Lewis Hyde: Die Gabe (1983)

Was für ein Buch! Eines dieser seltenen Geschenke, die ein Leben verändern können. Ich habe durch dieses Buch mehr über Ökonomie verstanden als durch jedes Wirtschaftsbuch.

Marktwirtschaft vs. Gabenökonomie

  • „Die Grundannahme dieses Buches lautet, dass Kunstwerke keine Waren, sondern Gaben sind und daher, um es für die modernen Verhältnisse zu präzisieren, gleichzeitig in zwei Welten existieren, in der Marktwirtschaft und in der Gabenökonomie. Wesentlich ist jedoch nur die zweite: Zwar könnte ein Kunstwerk ohne den Markt bestehen, aber ohne Gabe keine Kunst.” (S. 13f)
  • „Ich will damit nicht behaupten, dass man mit Kunst nicht handeln darf. Mir geht es lediglich darum, dass das in einem Werk mitgegebene Geschenk unserem Verhalten ihm gegenüber Grenzen setzt.” (S. 15)
  • Das Grundproblem ist, „dass jeder moderne Künstler, der sich entschieden hat, seiner Gabe zu dienen, früher oder später auf die Frage stoßen muss, wie er in einer Marktwirtschaft überleben will.” (S. 16)
  • Die Gabenökonomie ist eine „Ökonomie des schöpferischen Geistes”. (S. 20)
  • „Gabentausch ist kein Handel.” (S. 38)

„Inneres Geschenk”

  • Wir sprechen von „Talenten” als „Gaben”. (S. 14)
  • „Zu Recht bezeichnen wir auch die Intuition oder Inspiration als eine Gabe.” (S. 14)
  • Auch eine Idee ist eine Gabe.
  • Geschenke, die (scheinbar) von Innen kommen. Geschenke, die „wir als Gegenstand unserer Arbeit annehmen”. (S. 20)

„Äußeres Geschenk”

  • ein Werk = „Kunst, die uns etwas bedeutet” (S. 14)
  • „Solche Kunst empfinden wir als Geschenk.” (S. 14)
  • „Wenn Kunst uns berührt, sind wir dankbar dafür, dass der Künstler gelebt und im Dienste seiner Gaben gearbeitet hat.” (S. 15)
  • Geschenk, das von außen kommt, das „als Kulturgut in Erscheinung tritt”. (S. 20)

Was wir bekommen, sollten wir auch weitergeben

  • Haupteigenschaft eines Geschenkes: „Was wir bekommen, sollten wir auch weitergeben und nicht für uns behalten. Wenn wir es aber schon behalten, sollten wir etwas Gleichwertiges in Umlauf bringen.” (S. 26)
  • „Das Geschenk muss stets im Umlauf bleiben.” (S. 26)
  • „Im Volksmärchen erleidet derjenige, der eine Gabe festzuhalten versucht, gewöhnlich den Tod.” (S. 27)
  • Das ist auch das Prinzip von „Sell your wisdom and buy bewilderment“: Da geht es auch um den Fluss, der bestehen bleiben soll. Sell AND buy.

Besitzen bedeutet auch Geben

  • „Vom Besitzer einer Gabe wird selbstverständlich erwartet, dass er sie mit anderen teilt, weitergibt, ihr Treuhänder und Verwalter ist.” (S. 38)
  • „Eine Gabe wird also erst im Weiterreichen ganz realisiert. Wer keine Dankbarkeit kennt oder sich weigert, Mühe dafür aufzuwenden, setzt weder seien Gaben frei, noch macht er sie sich wirklich zu eigen.” (S. 79f)

Geschenk gebrauchen ≠ es aufbrauchen

  • „Das Geschenk zu gebrauchen heißt keineswegs, es aufzubrauchen, sondern eher im Gegenteil: Bleibt die Gabe ungenutzt, so geht sie verloren.” (S. 45)

Die Gabe sucht die Leere

  • „Wenn die Ware nach dem Gewinn geht, wonach geht dann die Gabe? Bei ihrem Umlauf wendet sie sich demjenigen zu, der bisher am längsten leer ausging.” (S. 49)
  • Dieser ist „der Nächste” des NT! Der Nächste im Fluss/Kreislauf.

