Inhaltsverzeichnis
- Manifest zur kritischen Erwachsenenbildung (2019)
- Jeder sein eigener Unternehmer?! (2018)
- Kritische Bildung – Königsweg in einem veränderten gesellschaftlichen Sein? (o.J.)
- Führe mich sanftBeratung, Coaching & Co — die postmodernen Instrumente der Gouvernementalität (2007)
- 50 Jahre alt und seit 5 Jahren in der Pubertät
- Arbeit macht NICHT frei (2000)
- Nur Arbeit, die man auch lassen kann, macht den Menschen zum Menschen
- Zum Unterschied zwischen Bildung und Esoterik
- Grundeinkommen — Bedingung der Möglichkeit von Bildung? (2005)
- Vom sinnlosen Arbeiten zum sinnlosen Lernen
- Wer nicht lernt, soll auch nicht essen!
Alle hier besprochenen Artikel sind abrufbar im kostenlosen und frei zugänglichen Online-Archiv von Erich Ribolits.
Manifest zur kritischen Erwachsenenbildung (2019)
Link: http://kritische-eb.at/wordpress/manifest/
Das Manifest zur kritischen Erwachsenenbildung kritisiert, dass Verantwortungen individualisiert werden.
- Das habe ich auch bei meinem Kollegen im UGP beobachtet: Ihn regt auf, wenn sich jemand nicht “an die Spielregeln hält” (z.B. “Coaching” ohne entsprechendes Gewerbe). Er macht das Individuum verantwortlich, das sich nicht an die Regeln hält, obwohl die Regeln völlig sinnlos und willkürlich sind. Das Individuum handelt quasi aus Notwehr, weil sie für etwas verantwortlich gemacht wird, das es gar nie entschieden hat. Wozu es gar nie befragt worden ist.
Kritische Erwachsenenbildung soll dazu beitragen, “die Zumutungen gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu erkennen, zu hinterfragen, bewusst Stellung zu nehmen und sich zur Wehr zu setzen”.
Jeder sein eigener Unternehmer?! (2018)
Der Solopreneur, der Lifestyle Entrepreneur kritisch betrachtet:
Um aber die Verwertung auch in jenen Bereichen sicherzustellen, in denen noch nach der dritten industriellen Revolution Menschen tätig sein mĂĽssen, geht es darum, dass diese sich selbst nur mehr im Vermarktungsfokus begreifen, was letztendlich nur ĂĽber den Weg der Auflösung der Dichotomie von Subjekt und Unternehmen möglich ist — das Bewusstsein der Menschen muss dahingehend verändert werden, dass sich sich selbst (nur noch) als Unternehmen begreifen, das sich selbst als (Human-)Kapital verwertet. […] dafĂĽr sind Menschen erforderlich, die letztendlich ihre gesamte LebensfĂĽhrung am Modell der Entrepreneurship ausrichten. (S. 24)
- Der Solopreneur, das EPU begreift seine Notwenigkeit zur Verwertung voll und ganz. Er sieht das als seine unternehmerische Aufgabe. Er investiert viel Zeit und Geld und Energie, in seiner (Selbst-)Vermarktung (= Verwertung) immer besser zu werden.
- Im Lifestyle Entrepreneur löst sich die Dichotomie von Subjekt und Unternehmen vollständig auf.
- Paradoxerweise sehen Lifestyle Entrepreneure das aber eher als Strategie dafür, mehr Menschlichkeit zurückzugewinnen. Sie sehen es als großen Schritt in ihre persönliche Freiheit, die sie sonst nicht hätten.
- Wie passt das zusammen? Warum empfinden wir unsere Fesseln als Features der Freiheit?
Die Person muss fĂĽr sich selbst zum Unternehmen werden, sie muss sich selbst als Arbeitskraft, als fixes Kapital betrachten, das seine ständige Reproduktion, Modernisierung, Erweiterung und Verwertung erfordert. Sie darf keinem äusseren Zwang unterworfen sein, sie muss vielmehr ihr eigener Hersteller, Arbeitgeber und Verkäufer werden und genötigt sein, sich die Zwänge (selbst – E.R.) aufzuerlegen, die zur Lebens- und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens, das sie ist, erforderlich ist.
