Das digitale Notizbuch von Günter Schmatzberger

Normaler Orangensaft

N

Unlängst im Billa-Plus-Restaurant in meiner Nähe: Eine Frau vor mir an der Kassa bestellt Orangensaft. „Aber nicht den frisch gepressten, sondern den normalen“, sagt sie.

Das hat mich irritiert. Wäre nicht eigentlich der normale Orangensaft der frisch gepresste aus echten Orangen — und der nicht-normale ein in einem schwer recyclebaren Karton abgefülltes Gemisch aus Orangensaftkonzentrat und Wasser?

Schon interessant, was wir in unserer Konsumgesellschaft alles für normal halten.

Meinung fasten

M

Schöne Idee von Manuel Scheidegger zum Beginn der Fastenzeit: Nicht Essen fasten, sondern Meinung fasten. 

Das bedeutet: Sich mit der eigenen Meinung mal bewusst zurückhalten und stattdessen zuhören, was andere Menschen dazu denken. Oder tatsächlich genau hinzusehen, was die Fakten eigentlich sagen. Sich fragen: Wie ist eigentlich das Ding, wie es ist, und wo beginnt meine eigene Interpretation? Seinen eigenen Standpunkt in Frage stellen und für Kritik offen sein.

Dafür braucht man andere Menschen, weil alleine schaffen wir das nicht. Und wahrscheinlich braucht es Menschen, die einem unbequeme Ansichten haben oder die man überhaupt noch nie gehört hat.

Aber ein schöner Nebeneffekt des Meinungsfastens: Man lernt, die Welt klarer und wahrer zu sehen, weil man ein bisschen wegkommt vom eigenen Confirmation Bias

Schummelzettel

S

ChatGPT versetzt momentan viele Bereiche unserer Wissensgesellschaft in Aufruhr und macht natürlich auch nicht vor den Schulen halt.

Wie gut, dass uns in Österreich das nicht allzu sehr beunruhigen muss. Zumindest, wenn es nach den obersten Lehrer*innenvertretern geht, die im Jahr 2023 die Situation fachkundig analysiert haben und zum Schluss kommen:

„In meiner eigenen Schulzeit hat es Schummelzettel gegeben,
jetzt gibt es halt andere Dinge.“

Paul Kimberger auf orf.at, 5. Februar 2023

Drüber reden

D

Unlängst habe ich mit einem Gründer gesprochen, bei dem es nicht richtig läuft. Man sieht in seinem Gesicht und hört in seiner Stimme, wie anstrengend es für ihn gerade ist. Wie viel er investiert und wie wenig dabei für ihn raus schaut.

Solche Gespräche sind naturgemäß schwierig. Einerseits, weil es nie angenehm für mich ist, jemanden leiden zu sehen. Andererseits, weil ich nicht einfach die schnelle Lösung parat habe, die schlagartig alles besser machen würde.

Und dennoch war nach dem Gespräch spürbar was besser als vorher. Wahrscheinlich allein deshalb, weil er drüber reden konnte.

Bücher kaufen, Bücher lesen

B

Hartmut Rosa beschreibt ein interessantes Phänomen unserer Zeit:

Wir kaufen uns ein Buch. Das geht schnell. Das Buch zu lesen hingegen dauert lang. Statt dass wir uns die Zeit zum Lesen des Buches nehmen, kaufen wir uns lieber ein neues Buch, das wir dann auch wieder nicht lesen.

Es scheint uns mehr Lust zu bereiten, etwas Neues zu kaufen, als es tatsächlich auch zu konsumieren.

Networking, das funktioniert

N

Networking ist für viele Gründer*innen und Solopreneure ein schwieriges Thema. Man mag’s meist nicht nicht machen, weil sich die gängigen Networking-Formate sehr künstlich anfühlen und im Endeffekt Zeitverschwendung sind.

Eine Gründerin hat mir unlängst erzählt, dass Sie jedoch ihren eigenen Zugang zum Networking gefunden hat. Sie spielt begeistert Tennis, und sie hat sich jetzt für die Hobbyliga angemeldet. Damit wird ihr jede Woche ein*e neue*r Gegner*in zugeteilt, gegen den*die sie spielen darf. Natürlich lernt man sich dabei auch ein bisschen kennen, und hat neben der gemeinsamen Liebe zum Tennis vielleicht auch den einen oder anderen beruflichen Anknüpfungspunkt. Und wenn nicht, macht’s auch nichts, das Tennisspielen ist ja an und für sich schon wertvoll.

Ich denke, dass in dieser kleinen Geschichte das Geheimnis der erfolgreichen Netzwerker*innen auf den Punkt kommt: Sie haben ihren ganz persönlichen, ihren ganz eigenen Zugang zum Networking gefunden, der dafür sorgt, dass Networking für sie nicht eine unnatürliche Zeitverschwendung ist, sondern ihnen sogar Spaß macht.