Kunstwerke sind auch Geschenke

  • „Der begabte Künstler überträgt die Lebendigkeit seiner Gabe auf das Werk und macht sie auf diese Weise für andere verfügbar.” (S. 51)
  • Ein inneres Geschenk wird auf ein Kunstwerk übertragen, das damit zu einem äußeren Geschenk für andere wird.
  • „Und jeder Künstler, dessen Werk uns berührt, verdient unsere Dankbarkeit.” (S. 76)

Der Zuwachs ist die Seele des Geschenks

  • „Der Zuwachs ist die Seele und der Kern des Geschenks.” (S. 64)
  • „Kapital wirft Gewinn ab, ebenso Handel, aber Geschenke, die Geschenke bleiben, bringen keinen Gewinn, sondern einen Zuwachs. Der Unterschied liegt im Vektorcharakter des Letzteren: Beim Gabentausch bleibt der Zuwachs im Fuss, folgt dem Objekt; beim Warentausch dagegen erstarrt er als Gewinn.” (S. 65)
  • vgl. BWL: Gewinn, der reinvestiert wird (als Rücklage), ist eher Zuwachs. Gewinn, der entnommen wird (z.B. als Dividende), erstarrt.
  • „Der beim Gabentausch eintretende Zuwachs muss Geschenk bleiben und darf nicht wie eine Rendite auf privates Kapital einbehalten werden.” (S. 65)

Drei Formen des Gabenzuwachses (S. 66)

  1. natürlich (bei Lebewesen); z.B. auch Zuwachs an Wissen, Kompetenz etc, sofern diese im Fluss bleiben
  2. natürlich-spirituell (bei Trägern eines Geistes, der die Konsumtion seiner einzelnen Verkörperungen überlebt); vgl. Unendliche Spiele, die unabhängig von ihren Spielern weiterleben
  3. sozial (bei einem Umlauf, in dem aus individuellem Wohlwollen eine Gemeinsamkeit hervorgeht); vgl. Community Building

Lehren, die verändernde Gaben sind

  • Der Empfänger spürt „Dankbarkeit, wenn die Lehre zu „greifen” beginnt.” (S. 76)
  • „Dankbarkeit empfinden wir in der Zeit zwischen Empfang und Weitergabe des Geschenks.” (S. 76)
  • „Und gerade solche Geschenke, die Veränderungen mit sich bringen, müssen erst in uns wirken, uns ihnen ebenbürtig machen, bevor wir sie weiterreichen können.” (S. 76)
    • Wow. Das ist profund!
    • Das macht den echten Experten aus. Er ist dem Thema ebenbürtig, kein Wannabe!
  • „Durch die Weitergabe des Geschenks schließen wir die Mühen in einem Akt der Dankbarkeit ab.” (S. 76)
  • Wenn ich eine Gabe empfange, die mein Leben verändert (z.B. durch „Lehre”), dann muss ich mich zuerst damit auseinandersetzen, mich ihr ebenbürtig machen – und dann muss (!) ich dieses Geschenk weitergeben, indem ich es (in irgend einer Form) lehre. Nur dann werde ich diesem Geschenk gerecht, nur dann halte ich es am Leben, nur dann befreie ich mich aus der Schuld der Dankbarkeit.
  • vgl. „Sell your wisdom and buy bewilderment“: Ich gebe meine Weisheit weiter, um dann bereit zu sein für eine neue mich verändernde Gabe. Das ist die Essenz, die Rumi meint, in anderen Worten ausgedrückt. 

Sobald sich eine Gabe in uns regt

  • „Sobald sich eine Gabe in uns regt, sind wir aufgerufen, sie zu entwickeln. Beim Heranreifen eines Talents findet ein beiderseitiges Ringen statt. Die Gabe setzt ihre Energie frei, solange wir ihr dafür aufwarten.” (S. 79)

Mühe vs. Arbeit

  • Mühe: „Ein Gedicht schreiben, ein Kind erziehen, einen neuartigen Kalkül entwickeln, eine Neurose auflösen, Erfindungen aller Art – das sind Mühen.”(S. 80)
  • Arbeit: „Arbeit ist eine absichtsvolle, willentlich ausgeführte Tätigkeit. Eine Mühe kann absichtsvoll sein, jedoch nur im Grundsätzlichen oder in dem Entschluss, nichts zu tun, was ihr eindeutig zuwiderlaufen würde.” (S. 80)
  • vgl. Beziehungsprojekte (Mühen) vs. Ergebnisprojekte (Arbeit)

Karl Marx: Tauschwert, Gebrauchswert

  • Marx, Das Kapital, S. 50
  • „worth” = Gebrauchswert; „value” = Taschwert (S. 92)

Eine Gabe enthält keine Verpflichtungen für den Empfänger!

