Oona Horx-Strathern: Kindness Economy (2023) 📙

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Meine Notizen

Meine Notizen

Mary Portas war die erste, die den Begriff kindness economy aufgebracht hat. Und zwar in ihrem Buch Rebuild: How to Thrive in the New Kindness Economy (2021). (S. 19)

Mary Portas schreibt darin: “Die Kindness Economy ist eine Bewegung, die dafĂŒr steht, wie sich die Konsumkultur Ă€ndern muss (und will). Wie Menschen kaufen und verkaufen, wie sie produzieren und leben, all das muss sich Ă€ndern. Sozialer Fortschritt und Kommerz mĂŒssen Hand in Hand gehen.” (S. 64)

  • Spannend: Kindnes Economy ist aus Mary Portas’ Sicht eine Bewegung. Eine Art grassroots movement. Kein formalisiertes volkswirtschaftliches Konzept.
  • Man könnte auch sagen: Die Kindness Economy ist ein Meme, das sich gerade sehr gut verbreitet. Es ist im aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kontext sehr ansteckend.
  • Und: Mary Portas kommt von der Konsumkritik-Seite her. Sie hat davor auch schon konsumkritische BĂŒcher geschrieben.

Kindness Economy hat viel mit Boring Business zu tun. Ein kind business ist immer auch ein bisschen langweilig. Ein kind business tut sich schwer, fĂŒr Schlagzeilen zu sorgen. (S. 26)

  • Es sind die bad guys, welche die Aufmerksamkeit bekommen — und welche diese Aufmerksamkeit auch sehr gut fĂŒr sich zu nutzen wissen.
  • Wer im Business kind sein will, wird nie richtig hip und sexy sein.
  • (Das ist ja auch in klassischen Liebesgeschichten so: Der Good Guy ist immer ein bisschen fad.)

Oona Horx-Strathern stellt auf S. 64 “die altbewĂ€hrten Prinzipien der klassischen Growth Economy” und die Prinzipien der Kindness Economy gegenĂŒber:

Growth EconomyKindness Economy
ich, ich und nochmals ichwir, ich und sie (andere)
gedankenloser Konsumnachhaltiger Konsum
kurzfristiges Denkenkurz- und langfristiges Denken
einfach nur kaufenwerteorientiert kaufen
seinen Kunden dienenauch der Gemeinschaft dienen
Konsum-StatusWohlfĂŒhl-Status
kurzfristiges Verlangenverantwortungsbewusstes Verlangen
lineares DenkenzirkulÀres Denken
achtlose Mottosachtsame Mottos

Das erinnert mich schon sehr an die New-Age-Idee des “Zeitalters des Wassermanns” (≙ Kindness-Economy), und so eine Ă€hnliche GegenĂŒberstellung gibt es ja auch in Michael Ensle: Machtvolles BauchgefĂŒhl (Fische-Zeitalter vs. Wassermann-Zeitalter).

  • Man könnte also sagen: Kindness Economy ist eine Idee (ein Meme), die aus der New-Age-Bewegung ĂŒbrig geblieben ist (mit der die Autorin ja auch aufgewachsen ist).

OHS sieht einen “Gegentrend zur Individualisierung”, den Peter Sloterdijk “Ko-Isolation” nennt: “Je individualistischer wir als Gesellschaft werden desto wichtiger wird das BedĂŒrfnis nach UnterstĂŒtzung durch andere, nach Verbundenheit und nach einer funktionierenden Gesellschaft.” (S. 65)

  • An EPU kann man das sehr schön erkennen: EPU sind der Inbegriff der Individualsierungs-Suchenden (”Ich-AGs”), und gleichzeitig haben sie das große BedĂŒrfnis, sich in Gruppen und GrĂŒppchen zusammenzutun.
  • EPU arbeiten deswegen auch oft in “individualistischen Gemeinschaften” wie Co-Working-Spaces: UnabhĂ€ngig und doch nicht ganz allein.
  • An anderer Stelle sagt OHS dazu: “Da, wo wir einst in Gemeinschaften geboren wurden und um unsere IndividualitĂ€t kĂ€mpfen mussten, werden wir heute als Individuen geboren und mĂŒssen unsere Gemeinschaften finden.” (S. 131)

“Status lĂ€sst sich ĂŒberall kaufen, und man findet ihn ĂŒberall […].” (S. 70)

Cradle to Cradle (C2C): “Die Idee ist, vom linearen klassischen Denken in Wertschöpfungsketten zu einem Wertschöpfungskreis zu kommen.” (S. 73)

  • Das ist spannend fĂŒr meinen GeschĂ€ftsmodell-Check. Man könnte nĂ€mlich sagen: Die Nachhaltigkeit eines Business lĂ€sst sich erhöhen, wenn man im Bereich der Wertschöpfung nicht in einer linearen Kette sondern in einem zirkulĂ€ren Kreis denken wĂŒrde.
  • Aber auch folgender Gedanke ist mir dazu gekommen: Auch Ideen/Memes (und Trends!) unterliegen einem Kreislauf. Sie sind manchmal angesagter und mal out, aber sie kommen immer wieder. Man muss nur lange genug dran bleiben, dann wird das eigene Thema auch wieder en vogue (vgl. Lothar Seiwert – Zeitmanagement).

