Das digitale Notizbuch von Günter Schmatzberger

Gesetz der abnehmenden Wahrscheinlichkeiten

G

Wenn man etwas verloren hat, wo ist es dann am sinnvollsten, mit der Suche zu beginnen?

Natürlich dort, wo es am wahrscheinlichsten ist, dass das Ding liegt. Den Autoschlüssel wird man daher zunächst in der Nähe der Schlüsselablage suchen, in der Tasche oder im Auto selbst. Erst dann wird man den Suchkreis erweitern.

Ja, es gab auch schon Autoschlüssel, die im Kühlschrank gefunden wurden. Aber das bedeutet nicht, dass wir deshalb anfangen sollen, im Kühlschrank zu suchen.

Beginnen wir mit unserer Arbeit lieber dort, wo es am wahrscheinlichsten ist, dass wir Erfolg haben.

Ungebetene Hilfe

U

Unlängst selbst erlebt:

Hilfe, um die man nicht gebeten hat, ist nicht erwünscht – auch, wenn sie aus besten Intentionen kommt. Im schlimmsten Fall ist sie beleidigend, entmündigend und übergriffig.

Es hat mir gut getan, das wieder mal selbst zu spüren – auch wenn es alles andere als angenehm war.

Ein guter Reminder für mich als Berater, das Mantra von Ernesto Sirolli nicht zu vergessen: If people don’t wish to be helped, leave them alone!

Klare Ansagen

K

Bei der Kinder-Olympiade des Judo-Vereins beobachtet:

Kinder lieben Betreuer*innen, die freundliche, aber klare Ansagen geben. Die gerade heraus sagen, was gerade wichtig und was zu tun ist. Die Grenzen aufzeigen und Überschreitungen nicht durchgehen lassen.

Diese Betreuer*innen werden von den Kindern respektiert und wirklich gern gemocht.

Die Betreuer*innen, die aus guter Intention heraus “nicht so streng” sein wollen, mit denen tun sich die Kinder hingegen schwer. Deren Ansagen sind wisch-waschi, sie sind unbeständig und inkonsequent – und damit auch die Kinder.

Gilt natürlich nicht nur für Kinder.

Es geht nicht um die Fotos

E

Einer meiner Kunden in der Gründungsberatung macht sich als Fotograf selbständig. Das ist nicht ungewöhnlich, es gibt wirklich sehr viele selbständige Fotografen in Wien.

Was ihn jedoch besonders macht, ist, dass er verstanden hat, dass es bei einem Fotografen nicht um die Fotos geht.

Klingt paradox, aber es ist so: Gute Fotos zu machen, ist nichts Besonderes. Das können mittlerweile viele Menschen, nicht nur Berufsfotografen. Dass ein Fotograf gute oder sogar sehr gute Fotos macht, ist daher eine Selbstverständlichkeit. Darüber brauchen wir nicht diskutieren.

Was einen Fotografen also besonders macht, ist nicht sein Handwerk. Was besondere Fotografen ausmacht, ist, dass sie ihren Kunden zuhören können. Dass sich ihre Kunden bei ihnen “gesehen” fühlen – im wahrsten Sinn des Wortes. Dass eine vertrauensvolle, fast intime Beziehung entsteht.

Im besten Fall sind die Kunden zu Fans eines Fotografen geworden, noch bevor sie das erste Foto der Session gesehen haben.

The spirit of play

T

Ein schönes Date, ein erfolgreiches Business-Meeting, eine gelungene Beziehung…

Alles, was wir in unserem Leben gut machen, ist der Geist des Spielens inne – the spirit of play.

Meine besten Beratungsgespräche sind “spielerisch” – ein Austausch auf Augenhöhe, in dem beide Seiten herausgefordert sind und Freude an der Interaktion empfinden.

Meine besten Lehrveranstaltungen sind wie ein Spiel. Ernsthaft, aber mit einer gewissen Leichtigkeit, mit Humor und mit Raum für spontane Ideen.

Der Grad an “playfulness” ist ein sehr verlässlicher Indikator dafür, ob etwas “passt” oder nicht.

If it’s not fun, you’re playing it wrong.

[Danke Jordan Peterson für diesen wunderbaren Gedanken.]

Wanderung

W

Die Länge der Wanderung hängt immer davon ab, wo man weg geht.

