Tag#Hochschullehre

Vortragen

V

Ich liebe es, wenn ich meinen Studierenden etwas erklären kann, wenn ich vor einer Seminargruppe etwas vortragen kann.

Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen. Ich mag das theatralische Element, und ich mag die Aufmerksamkeit.

Aber ich darf mich trotzdem immer wieder fragen: Muss ich dieses Thema wirklich vortragen? Gibt es wirklich keine bessere didaktische Alternative?

Könnte ich das meine Lernenden nicht selbst erforschen lassen?

Klassenpersönlichkeit

K

Jede Seminargruppe, jeder Fachhochschul-Jahrgang, jede Schulklasse hat eine eigene “Persönlichkeit”.

Diese Klassenpersönlichkeit wird einerseits bestimmt durch die Persönlichkeiten der einzelnen Mitglieder der Gruppe, und andererseits dadurch, wie die Mitglieder miteinander umgehen und was sie gemeinsam erschaffen.

Dein didaktisches Design, das in dem einen Jahrgang so wunderbar funktioniert hat, kann im nächsten Jahrgang komplett auseinanderfallen – eben wegen der unterschiedlichen Persönlichkeiten der beiden Gruppen.

Das darfst du beachten, und das darfst du respektieren.

Was macht für mich “gute Lehre” aus?

W
  • Respekt vor der Institution (Fachhochschule) und dem Geist der Hochschullehre.
  • Respekt vor dem Fach und dessen Tradition bei gleichzeitiger Offenheit für das, was gerade jetzt in der Gesellschaft und dem Leben der Studierenden relevant ist. 
  • Respekt vor den Studierenden als Menschen mit ihren individuellen Persönlichkeiten, Zielen und Herausforderungen.
  • Respekt vor der eigenen Kompetenz als Lehrender, der Begeisterung für das Fach und dem Bestreben, stets sein Bestes zu geben.

Durchgetaktet

D

Heute habe ich wieder mal davon gesprochen, wie durchgetaktet meine FH-Studierenden sind. Dass sie mit dem Studium eigentlich einen Fulltime-Job haben. Dass viele von ihnen nebenbei noch arbeiten. Oder sich irgendwo engagieren. Oder Freifächer besuchen. Dass sie kaum Freiraum haben zum Reflektieren und zum Durchschnaufen.

Etwas später habe ich mir dann meinen Kalender für die nächsten Wochen angesehen und kleinlaut zugeben müssen: “Verstanden. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.”

Uneindeutigkeiten

U

Für mich als Lehrenden ist eine der größten Herausforderungen, meinen Studierenden zu vermitteln, dass es auf viele Fragen und Herausforderungen in der BWL keine eindeutigen Antworten gibt.

Natürlich wäre es für sie (und auch für mich) einfacher, wenn ich sagen könnte: “Seht her: Wenn ihr in diese Situation kommt, dann macht Folgendes. Damit werdet ihr immer richtig liegen, und dann wird alles gut.”

Aber so funktioniert die Welt im 21. Jahrhundert nicht. Schon gar nicht die Wirtschaftswelt.

Es wäre eine Lüge so zu tun, als wäre die Welt eindeutig. Damit würde ich meinen Studierenden langfristig keinen Gefallen tun.

Auch wenn diese ständige Uneindeutigkeit kurzfristig wahnsinnig frustrierend ist.

Gehalt des Papas

G

Unlängst habe ich meine Studierenden gefragt, wer von ihnen weiß, wie viel ihr Papa verdient.

Die Hälfte der Studierenden hat nicht aufgezeigt.

Über Geld spricht man (in Österreich) nicht. Nicht mal innerhalb der Familie.

Positive Überraschung

P

Heute ist eine Lehrveranstaltung viel besser gelaufen als gedacht.

Schwer zu sagen, woran es lag. Wahrscheinlich auch egal.

Solche positiven Überraschungen sind da, um genossen zu werden – und nicht zum Zu-Tode-Analysieren.

