Das digitale Notizbuch von Günter Schmatzberger

Arbeiten ohne Chef

A

Wichtiger Merksatz:

Nur, weil du als Selbständiger nicht mehr angestellt bist, heißt das nicht, dass du keinen Chef mehr hast.

Im Gegenteil: Als Selbständiger hast du wahrscheinlich den strengsten, härtesten, forderndsten, gemeinsten, ausbeuterischsten, grantigsten und unzufriedensten Chef, den du jemals gehabt hast:

Dich selbst.

The price you pay

T

Ich bin der festen Überzeugung, dass sich jeder Mensch einmal im Leben selbständig machen sollte.

Gleichzeitig weiß ich, dass sehr, sehr viele Gründungen nicht den Erfolg bringen, den sich die Gründer*innen erhofft hatten – weder finanziell noch emotional.

Dieser Aspekt wird in der glamourösen Online-Business-Coaching-Welt oft ausgeklammert. Klar, ist auch schlecht fürs Business. Aber es sei in aller Deutlichkeit gesagt: Es kann gut sein, dass die Selbständigkeit nicht der Weg zu deinem persönlichen Glück ist.

Oder, wie Bruce Springsteen es ausdrückt:

Now they’d come so far and they’d waited so long
Just to end up caught in a dream where everything goes wrong.

Bruce Springsteen, The Price You Pay

Bruce-Springsteen-Konzert

B

Sieben Dinge, die ich von den Bruce-Springsteen-Konzerten in Wien und München gelernt habe:

  1. Meister bei ihrer Arbeit zu sehen, die Professionalität mit scheinbarer Leichtigkeit zu verbinden imstande sind, ist ein Geschenk.
  2. Egal, was du spielst, es wird immer Menschen geben, die unzufrieden sind.
  3. Wenn du ein herausragender Performer bist (kein guter, kein sehr guter, sondern ein wirklich außergewöhnlicher), dann wirst du immer an deiner besten Leistung gemessen werden.
  4. Wenn du 50 Jahre lang in die Beziehung zu deinem Publikum investierst, dann wird das in Form von Zuneigung, Treue und Liebe zurückkommen. Mit Zinsen.
  5. Einen glücklichen Menschen erkennt man daran, wie sehr er sich erlaubt, immer wieder ein Kind zu sein – und immer eines zu bleiben.
  6. Mit dem Alter wird er Tod präsenter. Man verliert Freunde, Kollegen, Wegbegleiter. Das geht an niemandem spurlos vorbei.
  7. Wir befinden uns auf der Ehrenrunde. Goodbyes are never easy.

Siesta

S

Aktuell gibt es eine Debatte darüber, ob es angesichts der heißen Temperaturen auch bei uns eine Siesta geben sollte, so wie in den südlichen Ländern Europas. Also eine Arbeitspause um die Mittagszeit, wenn es besonders heiß ist.

Wie immer bei diesen (Sommerloch-)Themen, lässt sich die Idee sehr emotional diskutieren. Aber solche Diskussionen bringen uns nicht weiter.

Ich bin da bei Wolf Lotter, der sich dafür ausspricht, sich vernünftig mit der Sache auseinanderzusetzen:

“Wir müssen heute ein bisschen mehr mit Verstand arbeiten, und der Verstand gebietet es, wenn es heiß ist, sich nicht anzustrengen, sondern sich auszuruhen, damit man dann besser arbeiten kann.”

Wolf Lotter im Interview bei Deutschlandfunk, 23. Juli 2023

Geschafft!

G

Für meine Lehrveranstaltungen an der Fachhochschule St. Pölten bekomme ich von meinen Studierenden immer sehr freundliche, mitunter begeisterte Evaluierungen. Das freut mich natürlich sehr. Ich lehre nicht, um Applaus dafür zu bekommen, aber er tut trotzdem gut.

Dieses Mal war jedoch ein Feedback dabei, das mich besonders emotional gepackt hat. Es hat nämlich in einem Satz zusammengefasst, worum es mir in meinem Leben geht und was ich an meinen besten Tagen sein und tun will.

Ein*e Studierende*r hat geschrieben:

Ein herzensguter Mensch, der mit Leib und Seele unterrichtet.

Wenn dieser Satz am Ende meines Lebens auf meinem Grabstein steht, dann habe ich es geschafft. Dann habe ich mein Leben gelebt. Dann habe ich keinen Tag meines Lebens zu bereuen.

Das Glücksversprechen

D

Ich weiß nicht genau, wo die Idee herkommt, dass eine Selbständigkeit der Weg zum Glück ist.

Irgendwo da draußen wird die Verheißung propagiert, dass das eigene Business die Lösung für praktisch alle Probleme ist, die man im Leben so hat. Mehr Freiheit, nicht mehr nach der Pfeife des Chefs tanzen, nur mehr mit Wunschkund*innen arbeiten, grenzenloses Einkommenspotenzial – und das quasi nebenbei, ortsunabhängig und passiv.

