Tag#Alltagsgeschichten

Wunschträume

W

Meine Tochter (5) hat mir heute von ihrem aktuell größtem Wunschtraum erzählt: Ein Haus mit Garten zu kaufen, um dann einen Hund zu haben.

Das rationale erwachsene Papa-Ich hat daraufhin gemeint, dass die Sache aus meiner Sicht wahrscheinlich so bald nichts werden wird.

Daraufhin hat mir meine Tochter etwas ganz Wichtiges gesagt, das ich nie vergessen sollte:

“Du kannst es nicht wissen, Papa!”

Hanteln heben

H

Unlängst habe ich meinem Sohn (7) Folgendes über das Hanteltraining erklärt:

Es geht nicht darum, eine sehr schwere Hantel einmal zu heben.

Es geht darum, eine relativ leichte Hantel mehrmals hintereinander zu heben – und das über Wochen und Monate.

Stärke kommt nicht von einer einmaligen großen Anstrengung, sondern davon, die “Mühen der Ebene” zu bewältigen.

Flugvorführugen

F

Eine weitere Erkenntnis aus dem Falknerei- und Greifvogelzentrum Waldreichs:

Es gibt dort, wie bei vielen Einrichtungen dieser Art, tägliche Flugvorführungen, wo die Zuschauer den Greifvögel und ihren Falkner*innen beim Fliegen zusehen kann.

Ich fand die Flugvorführung dort überraschend interessant. Zumal ich erfahren habe, dass ein Greifvogel, der für die Falknerei gehalten wird, bei jedem Ausflug aufs Neue die freie Entscheidung hat, ob er wieder zu seinem Falkner zurückkehren will oder nicht. Wenn es ihm bei seinem Falkner nicht gut gehen würde, hätte er keinen Grund, zurückzukommen.

Die Frage ist trotzdem, wozu es diese Flugvorführungen eigentlich braucht. Und auch diese Frage wurde auf eine interessante Weise auf eine der Schautafeln beantwortet:

Wir sind heute leider eine Schau- und Spaßgesellschaft, wo man nur durch gute Vorführungen den modernen Menschen erreichen kann.

Medial gibt es ein nie dagewesenes Überangebot, das kaum jemand wahrnimmt.

Und das wiederum erinnert mich ganz stark an das Schauspiel, das jeden Tag bei der Jagd nach Aufmerksamkeit auf Social Media aufgeführt wird.

Nur dass halt die Greifvögel nichts dafür können.

Langer Atem, viel Geduld

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Wir wohnen bei unserem Waldviertel-Urlaub immer bei sehr netten Gastgebern auf einem Biobauernhof.

Der Hof hat eine sehr interessante Geschichte. Die Familie Mayerhofer hat den Hof 1979 gekauft, musste aber zuerst in einem Nebengebäude wohnen, weil die ehemalige Besitzerin weiterhin am Hof lebte. Nach deren Tod 1984 wollte Familie Mayerhofer, “sobald es finanziell möglich war” auf der Sonnenseite einen neuen Wohntrakt errichten und darin umziehen.

Zunächst musste allerdings der Stall neu gebaut werden. Das war wichtiger.

Der Bau des neuen Haustraktes begann dann 1991, der Bezug erfolgte 1995.

Es dauerte also 11 Jahre von der Idee zur Verwirklichung.

Respekt für diese Konsequenz, die Ausdauer und den langen Atem!

Künstlicher Stress

K

Unlängst Familienurlaub im Waldviertel, wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr ein Zwischenstopp bei der Mini-Dampfbahn.

Ich habe voriges Jahr ja schon darüber reflektiert, dass ich die unternehmerische Leistung dort aller Ehren Wert finde.

Heuer waren wir so früh dort, dass wir bei der ersten Fahrt der Mini-Dampfbahn an Board waren. Nur: Weit ist sie nicht gekommen, weil sie noch zu wenig Druck am Kessel hatte. Sie ist zu früh los gefahren. Der Eigentümer hat das mit folgenden Worten kommentiert: “Hier sind eh alle auf Urlaub und haben Zeit, nur wir machen uns einen künstlichen Stress.”

Wie oft glauben wir, dass etwas dringend ist und unbedingt jetzt geschehen muss – obwohl das keiner von uns verlangt hat? Wie oft machen wir uns selbst Druck, ohne Anlass und ohne Not? Wie oft legen wir los, obwohl wir noch gar nicht richtig vorbereitet sind?