Vor-vollziehbar

V

Es ist wunderbar, wenn deine Kund*innen (oder Studierenden) sagen: “Ah, das ist nachvollziehbar. Das habe ich verstanden.”

Der Punkt ist aber, dass das, was du sagen willst, vor-vollziehbar sein muss. Bedeutet: Es muss von vorn herein klar sein, dass das, was du zu sagen hast, relevant sein wird. Dass du damit bei deinem Gegenüber etwas auslösen wirst. Dass du damit einen Schmerzpunkt treffen wirst.

Oder, kurz gesagt: Dass es sich lohnen wird, dir zuzuhören.

Trainer-Angst

T

Die unausgesprochene Angst jedes Trainers, wenn er vor seiner Seminar-Gruppe steht:

“Ich habe Angst, dass ihr erkennt, dass ich gar nicht so gut bin, wie ihr denkt.”

Lehrkraft

L

Ich bin als Lehrender sehr service-orientiert. Ich bin bestrebt, meinen Studierenden eine angenehme Lernerfahrung zu ermöglichen und ihnen auf ihrer Lernreise (unnötige) Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Mit diesem Zugang bin ich immer gut gefahren, und auch von den Studierenden wurde diese Service-Orientierung zumeist sehr geschätzt.

Und dennoch tut es gut, diesen Zugang immer wieder mal kritisch zu hinterfragen. Tue ich meinen Studierenden damit eigentlich einen Gefallen? Sind es wirklich nur die unnötigen Hindernisse, die ich da aus dem Weg räume? Haben die Studierenden denn auch genügend Gelegenheit, Hindernisse selbst aus dem Weg zu räumen und daran zu wachsen?

Dabei hilft es, auf andere (sehr gute) Lehrer*innen zu treffen, die ein anderes Selbstverständnis von sich als Lehrende haben. Wie Olivia Vrabl, die ihre Aufgabe als Lehrende so beschreibt:

Ich bin keine Serviceeinrichtung, ich bin eine Lehrkraft. Die Studierenden kommen vorbereitet zu mir und gehen mit Arbeit wieder nach Hause.

Olivia Vrabl

Unknown unknowns

U

Am ärmsten sind jene Studierenden dran, die gar nicht wissen, dass sie etwas nicht wissen. Oder, wie Olivia Vrabl es sagt:

Die, die nicht wissen, dass sie es nicht wissen, wissen ja nicht, dass sie es nicht wissen.

Olivia Vrabl

Wer sich seiner eigenen Ignoranz bewusst ist, kann etwas dagegen tun. Oder nicht. Jedenfalls ist es seine freie Entscheidung.

Wer sich seiner Ignoranz nicht bewusst ist, dem müssen wir als Lehrer*innen die Augen öffnen. Wir müssen ihnen die Ignoranz immer wieder vor Augen führen. Denn:

Jede Lehrveranstaltung ist eine Reparaturwerkstatt.

Olivia Vrabl

Auch, wenn diese Reparaturen mitunter schmerzvoll sind – für alle Beteiligten.

Echter Profi

E

Es ist wunderbar, einem echten Profi bei der Arbeit zuzusehen.

Unlängst hatte ich einen Online-Workshop bei der Hochschule-Didaktikerin Olivia Vrabl. Sie ist überaus kompetent, sie ist sympathisch, und das Workshop-Design war abwechslungsreich und engagierend.

Nach diesem Workshop war ich nicht erledigt, sondern energetisiert.

Echte Profis können Wunder wirken.

Durchfallsquoten

D

Es ist leider immer noch so, dass an manchen Hochschulen hohe Durchfallsquoten bei Prüfungen als Qualitätsmerkmal gelten.

Darüber hinaus macht es Lehrenden immer noch Spaß, Prüfungssituationen für die Studierenden möglichst unangenehm zu gestalten. Manche mögen es sogar, die Prüflinge zu quälen.

All das hat nur pädagogischen Wert. Hier geht es nur um Macht, Status und Ego.

Hier steht das Ego des Lehrenden den Lernenden im Weg – und letztlich auch ihm/ihr selbst.