Zitat von Gorz 2003 = Wissen, Wert und Kapital; S. 24
- Was ich mich frage: Gilt diese Kritik dem Angestellten, der sich für den Nutzen seines Arbeitgebers (der großen Konzerne) vermarktet, oder gilt sie auch dem Lifestyle Entrepreneur, der seine Selbstvermarktung als Ermächtigungsstrategie sieht?
Zunehmend gewinnt ein adäquates Überleben nur mehr derjenige, der laufend den Markt beobachtet und im Zusammenspiel von Marktanforderungen und eigenen Potenzialen eine Strategie der wechselseitigen Manipulation zu entwickeln imstande ist. (S. 25)
- Das sind definitiv die Zugänge der ÖVP und des AMS an den Arbeitsmarkt.
- “Wechselseitige Manipulation”… Was ist damit gemeint?
Meine Erkenntnis: Ich “löse” die organisatorischen Missstände im arbeitsmarktpolitischen Kontext (UGP) dadurch, dass ich das Problem individualisiere und zu “meinem” mache — sprich, indem ich mich rausnehme, indem ich kündige, indem ich meine individuelle Lösung suche. Und nicht dadurch, dass ich gegen die Missstände ankämpfe und die Verantwortung bei den tatsächlichen Verursachern (= Auftraggeber und “Träger”) einmahne und von ihnen Verbesserungen einfordere. Schon interessant. Mit meiner individuellen Lösung ist nämlich niemandem geholfen — außer mir. Vielleicht nicht mal mir…
Kritische Bildung – Königsweg in einem veränderten gesellschaftlichen Sein? (o.J.)
In diesem Artikel habe ich drei zentrale Punkte gelernt:
- Konkurrenz
- Kritik
- Widerstand
ad Konkurrenz: Seine Ansicht ist, dass die Informations- und Kommunikationstechnologie zu einem massiven Anstieg der Konkurrenz auf allen Ebenen gefĂĽhrt hat.
Konkurrenz wird zur alles überstrahlenden Größe im sozialen Verhalten der Menschen und im politischen Vorgehen von Regionen, Staaten und Staatenverbünden. (o.S.)
Die Konkurrenz besteht nicht nur im Arbeitsmarkt und auch schon im Schulsystem, sondern auch auf politischer Ebene. Die Politiker haben dadurch kaum mehr Handlungsspielräume.
Der Spielraum für die sogenannten Staatenlenker/innen wird immer enger — letztlich bedeutet Politik nur mehr, optimale Bedingungen für das zu schaffen, was euphemistisch als “Standortwettbewerb” bezeichnet wird, sich aber immer deutlicher als ein Rennen um das nackte Überleben entpuppt. Was sich nicht ökonomisch argumentieren lässt, also damit, dass die jeweilige Maßnahme einen Vorteil im globalen Konkurrenzkampf darstellt, verliert in dieser Situation jedwede Bedeutung. Die Logik der Verwertung und der Konkurrenz wird zunehmend totalitär. (o.S.)
ad Kritik: Die Kritik, die von gebildeten Bürgern kommt, ist in Wirklichkeit keine echte Kritik, sondern eine Kritik, die sie sich leisten können. Diese Art der Kritik legitimiert das System, weil es gar nicht grundsätzlich in Frage gestellt wird.
Kritisch zu sein heißt in der Regel bloß, “es sich leisten zu können”, gegebene Strukturen der Macht und sie stützende Verhältnisse zu hinterfragen. Dabei stellen sich die Kritiker/innen zwar intellektuell in Opposition zu den Verhältnissen, verlassen diese aber selbst nicht. (o.S.)
ad Widerstand: Echter Widerstand wäre, nicht intellektuell zu kritisieren, sondern eine Veränderung im Sein (und ich denke, dieses Sein ist ganz im Sinne von Erich Fromms Existenzweise des Seins im Gegensatz zur Existenzweise des Habens zu verstehen). Die Existenzweise des Seins ist Rebellion, Sabotage und Revolution.
Erst wenn Kritik die Grenzen des eloquent-larmoyanten Gejammers, in denen sie sich ĂĽblicherweise bewegt, ĂĽberschreitet und sich in einem veränderten Sein niederschlägt […], bedroht sie sie Strukturen der Macht tatsächlich und wird dann in der Regel ja auch entsprechend sanktioniert. (o.S.)
