Tag#WKO

Fragen der Gerechtigkeit

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Der Obmann der Fachgruppe “Unternehmensberatung und IT” der Wirtschaftskammer NÖ, Mathias Past, hat sich im Magazin “Wirtschaft in NÖ” unlängst Gedanken gemacht, was “Fragen der Gerechtigkeit für die Leistungsträger dieses Landes” angeht.

Ganz konkret geht es ihm um das Pensionssystem. Er meint: “Pensionszahlungen stellen eine Versicherungsleistung dar. Wer mehr einzahlt, soll mehr herausbekommen.” Bei der derzeitigen Entwicklung des Pensionssystems sieht er “Leistungsträger klar benachteiligt” und fürchtet, dass die Gesellschaft “von einer Leistungsgesellschaft in eine Anspruchsgesellschaft abzudriften” droht.

Herrn Pasts Gedankengänge sind aus seiner Sicht nachvollziehbar. Sie entspringen einem neoliberalen Weltbild, das in der WKO bzw. dem dort dominierenden ÖVP-nahen Wirtschaftsbund weit verbreitet ist: Wer viel leistet, soll auch viel (“gerecht”) zurückbekommen.

Diese Sichtweise hat aber einen Denkfehler eingebaut. Sie unterstellt, dass Leistung immer gerecht bezahlt wird. Oder, anders formuliert: Dass hohes Einkommen gleichbedeutend mit hoher Leistung ist.

Das stimmt aber nicht. Es gibt in unserer Gesellschaft keine Gerechtigkeit beim Einkommen. Sehr wertvolle und anstrengende Tätigkeiten werden schlecht bezahlt (Stichwort: Elementarpädagog:innen, Pfleger:innen), während Menschen mit unklaren gesellschaftlichen Beiträgen über ein sehr hohes (Lohn-)Einkommen verfügen (Stichwort: Investment-Banker, WKO-Präsident:innen).

Die Elementarpädagogin leistet Großartiges, sie wird aber trotzdem nicht viel aus dem Pensionssystem herausbekommen. Weil eben am Arbeitsmarkt keine “gerechten” Löhne bezahlt werden. Da kann sie “leisten”, was sie will.

Dieses Detail wird bei solchen Leistungs- und Gerechtigkeits-Diskussionen leider oft (bewusst?) übersehen.

Und das regt mich jedes Mal auf. Nichts für ungut, Herr Past.

Nur ned hudeln

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Seit letzten Mittwoch hat die Österreichische Wirtschaftskammer (WKO) eine neue Chefin: Martha Schultz – ursprünglich die Übergangslösung nach dem Abgang von Harald Mahrer.

Bei ihrer Bestellung kündigte Martha Schultz (erneut) Reformen für die WKO an. Eine Reformgruppe habe bereits ihre Tätigkeit aufgenommen, sagt sie. Sie soll „Strukturen und Prozesse weiterentwickeln und die Wirtschaftskammer effizienter auf die Bedürfnisse der Betriebe ausrichten.“

„Ich will keine Zeit verlieren”, sagt sie außerdem. „Ziel bleibt, erste Ergebnisse im Juni im Wirtschaftsparlament zu präsentieren.“

Im Juni? Erste Ergebnisse?

Na bumm, da geht’s ja ordentlich dahin in der WKO mit der neuen Chefin.

Immer weniger leiwand

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Jetzt ist schon wieder was passiert bei der WKO.

Eines der leiwandsten Angebote der Wirtschaftskammer Wien sind die kostenlosen Meeting-Räume für EPU. Zentral gelegen am Praterstern sind diese Räume ein Segen für alle Solopreneure, die eigentlich im Homeoffice arbeiten und gelegentlich einen repräsentativen Raum brauchen, um Kund:innen oder Partner:innen zu treffen. Eine wirklich gute Idee und ein gerne genutztes Angebot, auch von mir.

Guess what? Dieses Service wird mit 1. Jänner 2026 eingestellt. Einfach so. Sang- und klanglos, ohne Alternative.

Quelle: Wirtschaftskammer Wien

Warum? Weiß kein Mensch. Findet die WKW auch nicht der Mühe wert zu erklären.

Es mag ja gute Gründe dafür geben, aber es ist diese Art der Kommunikation, die mich an der WKO so wahnsinnig stört. Sie tun und entscheiden, aber sie scheinen sich wenig Gedanken zu machen über die Wirkung, die sie damit bei ihren betroffenen Kammermitgliedern auslösen.

Ganz besonders bei uns EPU.

Wo sind die Demonstranten?

