Tag#Hochschullehre

Wissen vs. Kompetenzen

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Unlängst habe ich das Buch Geisterstunde des Philosophen Konrad Paul Liessmann gelesen.

Er nennt es eine “Streitschrift” gegen moderne Entwicklungen an Schulen und Hochschulen, die er nicht für die Fortschritte hält, als die sie sich ausgeben, sondern die zu einer “Praxis der Unbildung” führen.

Wenn man das Buch so liest, kann einen das Gefühl beschleichen, man hört hier jemanden klagen, dass die “gute alte Zeit” vorbei ist. Konservativ, polemisch und rechthaberisch wären Adjektive, die mir zum Ton des Buches einfallen.

Was nicht heißt, dass nicht auch Gedanken dabei sind, die ich spannend finde und mit denen er recht haben könnte – auch wenn sie nicht sehr modern sind.

Eines seiner Lieblingsthemen, an dem er sich in diesem Buch abarbeitet, ist die (aus seiner Sicht unsinnige) Tendenz, an Schulen und Hochschulen lieber Kompetenzen als Wissen zu vermitteln. Ich bin zu wenig Experte, um hier wirklich fundiert Stellung nehmen zu können, aber folgenden Gedanken dazu halte ich für teilenswert:

Niemand, kein Schüler und keine Studentin, ist neugierig darauf, eine Kompetenz zu erwerben. Neugierig ist man darauf, etwas Spannendes zu erfahren – also Wissen. Alles Lernen beginnt mit der Neugier. Ohne Neugier gibt es kein Lernen, auch nicht an Schulen und Hochschulen. Und deshalb sollten wir uns, so Liessmann, beim Lehren auf die Vermittlung von Wissen konzentrieren, nicht auf Kompetenzen.

Diese Ansicht wirkt rückschrittlich, und man kann sie teilen oder nicht. Aber ich für mich habe beobachtet: Wenn ich etwas lernen möchte (z.B. indem ich mir einen Podcast anhöre), dann geht es mir immer um das, was in diesem Podcast gesagt wird. Also um das Wissen, das darin vermittelt wird.

Und nicht darum, irgendeine “Podcast-Hör-Kompetenz” zu verbessern.

Konrad Paul Liessmann: Geisterstunde (2014) 📙

K

Eine “Streitschrift” gegen die “Praxis der Unbildung” – und damit so ziemlich gegen alles, was sich als “moderne Pädagogik” bezeichnet. Konservativ, polemisch und rechthaberisch wären Adjektive, die mir zum Ton des Buches einfallen. Aber spannend sind Liessmanns Gedanken allemal.

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Prinzip der minimalen Hilfe

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In einem Hochschuldidaktik-Workshop der FH St. Pölten habe ich das Prinzip der minimalen Hilfe kennengelernt.

Die Idee ist ziemlich einfach: Hilf deinen Studierenden nur so viel, wie sie zum Lernen unbedingt brauchen. Nicht mehr. Weil: Wir engagierte Lehrende (und Berater:innen) übertreiben es gerne mit unserer Hilfe.

Im Prinzip der minimalen Hilfe gibt es fünf Stufen:

  1. Motivationshilfe: Ermutigung, es weiter (nochmal) zu probieren.
  2. Rückmeldehilfe: Feedback auf die bisher geleistete Arbeit.
  3. Allgemeine strategische Hilfe: Hinweise, wo sie Inhalte/Hilfestellungen finden.
  4. Inhaltsorientierte strategische Hilfe: Inhaltliche Rückmeldung, Hinweise zur weiteren Vorgangsweise.
  5. Inhaltliche Hilfe: Intensive Auseinandersetzung mit der Arbeit, Korrekturen vorschlagen.

Die Kunst eines guten Lehrers (und effektiven Beraters) ist zu erkennen, welche Art von Hilfe gerade angebracht ist.

Wenn man das weiß, dann ist das Helfen gleich viel leichter.

Online-Pareto

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Bei Online-Lehrveranstaltungen gilt ganz massiv das Pareto-Prinzip: 80 % der aktiven Beiträge kommen von 20 % der Teilnehmer:innen.

Das ist eh okay. Das ist eh immer so. Das hat viele unterschiedliche Gründe.

Aber wenn man das nicht weiß (oder darauf vergisst), dann könnte einen das schon frustrieren.

Lernen ist schwer!

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Schau dir dieses Video an und überleg dir dabei: Was lernst du aus diesem Video über das Lehren, Lernen und Beraten?