Spannend ist auch die Sache mit den Sanktionen. Eine Existenzweise des Seins ist echt bedrohlich und kann das System erschüttern. Man merkt das z.B. auch an den Menschen, die freiwillig in Teilzeit arbeiten. Denen droht der Arbeitsminister 2023 an, die Sozialleistungen zu kürzen — weil dieser Zugang zum Leben, nur so viel zu arbeiten, wie man unbedingt braucht, für die Wirtschaft bedrohlich ist, nach dem Motto: Stell dir vor, das würden alle machen!?
FĂĽhre mich sanft
Beratung, Coaching & Co — die postmodernen Instrumente der Gouvernementalität (2007)
Berater spielen in der Postmoderne eine wichtige Rolle. Sie sind selbstverständlich und allgegenwärtig. Sie vermitteln Orientierung und letztendlich Lebenssinn. Eine Aufgabe, die früher Priester bzw. Lehrer*innen übernommen hatten.
Als Begründung für diesen Beratungsboom wird häufig mit einer zunehmenden Komplexität des heutigen Lebens argumentiert. Aber das greift viel zu kurz. Es geht um weit mehr, nämlich: Berater haben die (neoliberale) ökonomische Logik so verinnerlicht, dass sie die Zwänge des Kapitalismus nicht mehr als vom Menschen auferlegt begreifen, sondern als naturgegeben. Damit helfen sie nicht nur gegen die Unübersichtlichkeit des postmodernen Lebens, sondern sind aktive Förderer der kapitalistischen Logik.
- Selbstverständlich ist den Berater*innen das alles überhaupt nicht bewusst.
Beim politischen Projekt des “lebenslangen Lernens” geht es zumeist nicht darum, Individuen zu befähigen, die Welt beser zu verstehen und ihr Leben besser zu meistern. Es geht meist darum, dass die Ziele der wirtschaftlichen Entwicklung erreicht werden können (”Standortwettbewerb”).
Marketing ist das Instrument der sozialen Steuerung in der Kontrollgesellschaft. Es geht darum, sich sein Leben lang “marktgängig” zu halten. Berater helfen idR dabei, die Fähigkeiten, Fertigkeiten, Stärken eines Individuums optimal an die aktuellen Erfordernisse des Marktes anzupassen.
Eine nicht-direktive Art der Unterstützung ist die Regel. Beratung (bzw. Coaching) als Hilfe zur Selbsthilfe, als Nicht-Bevormundung. Denn: Postmoderne Berater*innen sind meist gar nicht in der Lage, eine aus fachlicher Sicht optimale Lösung vorzuschlagen. Sie argumentieren daher, dass letztendlich immer der Kunde entscheiden und seine eigenen Probleme lösen müsse. Das könne ihm niemand abnehmen — ohne ihn zu entmündigen und zu bevormunden.
Beratung, so verstanden, fördert massiv das postmoderne Bild des “unternehmerischen Selbst”. Sie führt zu einer “verbetriebswirtschaftlichten Lebensführung”. Ziel der Beratung ist nicht ein würdevolles Leben für alle, sondern eine Verbesserung im Konkurrenzkampf, eine Optimierung der Situation relativ zu der anderer.
50 Jahre alt und seit 5 Jahren in der Pubertät
Ein Text über die agrarpädagogischen Akademien.
Nichts fĂĽr mich dabei.
Arbeit macht NICHT frei (2000)
ARBEIT ist in unserer Gesellschaft sehr wichtig. Sehr wichtig. “[…] sie kann ohne Ăśbertreibung als der Kristallisationspunkt allen gesellschaftlichen Geschehens bezeichnet werden.” Arbeit ist wie eine Religion.
Und für die Majorität der Bewohner der Industriegesellschaften ist Arbeit auch jenes selbstverständliche “Geländer”, an dem entlang ihr Leben organisiert ist. (S. 5)
- Ich sage: Das beginnt in der postmateriellen Gesellschaft des Jahres 2023 aufzubrechen. Der Wert der Arbeit wird heute neu definiert und neu verhandelt. Das bringt jene Unternehmen in die Bredouille, die noch sehr industrialistisch denken und ausgerichtet sind. Was fangen die an mit einem jungen Menschen Mitte 20, fĂĽr den Arbeit nicht mehr das Zentralgestirn seiner Existenz ist?