Kollegen

K

Wir Solopreneure sind aus einem guten Grund keine Angestellten (mehr).

Wir lieben unsere Freiheit und unsere Unabhängigkeit. Wir lieben es, dass wir uns nach keinem Chef richten müssen. Und wir lieben es, nicht Montag bis Freitag zu fixen Zeiten arbeiten zu müssen.

Was uns aber manchmal doch fehlt, sind die Kolleginnen und Kollegen. Menschen, die an der gleichen Sache arbeiten und mit denen man sich fachlich austauschen kann. Menschen, die unter den gleichen Sachen leiden und mit denen man gemeinsam ein bisschen jammern kann. Menschen, die mal einen Schmäh reißen oder einen Kuchen zum Geburtstag mitbringen.

Es tut uns daher gut, wenn wir uns “Kolleg*innen” auch in der Selbständigkeit suchen. Denn den Austausch und die Begegnung von Mensch zu Mensch brauchen wir Solopreneure genauso sehr wie jeder andere Mensch auch.

Crowdfunding

C

Ich bin ja der Meinung, dass wir europäischen Selbständigen sehr vorsichtig sein müssen, wenn wir vermeintliche Erfolgsrezepte übernehmen, die aus den USA kommen.

Es ist ein eigenartiges Phänomen, dass die Lehrmeister*innen vieler europäischer Lifestyle Entrepreneure Amerikaner*innen sind. Eigenartig deswegen, weil dabei geflissentlich ignoriert wird, dass wir in Europa eine ganz andere Kultur haben als in Amerika. Was dort funktioniert, funktioniert bei uns noch lange nicht. Und umgekehrt: Was in Amerika nie gehen würde, funktioniert in Europa wunderbar.

Ein anschauliches Beispiel für diese Diskrepanz hat mir Monika Kovarova-Simecek erzählt: In den USA ist Crowdfunding eine gängige Art der Finanzierung für Projekte und Gründungen. Deswegen glauben auch wir Europäer*innen oft, dass Crowdfunding eine reale Möglichkeit ist, an Geld zu kommen. Tatsächlich spielt Crowdfunding bei der Finanzierung von Start-ups nur eine minimale Rolle. Es funktioniert einfach bei uns nicht so wie in den USA.

Warum? Weil Europa eine andere Kultur hat als Amerika. Das sollten wir Lifestyle Entrepreneure immer im Hinterkopf behalten, wenn wir mal wieder das neueste Erfolgsrezept aus den USA vorgesetzt bekommen.

Nachhaltige Filmförderung

N

Meine Kollegin an der FH St. Pölten, Monika Kovarova-Simecek, hat mir erzählt, dass SDG-Ziele zunehmend auch Kriterien sind bei der Vergabe von Filmförderungen.

Einerseits ist das natürlich super, dass endlich auch Überlegungen zur Nachhaltigkeit einfließen in Entscheidungen für Finanzierungen und Förderungen. Ist eh höchst an der Zeit.

Andererseits denke ich mir: Das ist ja ein Wahnsinn für die Filmproduzent*innen, v.a. für die kleinen. Was das für ein Mehraufwand ist, nun auch noch einen Nachhaltigkeitsbericht zu schreiben und vor ab schon zu überlegen: Wie stellen wir sicher, dass wir CO2-neutral sind? Wie stellen wir Diversity sicher? etc.

Weil: Ich nehme an, dass dieser Aspekt zu allen anderen Förder-Anforderungen dazu kommt, und nicht ein anderes Kriterium wegfällt.

Es wird wohl ein Mehr-Aufwand sein, was dazu führen wird, dass er auch als solcher behandelt wird.

Ausgebremst

A

Eine Erkenntnis aus The Alchemist, die gerade viel Resonanz bei mir erzeugt:

Irgendwann im Laufe des Lebens wird das, was sich die Anderen über einen denken, wichtiger als das Streben nach seiner eigenen personal legend

Das ist sehr, sehr schade.

Jenseits der Vorstellung

J

“Ich kann mir nicht vorstellen, wie man damit Geld verdienen kann”, sagt ein Berater-Kollege über einen neuen Kunden, der sich als “spiritueller Begleiter” selbständig machen will.

Damit spricht er einen zentralen Punkt in der Gründungsberatung an: Um unseren Kunden mit ihrem Business zu helfen, müssen wir uns dieses Business erst mal vorstellen können. Alles beginnt damit, dass wir unseren Vorstellungsraum erweitern.

Und das ist manchmal gar nicht so leicht.

Die Kuh

D

Meine Nichte wird im Biologie-Unterricht ein Referat über die Kuh halten.