Es wird auch ĂŒber Lewis Hyde: Die Gabe gesprochen, und zwar so: “Hyde argumentiert, dass es der Akt des Gebens ist, der eine Verbindung stiftet. Die Zeiten haben sich geĂ€ndert, seit er das Buch geschrieben hat — und wie ich argumentieren wĂŒrde, kann in der Kindness-Ökonomie ein GeldgeschĂ€ft eine Verbindung stiften.” (S. 79)

  • An dieser Stelle bin ich mir nicht sicher, ob OHS die Gabenökonomie wirklich gut verstanden hat. Es geht meiner Ansicht nach nĂ€mlich nicht um die Frage, ob Geld gegeben wird oder etwas anderes.
  • Ich glaube, eine Gabe ist dann eine Gabe (und kein GeschĂ€ft), wenn beim Übergang sowas wie Resonanz entsteht. Bei einem GeschĂ€ft (einer Transaktion) entsteht keine Resonanz, es ist “gefĂŒhllos”. Eine Gabe hat immer mit Resonanz zu tun — im besten Fall bei beiden, mindestens im Geber oder Beschenkten.

OHS zitiert den italienischen GeschĂ€ftsmann Bruno Cucinelli, der die “Prinzipien des humanistischen Kapitalismus und der menschlichen Nachhaltigkeit” umsetzt und lebt: “Ich glaube an den Kapitalismus. Ich muss Gewinn machen, aber das möchte ich auf eine ethische und wĂŒrdige Weise tun. Das ist mein Traum.” (S. 165)

  • Spannend: WĂŒrde! Hypothese: Die Kindness Economy gibt den Menschen die WĂŒrde im Kapitalismus zurĂŒck. Das ist eine starke und sehr schöne Aussage.
  • Vielleicht ist es das GefĂŒhl von fehlender oder verlorengegangener WĂŒrde, das das Unbehagen der Menschen im Kapitalismus bzw. im Umgang mit Geld auslöst.
  • Was ein “humanistischer Kapitalismus” ansonsten ist, bleibt offen.

“Was die unkind Economy betrifft, muss man fairerweise sagen, dass auch sie in manchen FĂ€llen Nachsicht verdient. Vielleicht war sich eine Firma oder Person der Auswirkungen ihres Produkts oder ihrer Dienstleistung wirklich nicht bewusst.” (S. 168)

  • Nicht jeder Akteur in der unkind Economy ist auch gleich ein schlechter Mensch. Wir sind alle fehlbar, und wir tun alle das, was wir fĂŒr das Beste halten.

Die Kindness Economy ist nicht (nur) eine Angelegenheit des Individuums:

  • OHS zitiert Jane Goodall: “Du kannst die Probleme der Welt nicht lösen, also versuche es auch nicht […].” (S. 185)
  • Und den Aktivisten und Schriftsteller George Monbiot: “Ich sage nicht, dass die kleinen Dinge nicht wichtig sind. Ich sage nur, sie sollten nicht so wichtig sein, dass wichtigere Dinge zu kurz kommen. Jede Kleinigkeit zĂ€hlt, aber eben nicht sehr viel.” (S. 186)

Kindness = weiblich

  • “Klischee hin oder her: Kindness, sei es im GeschĂ€ftsleben, im tĂ€glichen Leben oder in Umweltfragen, gilt nach wie vor als weibliche Charaktereigenschaft oder Soft Skill.” (S. 187)
  • “Es gilt, MĂ€nnern die Angst vor dem Stereotyp “grĂŒn = weiblich” zu nehmen […].” (S. 187)
  • Spannend wĂ€re hier auszuleuchten (was natĂŒrlich nicht geschieht), ob sie “weiblich” als sex oder gender versteht. Mit anderen Worten: WĂŒrde OHS sagen, dass schwule oder bisexuelle oder Trans-MĂ€nner kinder sind stereotype heterosexuelle Cis-MĂ€nner? Und wenn ja, in welchen Kontexten — und in welchen nicht?

Kindness in den Unterricht!

  • OHS teilt eine interessante Zukunftsvision: “Vielleicht können wir ja ein neues Schulfach schaffen, das sich “Kindness Economics” nennt und in dem Äsops Fabel von dem Löwen und der Maus zur PflichtlektĂŒre gehört.” (S. 191).
  • So ein “Schulfach” habe ich mit dem “Freifach: Menschlicher Kapitalismus – Widerspruch oder echte Alternative?” an der USTP sogar schon geschaffen. Ich bin ein Pionier! 😉
  • Spannend wĂ€re natĂŒrlich, wenn sowas an den großen Wirtschafts-Hochschulen passieren wĂŒrde, z.B. an der WU Wien.

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