Das zeigt sich z.B. daran, dass auch politisch sehr oft nicht die gerechtere Aufteilung des wachsenden Reichtums der Gesellschaft gefordert wird, sondern die Schaffung und der Erhalt von Arbeitsplätzen.
Früher war Arbeit Mittel zum Zweck. Mit dem Erwachen des Selbstbewusstseins des Bürgertums ist Arbeit aber “von einer bitteren Notwendigkeit zunehmend zu einer Tugend uminterpretiert worden.”
- vgl. Juliane Marie Schreiber: Ich möchte lieber nicht. Eine Rebellion gegen den Terror des Positiven
“Die Wurzeln der heutigen Wertschätzung der Arbeit reichen bis in die Renaissance zurück. Damals begann in den entwickelten Kulturen Europas ein Prozess, der sch als Emanzipation des Menschen von der Vorstellung eines schicksalhaften Ausgeliefertseins an Natur und Vorsehung bezeichnen lässt. Es kam zu einer Abkehr vom bis dahin dominierenden augustinischen Menschenbild, wo wahre Tugend jenseits dessen angesiedelt war, was der Mensch aufgrund eigener Kraft erreichen kann. Tugendhaftes Verhalten erschien demgemäß nicht als Effekt des eigenen Bemühens, sondern nur als Ausfluss göttlicher Gnade denkbar. Im Rückgriff auf antike Vorstellungen begann sich zunehmend ein “Vertrauen in die Freiheit und Stärke der menschlichen Natur” durchzusetzen. Das Besondere am Menschen wurde nun immer weniger in seiner unsterblichen Seele gesehen, sondern “in seiner Fähigkeit, sein Schicksal durch Intelligenz und Willenskraft zu bestimmen”. Die damit implizierte Vorstellung von der Machbarkeit menschlicher Geschichte ist jener Hintergrund, auf dem eine zunehmende Verteufelung der Faulheit und die Würdigung der Arbeit Platz greifen konnte.” (S. 7)
- vgl. Albrecht DĂĽrer, Landauer Altar
- vgl. “Wer nicht arbeitet, wird faul” — Warum glauben wir das?
Wo und was man arbeitet, bestimmt heute nicht nur das Einkommen und den Lebensstandard, sondern auch das gesellschaftliche Ansehen, die gesellschaftliche Stellung und nicht zuletzt auch das Selbstwertgefühl (≠Selbstwert).
Spannender historischer Unterschied zwischen “Werk” und “Arbeit”
- Werk: Ein Handwerker “arbeitete” nicht, er “werkte”. Er ließ sich sein Werk auch zu einem festen Satz bezahlen. Vgl. engl. work
- Arbeit: Wurde von Handlangern erledigt, die die groben und unqualifizierten Arbeiten ausfĂĽhrten (oft fĂĽr die Handwerker). Vgl. engl. labour
- Damit einhergehend waren Werk und Arbeit auch mit unterschiedlichem gesellschaftlichem Prestige versehen.
Arbeit bestimmt nicht nur das Selbstwertgefühl des Menschen (mit), sondern auch sein Selbstverständnis als Mensch. “Der Mensch der spätkapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft arbeitet ja keineswegs nur deshalb, um ökonomisch zu überleben, er definiert sich über die Arbeit.” (S. 9) Hätten die Menschen keine Arbeit mehr (z.B., weil sie ein BGE hätten), dann verlören viele Menschen ihre “gesamte ideelle Existenzbasis”.
- Wir haben verlernt, ohne Arbeit und in Muße zu leben. Weil: “Und zwar leiden wir Mangel an all jenen Aspekten des Lebens, die sich der Verwertung, d.h. der Verwandlung in ein profitbringendes Warenangebot entziehen.” (S. 12)
- Das habe ich ja auch als ein Hauptproblem des BGE erkannt: Was machen die Menschen mit der neu gewonnenen Freiheit, mit der vielen geschenkten Zeit? Können sie damit überhaupt umgehen?
