Felix Klopotek, Peter Scheiffele (Hrsg.): Zonen der Selbstoptimierung (2016) đź“™

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Felix Klopotek: On Time Run. Immer unterwegs, niemals ankommen, auf dem Weg durch die Zonen der Selbstoptimierung

Selbstoptimierung fuĂźt auf einer Ideologie

  • “Das heiĂźt konkret, dass Selbstoptimierung nicht getrennt zu verstehen ist von einer Ideologie, die ständig behauptet, es gäbe nichts Wichtigeres, als sich ständig zu hinterfragen, zu reflektieren, zu kritisieren, zu ĂĽberprĂĽfen, um alles — die Liebe, die Arbeit, die Freizeit, das Denken — noch viel besser zu bewerkstelligen.” (S. 13)

Selbstoptimierung ist ein Wirtschaftszweig

  • “Selbstoptimierung setzt den Konsum eines bunten Angebots von Dienstleistungen voraus, deren hoch spezialisierte Protagonisten uns ĂĽberhaupt erst zur Selbstoptimierung verhelfen. Therapeuten und Coaches, Friseure, Stylisten, Trendsetter in den Medien mit Hipness-Definitionskompetenz, Kneipenwirte, die uns abends die BĂĽhne fĂĽr unsere coolen, virilen, glamourösen Auftritte bereiten, Dozenten, die uns mit Weiterbildungswissen versorgen, Erzieherinnen, denen wir rund um die Uhr unsere Kinder anvertrauen können… Es hat sich eine ganze Selbstoptimierungsindustrie etabliert.” (S. 18)

Wir tragen den Markt in die Unternehmen hinein

  • “Da werden, wenn Abteilungen Leistungen aus anderen Abteilungen in Anspruch nehmen, Kostenstellen belastet, wird Budgetverantwortlichkeit eingefĂĽhrt, werden Profit Center ins Leben gerufen, Abteilungen oder Arbeitsteams treten miteinander in Konkurrenz, als wĂĽrde sie sich auf einem freien Markt begegnen, und bisweilen werden sogar tiefe rechtliche Einschnitte in die Unternehmensstruktur vorgenommen, etwa wenn bestimmte Bereiche ausgegrĂĽndet und zu selbstständigen Subunternehmen deklariert werden.” (S. 21)

Das unternehmerische Selbst

  • “Die Elemente der Selbstoptimierung, die wir uns an allen Orten der Gesellschaft aufnötigen lassen, haben wir im unternehmerischen Selbst schon komplett versammelt: Die Aufwertung des Subjekts — von der Arbeiterin oder Angestellten zur Unternehmerin in eigener Sache —, die Zunahme der Kontrollmöglichkeiten, die Individualisierung oder besser: Vereinzelung, die Zentralität der Selbst-Techniken wie Eigenverantwortung, Entscheidungsfreude, Spontaneität, Streben nach Dominanz, Teamfähigkeit (schein im Gegensatz zur Individualisierung zu stehen, muss sie aber nicht: Teams sind keine Kollektive, keine Gemeinschaften, sondern Verknotungen an sich unabhängiger Akteuere), Bejahung der Persönlichkeitssegmentierung.” (S. 21f)
  • Ulrich Bröckling: “Das unternehmerische Selbst lebt im Komparativ: Es reicht nicht aus, einfach nur kreativ, findig, risikobereit und entscheidungsfreudig zu sein, man muss kreativer, findiger, risikobereiter und entscheidungsfreudiger sein als die Konkurrenz.”
  • vgl. Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst

Ich kommuniziere!

  • “Ich kommuniziere nicht mehr, um etwas zu erreichen, sondern: Egal, worum es geht, ich habe es gut kommuniziert.” (S. 22)
  • vgl. Social Media Marketing

Der Selbstbetrug der Solopreneure / Lifestyle Entrepreneure

  • “Der Selbstbetrug besteht darin, […] die Abwesenheit eines Chefs mit der Abwesenheit von Zwang zu verwechseln. Die Hierarchie ergibt sich aus dem Zwang zum Profit: Die Kreative mag sich einbilden, ohne Fremdkapital und also nur aus dem eigenen Humankapital schöpfend zur Unternehmerin (auch: Arbeitskraftunternehmerin) aufzusteigen. Sie muss aber weiterhin zur Akkumulationsrate, dem “Geduldsfaden des Kapitals” (Johannes Agnoli), beitragen — ein winziges Rädchen der groĂźen Industrie.” (S. 23)
  • “Die Kreative, der alles auf die gute Kommunikation ankommt, redet sich nicht nur ihr austauschbares Rädchen-Dasein schön, sie weiĂź noch nicht einmal, an welcher Stelle in der Megamaschine Kapital sie sich dreht.” (S. 23)
  • Vgl. Gerald Moser: Robust!: Das System Kleinstunternehmer ist robust, aber der einzelne Kleinstunternehmer ist es längst nicht!

