Das Hobby namens Kaufen

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Unlängst ist mir aufgefallen: Die Frage “Brauchst du das wirklich?” ist komplett sinnlos geworden. Nicht weil die Leute keine ehrliche Antwort geben würden, sondern weil die Frage selbst das Thema verfehlt.

Wir kaufen nicht mehr, um etwas zu haben. Wir kaufen, weil das Kaufen selbst zur Tätigkeit geworden ist. Zur Freizeitbeschäftigung. Manche gehen wandern, andere scrollen durch Online-Shops. Beides strukturiert den Tag, beide geben einem das Gefühl, etwas zu tun. Der Unterschied: Nach dem Wandern hast du müde Beine, nach dem Shopping hast du Pakete.

Das ist keine moralische Anklage gegen Konsument:innen. Es ist eine strukturelle Beobachtung: Wenn die Wirtschaft darauf angewiesen ist, dass wir ständig mehr kaufen (nicht weil wir mehr brauchen, sondern weil sonst das System kollabiert), dann wird aus dem Einkaufen zwangsläufig eine Dauerbeschäftigung. Die Frage ist nicht mehr “Was fehlt mir?”, sondern “Was mache ich jetzt gerade?” – und eine mögliche Antwort lautet: Schauen, was es Neues gibt.

Baudrillard hat das Logik des Überflusses genannt, aber das klingt zu akademisch für das, was tatsächlich passiert. Es ist simpler: Wir füllen Zeit mit Kaufakten, weil die Zeit gefüllt werden muss und das System dafür perfekte Infrastruktur bereitstellt. Jederzeit verfügbar, endlos optimiert, immer mit dem Versprechen: Das hier könnte interessant sein.

Kein Wunder, dass “Brauchst du das?” nicht mehr funktioniert. Die Antwort war noch nie “Ja”. Die Antwort war immer schon: “Darum geht’s nicht.”


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