  • „Wenn der Geber oder der Empfänger das Verpflichtende einer Gabe hervorzuheben anfängt, hört sie auf, eine Gabe zu sein.” (S. 104)
  • „Mit Menschen, die uns falsche Geschenke machen, können wir uns nicht wirklich verbunden fühlen. Und echte Geschenke verpflichten uns nur, wenn wir sie nicht weitergeben – das heißt, wenn wir sie nicht mit einem Akt oder Ausdruck der Dankbarkeit erwidern.” (S. 80)

Abhängigkeit von den Lehrern

  • „Die Abhängigkeit von unseren Gaben (und den Lehrern, die sie weckten) verringert sich mit wachsender Fähigkeit, sie weiterzugeben.” (S. 104)

Man muss Gaben auch zurückweisen

  • „Gerade wegen der verbindenden Kraft der Gaben muss man sie vielfach zurückweisen.” (S. 105)
  • „Geschenke, selbst in der besten Absicht gemacht, trüben das Urteilsvermögen.” (S. 105)
    • Das ist das Grundübel der Korruption, weshalb auch kleine Geschenke und „Aufmerksamkeiten” problematisch sein können.
  • „Auch Geschenke von bösen Menschen gilt es zurückzuweisen, um uns nicht an das Böse zu binden.” (S. 107)
    • vgl. Marianne Gronemeyer: Wozu reichst du die Hand?

Gabenökonomie und Individualismus

  • „Gabenökonomien lassen eine eigene Form von Individualismus zu […]. […] In Gabenökonomien wohnt der Individualismus dem Recht inne, wann und wie man etwas verschenkt.” (S. 115)

Learn how to be helpful

  • Hilfreich zu sein, ist im Grunde nichts anderes als das „Vermögen des Einzelnen, seine Ideen als Gaben in den Dienst des Gruppengeistes zu stellen und darüber an diesem teilzuhaben.” (S. 119)

Ideen sind keine Waren

  • „Ideen können kaum frei zirkulieren, wenn man sie als Waren behandelt. […] Auf einem freien Markt sind die Menschen frei, die Ideen dagegen abgeschottet.” (S. 119)
    • Daher auch Seth Godins Meinung, das Copyright zu beschränken. Siehe auch weiter unten.

Intellektueller Gedankenaustausch ist „kühl“

  • „Dem intellektuellen Gedankenaustausch [ist] eine gewisse „Kühle” eigen. […] Fachartikel können kaum die emotionale Unmittelbarkeit persönlicher Geschenke ausstrahlen.” (S. 120)
  • Da haben Blogs, Videos, Podcasts etc. einen Vorteil. Sie schaffen mehr emotionale Wärme und sind deswegen Geschenk-ähnlicher.

Die Ökonomie des Gabentausches eignet sich nur für kleine Gruppen

  • „An diesem Punkt sollte ich eindeutig klarstellen, dass sich die Ökonomie des Gabentausches nur für kleinere Gruppen eignet. […] Die obere Grenze dürfte bei etwa tausend liegen, mehr können Menschen emotional kaum bewältigen.” (S. 127)
  • „Ausnahmen bilden Gemeinschaften wie jede der Forschung, die durch sehr spezifische gemeinsame Interessen definiert sind. Gruppen, die keine weitergehenden sozialen Ansprüche stellen – wie ihre Mitglieder zu versorgen, gesundheitlich zu betreuen, zu verheiraten und so fort – können ziemlich groß sein und doch durch Gabentausch zusammenhalten.” (S. 127)
    • vgl. Communities of Practice, GILDE, Tribes etc.
    • Btw. Deswegen ist ein „tribe” eben kein Stamm im ursprünglichen Sinn.