Wir sind gefangen in unseren Selbstverständlichkeiten. “Worum es heute also geht, ist ein Verlassen des Denkkorsetts der Arbeitsgesellschaft.” (S. 11)
Arbeit ist dann selbstbestimmt, wenn sie freiwillig ist. Wenn man sie auch lassen kann. Wenn man nicht arbeiten muss.
- “Politisches Ziel kann es nicht sein, um neue Lohnarbeitsplätze zu kämpfen, sondern Bedingungen des Lebens, die freies, nicht entfremdetes Tun ermöglichen.” (S. 12)
- Richtig frei ist ein Lifestyle Entrepreneur also erst dann, wenn er auch nicht verwertbare Tätigkeiten tun kann. Wenn er nicht alles in ein “profitbringendes Warenangebot” verwandeln muss. Solange das nicht gegeben ist, sind die Four Freedoms nur Schein-Freiheiten.
Der Kapitalismus lebt vom permanenten Versprechen der Bedürfnisbefriedigung, jedoch nicht von der tatsächlichen Befriedigung der Bedürfnisse. (S. 12)
- Das ist ein Problem auch in der Online-Business-Coaching-Branche. Ich möchte nicht wissen, wie viele (erfolgreiche?) Coaches von der Abhängigkeit ihrer Coachees leben.
Gedanke des Philosophen und Dichters Friedrich Schlegel: FleiĂź und Nutzen sind die Todesengel mit dem feurigen Schwert, die den Menschen die RĂĽckkehr ins Paradies verweigern.
Nur Arbeit, die man auch lassen kann, macht den Menschen zum Menschen
FrĂĽher, in vorkapitalistischen Gesellschaften, ging es bei der Erschaffung von Waren immer um das Schaffen von unmittelbaren und konkreten Gebrauchswerten (bzw. um Waren zum Tauschen, die man aber auch wieder gegen Gebrauchswerte eingetauscht hat). Heute ist das anders. Es geht heute um das Schaffen von Mehrwert:
Denn der eigentliche Endzweck der ganzen Veranstaltung ist nun nicht mehr die Vermittlung konkreter GĂĽter, sondern die Verwandlung von Geld in mehr Geld; die Produktion von Gebrauchswerten ist dabei zwar unverzichtbar, nichtsdestotrotz aber bloĂź Nebeneffekt.
Es geht nun nicht mehr darum, ob bestimmte Waren sinnvoll sind, sondern es geht darum, welche Waren den größten Mehrwert (DB, Gewinn…) abwerfen. Das “beste” Produkt ist das Produkt mit dem höchsten DB.
Diese Entwicklung macht aber auch was mit den Menschen, welche diese Waren herstellen. Es geht ihnen zwar materiell unvergleichbar viel besser, aber die Kosten sind Entfremdung und Sinnentleerung.
Diese Entfremdung drĂĽckt sich in einer Idealisierung der Arbeit aus, die weit ĂĽber die konkrete bedĂĽrfnisorientierte Notwendigkeit hinausgeht.
- siehe Artikel “Arbeit macht NICHT frei”, oben.
Hand in Hand damit geht wiederum die “Weiter”entwicklung des Menschen zum homo consumens: Für ihn gilt quasi als Lebensgesetz, sich in der Arbeit zu verausgaben und in der Freizeit kräftig zu konsumieren, um die innere Leere zu füllen:
[…] die Menschen suchen etwas, was ihrem Leben Sinn zu geben vermag, und greifen in ihrer Not begierig nach den Angeboten der Warenwelt.
Freizeit fungiert heute im diesem Sinn primär als ,Motor der Konsumbedürfnisse’.
FĂĽr die Wirtschaft, die auf permanentes Wachstum ausgerichtet ist, ist das notwendig. Sie lebt davon, den Konsumenten immer neue WĂĽnsche zu suggerieren und diese an verkaufbare Produkte oder Dienstleistungen zu heften. So wird die Konsumspirale immer weiter angekurbelt.
- Das Perfide daran ist die Botschaft: Nur, indem du kaufst, kannst du deine Bedürfnisse befriedigen — sonst nicht. Nur, indem du kaufst, kannst du glücklich werden. Glück wird an Produkte geheftet. Was natürlich ein Blödsinn ist, wenn man darüber nachdenkt.
