Gründungsberater:innen haben meistens eine Meinung. Über Geschäftsmodelle, über Preise, über Wachstumspläne. Das ist nicht per se schlecht. Aber es gibt einen Unterschied, der in der Praxis selten gemacht wird: den Unterschied zwischen fachlicher Position und moralischer Bewertung.
Casey Davis, eine US-amerikanische Therapeutin, hat das Konzept der moralischen Neutralität ursprünglich für die Arbeit mit Erwachsenen entwickelt, die sich wegen unerledigter Haushaltsaufgaben massiv selbst verurteilten. Ihr Kerngedanke: Der eigene Wert als Mensch hängt nicht davon ab, ob man arbiträre gesellschaftliche Standards erfüllt.
Ich finde, moralische Neutralität passt auch gut in die Gründungsberatung. Ein Geschäftsmodell, das Schaden anrichtet, ist nicht moralisch neutral, eh klar. Aber ob jemand keine Mitarbeiter will, ob jemand bewusst klein bleiben möchte, ob jemand lieber 2.000 € im Monat verdient und dafür jeden Freitag frei hat – das sind keine moralischen Fragen. Das sind Prioritäten. Und es ist nicht mein Job als Gründungsberater, diese Prioritäten zu korrigieren.
Moralische Neutralität als Haltung bedeutet nicht, keine Meinung zu haben. Es bedeutet zu wissen, wo die eigene Meinung aufhört und das Leben der anderen Person beginnt.
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