Weibliche vs. männliche Berufe

  • Weibliche Berufe (Kinderbetreuung, Sozialarbeit, Krankenpflege, Schaffen und Bewahren von Kultur, Seelsorge und Lehre) enthalten „größere Beimischungen der Gabenmühe als die eindeutig männlichen wie Bankier, Jurist, Manager, Verkäufer und so fort.” (S. 148f)
  • Zum Lehrer: Den Beruf „üben zwar auch Männer aus, aber, wie der frühere US-Vizepräsident Spiro Agnew betonte, in der Regel verweichlichte.” (S. 149)

Vermarktung ist ausgeschlossen – vgl. Edupreneure

  • „Da die Produkte der „weiblichen”, auf das Soziale und die Seele bezogenen Arbeit keine Waren, keine in Preisen bemessbaren oder willentlich entfremdeten Dinge sind, kann diese nicht auf einer reinen Kosten-Nutzen-Basis erfolgen. Außerdem verzichten jene, die sich derlei Mühen unterziehen, indem sie ihrer Berufung folgen, auch automatisch auf die Möglichkeit, „sich zu verkaufen”. Die Mühe der Hingabe erfordert ein emotionales oder geistiges Engagement, das seine eigene Vermarktung ausschließt.” (S. 149)
  • „Bestimmte Tätigkeiten sind mit einer solchen kämpferischen Einstellung gar nicht vereinbar. […] Schon die geringste Mühe im Sinne der Hingabe bedeutet Entfremdung vom Markt, verminderte Gewinnorientierung und stärkere Betonung des „weiblichen” Anteils.” (S. 149)
    • Wow!
  • „Kosten und Nutzen von Tätigkeiten, bei denen es um gegensätzliche Verfahren und leicht quantifizierbare Resultate geht, lassen sich mit Hilfe des Marktsystems genau ausdrücken, nicht jedoch die der für Gaben aufgewandten Mühe. Die Speisekammer des Pfarrers wird immer mit Gaben gefüllt sein, doch Künstler werden nie gut „verdienen”.” (S. 150)
    • Wie kann sich der Pfarrer oder der Künstler also ein „rich life” (Ramit Sethi) schaffen, das weitgehend unabhängig von Materiellem ist, weil sie eben nie gut verdienen werden, wenn sie ihrer Berufung folgen? Wie können sie von ihren Gaben leben, ohne hungern zu müssen?
  • Daraus ergibt sich der berechtigte „Anspruch, bestimmte Teile unseres sozialen, kulturellen und geistigen Lebens vom Markt fernzuhalten. Wir dürfen nicht alle Gabenmühen in Marktarbeit umwandeln, denn sonst kommt der Tag des grenzenlosen Marktes.” (S. 150)
    • Das wäre das Ende von Kunst und Kultur, wie wir sie (noch) kennen.
  • Wir müssen daher Gaben „tatsächlich als Gaben [..] behandeln, anstatt bloß auszubeuten”. (S. 151)
  • Interessanter Zusammenhang: Der Niedergang des Glaubens im 19. Jahrhundert fiel mit dem „bemerkenswerten Erfolg eines sekulären, merkantilen Unternehmergeistes zusammen”. (S. 151) Spiritualität ist „weiblich” und entzieht sich der Marktlogik, deswegen ist das, was am Markt gut funktioniert, notwendigerweise arm an Geist, Glauben und Sinn!
    • Btw: „Jesus grenzt ständig den Markt vom Himmelreich ab.” (S. 161)

Gabe vs. Waren

  • „Wie gesehen, gibt es zwei Grundformen des Eigentums, Gaben und Waren. Beide treten nie in Reinform auf, sondern bedürfen immer zumindest einer Beimischung des anderen […]. Doch gewöhnlich dominiert eine von beiden.” (S. 188f)

Das Bedürfnis, zu geben

  • „Nachdem er angenommen hat, was ihm gegeben wurde – sei es als Inspiration oder als Talent -, fühlt sich der Künstler oft gezwungen, verspürt er ein Bedürfnis, das Werk zu schaffen und einem Publikum anzubieten. Die Gabe muss in Bewegung bleiben.” (S. 196)
  • May Sarton: „Die nach innen gerichtete, also nicht weitergebbare Gabe wird zu einer schweren inneren Last, manchmal sogar zu einer Art Gift. Es ist, als staute sich der Strom des Lebens.” (S. 196)
  • vgl. Buch-Notizen: Ich muss zuerst mal meine Notizen „freigeben” (releasen), damit ich neue Energie und neuen Fluss in diesen Gedanken verspüre. Deswegen ist dieses Teilen auch so beglückend.

An wen richtet der Künstler sein Werk?

