Tag#Alltagsgeschichten

Downgrade

D

Kurz vor Abreise schreiben mir die ÖBB: Die Zuggarnitur in meinem Railjet hat sich “geändert” (sprich: verschlechtert).

Es ist nun eine Ersatzgarnitur mit alten Waggons unterwegs. Die 1. Klasse ist nicht so bequem wie gewohnt, meine Sitzplatzreservierung ist hinfällig, Und, ja, WLAN gibt’s leider auch keins.

Ist das ein Problem?

Es liegt nur an mir.

Eindeutlich

E

Meine Tochter ist mit ihren sechs Jahren in dem wunderbaren Alter, wo sie (bewusst oder unbewusst) neue Wörter erfindet. Die Sprachwissenschaftler würden sagen: Sie ist produktiv.

Eine ihrer Schöpfungen gefällt mir sehr gut: Eindeutlich.

“Eindeutlich” fasst für mich nämlich zwei Ansprüche zusammen, wenn wir andere Menschen von etwas überzeugen möchten, das uns wirklich am Herzen liegt:

  1. Sei dir eindeutig klar darüber, was es ist, das du bewirken möchtest.
  2. Habe den Mut, diese Intention auch deutlich zu benennen – und zwar nicht nur bei Schönwetter.

Lasst uns also heute mal einen ganzen Tag lang eindeutlich bei der Sache sein. Gut möglich, dass es ein leiwander Tag wird.

Zuckersteuer

Z

Bei den Lebensmitteln kann man ein interessantes Phänomen beobachten: Gesunde Lebensmittel sind recht teuer, dafür sind die billigen Lebensmittel oft sehr ungesund.

Für mich als Betriebswirt ist das schwer nachvollziehbar, vor allem dann, wenn man sich nicht nur die Herstellungskosten der Lebensmittel anschaut, sondern vor allem die externalisierten (= ausgelagerten) Kosten von ungesunden Lebensmittel. Es ist nämlich so, dass durch ungesunde Lebensmittel (insbesondere durch Lebensmittel mit viel Zucker) viel mehr Schaden entsteht als durch gesunde. Die Kosten für die ungesunde Ernährung und für die daraus folgenden Krankheiten tragen aber nicht die Hersteller der ungesunden Lebensmittel, sondern die Allgemeinheit. Der Preis der ungesunden Lebensmittel ist daher viel zu niedrig im Verhältnis zu ihren tatsächlichen Kosten.

Man müsste also hergehen und diese externalisierten Kosten in den Kaufpreis der Lebensmittel einpreisen. Ungesunde Lebensmittel würden dadurch viel teurer, dafür könnten gesunde Lebensmittel im Gegenzug viel leistbarer werden.

Dadurch entstünde ein Steuerungseffekt: Besonders Menschen, die beim Lebensmitteleinkauf aufs Geld schauen müssen, würden zu den gesünderen Lebensmitteln greifen, weil sie billiger sind. Und durch die gesündere Ernährung würden die Folgekosten im Gesundheitssystem sinken. Eine Win-Win-Situation.

In 117 Ländern der Welt gibt es bereits eine Zuckersteuer, in Österreich nicht.

Mich würde interessieren, was die Gründe dafür sind. Und zwar die wirklichen Gründe.

Reife Ringlotten

R

Ja, du kannst dir eine Leiter nehmen und die Ringlotten vom Baum pflücken. Kann aber sein, dass da ein paar dabei sind, die noch nicht richtig reif und entsprechend sauer sind.

Besser ist, die Ringlotten aufzuklauben, die gerade frisch vom Baum runter gefallen sind. Weil die sind tatsächlich alle reif.

Das Leben wird ein bisschen leichter, wenn man lernt, auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.

Vielleicht hat sie recht

V

Unlängst hat mir eine gute Freundin Konter gegeben.

Wir haben in einer kleineren Gruppe über die Herausforderungen von Beziehungen mit Kindern gesprochen. Ich habe meine Meinung, so dachte ich, überlegt und ausgewogen dargelegt. Und dann sagte diese Freundin etwas, das mich ziemlich dumm da stehen hat lassen. Nicht gemein, aber treffsicher.

Im ersten Augenblick fühlte ich mich furchtbar ungerecht behandelt. Wie kann sie nur so vollkommen missverstehen, was ich eigentlich meine?