Da hilft es innezuhalten und zu fragen: Wer macht hier eigentlich den Stress – meine Kunden oder nur ich mir selbst?

Ignaz Semmelweis

I

Ignaz Semmelweis hat die Blutvergiftung entdeckt und wie sie übertragen wird.

Er war Arzt in einer Wiener Geburtenstation. Die behandelnden Ärzte sezierten zu Ausbildungszwecken auch Leichen, ohne sich danach die Hände zu desinfizieren. (Ihre Hände haben sie sehr wohl gewaschen, aber das reichte nicht.) Dadurch wurden Keime übertragen, welche über die Schleimhäute bzw. die Gebärmutter ins Blut der Frauen gelangten und tödliches “Kindbettfieber” auslösten.

Seine Entdeckung war bahnbrechend. Sie hat Millionen Menschen das Leben gerettet und die moderne Chirurgie im 20. Jahrhundert erst möglich gemacht.

Er war aber kein lupenreiner Held. Er war lange zu passiv. Er war viel zu lange schweigsam. Er hat viel zu lange nichts zu seinen Erkenntnissen publiziert. In der Zeit sind viel zu viele Frauen gestorben. Er hätte viel mehr tun können, um seine Entdeckung zu verbreiten.

Wie so viele Lifestyle Entrepreneure auch hat er viel zu lange geglaubt, dass seine Arbeit für sich spricht und sich Vernunft und Qualität von selbst durchsetzen werden.

Ein teurer Aberglaube.

Schwer zu glauben

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Es sieht für mich zumindest nicht so aus, als wäre es recht ernst gemeint:

Parkplatz-Privilegien

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Ich kenne ein Unternehmen, da läuft Folgendes:

Früher hatte jede Führungskraft dieses Unternehmens einen fixen Parkplatz. Während der Corona-Zeit und durch das vermehrte Home Office hat das Unternehmen die Chance genutzt, das Parkplatz-Thema neu zu organisieren. Seither gibt es eine App, wo jede*r Mitarbeiter*in die Parkplätze im Vorhinein reservieren kann, wenn er/sie an diesem Tag in die Zentrale kommt und einen Parkplatz braucht.

Den Führungskräften wurde also der fixe Parkplatz weggenommen, und sie müssen jetzt ebenfalls einen Parkplatz via App reservieren.

Und es geschah das, was geschehen musste: Einige Führungskräfte reagierten mit passivem Widerstand und parken trotzdem noch immer auf ihrem Stamm-Parkplatz. Sie pfeifen auf die App. Und der arme Mitarbeiter, der diesen Parkplatz eigentlich reserviert hätte, hat das Nachsehen. Denn: Wer will sich schon mit der Führungskraft wegen eines Parkplatzes anlegen?

Es tut weh, Privilegien zu verlieren. Und wenn man jemandem Privilegien wegnimmt, darf man sich nicht wundern, wenn man Rache- und Sabotageakte als “Dankeschön” bekommt.

Löwin

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Unlängst hat die Berliner Polizei tagelang nach einer freilaufenden Löwin gefahndet.

Wie sich herausgestellt hat, war die vermeintliche Raubkatze in Wirklichkeit ein Wildschwein.

Natürlich kann man jetzt lachen und sagen: “Wie kann denn das passieren, dass man eine Löwin mit einem Wildschwein verwechselt? Den Unterschied erkennt ja jedes Kind!”

Aber gerade wir Lifestyle Entrepreneure sollten uns davor hüten. Denn auch in unseren Lifestyle Businesses kann es uns jeden Tag passieren (und passiert uns auch tatsächlich), dass wir Löwin und Wildschwein nicht auseinanderhalten können.

Bruce-Springsteen-Konzert

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Sieben Dinge, die ich von den Bruce-Springsteen-Konzerten in Wien und München gelernt habe:

  1. Meister bei ihrer Arbeit zu sehen, die Professionalität mit scheinbarer Leichtigkeit zu verbinden imstande sind, ist ein Geschenk.
  2. Egal, was du spielst, es wird immer Menschen geben, die unzufrieden sind.
  3. Wenn du ein herausragender Performer bist (kein guter, kein sehr guter, sondern ein wirklich außergewöhnlicher), dann wirst du immer an deiner besten Leistung gemessen werden.
  4. Wenn du 50 Jahre lang in die Beziehung zu deinem Publikum investierst, dann wird das in Form von Zuneigung, Treue und Liebe zurückkommen. Mit Zinsen.
  5. Einen glücklichen Menschen erkennt man daran, wie sehr er sich erlaubt, immer wieder ein Kind zu sein – und immer eines zu bleiben.
  6. Mit dem Alter wird er Tod präsenter. Man verliert Freunde, Kollegen, Wegbegleiter. Das geht an niemandem spurlos vorbei.
  7. Wir befinden uns auf der Ehrenrunde. Goodbyes are never easy.