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In der letzten Zeit war ganz schön was los rund um die WKO.

Ich habe ja ein, sagen wir mal, eher zwiespältiges Verhältnis zu meiner Interessensvertretung und habe schon öfters kritisch über sie geschrieben (z. B. hier, hier oder hier – aber hier auch mal positiv).

Um meine Kammerumlage als Gründungsberater zu verdienen, muss ich ca. 2 Stunden pro Jahr arbeiten. Das ist nicht das Problem.

Aber: Es braucht die Umlagen von ca. 1.770 EPU wie mich, um nur mal das Gehalt des WKO-Präsidenten (inkl. Lohnnebenkosten) zu bezahlen. Und dann gibt es da ja noch die neun WK-Landespräsident:innen. Ich schätze, dass es die Umlagen von ca. 10.000 EPU braucht, um alleine diese 10 Gehälter zu finanzieren.

Dieses Geld wüsste ich gerne sinnvoller eingesetzt. Und wahrscheinlich viele, viele, viele andere EPU in Österreich auch.

Nur: Wo ist die aufgebrachte Menge, die sich vor der WKO-Zentrale an der Wiedner Hauptstraße sammelt? Wo sind die Protestmärsche von Tausenden unzufriedenen EPUs? Wo ist der Druck von der Basis, der echte Veränderungen einfordern würde?

Nirgends. Und es wird auch nicht passieren. Weil sich die österreichischen EPU viel zu klein und zu machtlos fühlen, um in so einer großen Organisation, in so einem undurchsichtigen System wirklich etwas zu bewirken. Dafür ist die WKO selbst verantwortlich, aber nicht nur.

Wir Österreicher regen uns auf, aber behalten die geballten Fäuste in unseren Taschen. Wir matschgern, aber wirklich was verändern wollen wir nicht. Wer weiß, was nachkommt.

Deshalb wird in der WKO alles so bleiben, wie es ist. Der Wind wird sich legen, und in einem halben Jahr kräht kein Hahn mehr danach.

Ich hoffe, ich irre mich.

Die WKO und die Lifestyle-Teilzeit

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Die WKO, meine gesetzliche Interessenvertretung, hat das “Problem” der Lifestyle-Teilzeit für sich entdeckt.

In einem Artikel der WKNÖ-Zeitschrift (Ausgabe August 2025, S. 23) erläutern Präsident Ecker und Direktor Schedlbauer die (aus ihrer Sicht) notwendigen Maßnahmen, um “dem zunehmenden Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken”:

  • Freibetrag für bei Vollzeitarbeit, um die Bemessungsgrundlage der Einkommenssteuer zu senken.
  • Absetzbetrag für die Vollzeitarbeit.
  • Senkung des Steuertarifs in den mittleren Tarifstufen.
  • Anhebung der zweiten und dritten Einkommenssteuerstufe.

“Diese Maßnahmen seien nötig, um Vollzeitarbeit attraktiver zu gestalten und dem Mitarbeitermangel in allen Branchen erfolgreich zu begegnen”, so Ecker und Schedlbauer.

Wenn ich das so lese, dann komme ich zu dem Schluss, dass die WKO anscheinend nicht durchschaut hat, worum es beim Phänomen “Lifestyle-Teilzeit” wirklich geht. Wer freiwillig weniger arbeitet, als er könnte, macht das nicht, weil er zu wenig verdient. Er macht das, weil er genug verdient und kein Interesse hat, mehr zu arbeiten. Er will seine Lebenszeit lieber anderswo einsetzen als an seinem Arbeitsplatz.

Deswegen werden Steuersenkung-Maßnahmen überhaupt gar nichts ändern. Den Leuten ist ihre Zeit mehr wert als Geld.

Wenn die WKO sagt, sie hat das Ziel, “die Lifestyle-Entscheidung Teilzeit statt Vollzeit zu arbeiten, unattraktiver zu machen”, dann gehen diese Maßnahmen also am Ziel vorbei. Aber komplett vorbei.

Und ich muss mich fragen: Kann es wirklich sein, dass die WKO überhaupt nicht verstanden hat, was die wirklichen Motive für “Lifestyle-Teilzeit” sind?

Oder interessieren die WKO die wirklichen Motive in Wahrheit gar nicht, weil sie das Thema “Lifestyle-Teilzeit” nur instrumentalisiert, um eigentlich eine ganz andere Agenda voranzubringen?

Als zahlendes Mitglied würde mich das schon interessieren. (Und: Ob sie nicht eigentlich was Besseres zu tun hätten.)