Aber einen Augenblick später hatte ich die Demut zu sagen: Stimmt. Vielleicht hast du recht. Ich habe das noch nie so gesehen, darüber muss ich nachdenken.

Ich bin stolz auf mich. Weil ich den Mut hatte, mein Ego hintanzustellen und die Botschaft tatsächlich zu hören.

Und weil ich mir relativ sachlich eingestanden habe: Vielleicht bist du doch nicht so der moralische Musterschüler, wie du immer glaubst..

Ehrgeizige Tagesetappen

E

Ein guter Freund von mir war unlängst einige Tage wandern.

Danach hat er mir erzählt, dass er bei diesem Wanderurlaub gelernt hat, die Tagesetappen nicht zu ehrgeizig zu planen. Selbst, wenn der Wanderweg gut ausgeschildert ist – es passiert immer was, das Zeit kostet. Also: Nicht zu viel vornehmen.

Und jetzt wirf mal einen Blick auf deine To-Do-Liste für heute.

Wie ehrgeizig ist deine Tagesetappe?

Rod Stewart

R

Rod Stewart spielt heute ein Konzert in Wien. Vielleicht sein letztes hierzulande.

Ich habe in meinem Leben wahrscheinlich an die 1.000 Konzerte gesehen, von vielen verschiedenen Künstler:innen. Rod Stewart war nie dabei, und auch das heutige Konzert wird ohne mich über die Bühne gehen.

Ich bin sicher, dass das Publikum einen tollen Abend haben wird. Und wahrscheinlich könnte ich fast alle Lieder an diesem Abend mitsingen. Und trotzdem… Meine Beziehung zu Rod Stewart ist kompliziert.

Denn ich mag Rod Stewart irgendwie nicht. Und das ist eigenartig, denn Rod Stewart hat mir nie was getan. Ich kann nicht genau sagen, was ich an ihm nicht mag. Ich respektiere ihn und seinen Erfolg, aber er steht mir, wie man so sagt, einfach nicht zu Gesicht.

Das ist natürlich kein Problem, und auch Mr. Stewart wird’s wurscht sein.

Mich wundert nur, wie es sein kann, dass ich mir ganz sicher bin, dass mich was stört (ein Mensch, eine Situation, ein Kunstwerk, eine Beziehung, was auch immer) und ich gleichzeitig nicht sagen kann, warum das so ist.

Wir haben alle unsere Rod Stewarts im Leben, die uns vor solche Rätsel stellen.

Aufstiegs-Ambitionen

A

Die Admira sagt, sie will in der nächsten Saison den Aufstieg schaffen. Das sei alternativlos.

Wenn du sagst, du willst aufsteigen, dann musst du auch einen Kader zusammenstellen, mit dem ein Aufstieg möglich ist. 

Dafür wird es nötig sein, dass du Geld in die Hand nimmst.

Nicht unvernünftig viel Geld. Es geht nicht darum, das Geld zum Fenster hinaus zu werfen. Aber es geht darum, an den richtigen Stellen zu investieren, um bisherige Schwächen der Mannschaft zu kompensieren und die Mannschaft insgesamt schlagkräftiger zu machen. 

Genug Geld, um dem Ziel Aufstieg eine realistische Chance zu geben.

Wenn es tatsächlich alternativlos ist, dann musst du es ernst meinen. Und wie ernst du es meinst, wird man auch an deiner Einnahmen-Ausgaben-Rechnung ablesen können.

Autodrom

A

Wenn du ins Autodrom einsteigst mit dem Ziel, nur ja mit keinem anderen Auto zusammenzustoßen…

Warum bist du dann überhaupt ins Autodrom eingestiegen?

Çay

Ç

Ich weiß sehr wohl, wie man den schwarzen Tee in der Türkei richtig trinkt: Ein bisschen vom sehr starken Tee in der einen Kanne ins Glas, mit heißem Wasser aus der anderen Kanne aufgießen. Dann (viel) Zucker dazu, aber keine Milch.

Aber: Wenn ich Çay trinke, dann lasse ich den Zucker weg. Ich mag den intensiven Teegeschmack, das Bittere, und für mich passt Zucker da überhaupt nicht dazu. (Zitrone eher schon.)

