Herman Melville: Bartleby (1939) 📙

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Eine tolle Geschichte. Tragisch und lustig. Und mit vielen Metaphern für Lifestyle Entrepreneure.

Spannende Gedanken und Formuliernungen

Zuvörderst: ich bin ein Mensch, der von Jugend an tief davon überzeugt war, daß man mit einer gemächlichen, sachten Lebensweise am besten fährt.

Ich zähle zu den Anwälten ohne Ehrgeiz: man wird mich nie vor Gericht plaidieren oder irgendwie auf den Beifall der großen Menge ausgehen sehen, sondern in der kühlen Stille einer behaglichen Klause beschäftige ich mich behaglich mit den Wertpapieren, Hypotheken und Rechtsansprüchen reicher Leute.

Nach meinem Dafürhalten war er das Opfer zweier böser Mächte – des Ehrgeizes und der Verdauungsstörungen.

Mit einem Wort: Beißzange wußte in Wahrheit nicht, was er wollte. Oder wenn er überhaupt etwas wollte, so dies: vom Schreiberpult überhaupt freizukommen.

Auf eine Zeitungsanzeige hin stand eines Morgens ein steifleinener junger Mensch auf der Schwelle meiner Kanzlei […]. Ich sehe seine Gestalt noch heute vor mir – ausdruckslos sauber, erbarmungswürdig achtbar, hoffnungslos einsam. Es war Bartleby.

Anfangs erledigte Bartleby ganz erstaunliche Mengen von Schreibarbeit. Er kopierte Tag und Nacht, bei Sonne und bei Kerzenlicht. Mir hätte sein Eifer recht gut gefallen, wenn es nur ein richtiger, mit Heiterkeit gepaarter Fleiß gewesen wäre. Er schrieb indessen still vor sich hin, bleich und mechanisch.

In dieser Haltung also saß ich da, als ich nach ihm rief, und setzte ihm in aller Eile auseinander, was, ich von ihm wünschte – mir nämlich beim Vergleichen eines kleineren Schriftstücks zu helfen. Man stelle sich meine Überraschung, ich muß schon sagen meine Bestürzung vor, als Bartleby, ohne sich aus seiner Klause zu rühren, mit seltsam sanfter, fester Stimme zur Antwort gab: »Ich möchte lieber nicht.«

Ich saß eine Zeitlang stillschweigend da und versuchte mich von meiner Verblüffung zu erholen.

Bei jedem anderen wäre ich nun sofort in schreckliche Wut geraten, hätte auf jedes weitere Wort verzichtet und ihn mit Schimpf und Schande des Hauses verwiesen. Bartleby aber hatte etwas an sich, was mich nicht allein seltsam entwaffnete, sondern auch, aufs wunderlichste, rührte und aus dem Konzept brachte.

Mir ward keine Antwort zuteil.

ich beschloß abermals, die Entscheidung der Frage bis auf spätere ruhige Zeit zu verschieben.

Nichts kann einen ernsthaften Menschen so aufbringen wie passiver Widerstand.

Es war Nachmittag, nicht zu vergessen. Puter saß glühend da wie ein Teekocher; seine Glatze dampfte, seine Hände tasteten fahrig zwischen seinen beklecksten Papieren.

Die Tage gingen dahin, und ich machte mehr und mehr meinen Frieden mit Bartleby.

Wenn sich dann schließlich herausstellt, daß das Mitleid doch zu keiner wirklichen Hilfe führt, verlangt die Selbsterhaltung, daß sich die Seele davon frei macht.

Wieder saß ich da und grübelte, was zu tun sei.

»Im Augenblick möchte ich lieber nicht ein bißchen vernünftig sein«

Auf rätselhafte Weise hatte ich es mir neuerdings angewöhnt, das Wort »möchte lieber« bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten zu verwenden.

Was sollte ich tun? Er leistete keine Arbeit im Büro – warum also blieb er bei mir?

»Ich möchte lieber nicht«,

»Sie müssen!«

Zu den kühlsten, besonnensten Augenblicken im Menschenleben gehören ja die Stunden morgens unmittelbar nach dem Erwachen.

»Bartleby«, sagte ich beim Betreten der Kanzlei mit einem Ausdruck ruhiger Strenge, »Ich bin ernstlich ungehalten.

»Eine neue Satzung gebe ich euch, daß ihr einer den andern lieben sollt.« Dies Gotteswort hat mich gerettet.

Dabei malte ich mir aus, wie Bartleby im Laufe des Vormittags, wenn es ihm gelegen wäre, freiwillig aus seiner Einsiedelei hervorkommen und einen entschlossenen Kurs in Richtung auf die Tür einschlagen würde. Aber nein.

Jetzt endlich seh ich’s und weiß es: ich dringe ein in den vorbestimmten Zweck meines Daseins. Ich bin zufrieden. Andere mögen erhabenere Rollen zu spielen haben; meine Aufgabe auf dieser Welt besteht darin, daß ich dich, Bartleby, mit Kanzleiraum versehe, so lang es dir belieben mag, bei mir zu bleiben.

So geht es ja oft; der stete Tropfen engherziger Gesinnungen höhlt schließlich den Stein der besten und großmütigsten Entschlüsse.

»Sie müssen ihn auf der Stelle wegholen, Sir«,

»Das würde mir in keiner Weise zusagen – obwohl ich, wie gesagt, nicht wählerisch bin.«

»Ich kenne Sie«, sagte er, ohne umzublicken, »und ich habe Ihnen nichts zu sagen

Eigentlich ist dieser Geschichte kaum noch etwas hinzuzufügen. Mit einiger Phantasie kann man sich die Schilderung von der Beerdigung des armen Bartleby leicht selber ergänzen.


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