Meine Erfahrung als Gründungsberater ist eine andere. Ich spreche mit Menschen, die selbständig sind und das auch nie mehr missen möchten, aber dass sich alle Probleme in Luft aufgelöst hätten… Nein.

Im Gegenteil: Die Probleme, die man vor der Selbständigkeit gehabt hat (v.a. mit sich selbst), werden durch die Selbständigkeit nicht gelöst, sondern sogar noch potenziert. Und ja, die Probleme einer Anstellung sind weg, aber mit der Selbständigkeit hat man sich für neue Probleme entschieden, die es nun zu lösen gilt.

Nicht weniger Probleme, nur andere. Nicht mehr Glück, sondern ein anderes.

Überforderung

Ü

Woran liegt es, dass wir Lifestyle Entrepreneure uns immer und immer wieder überfordern?

Ich glaube, an drei Ursachen:

  1. Unsere Ansprüche sind sehr hoch. Unsere Ressourcen, unsere Kapazitäten und unser Know-How können da aber oft nicht mithalten.
  2. Wir machen zu wenige Pausen, weder kurze zwischendurch, noch längere Pausen (also Urlaub).
  3. Aktionismus. Wir sind den ganzen Tag geschäftig, aber wie viele dieser Tätigkeiten bringen unser Business wirklich weiter?

Das Ende ist der Anfang

D

In der Gründungsberatung entsteht mitunter ein Missverständnis. Nämlich, dass die Arbeit mit dem Gründungsdatum abgeschlossen ist. Durch den Fokus auf die Gründung an sich kann der Eindruck entstehen, dass, wenn die Gründung mal geschafft ist, alles in Butter ist.

Dabei ist die Gründung, also die Anmeldung des Gewerbescheins oder die Meldung bei der Sozialversicherung, nicht das Ziel, sondern bestenfalls ein vielversprechender Auftakt einer langen Reise, die mit einiger Sicherheit anstrengend, träge und nicht nach Plan verlaufen wird.

Missionieren

M

Leute, die an deinen Angeboten nicht interessiert sind, die brauchst du nicht zu missionieren.

Ja, bemüh dich, den Wert deiner Angebote zu verbessern. Ja, bemüh dich, die Vermittlung dieses Wertes immer besser hinzubekommen. Und ja, rede immer und immer und immer wieder über deine Angebote und den Wert für deine Kund*innen.

Aber wenn dir jemand (noch) nicht zuhören mag, dann halte dich nicht mit ihm auf. Kümmere dich um die Menschen, die dir ihre Aufmerksamkeit freiwillig schenken.

Alles andere wäre vergebene Liebesmüh.

Minderwertigkeitskomplex

M

Viele Gründer*innen tun sich am Anfang schwer, ihren Wert richtig einzuschätzen.

Aber: Nur, weil man neu ist am Markt, muss man nicht zu allem Ja und Amen sagen.

Und schon gar nicht alles gratis hergeben.

Schwachbrüstig

S

Eine Beobachtung, die ich bei Gründer*innen häufiger mache: Sie haben wirklich gute Ideen. Sie haben viel Motivation. Sie haben die allerbesten Absichten.

Aber: Sie haben schwachbrüstige Strategien. Sie haben keinen richtigen Anpack, um ihre Idee in ein erfolgreiches Business umzuwandeln.

Man könnte auch sagen: Sie haben kein funktionierendes Geschäftsmodell. Oder sie haben überhaupt kein Geschäftsmodell.

In solchen Momenten zeigt sich, wie viel zu gewinnen wäre, wenn Solopreneure mehr Wirtschaftskompetenz hätten.

Konzern

K

Meine Frau arbeitet in einem Konzern.

Sie von den täglichen Herausforderungen in ihrer Arbeit reden zu hören, finde ich ausgesprochen lehrreich, und zwar aus zwei Gründen:

  1. Die Herausforderungen von großen Unternehmen entscheiden sich sehr, sehr deutlich von den Herausforderungen, mit denen Ein-Personen-Unternehmen in ihrem daily business kämpfen.
  2. Die übergeordneten Ziele, die ein großes Unternehmen verfolgt, die gleichen wie jene eines Ein-Personen-Unternehmens: Es geht um zufriedene Kunden, weil es am Ende des Tages um Umsatz und Gewinn geht. Die Wege zu diesem Ziel unterscheiden sich mitunter jedoch sehr stark.

Gleichzeitig werde ich beim Reden mit meiner Frau immer wieder darin bestätigt, dass Ein-Personen-Unternehmen viel, viel interessanter und mir viel, viel näher sind als Konzerne.