Dafür ernte ich unter Türk:innen meistens ein mitleidiges Lächeln oder sogar fassungsloses Kopfschütteln.

Mache ich diese Çay-Sache jetzt falsch? Bin ich deswegen eine Çay-Banause?

Ich sage: Im Gegenteil. Durch diese kleine Adaption habe ich es mir möglich gemacht, Çay genauso gerne zu trinken wie die Türken.

Die eigene Interpretation finden. Darum geht’s.

Und das Kopfschütteln aushalten.

Zielgruppenverständnis

Z

Es zeugt von echtem insight in die Zielgruppe, wenn man als Österreicher im Türkei-Urlaub ein Prospekt für einen Ausflug in die Hand gedrückt bekommt, in dem steht:

Ich ziehe meinen Strandhut vor dem Copywriter!

Einfach einen Brief geschrieben

E

Vor vielen Jahren, bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Jugendarbeitslosigkeit in Zagreb…

Salvatore aus Rom erzählt mir folgende Geschichte:

Er arbeitet an einem Sozialprojekt, wo sie mit Jugendlichen ein Haus völlig neu bauen. Zur Gestaltung der Fassade hat er sich gedacht, dass er den Grafitti-Künstler Millo einladen möchte, die Fassade zu gestalten.

Das Geld dafür hat er sich bei privaten Sponsoren geholt.

Und dem Künstler hat er einfach einen Brief geschrieben und gefragt, ob er das machen würde. Der hat geantwortet, dass er zuerst noch Projekte in Moskau, in San Francisco und Johannesburg abschließen muss, aber dann kommt er vorbei.

Wer fragt, dem wird gegeben.

Zweiter Taschenrechner

Z

Ich habe ja schon mal darüber geschrieben, dass bei jeder Prüfung jemand dabei ist, der seinen Taschenrechner vergessen hat. Es ist immer einer. (Es sind ausschließlich Männer.)

Diese Hypothese hat sich in den letzten Wochen zweimal bestätigt. Deshalb habe ich immer meinen eigenen Taschenrechner mit, um ihn bei Bedarf herborgen zu können. (Ja, ich bin ein netter Professor.)

Aber bei der letzten Prüfung ist etwas Spannendes und für mich völlig Überraschendes passiert: Als sich derjenige meldete, der seinen Taschenrechner diesmal vergessen hatte, sagte plötzlich ein Kollege von ihm: Hier, ICH habe einen zweiten Taschenrechner mit!

Für mich der allerbeste Grund, meinen Ersatz-Taschenrechner im Rucksack lassen zu können.

Verletzlich

V

Unlängst hat eine Kollegin sehr offen von einer persönlichen Niederlage erzählt. Dass sie es nicht geschafft hat, die erhoffte Veränderung herbeizuführen und wie sie dadurch einen Auftrag verloren hat, der ihr sehr am Herzen gelegen hatte.

Als Zuhörer habe ich ihren Schmerz gespürt. Ich habe einen Moment teilhaben können an ihrem inneren Kampf zwischen Zuversicht und Enttäuschung. Der Schmerz war in ihrem Gesicht zu sehen und in ihrer Stimme zu hören.

Und gleichzeitig war sie in dieser Situation höchst würdevoll.

Ich habe vor meiner Kollegin noch nie so viel Respekt gehabt als in diesem Moment ihrer größten Verletzlichkeit.

Badezimmerkastltürl

B

Manchmal lässt sich die Essenz einer Beziehung zwischen zwei Menschen, ihre ganz individuellen Persönlichkeiten und das Gemeinsame, das daraus entsteht, in einem Satz ausdrücken.

Und so einen Satz – diesen Satz – hat meine Frau einmal zu mir gesagt:

Du solltest mal einen Blog darüber schreiben, warum du im Bad immer das Kastl offen lässt.

Damit ist alles gesagt über uns beide. 😘

Happy Birthday!

Der falsche Bruder

D

Unlängst ist bei Dinamo Bukarest etwas passiert, das würde man nicht glauben:

Der Verein engagiert einen neuen Spieler aus Guinea-Bissau, der früher bei Barcelona gespielt hat. Monate später kommt ein Journalist drauf: Moment mal, da stimmt was nicht! Und tatsächlich: Der Ex-Barcelona-Spieler ist nie in Rumänien angekommen, er hat seinen minder talentierten Zwillingsbruder geschickt! Und diese “falsche” Zwillingsbruder spielt seither bei der Mannschaft, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.

