Meine Highlights
„Und Gott? Wohnt rechts vom Pflaumenbaum, hab ich mal irgendwo gelesen. Ist möglich.“ (S. 28)
“Ich denke über ihn [den Tod] als einen Freund im Sinne des wunderbaren Monologs, den der Tod dem Toren hält — in Hugo von Hofmannsthals Versdrama “Der Tor und der Tod”:
Wirf dies ererbte Grauen von dir. / Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe! / Aus des Dionysos, der Venus Sippe, / Ein großer Gott der Seele steht vor dir.
Dionysos, Gott des Weins, der sinnlichen Freuden, der Ekstase, und Venus, Göttin der Liebe und der Schönheit — und aus dieser Ecke, aus dieser mythologischen Familie kommt der Tod, der große Gott der Seele… ich finde das, immer wieder, zum Weinen schön. So möchte ich ihn sehen, wenn er kommt: als einen großen Gott der Seele. Er wird mir sanft die Hand reichen.” (S. 32)
“Aber wie lässt man los? Was mache ich zum Beispiel mit rund fünfzig Leitzordnern auf dem Speicher, in denen private und berufliche Korrespondenzen aus dem Vor-Mail-Zeitalter abgeheftet sind, Jahr für Jahr, 1970 bis Mitte der Neunzigerjahre, A-Z, darunter Briefe von Politikern, Schriftstellern, Schauspielern, von berühmten Menschen, vielleicht für irgendwen interessant — was mache ich damit? Was mache ich mit meinen weit über hundert Notiz- und Tagebüchern, mit allem, was ich im Laufe der Jahre (seit ich fünfzehn Jahre alt war) aufgeschrieben habe über Liebe und Leben, Verzweiflung und Glück, Lektüren, Filme, Theater, über schier alles — verbrennen? Einfach liegen lassen? Was machen meine armen Erben damit, und stört es mich, wenn sie es lesen? Ich weiß es einfach nicht.” (S. 44)
“Meine Freundin hat mir geholfen, einen Instagramaccount (schon das Wort!) aufzumachen. Macht mir Spaß, konfrontiert mich aber auch mit jeder Menge Schwachsinn und Schrecken. Was sich da alles tummelt! Ich hatte ja keine Ahnung. Macht das jetzt meine Welt größer oder schäbiger? Ich weiß es immer noch nicht, wohl beides.” (S. 72)
“Ereignisse aus meiner Jugendzeit, obwohl sie mehr als ein halbes Jahrhundert alt sind, scheinen in meinem Kopf viel präsenter zu sein als die Dinge, die ich später erlebt habe. Aber wahrscheinlich ist das bei allen Menschen so.” (Charles Lewinski, “Sind Sie das?”; S. 95)
- Die Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend beschäftigen auch mich definitiv mehr als die Erinnerungen aus meinen, sagen wir, Dreißigern.
- Gilt definitiv auch für Bruce Springsteens Autobiographie Born To Run.
Mascha Kaléko: “Verse für Zeitgenossen” (S. 96):
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Elke Heidenreichs eigener Nachruf, “der ein Ruf an die noch Lebenden wäre” 😁 (S. 98):
Was für ein ängstlicher, anspruchsloser, mittelmäßiger Haufen seid ihr doch alle miteinander! Ihr schreibt, druckt und lest überflüssige Bücher, ihr lasst euch ein Fernsehen vorsetzen, das unzumutbar ist, ihr fresst in Massen Tiere, ohne zu sehen, wie die leiden, ihr lasst die Oper eingehen, dieses wunderbare Kunstwerk, das euch zu kompliziert geworden ist. Ihr begreift gar nichts. Eure Ansprüche sind im Materiellen riesig und im Intellektuellen, im Kulturellen mikroskopisch, ihr habt kein Mitgefühl mehr, und ihr könnt euch für nichts mehr begeistern. Ich bin tot, aber ihr seid es auch, jetzt schon, ihr habt mich alle miteinander enttäuscht und entsetzt und angewidert, fahrt zur Hölle, ich geh schon mal vor und heize da für euch ein.
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