  1. Walt Whitmans Motto: „Schaffe das Werk!”. Es geht darum, der Seele Ausdruck zu verleihen. Das Werk ist insofern Selbstzweck.
  2. Ezra Pound: Die „Tradition” ist die Quelle und letzten Endes auch das Ziel der Gaben. Er trägt zum unendlichen Spiel bei, um „diese Tradition immer wieder neu entdecken” zu können. (S. 197)

Wir nähren den Geist

  • „Wir nähren den Geist, indem wir unsere Gaben verschenken, nicht indem wir Kapital daraus schlagen (nicht „zu viel”, meint [der Dichter Gary] Snyder – da scheint etwas Spielraum zu sein).” (S. 200)

Einem Publikum weitergeben

  • „Sobald eine innere Gabe realisiert ist, kann man sie weitergeben, einem Publikum mitteilen, und manchmal reproduziert die verkörperte Gabe – das Werk – den Zustand der Gnade auch in diesem.” (S. 202)

Die Denkweise, die Gaben zerstört

  • „Zählen, messen, Werte berechnen oder die Ursache der Dinge ergründen wollen bedeutet, den Kreislauf zu verlassen, nicht mehr „aus einem Guss zu sein” mit dem Strom der Gaben und stattdessen als ein Teil des Ganzen über andere Teile nachzudenken.” (S. 203)
  • = Management!

Spannung Gabentausch – Markt

  • „Alle Kulturen und alle Künstler spüren die Spannung zwischen Gabentausch und Markt, zwischen Selbstvergessenheit der Kunst und der Selbstverherrlichung des Kaufmanns, und schon vor Aristoteles hat man über die Frage diskutiert, wie sich diese Spannung auflösen lässt.” (S. 210)
  • Es ist eine Spannung. Wir agieren in Spannungsfeldern.
  • „Einige Aspekte des Problems sind jedoch eindeutig modern.” (S. 211)

vgl. Theory U

  • „Die Vollendung eines Kunstwerks gliedert scih in mindestens zwei Phasen, eine ziellose und eine zielstrebige. Am Anfang steht das Ziellose. Nur im Zustand der Entspannung lassen wir uns wirklich von Ereignissen, Intuitionen und Bildern bewegen oder gar einschüchtern.” (S. 290)
  • „Wenn das Material schließlich erscheint, so gewöhnlich diffus, vielleicht persönlich faszinierend, jedoch für Dritte kaum zu gebrauchen – jedenfalls nicht als Kunstwerk. Zwar gibt es Annahmen, aber die ersten Formulierungen sind selten befriedigend […].” (S. 290)
  • „Wie ein Autor um Worte ringt, so ringt die Phantasie um die klare Artikulation ihres Empfindens.” (S. 290)

Etwas Empfundenes findet seine eigene Form. (Jack Kerouac, S. 290)

  • Das gilt auch für die Lehre. Wenn etwas stark empfunden wird, findet es auch einen Weg nach außen.
  • vgl. Von einem guten Baum können keine schlechten Früchte kommen.

Wille vs. Willensrichtung

  • „Um Ezra Pound gerecht zu werden, sollte ich hinzufügen, dass zwar alle seine Helden Männer mit einem ausgeprägten Willen sind, er aber großen Wert darauf legt, zwischen gutem und bösem Willen zu unterscheiden. Wenn er hervorhebt, „Je größer der Künstler, desto beständiger sein Werk, und das ist eine Sache des WILLENS”, so nicht ohne den Zusatz: „und es ist auch eine Sache der WILLENSRICHTUNG”. Der gute Wille richte uns auf, der böse ziehe uns nieder.” (S. 298)
  • vgl. Anders Breivig: Sein Wille war stark, und von da her war er ein vorbildlicher Personal Project Manager. Aber man kann den Willen eben nicht von der Willensrichtung unabhängig sehen. 

Bloße Produkte des guten Willens

  • „Manchmal ist jeder Wille, ungeachtet seiner Richtung, böser Wille. Wo nämlich der Wille dominiert, da findet die Grazie keine Lücke, um einzutreten.” (S. 298)
  • „Wenn ihm die Empathie am Herzen liegt, die uns für Dinge jenseits des Selbst empfänglich macht, dürfte er auch nicht erstreben, sie durch den Willen zu ersetzen, wenn ihre Kraft erschöpft ist.” (S. 298)
    • Empathie lässt sich nicht mit gutem Willen ersetzen; vgl. „bemüht“.
    • Das sind dann nämlich „bloße Produkte des guten Willens” (S. 299)
    • Boßer guter Wille nimmt dem Werk jede Lebendigkeit; vgl. gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht.

