Verlässlich wie ein Uhrwerk kommt sie immer wieder – die Diskussion über Menschen, die “nur” Teilzeit arbeiten.
Heuer lautet die Überschrift „Lifestyle-Teilzeit”. Der Begriff ist polemisch und unterstellt:
- dass jemand bewusst weniger arbeitet, obwohl er oder sie könnte,
- nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Komfortgründen (z. B. für mehr Freizeit, Reisen, Hobbys, Balance).
Der Gedanke dahinter: Wenn viele Menschen freiwillig weniger arbeiten („Lifestyle-Teilzeit“), zahlen sie auch weniger in das Sozial- und Pensionssystem ein – profitieren aber weiterhin voll davon. Das empfindet z.B. die Landeshauptfrau von Niederösterreich als nicht fair gegenüber denjenigen, die voll arbeiten und mehr einzahlen.
Aus dieser Sicht ist Vollzeitbeschäftigung “richtige” Arbeit und Teilzeit “weniger wert” oder gar “Trittbrettfahrerei”. Das ist problematisch, weil:
- immer mehr Menschen berechtigterweise eine bessere Balance zwischen Arbeit und Leben suchen (Stichwort: New Work, Sinnsuche, mentale Gesundheit)
- viele strukturelle Probleme (z. B. mangelnde Kinderbetreuung, schlechte Arbeitsbedingungen) hinter Teilzeit stecken, die damit ignoriert werden
- und es sich in einigen Branchen gar nicht “auszahlt”, mehr Stunden zu arbeiten, weil das höhere Gehalt durch Sozialversicherungsbeiträge und Lohnsteuer weitgehend aufgefressen wird.
Plus: Zum Lebensmodell vieler Solopreneure, Gründer:innen oder Kreativer gehörte es, bewusst in reduzierteren, selbstbestimmteren Arbeitsformen leben – oft mit viel Eigenverantwortung, aber eben auch mit viel weniger Sicherheit. Diese unternehmerische Entscheidung scheint mir bei der „Lifestyle-Teilzeit“-Diskussion überhaupt nicht mitbedacht.
Aber was mich am meisten stört: Statt dass Politiker:innen ihre Verantwortung wahrnehmen und ernsthaft über eine Anpassung des Sozial- und Pensionssystems reden, wird die Verantwortung zur Rettung des Sozialstaats auf die Bevölkerung geschoben. Dieses Muster, die Einzelnen als Schuldige hinzustellen, anstatt an den wirklich großen Hebeln anzusetzen, finde ich immer wieder – und es ist extrem zynisch.
Ich bleibe ein Lifestyle Entrepreneur, und ich bin stolz darauf, dass ich mein Lebensmodell nicht meinem Geschäftsmodell unterordnen muss. Ich erkläre der Frau Landeshauptfrau auch gerne, warum wir mit “Lifestyle Entrepreneurship” als Gesellschaftsmodell weiter kommen würden als mit dem irrigen Ziel, ganz Österreich in Vollzeitbeschäftigung zu bekommen.
Ich fürchte aber, dass sie meine Argumente nicht wirklich interessieren.