Nicht genügend

N

Es macht mir keine Freude, eine*n meiner Studierenden mit “Nicht genügend” zu beurteilen.

Aber machmal ist die Mindest-Leistung, die am Beginn des Semesters vereinbart wurde, einfach nicht genügend gut erbracht worden.

Dann braucht es auch die Konsequenz, das aufzuzeigen und die Studierenden mit den Konsequenzen zu konfrontieren.

Was’s wiegt, das hat’s.

Selbstwirksamkeit

S

Als eine meiner wichtigsten Aufgaben als Lehrender sehe ich, bei meinen erstsemestrig Studierenden die Selbstwirksamkeit zu stärken.

Du bist nicht allein. Du kannst es schaffen. Trau dir was zu.

Aber auch: Streng dich an! Es wird nicht einfach, aber es ist machbar!

Didaktik der Didaktiker

D

Ich muss es leider sagen: Selbst die didaktischen Handreichungen, die von Didaktiker*innen an deutschsprachigen Hochschulen kommen, lassen Klarheit und Verständlichkeit vermissen.

Die Texte sind großteils nicht gut geschrieben. Zu lang, zu umständlich, zu vage.

Ich bin überzeugt: Das ginge viel, viel besser.

Der Anspruch von Didaktiker*innen an ihre eigenen Materialien sollte viel höher sein.

Anstrengend

A

Einige meiner Studierenden möchten sich lieber nicht anstrengen.

Sie möchten die Lösung nicht selbst suchen. Sie möchten, dass ich ihnen den richtigen Weg vorzeige. Sie möchten, dass ich Ihnen die Mühe des Ausprobierens und des Fehlermachens erspare.

Das Problem dabei: So funktioniert Lernen nicht. Lernen ist anstrengend.

Je größer die Anstrengung, desto größer der Lerneffekt.

Angst vor der BWL

A

Eine Studentin meiner BWL-Lehrveranstaltung an der Fachhochschule hat mir heute folgendes Feedback gegeben:

Danke für den tollen Input! Sie haben mir echt die Angst vor BWL genommen – vor allem im ersten Semester.

Wenn jemand seine Angst vor der Betriebswirtschaft verliert und stattdessen beginnt, kreativ und freudvoll damit umzugehen…

Etwas Schöneres kann ich mir als Lehrbeauftragter nicht wünschen.

Kommt das zur Prüfung?

K

Mein Ziel als Lehrender ist es, Begeisterung für die BWL zu vermitteln. Zu zeigen, dass es sich dabei um ein sehr spannendes Thema handelt mit viel Praxisrelevanz. Ich will meine Studierenden zu eigenständigem wirtschaftlichen Denken und zum engagierten Anwenden ihres betriebswirtschaftlichen Wissens befähigen und ermutigen.

Der Fokus meiner Studierenden liegt jedoch sehr häufig auf der Prüfung. Ihr wichtigstes Ziel ist es, die Prüfung zu bestehen, um durch das Fach und im Studium weiter zu kommen.

Dadurch entsteht ein Spannungsfeld: Ich möchte Begeisterung vermitteln, die Studierenden fragen sich aber primär: Kommt das zum Test?

Dieses Spannungsfeld geht nicht weg, egal wie sehr ich mich um spannende Methoden und Inhalte bemühe.

Mit diesem Spannungsfeld müssen Lehrende wie Studierende leben.

Schule

S

Wozu gehen wir in die Schule?

In die Schule gehen Sie doch gar nicht, damit Sie sich diese Einzelheiten merken, sondern damit Sie lernen, sich mit anderen vernünftig über Sachverhalte zu verständigen.

Stefan Hopmann, Bildungswissenschaftler, NEWS 39|2021

Deshalb geht es auch nicht darum, ob wir Lehrende noch diesen Lehrinhalt vermitteln oder jene Einzelheit erwähnen. Darauf kommt es nicht an.

Es geht viel mehr darum, dass wir die Lernfreude, Lernfähigkeit und Gemeinschaft bei unseren Schüler*innen fördern.

Das brauchen sie nämlich auch noch, wenn sie erwachsen sind.