Dieses Buch ist nicht selbstoptimiert

  • “Zu ihren SachbĂĽchern richten Autoren und Herausgeber heutzutage gerne Blogs, Facebook-Seiten und Twitter-Accounts ein. Das ist hier nicht der Fall, dieses Buch ist nicht selbstoptimiert.” (S. 29)
  • Finde ich witzig.

Lars Distelhorst: Die Glühbirne und der Möbelpacker. Über den Begriff “Leistung” als leere Abstraktion

Zum Begriff der Leistung

  • “Unsere Gesellschaft ist besessen von Leistung, und sie scheint umso besessener, je weniger es objektive Bewertungskriterien fĂĽr sie gibt. Die Entscheidung darĂĽber, wer wie viel “geleistet” hat und wie das zu be/ent/lohnen ist, ist eine Frage der Macht.” (S. 36)

Der Leistungsbegriff hat zwei Ebenen

  • “Erstens wird die Frage gestellt, welchem Beruf ein Mensch nachgeht, und anschlieĂźend beurteilt, wie viel Engagement er dabei zeigt. So besitzen Professorinnen meistens einen höheren Status als Klempner (Beruf), wobei diese Sicht ins Schwanken geraten kann, sollten Erstere nur Kaffee trinken, während Letztere sich durch ganze Wohnblöcke arbeiten (Verausgabung).” (S. 39)
  • “Sich einfach nur anzustrengen reicht demnach nicht, vielmehr muss die MĂĽhe in einen Bereich investiert werden, der gesellschaftlich als wĂĽnschenswert betrachtet wird.” (S. 39)

Selbstoptimierung statt Klassenkampf

  • “Wie sehr die meisten Menschen diese Logik verinnerlicht haben, zeigt sich am Erfolg der diversen Selbstoptimierungstechniken, die heute im Umlauf sind. Wer einmal geschluckt hat, dass es nur auf ihn ankommt, sieht in der Veränderung von Strukturen, erst recht ihrer kollektiven Veränderung auf ein gemeinsames Ziel hin, ein sinnloses Unterfangen und wird dadurch in allen Transformationsbestrebungen auf sich selbst zurĂĽckgeworfen.” (S. 43)
    • Das trifft sowas von auf EPU zu.
    • Das trifft ordentlich auf mich zu.

Der springende Punkt der Selbstoptimierung

  • “Der springende Punkt der Selbstoptimierung besteht, das liegt bereits im Begriff verborgen, darin, den externen Zwang ins Innere des Individuums zu verlegen, was eine Trennung zwischen Fremd- und Selbstbestimmung unmöglich macht. Das Individuum möchte, ja will sich verbessern und sucht sich die fĂĽr es relevanten Bereiche scheinbar selbst aus. Wo frĂĽher die Manipulation von Menschen zum Zweck der Steigerung ihrer Arbeitsproduktivität ein von oben nach unten gerichtetes Zwangsverhältnis zwischen Unternehmensleitung und Arbeiter war, gegen das nicht selten rebelliert wurde, soll sie heute ein Anliegen der Menschen selbst sein.” (S. 44)

Arbeitszeit vs. Freizeit

  • “Von Selbstoptimierung lässt sich mit Blick auf die Gestaltung der Freizeit, die heute viele Menschen wählen, deswegen sprechen, weil diese Freizeit genauso gelebt wird wie die Arbeitszeit und von den gleichen Evaluations-, Bewertungs- und Effizienzsteigerungstechniken durchdrungen ist.” (S. 45)
  • “Ob Sport, Urlaub, Sex oder Schlafen — alles tun wir, als wĂĽrden wir zur Arbeit gehen.” (S. 45)
  • “Die Arbeit wird mit Lust und Individualität aufgeladen und die Freizeit mit Handlungsmustern und Strategien aus der Welt der Arbeit gestaltet.” (S. 45)