Kurios, wenn man die Geschichte so hört (sofern sie überhaupt stimmt. Und wenn es einen nicht betrifft). Und man denkt sich vielleicht: Was sind denn das für Deppen, dass die das nicht merken?

Aber Vorsicht, bevor du urteilst. Bist du dir sicher, dass du in deinem eigenen Leben, in deinem eigenen alles siehst, was offensichtlich nicht stimmen kann?

Oder gibt es auch bei dir Dinge, die du gar nicht so genau sehen willst?

Durch die Wolken fliegen

D

Durch die Wolken zu fliegen ist unangenehm.

Für jeden. Auch meine Sitznachbarin krallt sich an ihren Armlehnen fest. Das lässt sich nicht vermeiden. Man kann nur tief durchatmen, ruhig bleiben und darauf vertrauen, dass alles gut wird.

The only way out is through. 

Bücherflohmarkt

B

Unlängst war ein Bücherflohmarkt in der Volksschule meines Sohnes.

Jedes Kind hatte dabei die Möglichkeit, Bücher, die es nicht mehr brauchte oder wollte, zu verkaufen. Eine Stunde lang dauerte der Spaß, und jedes Kind betreute seinen eigenen kleinen Verkaufsstand. Auch die Eltern waren eingeladen zu kaufen.

Ich finde diese Aktion super. Nicht nur, weil man da echte Schnäppchen bekommt, sondern weil die Kinder spielerisch lernen, mit Verkaufssituationen umzugehen. Mit der Freude, wenn man was verkauft und mit dem Frust, wenn man nichts verkauft. Sie lernen, was bei Kindern und Erwachsenen gut ankommt und was nicht. Sie beginnen, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie ein “Markt” funktioniert – im wahrsten Sinn des Wortes.

Man kann sich vorstellen: Es gab dort eine Menge Bücher zu kaufen. Überwältigend viele. Es ist gar nicht so leicht, in dieser Fülle etwas zu finden, paradoxerweise.

Ich habe tatsächlich bei einem Kind was gekauft. Warum bei diesem Kind und nicht bei all den anderen?

  • Ich habe das Kind vorher schon gekannt.
  • Sie hat mich sehr nett gefragt, ob ich was kaufen möchte.

Verkaufen funktioniert immer und überall gleich, und es ist im Grunde ziemlich simpel.

Kann jedes Kind.

Ur geärgert

U

Unlängst habe ich mich ur geärgert über jemanden.

Sie hat mich gefragt, wie es mir geht und was ich beruflich gerade so tue. Ich habe zu erzählen begonnen, aber ziemlich bald gemerkt, dass sie sich eigentlich nicht dafür interessiert. Schlimmer noch: Sie hat sich darüber lustig gemacht – oder mich zumindest nicht ernst genommen.

Ich bin stolz, sagen zu können, dass ich dieses Gespräch ruhig, höflich, aber bestimmt beendet habe.

Erst viel später ist mir klar geworden, dass ich dabei so höflich war, dass sie gar nicht mitgekriegt hat, dass ich ur angefressen war in diesem Moment.

Jetzt frage ich mich: Hätte ich ihr deutlicher sagen sollen, dass sie sich daneben benommen hat?

Ich weiß es immer noch nicht.

Leseförderung in der Praxis

L

Eine kuriose Variante von NIMBY berichtet brand eins in seiner Ausgabe März 2024:

88 Prozent der Menschen in Deutschland finden, dass Kinder in der Schule mehr zum Lesen animiert werden sollen.

Gleichzeitig beträgt der Anteil der Menschen in Deutschland, die selbst seltener als einmal pro Woche ein Buch lesen, 51 Prozent.

Und das liegt nicht daran, dass die Menschen in Deutschland zu wenig Zeit zum Lesen hätten. Denn durchschnittlich verbringt jede*r Deutsche 10 Stunden pro Woche auf Social Media.

Und ein 300-Seiten-Buch hätte man in ca. 9 Stunden gelesen.