Ein guter Betrüger

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Jeder gute Betrüger lebt davon, dass die Leute im Nachhinein sagen: “Na, von dem hätte ich mir das nicht gedacht!”

Logisch, sonst hättest du ihm ja dein Geld nicht gegeben. Ein guter Betrüger ist immer glaubwürdig. Das ist das Wesen eines guten Betrügers. 

[Danke Robert Kleedorfer und Rüdiger Landgraf vom Ziemlich gut veranlagt-Podcast für diesen erhellenden Hinweis.]

Es ist alles wahr!

E

Das sagte der Ostbahn-Kurti immer, wenn er auf der Bühne wieder mal eines seiner G’schichteln erzählt hat.

Er sagte es mit einem Augenzwinkern, aber trotzdem mit Überzeugung. Als Jugendlicher fand ich das lustig, weil ich es für Selbstironie hielt.

Später bin ich dann drauf gekommen, dass sehr viel Weisheit hinter seinen Worten steckte, und dass er das wahrscheinlich sehr genau wusste.

Mit der Wahrheit ist es nämlich so eine Sache, gerade in Geschichten. Manchmal, z.B. in Märchen, ist die Geschichte an sich nicht “wahr” im strengen Sinn, aber die Geschichte dahinter, die Botschaft, die “Moral”, die ist sowas von wahr.

Jordan Peterson meinte einmal, dass die großen Geschichten der Weltliteratur wahrer als wahr sind. Natürlich sind sie streng genommen erfunden, aber in ihnen findet sich verdichtet so viel Wahrheit über die Menschen, ihre Sehnsüchte, ihre Schwächen, ihr Ringen mit sich selbst und anderen, dass sie wahr sein könnten.

Gute Geschichten müssen nicht wahr sein. Sie sind wahrhaftig.

NIMBY

N

NIMBY ist die Abkürzung für “Not In My Backyard” und beschreibt das Phänomen, dass viele Menschen zwar grundsätzlich für Veränderungen sind, aber nur so lange, wie es sie nicht selbst betrifft oder ihre Lebensqualität einschränkt.

Die meisten Menschen würden sagen: Ja, der Ausbau von Windkraft zur Stromerzeugung ist eine gute Sache. Aber nur so lange, wie das Windrad nicht in der eigenen Nachbarschaft gebaut wird.

Die meisten Wiener würden sagen: Ja, es braucht mehr Bäume in der Stadt. Aber nur so lange, wie der neue Baum nicht da gepflanzt wird, wo dann der Parkplatz für das eigene Auto fehlt.

Die allermeisten Menschen würden sagen: Ja, es ist total wichtig, dass Kinder an die frische Luft gehen und Bewegung machen und nicht nur immer vor ihren Spielkonsolen hocken. Aber nur so lange, wie der neue Spielplatz oder Motorikpark nicht vor dem eigenen Balkon gebaut wird und die Sonntagsruhe stören könnte.

NIMBY ist ein Riesenproblem, weil wir zwar verbal immer für die “richtigen” Dinge eintreten, aber wenn es hart auf hart kommt, ziehen wir den Schwanz ein.

Und falls das noch nicht klar sein sollte: NIMBY betrifft auch viele Solopreneure und Lifestyle Businesses – und zwar sowas von!

Headliner

H

Zur Festival-Saison ein spannender Gedanke von Gabe The Bass Player:

Es ist ein ganz bestimmter Typ von Bands, die Headliner auf einem Festival sind. Das sind Bands, die eine große Bühne vor einem großen Publikum “füllen” können. Bands, die “große Musik” machen.

Der Irrtum ist zu glauben, dass eine Band nur bekannt genug sein muss, dann kann sie auch Festival-Headliner werden. Aber das stimmt nicht. Damit eine Band eines Tages Headlines werden kann, muss sie von Anfang an “große Musik” machen.