Das Versprechen der Leistungs-Ideologie

  • “Auf der einfachsten Ebene verspricht es den Menschen fĂĽr die MĂĽhen einen angemessenen Lohn in Form von materiellen VorzĂĽgen und sozialer Anerkennung und stellt dadurch die Motivation und ihr Engagement sicher. Wer sich im Berufsleben anstrengt und auch mal länger im BĂĽro bleibt, ohne zu murren, wird befördert, bekommt ein höheres Gehalt und gewinnt dadurch seinen Mitmenschen gegenĂĽber an Attraktivität, da ihn die Aura des Erfolges umgibt.” (S. 49)
  • “Die emsigen BemĂĽhungen vieler Menschen, durch intensive Arbeit an der eigenen Persönlichkeit besser zu werden als je zuvor, lassen sich als recht hilflosen Versuch lesen, diese alte Version des Leistungsprinzips am Leben zu halten. Wenn Anstrengung im Beruf allein nicht ausreicht, ist es eben notwendig, ein besserer Mensch zu werden und das Selbst als Arbeitskraft auf andere Beine zu stellen.” (S. 49)

Selbstoptimierung wird nie fertig

  • “Was ist ein schöner Körper, wie sieht eine gefällige Persönlichkeit aus, wodurch wird man ein warmherziger Mensch? Da das Ziel hier im Verborgenen liegt, die Norm allenfalls ĂĽber eine diffuse Definition verfĂĽgt, läuft die Arbeit am eigenen Selbst ins Leere. Gerade dieses konstitutive Scheitern aber ist es, das die Menschen im Spiel hält, da es ihnen stets das GefĂĽhl aufbĂĽrdet, nicht genug getan zu haben, sich weiter anstrengen zu mĂĽssen, um endlich zu denjenigen Persönlichkeiten zu werden, die ihnen als Ideal vorschweben — gerade weil sie von diesem Ideal keine klare Vorstellung haben. Wer ĂĽber eine solche verfĂĽgt, weiĂź, wann er fertig ist und kommt mit sich selbst ins Reine â€” fertig scheint heute nur niemand mehr zu sein.” (S. 50)

Das Leistungsprinzip fĂĽllt eine Leere

  • “Das Leistungsprinzip in all seinen Facetten von Karriereplanung bis zu ausgefeilten Techniken der Selbstoptimierung mag zwar vielen Menschen nicht behagen, erlaubt aber, den Blick von der wesentlich unangenehmeren Einsicht in die Tatsache zu verschlieĂźen, in einer Gesellschaft ohne Thema zu leben. An dieser Stelle geben sich Apologeten und Kritiker der Leistungszentrierung der Gesellschaft einmĂĽtig die Hand, insofern beide darin ĂĽbereinstimmen, Leistung sei ein sinnstiftendes Moment der Gesellschaft, und so die Einsicht in die Leere des Sozialen umgehen.” (S. 51)

Die mentale Zone

Der Klassenkampf gegen sich selbst

  • “Fechten wir den “Klassenkampf” mit uns selbst aus, sind diese Momente des besseren Lebens nicht gegeben. Denn die Zustände der Nicht-Konzentration, des Verschiebens und der Zerstreuung erleben wir als entropische, als lauwarmen Zeitbrei, mit dem sich nichts anfangen lässt, der sich nicht in mehr Energie fĂĽr andere, bessere Sachen verwandeln kann. Das Aufschieben von Verpflichtungen bedeutet eben keinen Zeitgewinn, sondern erweist sich als bitteres Nullsummenspiel […].” (S. 80f)
  • Wenn der eigene Mitarbeiter gegen den eigenen Chef in Streik geht, kommt keine Verbesserung raus.
  • Arbeitskampf und Arbeitsverweigerung im Lifestyle Business fĂĽhren zu…?
  • → Rollenkonflikt Chef – Mitarbeiter

Greta Wagner: Bessere Gehirne? Neuroenhancement in der Neurokultur

Selbstoptimierung, soziologisch erklärt

  • “Soziologisch erklären lässt sich der ubiqitäre Wille zur Verbesserung des eigenen Selbst mit der Erosion solidarischer Strukturen und damit zusammenhängend mit dem, was man neoliberales Selbstverhältnis nennen kann. Wir sollen uns auf unsere eigenen Kompetenzen verlassen und nicht auf Institutionen und Gemeinschaften. Der. Aufruf, diese Kompetenzen zu verbessern, […] ist auch Gegenstand von Kampagnen neoliberaler Thinktanks und staatlicher Programme zur Umsetzung eines aktivierenden Sozialstaates. Im Versuch, uns selbst zu verbessern, treffen sich die Ziele der Regierung mit den Praktiken der SelbstfĂĽhrung, die uns zu autonomen und selbstverantwortlichen Subjekten mit Erfolgswillen werden lassen.” (S. 83f)