Das ergibt, wĂĽrde Otto Scharmer sagen, einen Spiritual Divide, den Erich Ribolits so skizziert:
- Nicht mehr das Individuum hat die Kotrolle über seine Bedürfnisse, sondern die “Manipulationsinstanzen der Konsumgesellschaft”.
- Werbung und Massenmedien haben Familie und Religion abgelöst bei der Vermittlung von Weltbildern.
- Ich würde ergänzen: Social Media (und ihre “Scheinwelten”) übernehmen diese Funktion heute in besonderem Maße.
- “Heute kann man durchaus sagen, dass primär Werbe- und Marketingexperten die gängigen Normen für sozial korrektes Verhalten, guten Geschmack sowie die Kriterien für Befriedigung und Glück vorgeben.”
- Es entsteht ein chronischer, undifferenzierter emotionaler Hunger.
- Und die Anbieter der Waren halten ihre Konsumenten absichtlich “hungrig” — auch im Online Coaching Business, wo jede Lösung gleichzeitig Hunger nach mehr macht (und laut Geschäftsmodell machen soll).
Spannend in diesem Artikel finde ich, dass Erich Ribolits zeigt, dass kapitalistisches Verständnis von Arbeit und unser Umgang mit Konsum Ausformungen einer Entwicklung sind. Diese beiden Sachen sind nicht unabhängig voneinander entstanden, sondern eines bedingt das andere. Deswegen spricht Ribolits auch von einer “Arbeits-Konsum-Gesellschaft”.
Zum Unterschied zwischen Bildung und Esoterik
Bildung und Bildungsbemühungen sollen im Endeffekt dazu beitragen, dass die Menschen besser mit ihrem Leben zurechtkommen. Dass sie verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind und dass sie die Dinge (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) auch verändern können.
Dem gegenüber steht die Vorstellung, dass bestimmte Prämissen des Daseins (auch) durch Kräfte beeinflusst werden, die der menschlichen Logik nicht zugänglich und deren Logik auch nicht beeinflussbar ist. Zugang bekommt der Mensch nicht durch Wissen, sondern durch “innere Erfahrungen”. Manche haben mehr von diesen Erfahrungen, das sind dann die Gurus, denen die weniger Erfahrenen glauben (müssen), weil es ihnen selbst ja noch an Erfahrungen fehlt.
- E.R. nennt als Bespiele dafĂĽr (mehr oder weniger explizit) Grander-Wasser, Heilsteine, Feng Shui, Aura Reading, Astrologie, Hellsehen, Tarotkartenlegen, Schamanismus etc.
“Die angedeuteten parawissenschaftlichen Behauptungen und Glaubenssysteme sind in der Regel durchaus eingebettet in Vermittlungsbemühungen, die mit Bildungsanspruch antreten. Dementsprechend schwierig ist ihr unwissenschaftlich-irrationaler Charakter für Besucher/innen von Bildungsveranstaltungen auch zu erkennen.”
Vieles, was man früher als “Aberglauben” bezeichnet hätte, ist heute salonfähig und wird nicht nur von esoterischen Spinnern betrieben. Angeblich glaubt ein Drittel der österreichischen Bevölkerung an Astrologie und Wunder. Auch die Medien greifen diese Themen seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts dankbar auf.
Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit lassen Menschen den Glauben an den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt (sprich: den Glauben an die Vernunft) verlieren: “Das allgemeine Vertrauen in die Kraft der menschlichen Vernunft ist tiefgreifend gestört.”
Spannende Folge daraus fĂĽr die Erwachsenenbildung:
“Zugleich ergibt sich für jene Bildungsbereiche, die unter Marktbedingungen überleben müssen — also vor allem für die Erwachsenenbildung —, aus dem skizzierten Trend ein massiver Druck, Angebote aufzunehmen, die dem dargestellten, aus dem Gedankengut der Aufklärung abgeleiteten Bildungsanspruchs nicht oder nur teilweise gerecht werden.”
- Feng-Shui-Kurse und v.a. Ausbildungen zur Feng-Shui-Beraterin sollte es in einem aufgeklärten Erwachsenenbildungssystem gar nicht geben — nicht an der VHS und schon gar nicht am WIFI. Aber es gibt sie.