Spoiler: Ein paar Dinge, die ich aus dieser Übung gelernt habe:

  • Als Lehrender brachst du die Einzelteile nicht unbedingt vorab sortieren. Du kannst auch einfach tun. Aber als Lernender hast du dann ganz schön viel Sortier-Arbeit.
  • Wenn eine wichtige Information fehlt, entsteht schon eine Fehlkonzeption.
  • Je größer und komplizierter das Gedanken-Gebäude ist, desto schwieriger wird das Mit-Bauen (= das Nachvollziehen).
  • Irgendwann wird es anstrengend – selbst beim reinen Zuschauen!
  • Du musst Pausen zum Reflektieren, zum Verarbeiten lassen. Gib den Lernenden “Zeit zum Atmen”.
  • Wenn man etwas nicht richtig einordnen kann, dann beschäftigt einen das ganz schön lang.
  • Obwohl du glaubst, du hast eh alles super erklärt, wird nicht alles richtig ankommen. Und die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass du nicht mal merkst, was alles falsch verstanden worden ist.

[Danke Alessandra Kenner für den leiwanden Methodik-Workshop!]

Zweiter Taschenrechner

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Ich habe ja schon mal darüber geschrieben, dass bei jeder Prüfung jemand dabei ist, der seinen Taschenrechner vergessen hat. Es ist immer einer. (Es sind ausschließlich Männer.)

Diese Hypothese hat sich in den letzten Wochen zweimal bestätigt. Deshalb habe ich immer meinen eigenen Taschenrechner mit, um ihn bei Bedarf herborgen zu können. (Ja, ich bin ein netter Professor.)

Aber bei der letzten Prüfung ist etwas Spannendes und für mich völlig Überraschendes passiert: Als sich derjenige meldete, der seinen Taschenrechner diesmal vergessen hatte, sagte plötzlich ein Kollege von ihm: Hier, ICH habe einen zweiten Taschenrechner mit!

Für mich der allerbeste Grund, meinen Ersatz-Taschenrechner im Rucksack lassen zu können.

Verletzlich

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Unlängst hat eine Kollegin sehr offen von einer persönlichen Niederlage erzählt. Dass sie es nicht geschafft hat, die erhoffte Veränderung herbeizuführen und wie sie dadurch einen Auftrag verloren hat, der ihr sehr am Herzen gelegen hatte.

Als Zuhörer habe ich ihren Schmerz gespürt. Ich habe einen Moment teilhaben können an ihrem inneren Kampf zwischen Zuversicht und Enttäuschung. Der Schmerz war in ihrem Gesicht zu sehen und in ihrer Stimme zu hören.

Und gleichzeitig war sie in dieser Situation höchst würdevoll.

Ich habe vor meiner Kollegin noch nie so viel Respekt gehabt als in diesem Moment ihrer größten Verletzlichkeit.

Vermarktwirtschaftlichung der Bildung

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Heute vor 3 Jahren, am 8. April 2021, ist einer meiner großen Vorbilder als Lehrer und Denker gestorben: Erich Ribolits.

Ein großes Anliegen war ihm stets, dass Bildung (und insbesondere das gesellschaftlich organisierte Lernen an Schulen, Hochschulen und in der Erwachsenenbildung) der Emanzipation der Menschen dienen soll. Bildung in seinem Verständnis war immer die Idee, dass Menschen befähigt werden sollen, ihr Leben in Würde zu leben.

Was er immer kritisiert hat: Dass die Bildungsinstitutionen als reine Zulieferer für “die Wirtschaft” gesehen werden. Und, dass in der Folge der Bildungssektor selbst immer mehr zu einem profitorientierten Wirtschaftszweig wird.

Welche negativen und teilweise grotesken Auswirkungen die von Ribolits kritisierte “Vermarktwirtschafltichung der Bildung” hat, habe ich als Lehrer in verschiedensten Formen immer wieder beobachten müssen.

Auch, wenn ich nur ein kleines Rädchen im Bildungswesen bin, bestärkt mich Erich Ribolits bis heute, in meinem Unterricht die Würde des Menschen an die erste Stelle zu stellen.

Obwohl (oder gerade weil) ich BWL unterrichte, weiß ich: Es geht letztenendes immer um die Menschen. Alles Andere führt uns in die Irre.

Experimente

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Jedes Experiment bietet die Chance auf eine Verbesserung.

Keine Garantie, aber die Möglichkeit.

Ohne Experimente gibt es sicher keine Verbesserung.

Mehr Produkte!

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Es ist mir in der Hochschullehre aufgefallen, aber es gilt auch für ganz viele Solopreneure:

Wir versuchen, ein Marketing-Problem mit mehr Produkten, Content oder Angeboten zu lösen.

Wenn das Problem in deinem Marketing liegt, wird ein neues Produkt dieses Problem nicht lösen.

