolz darauf, wenn man Reichtum durch harte Arbeit erworben hat. (Bei uns versucht man eher, Reichtum zu verstecken.)

In Deutschland gibt es das √ľberhaupt nicht. Liegt wohl daran, dass in Deutschland eine st√§rkere Pr√§gung von Luther und des Katholizismus herrscht.

  • Da gilt: Reichtum muss sich rechtfertigen. Reichtum ist „sozialpflichtig“. Der √úberfluss, den ich selber nicht brauche, der geh√∂rt eigentlich den Armen.
  • Wir verstecken daher unser Geld eher, oder protzen zumindest nicht damit.
  • Das zeigt sich unter anderem in der Einstellung: „Ich will ja mit meinem Lifestyle Business gar nicht reich werden.“ Das w√ľrde in einem calvinistisch gepr√§gten Land ganz anders klingen.
  • Ein super Beispiel, wie sich (amerikanische) Protestanten √ľber Geld und Reichtum unterhalten: Dan Miller spricht mit Ray Edwards: https://www.48days.com/permission-to-prosper/

Aber: Die These, dass der ganze westliche Kapitalismus ausschlie√ülich vom Calvinismus gepr√§gt w√§re, stimmt so sicher nicht.

  • Dazu kamen u.a. Verst√§dterung, aufstrebendes B√ľrgertum, technische Entwicklungen etc.
  • Nichts desto Trotz war die protestantische Arbeitsethik ein wesentliches Element, das dazu f√ľhrte, dass die ersten gro√ükapitalistischen Unternehmen (Banken, Reedereien, Handelsgesellschaften) sich in calvinistisch gepr√§gten L√§ndern entwickelt haben – und nicht in klassisch katholischen.

Übrigens bis heute: Spanien, Italien sind nicht die Träger-Länder einer kapitalistischen Kultur.

  • ‚áí Die Werte, die in √Ėsterreich herrschen, sind katholisch gepr√§gt. Deshalb ist auch das Verst√§ndnis, was ein Unternehmer und/oder ein Lifestyle Entrepreneure ist, was er tut und was erstrebenswert ist, anders zu verstehen als in den amerikanischen Vorlagen.
  • ‚áí Das Konzept des Lifestyle Entrepreneurship muss erst nach √Ėsterreich „√ľbersetzt“ werden – und funktioniert in seiner Reinform hier vielleicht auch gar nicht!?!
  • Meine Hypothese, dass die „europ√§ischen Werte“ in der modernen Entrepreneurship Literatur fehlen, bedeutet also genauer gesagt, dass ich (implizit) ein Defizit von katholischen Werten und Sichtweisen konstatiere. Katholische Werte pr√§gen auch die Kultur, in die ich transferieren will (AT, CZ etc.) – auch wenn diese nat√ľrlich l√§ngst sekularisiert ist. Der mitteleurop√§isch-katholische Wertekanon sind weiterhin best√§ndig.
  • Der Grund, warum amerikanische unternehmerische Traditionen und Formeln in Europa auch gut Fu√ü fassen k√∂nnen, ist, dass es in Europa eben auch eine calvinistische Tradition gibt, wo diese Sichtweise anschlussf√§hig ist und auf fruchtbaren Boden f√§llt.
  • Nur wir Katholiken tun uns schwer damit, und wir wissen oft gar nicht, warum.

F√ľr die christlich-j√ľdische Tradition sind Menschen grunds√§tzlich soziale Wesen und „arbeitende Wesen“. Der Mensch will teilnehmen an gesellschaftlichen Aufgaben.

  • Das Paradies der Sch√∂pfungsgeschichte ist nicht das Schlaraffenland, wo die Menschen darauf warten, dass ihnen die gebratenen Tauben in den Mund fliegen.
  • Sondern: Menschen beteiligen sich an der Hege und Pflege der Sch√∂pfung Gottes.

„Das b√ľrgerliche Arbeitsversprechen“:

  • Entstand in der fr√ľhen Neuzeit gleichzeitig mit der protestantischen Arbeitsethik.
  • Alle Menschen sind frei und gleich vor Gott. Keiner soll mehr von Almosen leben, sondern jeder soll sich vor Gott bew√§hren durch eigene Arbeit.
  • Durch eigene Arbeit kommt man zu Wohlstand und zu Eigentum. Und Eigentum macht frei.

Lohnarbeit hat damit aber nichts mehr zu tun, weil wir nicht mehr frei sind.

  • Das Versprechen gibt es aber immer noch: Arbeite etwas, dann wird was aus dir.
  • Und: Du bist selbst verantwortlich f√ľr das, was du hinbekommst.

Hartz IV ist „ein calvinistisches Programm“: Jeder, der arbeiten kann, der soll auch gef√§lligst arbeiten – weil er kein Recht darauf hat, von anderen etwas zu bekommen.

  • Diese Idee geht auf die Calvinisten zur√ľck. Jeder soll sich vor Gott bew√§hren.
  • Ich als jemand, der es zu Geld gebracht hat, darf den Armen nicht einfach Almosen hinwerfen. (Das w√§re ein katholisches Modell: Ich gebe den Armen, und Gott wird es mir am J√ľngsten Tag anrechnen.)
  • Die Protestanten sagen: Ich helfe dem Armen am besten, indem ich ihm unter die Arme greife, wenn er wirklich in Not ist, aber auch indem ich ihm „einen Arschtritt verpasse“, wenn er nur faul ist.
  • Armut muss kontrolliert werden, und jemand muss es verdient haben, Hilfe zu bekommen.