“Bildung ist etwas anderes als die Vermittlung von Glaubensinhalten.”
- Stimmt. Das ist eine wichtige Unterscheidung!
- Aber es zeigt halt auch, dass der Bildungssektor selbst komplett vermarktwirtschaftlicht ist. Verkauft wird nicht, was sinnvoll ist, sondern was gerne konsumiert wird.
Grundeinkommen — Bedingung der Möglichkeit von Bildung? (2005)
Die große Hoffnung, die mit dem BGE verbunden ist, formuliert ER so: “Dem Grundeinkommen wird damit zugesprochen, ein Gegenkonzept zu den Entfremdungsbedingungen des politisch-ökonomischen Systems darzustellen, in dem das Leben nahezu völlig von den Prämissen des Kaufens und Verkaufens bestimmt ist.”
ER sieht das BGE aber aus einem kritischen Blickwinkel, den ich bisher nicht bedacht hatte:
- Ein BGE macht nur innerhalb einer kapitalistischen Denklogik Sinn. Das Geld soll ja irgendwo herkommen, und dieses Irgendwo ist der Markt, das sind die Profite aus dem globalen Handel.
- Das BGE überwindet damit den Kapitalismus nicht, ja es stellt den Kapitalismus nicht mal in Frage — sondern es stabilisiert ihn. Wer das BGE fordert, hat sich notgedrungen — bewusst oder unbewusst — mit dem Kapitalismus abgefunden.
- Die ganzen “freien” Solopreneure, dich mir imaginiere, wären immer noch in der kapitalistischen Verwertungslogik gefangen. Was soll da rauskommen?
- Echte Emanzipation wäre das Durchbrechen der Verwertungslogik. Und das, so ER, leistest das BGE nicht — im Gegenteil.
ER sagt (auch in diesem Artikel), dass Bildung heute fast ausschließlich als Funktion ökonomischer Prozesse verstanden wird. Es geht kaum jemals um eine Bildung, die an der Würde des Menschen orientiert ist, sondern um Bildung, die den Einzelnen besser brauchbar und konkurrenzfähiger (im ökonomischen Sinn) macht.
Wenn man ER folgt, dann dĂĽrften sich die stillen Sensitive Strivers in der Marktwirtschaft sehr schwer tun:
“In diesem Konkurrenzkampf kommt es überhaupt nicht darauf an, was jemand macht, sondern nur darauf, wie gut sich das, was er macht, als Ware am Markt verkaufen lässt. Und im Gegensatz zur weit verbreiteten Vorstellung setzen sich dabei nicht die Besten durch, sondern die Skrupellosesten, nämlich jene, die die “Künste der Marktbeeinflussung” am kaltblütigsten einzusetzen bereit sind.”
- Mich erinnert das (natĂĽrlich!) auch an meinen Markt, den Entrepreneurship Industrial Complex.
- Dieses Bild ist in Märkten mit Hypercompetition natürlich besonders zugreffend. Aber es ist dennoch nicht das einzige “Gespräch”, das auf diesen Märkten gesprochen wird.
Vom sinnlosen Arbeiten zum sinnlosen Lernen
Der Artikel ist eine grundlegende Kritik, ja eigentlich eine Abrechnung mit AMS-Kursen.
Es gilt heutzutage als selbstverständlich, dass die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes mit dem Bildungsstand seiner Einwohner korreliert. Das wird gar nicht mehr hinterfragt.
- Nach dieser Logik ist das Bildungssystem eine Zulieferinstanz zum ökonomischen Geschehen. Das gilt natürlich ganz besonders für die Fachhochschulen, wo diese Verwertungslogik vom 1. Semester an (als feature!) betont wird.
- Das Lernen bzw. die Lern-Anlässe sind heute praktisch ausschließlich an der beruflichen Brauchbarkeitorientiert. ⇒ Bildung ist praktisch immer berufliche Bildung.
Lebenslanges Lernen: Du musst dich ständig lernend fit halten, um im Konkurrenzkampf nicht ins Hintertreffen zu geraten. Passe dich möglichst gut an die aktuellen Erfordernisse des Arbeitsmarktes an! Arbeite ständig an deiner employability!
- Das gilt natĂĽrlich ganz besonders fĂĽr Arbeitslose.