Bereits dann, wenn sie noch längst nicht auf Festivalbühnen spielt.

Oft undankbar, immer wichtig (Freewriting XXIX)

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Meine Frau ist Mitglied des Elternbeirats im Kindergarten. Als solche hat sie immer wieder Dinge zu tun, die viele andere Eltern lieber nicht machen möchten. Sie kümmert sich, wo andere sich verlassen.

Wir brauchen solche Menschen. Wir brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen, die mehr tun als unbedingt notwendig. An allen Ecken und Enden unserer Gesellschaft, und gerade da, wo es um die (Aus-)Bildung unserer Kinder geht.

Wir brauchen diese Menschen nämlich nicht zuletzt als Vorbilder für die Kinder und Jugendlichen. Sie sollen sehen: Erwachsen zu sein bedeutet, dass man Verantwortung übernimmt. Dass man zusammenhilft, wo es Probleme zu lösen gibt. Dass man auch mal Dinge tut, die einem nicht taugen, einfach weil es das Richtige ist.

Der englische Populärphilosoph Paul Heaton sagte mal: Save us from baldness and saving the earth. Soll heißen: Vorsicht vor Menschen, die die Welt retten wollen.

Aber es geht nicht darum, die Welt zu retten. Es geht darum, sich wie ein*e Erwachsene zu benehmen und das zu tun, was zu tun ist.

Ein Hoch auf jede*n Einzelne*n da draußen, der*die genau das macht!

Im Garten (Freewriting XXVI)

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Ich bin nicht gerade der geborene Gärtner, und doch mag ich es sehr gern, in einem Garten herumzuspazieren.

Es ist schon interessant, wie attraktiv etwas ist, wenn man sich nicht darum kümmern muss. Das Genießen fällt viel leichter, wenn man die ganze Arbeit ausblenden kann, die einem auffallen würde, wenn man nicht nur Garten-Besucher, sondern auch Garten-Besitzer wäre.

Und so kommt es, dass es mir gestern Spaß gemacht hat, ein bisschen die Paradeiser zu gießen und die Himbeeren vom Unkraut zu befreien. Weil ich gerade Zeit hatte, und weil ich, wie gesagt, nicht musste.

Es ist vollkommen okay, nach Lust und Laune zu agieren, sozusagen der Inspiration zu folgen, wenn man keine Verpflichtungen eingegangen ist. Ein bisschen hier und ein bisschen da, das kann sehr entspannend sein. Weil es zwar eine Beschäftigung, aber keine Arbeit ist.

Es ist deshalb keine Arbeit, weil es nicht ernsthaft ist. Aber gerade die Ernsthaftigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg, wenn es um Lifestyle Businesses geht. Wirst du das Unkraut auch dann zupfen, wenn es dir keinen Spaß macht? Wirst du die Paradeiser auch dann gießen, wenn du müde bist und eigentlich weder Zeit noch Lust hast?

Wirst du tun, was zu tun ist, auch wenn du gerade nicht die Inspiration dazu fühlst?

Maria Enzersdorf (Freewriting XXV)

M

Ich lebe seit 2016 in Maria Enzersdorf (im Ortsteil Südstadt), aber ich muss leider sagen, dass ich so gut wie nichts über den Ort wusste – bis gestern.

Es ist ja so, dass ich zu Maria Enzersdorf ja gekommen bin durch reinen Zufall. Meine Frau hat die Wohnung entdeckt, wo wir jetzt wohnen, die war optimal, und kurze Zeit später war der Mietvertrag unterschrieben. Wo genau ich da wohnen würde, war mir überhaupt nicht klar.

Bis gestern eben. Da wurde vom Vizebürgermeister der Gemeinde eine Führung durch den Ort organisiert. Und ich muss schon sagen, je länger man sich mit dem Ort beschäftigt, desto interessanter wird er. Wir haben viel über die Geschichte des Ortes und die verschiedenen Einflüsse erfahren, und ich habe besser verstanden, warum die Dinge hier so sind, wie sie sind.

Ich würde mich immer noch nicht als Einheimischen bezeichnen. Ich bin ein Weinviertler, und werde das wohl auch immer bleiben. Aber ich fühle mich meinem Wohnort durch diese Führung stärker verbunden als zuvor.

Etwas zu wissen, etwas zu verstehen… das verbindet.