Eigentlich wollte sie über Dinosaurier reden, das hätte sie mehr interessiert. Weil aber die Referatsthemen in einer bestimmten Reihenfolge drankommen müssen und die Dinosaurier zu einem Zeitpunkt dran sind, wo meine Nichte viele andere Schularbeiten und Tests hat, hat sie sich eben für die Kuh entschieden. Nicht aus Interesse, sondern weil es einfacher ist.

Schon interessant, was man in der Schule alles lernt. 

Müllsammeln

M

Gestern haben meine Kinder und ich den Müll gesammelt, der in den Vorgärten und auf dem Spielplatz in unserer Nachbarschaft herumgelegen ist.

Niemand hat uns darum gebeten. Wir haben dafür kein Lob bekommen. Praktisch niemandem wird es überhaupt aufgefallen sein.

Und dennoch (oder gerade deswegen) ist es ein wunderbares Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, einfach um seiner selbst Willen.

Die Situation einschätzen

D

Unlängst habe ich mit einer Gründerin gesprochen, die gerade das erste halbe Jahr ihrer Selbständigkeit erfolgreich gemeistert hat.

Aktuell hat sie gerade einen herausfordernden Kunden zu kämpfen. Sie hat das Gefühl, dass sie mit überzogenen Erwartungen konfrontiert ist und die Zusammenarbeit insgesamt nicht so läuft, wie sie sollte.

Und weil sie ein Neuling in dem Business ist, fragt sie sich natürlich: Ist das jetzt nur für mich so, oder ist das für alle so?

Da ist es hilfreich, mit einem Berater sprechen zu können, der sagt: Ist ganz normal, geht allen so.

Plankosten vs. Zielkosten

P

Es gibt zwei brauchbare Ansätze in der Kostenplanung für Gründer*innen:

  1. Plankostenrechnung: Ich schreibe mir auf, welche Kosten wahrscheinlich anfallen werden und berechne daraus, wie hoch der Umsatz sein muss, damit ich diese Kosten abdecken kann. Dieser Ansatz eignet sich recht gut, wenn ich ein einigermaßen stabiles und vorhersehbares Business habe.
  2. Zielkostenrechnung: Ich überlege mir zuerst, wie viel Umsatz überhaupt möglich ist, und schaue dann, wie viele Kosten sich dadurch “ausgehen”. Das heißt, ich passe meine Ausgaben flexibel an, je nachdem, ob ich gerade höhere oder niedrigere Umsätze mache. Dieser Ansatz ist besonders am Anfang eines Business hilfreich, wenn die Auftragslage nur schwer vorhersehbar ist.

Sales-Aufwand

S

Meine Erfahrung: Es ist in der Regel nicht einfacher, kleinere (= billigere) Produkte zu verkaufen als große (= teure).

Der Sales-Aufwand für ein 5.000-Euro-Produkt ist nicht fünfmal so hoch wie für ein 1.000-Euro-Produkt. Ich würde sogar sagen, der Aufwand ist annähernd gleich hoch.

Wenn du also denkst, es wäre eine gute Idee, “kleinere” Produkte in dein Portfolio aufzunehmen, weil sich die leichter verkaufen… wahrscheinlich nicht.

Innovation

I

Innovation ist nur dann möglich, wenn man sich etwas traut.

Und je mehr sich gemeinsam etwas trauen, desto besser.

[Danke Markus Peschl für den Gedanken, den er mir 2012 mitgegeben hat und der aktuell wieder sehr relevant wird.]

Ein Trainer, der zuhört

E

Unlängst habe ich einen Podcast gehört, in dem darüber gesprochen wurde, warum Jürgen Klopp erfolgreich ist. Darin wurde unter anderem gesagt:

Klopp hört einem zu. Und damit gehört er schon zu den 5 % der besten Trainer auf der Welt, weil die 95 % dann eben nicht zuhören und auf Durchzug schalten.

Tobias Escher

Gründerland NÖ

G

Ein paar spannende Zahlen zu Gründungen in meinem Heimatbundesland Niederösterreich:

  • 2021 wurden 8.089 neue Unternehmen gegründet.
  • 55% der Neugründer sind weiblich.
  • Insgesamt gibt es 113.841 Unternehmen in Niederösterreich (Q3/2022).
  • Davon sind rund 60% Ein-Personen-Unternehmen (72.300).
  • 68% der Unternehmen sind 5 Jahre nach Gründung noch existent.

Quelle: Wirtschaftskammer NÖ

Beschwerde

B

Ich kenne keine Zahlen, aber die Frage finde ich interessant:

Wie viele Teilnehmer*innen im UGP beschweren sich eigentlich, wenn sie mit ihrer Beraterin oder ihrem Berater nicht zufrieden sind?

Und wie viele nehmen eine schlechte Beratungsbeziehung einfach als “Schicksal” hin?