- Wer arbeitslos ist, der soll “wenigstens” lernen, um seine Chancen am Arbeitsmarkt zu verbessern und möglichst bald nicht mehr arbeitslos zu sein.
- ER sagt, Arbeitslose müssen sich “in die Lernmaschinerie einklinken”. Es werden “riesige Summen” aus der Arbeitslosenversicherung für Weiterbildung und Umschulung ausgegeben.
Sinnloses Arbeiten im Job und sinnloses Lernen beim AMS sind nur zwei Seiten der gleichen Medaille:
“Es gibt nichts Herzzerreißenderes als das Heimweh der Arbeitslosen nach den guten alten Zeiten, in denen sie noch hatten sinnlos arbeiten dürfen.”
GĂĽnther Anders
“Es geht nicht um die Förderung selbstbewusster Individuen. Es geht nicht um Empowerment, sondern um Employability. “Kaum wird jemals die Frage nach Bedingungen des Lernens gestellt, die Menschen ermöglichen würden, selbstbewusst und mündig zu werden.”
Aber auch der Bildungssektor selbst entwickelt sich zunehmend zu einem profitorientierten Wirtschaftszweig. Er ist nicht mehr nur Zulieferer, er soll nun “selbst zum Verwertungssektor werden”.
- Es findet eine “zunehmende Vermarktwirtschaftlichung des Bildungswesens” statt.
- Das ist definitiv im “AMS-Kontext” in der Erwachsenenbildungs-Szene (”Träger”) zu beobachten; auch im UGP.
- Eine Folge davon: Es geht darum, die “Bildung” (z.B. an der FH) möglichst effizient hinter sich zu bringen, um den Abschluss (= Tauschwert) zu bekommen. Um den Gebrauchswert von Wissen geht es praktisch nie.
- Eine weitere Folge: Im Bildungsbereich bestehen zunehmend nur mehr Kauf- und Verkaufsbeziehungen. Vgl. Studierende, die sich bestimmte “Services” von ihren LBs erwarten. Anspruchsdenken: Wenn ich schon meine Zeit investiere, wenn ich schon zur FH komme, dann will ich auch…
“Wenn Lernen nur noch als Investition ins Bewusstsein tritt, ist ihm die emanzipatorische Potenz genommen.”
- BWL für Solopreneure kann (muss?) mehr sein als eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Es gibt auch die Chance auf eine “emanzipatorische Potenz”!
Wer nicht lernt, soll auch nicht essen!
Die Stoßrichtung dieses Artikels ist ähnlich wie die des Artikels davor:
- Vermarktwirtschaftlichung der Bildung
- Bildung (”gesellschaftlich organisiertes Lernen”) ist meistens nur mehr berufliche Bildung.
- Lernen soll nicht emanzipieren, sondern der Verwertungslogik unterwerfen: “Unter Lernen wird bloß noch bewusstlose Anpassung verstanden.”
Es ist eigentlich eine paradoxe Situation:
“In diesem Sinn wird auch die Tatsache, dass ArbeitnehmerInnen, die arbeitslos werden, nicht einfach ihre für diesen Fall vorgesehene Versicherungsleistung in Anspruch nehmen und im Übrigen darauf warten dürfen, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, kaum je hinterfragt.”
- So jemand wäre bald zum Tachinierer abgestempelt. Obwohl er ja nur seine Versicherungsleistung in Anspruch nehmen würde. Der gesellschaftliche Druck ist enorm, weil Arbeit zu einer Religion geworden ist.
Arbeitslosigkeit ist total stigmatisiert: “Der dem ehemaligen Amerikanischen Präsidenten, Bill Clinton zugeschriebene Satz, jeder Job ist besser als keiner, ist zum allgemein anerkannten Glaubensbekenntnisgeworden.”
“Sobald Lernen “in die Pflicht genommen” und unter Prämissen organisiert wird, die nicht an den humanen Bedürfnissen der Subjekte, sondern an politischen und ökonomischen Interessen ausgerichtet sind, wirkt es entmündigend.”
- Lernen ist also nicht nur nicht emanzipierend, es ist in dieser Logik sogar entmündigend. Es wäre in diesem Kontext besser, nicht zu lernen — zumindest nicht “gesellschaftlich organisiert”.
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