Wie Schulen

W

Unlängst meinte eine Gründerin zu mir: “Die meisten Unternehmen funktionieren wie Schulen.”

Das war nicht als Lob gemeint. Und sie hat recht: Was in Unternehmen gefragt ist, sind fleißige, ordentliche, nicht zu laute Mitarbeiter*innen, die zwar mitdenken, aber nicht alles in Frage stellen – und die sich auch mal was sagen lassen vom Chef.

Natürlich könnte man es auch so sehen, dass auch im Jahr 2022 viele Schulen noch wie Unternehmen funktionieren.

Insofern passt das ja gut zusammen: Man lernt in der Schule, wie man erfolgreich in einem Unternehmen agiert.

Die Frage ist nur, ob wir damit die erzieherischen und unternehmerischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts lösen werden. Meine Gründerin glaubt das nicht.

Ich auch nicht.

Regeln als Erfolgsrezept

R

Man kann als Unternehmer furchtbar leiden unter den geltenden Regeln – unter den Steuern, unter der Sozialversicherung, unter dem Gewerberecht, unter was auch immer.

Oder man kann sich entscheiden und sagen: “Aha, das sind also die Regeln. Das ist eine Riesenchance! Ich mache die Regeln zu meinem Erfolgsrezept.”

Ich kann die geltenden Regeln als Feind sehen oder als Freund.

Ich kann mein Segel gegen den Wind setzen oder mit dem Wind.

Es ist meine unternehmerische Entscheidung.

Überhaupt nicht zugehört

Ü

Ein Gründer klagte unlängst über seine Erfahrungen mit Finanzamt und Sozialversicherung. Er hatte ein etwas ungewöhnliches Anliegen und hoffte, dafür kompetente Auskunft zu bekommen. Aber, so seine Erfahrung, “die haben mir überhaupt nicht zugehört“.

Ich denke, es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass sich jemand nicht wirklich für uns interessiert. Dass wir Antworten, Ratschläge und Auskünfte bekommen, die überhaupt nicht für uns passen. Und dass wir es aber auch nicht schaffen, unsere Sache ausreichend zu erklären, weil nach kurzer Zeit die Ohren einfach zugeklappt werden.

Echtes Interesse ist eine USP. Echtes Zuhören ist ein Markt-Wert.

Wollen Sie wirklich mehr Umsatz?

W

Eine häufige Frage meiner Gründer*innen: Wie komme ich zu mehr Kund*innen? Wie komme ich zu mehr Umsatz?

Hier wäre eine Lösung:

Erstens: Hören Sie auf, Ihr Business wie ein Hobby zu führen. Nehmen Sie Ihr Business ernst. Seien Sie professionell. Tun Sie das, was für den Erfolg notwendig ist.

Zweitens: Hören Sie auf, die fünfundzwanzigste Weiterbildung zu buchen. Schaffen Sie selbst mal etwas, das für andere von Wert ist.

Aber, und das frage ich dann auch immer: Wollen Sie das wirklich?

Selbsthilfegruppen

S

Wir Lehrer*innen lehren oft, was wir selber lernen wollen.

Wir Berater*innen beraten oft, worin wir selbst Beratung gebraucht haben oder immer noch brauchen.

Wir lehren und beraten also “unsere Themen”, die uns ein Leben lang begleiten. Diese Themen kommen nicht zufällig zu uns, sondern sind ein integraler Bestandteil dessen, was uns als Person ausmacht.

In Wirklichkeit gründen wir Selbsthilfegruppen.

Werbung für Solopreneure

W

Gestern hat ein Gründer wunderbar auf den Punkt gebracht, worum es bei der Neukund*innen-Akquise geht:

Es ist einfach nur raus gehen und viel reden.

In der Tat: Mehr ist es nicht. Aber diese Aufgabe immer und immer wieder, über Wochen, Monate und Jahre zu erfüllen…

Da trennt sich die unternehmerische Spreu vom Weizen.

Profit vs. Purpose

P

Im 20. Jahrhundert war das Ziel der Unternehmen, Profit zu machen.

Im 21. Jahrhundert muss das Ziel jedes Unternehmens sein, einen Purpose zu haben.

Im 20. Jahrhundert entstanden Unternehmen mit Profit, aber ohne Purpose.