Das Schulfest (Freewriting XXIII)

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Über Elternvereine und deren Schulfeste gäbe es sehr viel zu sagen. Wie immer, wenn sich Menschen zusammenfinden, um an einer gemeinsamen Sache (einem “Projekt”) zu arbeiten, passieren allerhand interessante Dinge. Es gibt Gschaftlhuber, fleißige Helfer und vollkommen Desinteressierte. Und es gibt mitunter sogar Saboteure und Wichtigmacher in eigener Sache.

Jedenfalls stehen und fallen solche Projekte mit Menschen, die die Richtung vorgeben. Die Führung übernehmen. Oder auch nicht. Das zeigt sich besonders, wenn das Projekt nicht wie geplant läuft. Denn Führung ist leicht, solange alles gut läuft. Wirklich gute “Leader” erkennt man aber erst in dem Momenten, wo es kriselt. Oder wo es überhaupt kracht.

Wenn so ein Projekt nur ein wenig aus dem Ruder läuft, kann man sagen, es ist halt schlecht organisiert. Ein bisschen Chaos, aber damit können wir meistens ganz gut umgehen. Man improvisiert ein bisschen, und mit etwas gutem Willen kriegt man’s schon irgendwie hin.

Wenn in so einem Projekt hingegen Leadership fehlt, dann lässt sich das praktisch nicht kompensieren. Dann ist das Projekt dem Untergang geweiht.

Versprochen ist versprochen (Freewriting XXII)

V

Mein Sohn war heute sehr verstört, weil ein Freund ihm ein “hoch und heiliges Versprechen” gegeben und es dann gebrochen hat.

Für ihn war das vollkommen unverständlich. Weil wir ihm seit sieben Jahren einbläuen, dass man seine Versprechen halten muss. Wenn man etwas zusagt, dann gilt das. Punkt.

Für mich ist das auch ein Kennzeichen von professionellen Selbständigen und Unternehmer*innen. Profis überlegen sich zweimal, was sie versprechen. Aber wenn sie etwas versprochen haben, dann gilt’s. Amateure hingegen nehmen es mit ihren Versprechen nicht so genau. Sie versprechen bald mal was, aber diese Versprechen sind nicht verbindlich, sondern bestenfalls Absichtserklärungen.

Böses Blut entsteht immer dann, wenn Profis (mein Sohn) und Amateure (sein Freund) aufeinandertreffen. Der eine versteht nicht, wie man ein Versprechen brechen kann, und der andere versteht nicht, wo überhaupt das Problem ist.

Solche Missverständnisse lassen sich nur schwer auflösen, weil sie die Werte-Ebene betreffen. Die lassen sich nicht ausdiskutieren, die lassen sich nur leben – oder eben nicht.

Mir ist es wichtig, meinem Sohn den Wert mitzugeben, dass Versprechen zählen. Aber ich kann ihm nicht den Frust ersparen, der entsteht, wenn andere Menschen das anders sehen.

Unerlaubte Abkürzung (Freewriting XXI)

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Unlängst habe ich in einem Seminar eine sehr sympathische junge Frau kennengelernt, die Mathematik studiert hat. In der Schule hat mir Mathematik immer getaugt, weil sie immer sehr knifflige und herausfordernde Probleme bereitgestellt hat, mit denen man sein Hirn trainieren kann. Aber ein Mathematik-Studium hätte ich mir niemals zugetraut. Deswegen war ich sehr beeindruckt.

Wir sprachen im Seminar gerade über die Besteuerung von Unternehmensgewinnen und die verschiedenen Prozentsätze, da habe ich die junge Dame gefragt, ob sie das mal schnell ausrechnen kann – sie ist ja schließlich Mathematikerin. Ihre Antwort: “Tut mir leid, im Kopfrechnen bin ich ganz schlecht.”

Ich war einen Moment lang völlig von den Socken. Schlecht im Kopfrechnen? Als Mathematikerin? Und dann, einen Moment später, war mir meine Frage furchtbar peinlich. Wie selbstverständlich bin ich davon ausgegangen, dass eine Mathematikerin auch schnell rechnen kann. Aber das ist total unfair. Weil Kopfrechnen und mathematisches Verständnis zwar was miteinander zu tun haben, aber zwei vollkommen verschiedene Fähigkeiten sind.

Ich habe ihr also was unterstellt, was ich mir in meinem Kopf als logischen Zusammenhang konstruiert habe. Das ist jedoch nicht das Besondere hier. Das Besondere ist, dass ich es gemerkt habe.