Was Ezra Pound an Geld zufloss…

  • „Was Pound an Geld zufloss, stellte er stets in den Dienst der Kunst.” (S. 303)
  • „[Er war] ein Mann, der mit Großzügigkeit reagiert, wenn ihn Kunst rührt. In den Augen eines solchen Menschen besitzt der schöpferische Geist wahren Wert […].” (S. 303)

Geschenke vs. Lockmittel

  • „Zweitens setzen diese Strategien Geschenke als Köder ein. Die von Burger King verteilten Spielzeuge sind formal gesehen keine „Gaben”, sondern der Bestechung dienende Lockmittel […], um Kinder mittels der verpflichtenden Wirkung von Geschenken an ein Produkt zu binden. Damit dient die Bindung hier nicht dem Zuwachs, der aus dem Gabentausch resultiert, sondern allein dem Profit.” (S. 308)

Wucherer vs. Kaufmann

  • „Der Wucherer ist eigentlich weder Bruder noch Fremder, da er vom Wechseln zwischen den beiden Bereichen lebt. Auf dem Bildschirm schmeichelt er sich morgens bei den Kindern ein, um nachmittags den Müttern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Er ist ein anderer Typus als der simple Kaufmann, der zwar kein Interesse am Wohlergehen der Familie haben mag, aber zumindest Zucker als Zucker und Salz als Salz verkauft.” (S. 309)
  • „Kurz, der Wucherer nutzt Zuneigung und Einbildungskraft, um sein Produkt gewinnbringend wirken zu lassen.” (S. 309)
    • vgl. MLM; get rich quick schemes

Geldgeschäfte an die Peripherie verlegen

  • „Als ein Weiser des Alten Testaments hätte er Pound lehren können, wie man seine Gaben schützt und Geldgeschäfte so an die Peripherie verlegt, dass das Leben im Inneren weitergehen kann.” (S. 331)
  • Geldgeschäfte an die Peripherie verlegen… Ein interessanter Gedanke. Aber wie?

Das „Resümee” des Buches = Skizzierung des „3. Weges”