Wetten?

Idealisten

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In jeder Profession gibt es Menschen, die (viel) mehr tun als notwendig. Weil sie wollen. Weil sie können. Aus Idealismus.

Aber viele sind es nicht.

Pädagogik erfordert Entscheidungen

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Mir ist wichtiger, dass meine Studierenden BWL mögen, als dass sie BWL können.

Das ist eine kontroverse Meinung, und das kann man auch ganz anders sehen.

Aber mein Zugang ist: Wenn jemand BWL mag, dann hat er immer die Motivation, das zu lernen, was er/sie noch nicht weiß.

Hingegen: Wenn jemand BWL kann, aber nicht mag, wird er/sie keinen Beruf wählen, in dem er/sie seine/ihre BWL-Kenntnisse anwenden können würde. Wer will sich in seinem Job schon ständig selber quälen?

[Danke Dave Cormier für diesen Gedanken.]

Ungelöste Abkürzungen

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Meine Studierenden haben auch ein Leben außerhalb der FH. Dieses Leben ist mitunter kompliziert, wie bei jedem Menschen.

Und das sie dazu verleiten kann, Abkürzungen mithilfe von KI zu suchen. 

Das ist verständlich. Das ist ganz natürlich. Das sollte Hochschullehrende nicht überraschen.

Die Fragen, die aber weiterhin ungelöst bleiben: Welche Abkürzungen sind okay? Welche Abkürzungen können Lehrende ihren Studierenden sogar bewusst aufzeigen, um sich das Leben leichter zu machen? Und wo ist eine Abkürzung nicht okay, weil kein Lernen stattgefunden hat und die Abkürzung ihnen damit langfristig mehr schadet als nützt?

Diese Fragen werden mich und viele meiner Kolleg*innen im Jahr 2024 (weiterhin) beschäftigen. Ich bin gespannt, welche Antworten wir finden werden.

Gründe fürs Nicht-Tun

G

Unlängst habe ich meine Studierenden gefragt, was sie glauben, warum manche Menschen etwas nicht tun, obwohl es eigentlich gut für sie wäre.

Hier die Antworten:

  • Vergesslichkeit, keine Routine
  • Faulheit
  • Kein Interesse
  • Verstehen den Sinn dahinter nicht
  • Sie wissen nicht, was sie tun sollen
  • Man möchte nichts Persönliches preisgeben
  • Es ist unangenehm
  • Zu zeitaufwendig
  • Zu viel Mühe
  • Schlechtes Selbstmanagement
  • Sie sind eingeschüchtert
  • Sie wollen nicht nachdenken
  • Angst
  • Sie wissen nicht, was sie sagen sollen
  • Es zahlt sich nicht aus
  • Schlechtes Gewissen
  • Gefällt ihnen nicht
  • Empfinden es nicht als gut, sondern als eine Qual

Schon spannend, diese Antworten.

Das ist übrigens auch eine wunderbare Checklist, wenn wir nach Gründen suchen, warum unsere Kund*innen nicht (oder nur zögerlich) bei uns kaufen.

Besonders empfindlich

B

Und weil ich gar nicht wissen will, wie oft ich schon überlistet worden bin und wie oft meine Gutmütigkeit schon ausgenutzt wurde…

… bin ich besonders empfindlich in den Momenten, wo ich das Gefühl habe, das ich jetzt gerade überlistet und ausgenutzt werde. Das kann ich überhaupt nicht leiden.

Ja, manchmal sehe ich auch auch Gespenster und höre das Gras wachsen. Aber es hilft nichts: Ich kann nicht raus aus meiner Haut.

Alles, was ich (im Sinn des Selbstcoaching) tun kann, ist einen kurzen Moment innehalten und mich fragen: Ist es wirklich wahr?

Überlistet

Ü

Ich möchte nicht wissen, wie oft ich von meinen Studierenden schon überlistet worden bin.

Ich möchte nicht wissen, wie oft meine Gutmütigkeit schon ausgenutzt worden ist.

Ich möchte es wirklich nicht wissen. Weil würde das, was sich dadurch ändern würde, wirklich eine Verbesserung – für irgendjemanden?

Wahrscheinlich nicht.

Funktionale BWL-Analphabeten

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Es gibt Kinder, die können nach vier Jahren Volksschule nicht sinnesfassend lesen. Das heißt, sie können einzelne Wörter sehr wohl lesen, aber sie tun sich schwer, den Sinn eines Textes zu verstehen – besonders dann, wenn es sich um kompliziertere Texte wie Arztbriefe und um “Amtsdeutsch” handelt. Dabei wären gerade diese Dokumente wichtig zu verstehen.