Motivation durch Neuroenhancer

  • “Anders als ähnliche historische Bestrebungen zielen die gegenwärtigen Versuche der Optimierung des Gehirns nicht vorrangig auf die Steigerung der Leistungsfähigkeit, sondern auf die Hervorbringung von Motivation, weshalb man Medikamente wie Ritalin auch als Leistungssteigerer zweiter Ordnung bezeichnen könnte.” (S. 93)
  • “Das Handlungsproblem, das durch Neuroenhancement zu lösen versucht wird, besteht darin, initiativ tätig zu sein, Dinge in Angriff zu nehmen. Selbst-Aktivierung ist heute eine bedeutende Anforderung an die Subjekte, weil sie im flexiblen Kapitalismus immer wieder eigenverantwortlich nach Gelegenheiten suchen mĂĽssen, ihre Fähigkeiten in Wert zu setzen.” (S. 93)
  • “Passivität und Routinen sind der größte Feind des unternehmerischen Selbst und sollen durch ein “Ethos des Beginnens” ĂĽberwunden werden. Die Medikamente, die als Neuroenhancer eingenommen werden, haben eine aktivierende Wirkung. Sie richten den Fokus auf einen beliebigen Gegenstand und rufen Tatendrang hervor.” (S. 93)

Die Zeit-Zone

Zeitmangel entsteht (nur), wenn andere über unsere Zeit verfügen können

  • “FrĂĽher — und tatsächlich heute immer noch (nur wollen wir es nicht so recht wahrhaben) — waren es immer andere, die ĂĽber Zeit verfĂĽgten, nämlich ĂĽber meine — deine, seine, ihre, unsere. Daraus speist sich das fundamentale GefĂĽhl der Entfremdung unter Herrschaftsverhältnissen, dass etwas, das mit mir so untrennbar verwoben ist — meine sozio-biologische Lebenszeit — in den Dienst von anderen gestellt wird, die damit ihre Zwecke, die radikal von meinen getrennt sind, verfolgen. Erst dadurch entsteht ĂĽberhaupt Zeitmangel, die Angst, sein Leben nicht leben zu können.” (S. 100f)
  • Das GefĂĽhl von Zeitmangel…

Guillaume Paoli: Marktkonforme Antikapitalisten

“Projekt” ist neoliberal verseucht

  • “Ein Projekt, ganz gleich zu welchem Zweck (und was ist heute nicht “Projekt”?) stellt eine “Grammatik der Handlung” dar, ein normatives Raster. Wer sein Tun in den Kategorien des Projekts begreift, ist bereits neoliberal verseucht.” (S. 155)
  • Unter diesem Verdacht steht dann wohl auch die Personal-Projects-Theorie…

Die Bereitschaft zu schenken “sagt mehr über ein Individuum aus als dessen Konsumgewohnheiten”. (S. 158)

  • Das ist ein spannender Gedanke. Nur weiĂź ich nicht genau, was er konkret bedeutet…

Es gibt keine engagierten Intellektuellen mehr

  • “Im deutschen Kuschelbiotop beschränkt sich Antikapitalismus meist auf Diskursprojekte. Die Zeiten des engagierten Intellektuellen, der mit seinem Megafon an sozialen Konflikten persönlich teilnahm, sind längst vorbei. Gesellschaftskritische Theorien werden nur noch im akademischen Gewächshaus gezĂĽchtet.” (S. 164)

Sarah Diehl: Mutterschaft und FĂĽrsorge als Dienst an der Leistungsgesellschaft

Elternschaft als Vollzeitjob

  • “Damit sie Teil der weiblichen Erfolgsbiografie werden kann, muss Mutterschaft nun professionalisiert werden: Das heutige Modell von Elternschaft verlangt, den Nachwuchs vom ersten Tag an optimal zu fördern. Wer die FrĂĽhförderung versäumt, so die Botschaft, und nicht begreift, dass Erziehung ein hochkomplexer, störanfälliger Prozess ist, riskiert irreparable Schäden am Kind. Elternschaft ist zum Vollzeitjob geworden, “nebenbei” wird heute kaum noch jemand erwachsen.” (S. 193)
  • “[…] wenn ein Elternteil das “Projekt Kind” ĂĽbernimmt. Ein Kind wird zum Indikator fĂĽr die Leistungsbereitschaft des Einzelnen wie des ganzen Systems.” (S. 193)

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