Im 21. Jahrhundert entstehen Unternehmen mit Purpose, aber ohne Profit.

Profit und Purpose müssen einander aber nicht ausschließen. Im Gegenteil: Die wirklich erfolgreichen Unternehmen des 21. Jahrhunderts werden Purpose und Profit haben.

Mach es besser

M

Bryan Adams erzählt folgende Geschichte über den Beginn seiner Zusammenarbeit mit dem legendären Produzenten Mutt Lange:

Way back, just before I made the album “Waking Up The Neighbours”, I had written a whole album of songs. I started working with Mutt and I played Mutt the songs, thinking that Mutt was going to produce them.
And Mutt looked at me and said, “Well, you know… That’s nice.”
I said, “What do you mean?”
He goes: “Yeah, I think… I think you can do better.”
I say, “Okay… What do you want to do?”
“Start again.”

So we scrapped the entire record and took pieces of it and re-wrote the songs and made “Waking Up The Neighbours.” […] That’s when I learned to actually not be precious about little things you come up with or the songs you come up with.
You know what? It could be better. And so – make it better!

Bryan Adams im Rockonteurs Podcast, 29. Mai 2022 (ab 14:28)

Was ich daraus lerne: Sei nicht eingeschnappt, wenn dir jemand sagt, dass deine Idee nicht besonders gut ist. Nimm die Herausforderung an und mach es besser – und lass dir dabei helfen von Menschen, die nur dein Bestes im Sinn haben.

Selbstvergessen

S

Viele Gründer*innen gehen von dem aus, was sie selbst gerne haben wollten, treffen Annahmen – und “vergessen” dabei völlig, ihre Kunden zu fragen, ob diese Annahmen überhaupt stimmen.

Manchmal (zugegeben: wesentlich seltener) passiert aber auch das Umgekehrte: Gründer*innen beschäftigen sich so viel mit ihren Kund*innen, dass sie darüber vergessen, was sie selbst eigentlich wollen: Wie muss dass Business, wie müssen die Produkte aussehen, damit es IHNEN gut tut?

Gezeichnet

G

Es gibt auch unter Gründer*innen vom Leben schwer gezeichnete Menschen.

Da geht es bei einer Gründung auch viel um neues Selbstbewusstsein und darum, wieder das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu bekommen.

Es sich selbst und anderen noch einmal zu beweisen.

Schnecken ausweichen

S

Heute bin ich beim Laufen auf eine Schnecke getreten. 

Wenn es regnet, kommen entlang meiner Laufstrecke jede Menge Schnecken raus. Ich weiß das, und ich versuche ihnen so gut ich kann auszuweichen. Aber heute kam eine so schnell um die Ecke, dass ich nicht rechtzeitig bremsen konnte. 

Es tat mir natürlich furchtbar leid. Während meine Gedanken noch bei der armen Schnecke waren und meinen Selbstvorwürfen und Überlegungen, wie ich solche Unglücke in Zukunft vermeiden könnte, wäre ich beinahe auf drei weitere Schnecken getreten. 

Fehler passieren. Leider. Aber ihnen nachzuhängen vergrößert das Unglück meistens nur. 

Richte den Blick nach vorne. Den anderen Schnecken zuliebe. 

Teure Ideen

T

Als Gründungsberater weiß ich: Ideen sind nichts wert.

Ideen gibt es wie Sand am Meer, auch Geschäftsideen. Ich habe noch keine*n Gründer*in gesehen, die/der unter einem Mangel an Ideen gelitten hätte.

Ideen werden erst durch ihre Umsetzung wertvoll. Und durch’s Dranbleiben.

Aber es ist noch schlimmer mit unseren Ideen: Ideen sind teuer. Sie kosten uns was – und zwar ganz besonders jene Ideen, auf die wir stolz sind, die wir aber nie umsetzen.

Für nicht umgesetzte Ideen, die wir aber auch nicht los lassen, zahlen wir jeden Tag einen Preis.

Türen öffnen

T

Jordan Peterson drück wunderbar aus, warum ich so gerne Lehrer und Gründungsberater bin:

One of the reasons why good professors – and good businessmen – love to be in the position they’re in is because they can identify young people who are promising and open up doors of opportunity to them. It’s really intrinsically motivating. 

Jordan Peterson

Love my job! ❤️