  • „Der unüberwindliche Widerspruch zwischen Gabentausch und Markt hat zur Folge, dass der Künstler in der modernen Welt einem ständigen Spagat ausgesetzt ist: Sein Werk gehört der Gabensphäre an, dessen Kontext aber bildet die Warengesellschaft. Zumindest dachte ich so, als ich dieses Buch zu schreiben begann.” (S. 351)
  • „Jetzt denke ich anders. […] Es bestehen fließende Übergänge […]. Wenn Künstler in einer Marktwirtschaft leben wie Ezra Pound, so ist die Versöhnung der beiden Sphären anzustreben.” (S. 351)
  • „Die Zulassung des Zinses ermöglicht ja einen Austausch zwischen diesen beiden Sphären, womit die Grenze durchlässig wird. Nun kann sich Gabenzuwachs (nicht kalkulierende, positive Reziprozität) in Marktzuwachs (kalkulierende, negative Reziprozität) verwandeln und umgekehrt: Von außen einfließende Zinszahlungen mutieren im Inneren zu Gaben. So lassen sich theoretisch Gaben in Waren und Waren in Gaben konvertieren, anders gesagt, Gabenwerte funktionalisieren und Marktwerte erotisieren.” (S. 352)
  • „Wo alles Vermögen in Gaben fließt, kommt kein Markt zustande. […] Zwischen den beiden  Polen gibt es jedoch eine goldene Mitte, in der eros und logos zusammenfinden.” (S. 352)
  • Wie soll ein Künstler in einer Marktwirtschaft überleben, wenn Kunst im Wesentlichen eine Gabe ist?
    • „Zum einen lösen sie sich ein wenig von der Gabenökonomie und schließen Frieden mit dem Markt.” (S. 353)
    • Künstler bewahren sich „für die Schaffensphase eine geschützte Gabensphäre und treten anschließend auf den Markt.” (S. 353)
      • Genau das ist „Sell your wisdom and buy bewilderment“!
      • Genau das ist Learner Mindset vs. Performance Mindset!
    • „Sofern sie dort Erfolg haben – das ist die notwendige zweite Phase – wandeln sie den Marktwert in Gabenwert um, als Beitrag zur Förderung der Kunst.” (S. 353)
    • „Eigentlich haben moderne Künstler drei Haupteinnahmequellen, Nebenverdienste, Gönner und Erlöse […]” (S. 353)
    • Ein Künstler kann durch Erwerbstätigkeit gleichsam zu seinem eigenen Gönner werden! (S. 353)
    • „Erwerbstätige und geförderte Künstler ziehen in gewissem Sinne eine strukturelle Grenze zum Markt, wohingegen derjenige, der vom Verkauf seiner Werke lebt, nicht nur selbst ein  Gefühl dafür entwickeln, sondern auch eigene Rituale ausbilden muss, um die beiden Sphären sowohl auseinanderzuhalten als auch miteinander zu vereinbaren.” (S. 353)
      • Das ist die Herausforderung für Künstler als Gründer*innen auf den Punkt gebracht. Jeder Weg ist legitim, aber jeder braucht seine eigene Form der Anstrengung.
  • „Doch bei der Realisierung einer Gabe darf der Markt nicht den Ton angeben, sondern erst ins Spiel kommen, wenn das Werk der Inspiration folgend vollbracht ist.” (S. 354)
    • Design Thinking und Agilität würden das etwas anders sehen: Nicht zuerst das Werk schaffen, sondern so früh wie möglich den Markt befragen.
    • Wie passt das zusammen???
      • Abr auch diese Techniken beginnen mit dem kreativen Prozess…
  • „Wahre Künstler [werden] in der Regel nicht reich [..], sondern gerade ihr Auskommen haben.” (S. 354)
    • Denn: „Treue zu den eigenen Gaben lässt kaum Kraft für den Erwerbstrieb […].” (S. 356)
  • „Um den Spagat zu schaffen, schalten Künstler oft Agenten ein.” (S. 354)
  • „Wie oben gezeigt, sind Gaben erst dann wirklich unser Eigen, wenn wir sie weggegeben haben. Der Begabte bekommt also nicht zu sich selbst, bevor er sich als Hüter fremden Vermögens versteht, das er ständig auskehren muss.” (S. 356)
  • „Wenn der Künstler diese innere Armut bereitwillig annimmt, kann er eine gewisse Schlichtheit seines äußeren Lebens gut ertragen – wohlgemerkt nicht Not, sondern Schlichtheit.” (S. 356)
    • „Ich will die Armut des Künstlers beileibe nicht romantisieren […].” (S. 356)

No story, no glory

  • „Woher eine innere Gabe kommt, welche Dankesschuld sie uns auferlegt, wie und wem wir unsere Dankbarkeit ausdrücken sollen, inwieweit wir die Gabe sich selbst überlassen und inwieweit wir sie disziplinieren, wie wir ihren Geist nähren und ihre Vitalität erhalten müssen – diese und alle anderen Fragen im Zusammenhang mit der Gabe lassen sich nur mit simplen Geschichten beantworten.” (S. 357)

Das Buch bietet keine Lösungen an

  • „Ich hatte gehofft, einen „prophetischen Entwurf” schreiben zu können, also etwas möglichst „Zeitloses”, und gerade deshalb ist Die Gabe kein sehr praxisnahes Buch. Zwar stellt es ein praktisches Problem dar – die Kluft zwischen Kunst und Erwerbsleben -, bietet aber keine Lösung an.” (S. 360)

Der Öffentlichkeit werden Ideen entzogen

  • „Durch ausufernde Urheberrechte werden der Öffentlichkeit immer mehr Kunstwerke und Ideen entzogen. Die Walt Disney Company griff munter auf die Folklore zurück, um ihr Filmimperium zu begründen („Schneewittchen”, „Pinocchio”), wenn jedoch heute jemand aus dem Volk etwas davon nutzen will, hat er rasch eine Abmahnung im Briefkasten.” (S. 366)
  • „Insgesamt führte der Triumph des Marktes zur Kommerzialisierung zahlreicher Dinge, die wir früher für kostenlos, darunter Gemeingüter sowohl natürlicher als auch kultureller Art, die wir für nicht privatisierbar hielten.” (S. 366f)

„Kommerz ist nicht ausgeschlossen, aber zweitrangig.” (S. 368)