Meine Beobachtung: Es gibt auch Studierende, die nach drei Jahren wirtschaftlichem Studium funktionale BWL-Analphabeten sind. Sie haben zwar einzelne Konzepte der BWL verstanden, aber die Zusammenhänge sind ihnen verschlossen geblieben. Deshalb werden sie sich schwer tun, in einem komplexen wirtschaftlichem Umfeld kompetent agieren zu können. Mit anderen Worten: Es wird nicht viel werden aus der erhofften Karriere.

Beide Fälle sind extrem frustrierend, für alle Beteiligten. Es wurde viel Zeit, viel Geld und viel Mühe verwendet, um Lernen zu ermöglichen, das dann im Endeffekt nicht stattgefunden hat.

Und das Allerfrustrierendste aus meiner Sicht: Es gibt nicht den einen Grund, woran das liegt. Es gibt ein Dutzend Gründe. Jede*r einzelne*r funktionale BWL-Analphabet*in ist eine*r zu viel, aber Lösung fällt mir leider auch keine andere ein, als weiterhin mein Bestes zu geben.

Machtgefälle beiseite stellen

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Zwischen mir und meinen Studierenden besteht ein Status- und Macht-Unterschied — nicht zuletzt in den Köpfen meiner Studierenden. Sie sprechen mit mir nicht wie mit einem Peer. Das bringt meine Rolle als Lehrbeauftragter (als “Professor”) mit sich.

Aber ich kann sie dazu einladen, für die Dauer meiner Lehrveranstaltung diese Unterschiede beiseite zu stellen. Ich kann sie einladen, sich mir anzunähern. Und ich kann mich ihnen annähern.

Das bereichert sie, und das bereichert mich. 

Wir müssen reden!

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Im deutschsprachigen Raum haben wir oft folgenden Zugang: Ich als Experte (Hochschullehrer, Wissenschaftler etc.) schreibe komplizierte Bücher, Artikel Vorträge etc., und es ist die Aufgabe meiner Leser/Hörer/Studierenden, sich in meine Bücher/Artikel/Vorträge “einzuarbeiten” und sich meine Konzepte zu “erschließen”.

Im englischsprachigen Raum gibt es folgenden Zugang: Es ist meine Aufgabe als Experten, dass ich mich so verständlich mache, dass meine Leser/Hörer/Studierenden mich möglichst gut verstehen. Ich muss mein Bestes geben, dass möglichst viele Menschen mir “folgen” können.

Zwei ganz verschiedene Zugänge. Der eine fördert den Diskurs, der andere eher nicht.

Dabei hätten wir Expert*innen und und unsere Schüler*innen sehr viel zu besprechen!

Solidarität ist zu wenig

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An jeder Fachhochschule haben die Studierenden die Gelegenheit, jeden einzelnen Lehrenden und jede einzelne Lehrveranstaltung zu evaluieren. Sie können rückmelden, was ihnen gefallen hat und was nicht und was der Lehrende in Zukunft anders bzw. besser machen könnte.

An einer Fachhochschule, an der ich unterrichte, beträgt die durchschnittliche Rücklaufquote für diese Evaluierungen ca. 25 %. Das heißt, nur jeder vierte Studierende macht von der Evaluierungsmöglichkeit Gebrauch. Und, noch schlimmer: 50 % aller Lehrveranstaltungen erreichen nicht einmal die Mindest-Teilnehmerzahl von 4 Studierenden, damit die Evaluierung überhaupt gültig sein kann.

Warum das so ist, lässt sich leicht erklären: Die Studierenden haben nichts von der Evaluierung. Für sie ist die Lehrveranstaltung vorbei. Und nichts, was sie in der Evaluierung rückmeldeten, würde an der Lehrveranstaltung noch irgendetwas verändern. Noch dazu sind die meisten Studierenden mit “eh okay” zufrieden – nicht super happy, aber auch nicht unzufrieden genug, um sich zu beschweren. Warum also die Mühe machen und evaluieren?

Eigentlich gibt es nur einen einzigen guten Grund: Solidarität. Solidarität mit den Verantwortlichen der Fachhochschule, die auf die Evaluierungsergebnisse angewiesen sind, wenn sie Verbesserungen in der Lehre vornehmen wollen.

Und Solidarität mit den nachfolgenden Jahrgängen des Studiengangs. Für die Studierenden, die evaluieren, mag die Lehrveranstaltung gelaufen sein, aber ihre Nachfolger*innen könnten von konstruktivem Feedback sehr profitieren.

Es ist, denke ich, ein Zeichen unserer Zeit, dass Solidarität kein Argument ist, das stark genug ist, um seine Bequemlichkeit zu überwinden.