Marketing-Budget

M

Viele Lifestyle Entrepreneure scheuen sich davor, Marketing zu machen, weil es so teuer ist. Dabei sollte Marketing nicht nur was kosten, sondern auch was bringen. Marketing ist also, richtig gemacht und richtig verstanden, eine Investition.

Victoria Reiter hat dazu unlängst eine hilfreiche Faustregel geteilt: Das Marketing-Budget sollte maximal 30 Prozent des Umsatzes ausmachen.

Anders gesagt: Mit 30 Euro Investition ins Marketing solltest du eigentlich 100 Euro Umsatz machen.

Das wäre der Anspruch an deine Marketing-Aktivitäten. Nicht über Nacht, nicht in einen Monat, aber in einen realistisch absehbaren Zeitraum.

Lefsetz lessons

L

Bob Lefsetz hat unlängst einen interessanten Newsletter ausgesendet, in dem er seine lessons aus der letzten Zeit geteilt hat. Neben Tipps zum Autokauf (niemals ein italienisches, am besten Lexus!) gab es auch ein paar wirklich interessante, nämlich:

  1. Image is intrinsic, not external. No one cares about you. Stop spending money to keep up with the Joneses.
  2. When something is cheap, buy the best, it’s much more satisfying. You can buy packaged cookies, or you can buy gourmet cookies from a shop and be elated.
  3. Reading and writing are the building blocks of a great career. You must be like a shark, you must keep learning or you calcify and die.
  4. Just because you love it, that doesn’t mean you’ll make any money doing it.
  5. Making money is a skill. Learn it, or work for the man.

Ein guter Betrüger

E

Jeder gute Betrüger lebt davon, dass die Leute im Nachhinein sagen: “Na, von dem hätte ich mir das nicht gedacht!”

Logisch, sonst hättest du ihm ja dein Geld nicht gegeben. Ein guter Betrüger ist immer glaubwürdig. Das ist das Wesen eines guten Betrügers. 

[Danke Robert Kleedorfer und Rüdiger Landgraf vom Ziemlich gut veranlagt-Podcast für diesen erhellenden Hinweis.]

Nachschleicher

N

Unlängst habe ich in einem kuriosen Zusammenhang das Wort „Nachschleicher“ kennengelernt.

Ein Nachschleicher ist ein Mensch, der im Windschatten von jemand anderem in einen Bereich vordringt, zu dem er von selber keinen Zugang hätte. Und zwar ohne, dass es die andere Person sofort bemerkt.

Nachschleicher zu sein, kann auch eine Geschäftsstrategie sein. Man muss nicht immer vorne dabei sein, es reicht oft, wenn man Menschen kennt, die es sind. Und in deren Fahrtwasser ist dann einiges möglich.

Schlecht ist allerdings, wenn du ein Nachschleicher bist und es selbst gar nicht merkst.

Familienbande

F

Man weiß es, aber man glaubt es nicht, bis man es nicht selbst erlebt hat:

Business und Familie/Freunde zu vermischen, macht das Leben nur kompliziert.

Nichts übergeblieben

N

Es ist eine der frustrierendsten Erfahrungen beim Aufbau des eigenen Unternehmens: Man tut und macht die ganze Zeit, aber es bleibt finanziell nichts übrig.

Alle bekommen ihr Geld, die Mitarbeiter, die Lieferanten, das Finanzamt, der Steuerberater, die Softwarefirmen, die Ferialpraktikantin. Alle, außer der Unternehmer selbst. Dem bleibt am Ende des Monats bestenfalls die schwarze Null.

Natürlich fragt man sich da irgendwann: Für wen arbeite ich hier eigentlich?

Die Antwort ist desillusionierend.

Bildungsanlässe

B

Menschen verändern sich nicht, wenn sie nicht müssen. Und Menschen lernen nicht dazu, wenn es nicht einen wirklich guten Grund dafür gibt. Denn: Lernen ist anstrengend.

Mit anderen Worten: Menschen möchten nur dann etwas lernen, wenn es einen Bildungsanlass gibt. Einen guten Grund, der die Mühe des Lernens rechtfertigt.

Menschen brauchen Bildungsanlässe, um aktiv zu werden. Und gute Lehrer kennen die Bildungsanlässe ihrer Schüler, denn nur dann können sie ihre Schüler “abholen”.

Rechtzeitig

R

Es ist ein interessantes Phänomen: Manche Dinge sind, wenn man sich rechtzeitig um sie kümmert, ganz wenig Arbeit. Easy peasy. Aber wenn man einen bestimmten kritischen Zeitpunkt versäumt, erzeugen sie überproportional viel Arbeit.

Ein Beispiel wäre die Anmeldung von Ferialpraktikanten. Die muss man nämlich bis vor Arbeitsantritt erledigen. Das kann mal leicht online tun. Aber wenn man diese Frist versäumt, dann wird’s sehr mühsam. Nicht nur, dass man nicht regelkonform gehandelt hat, es ist auch sehr schwierig, das wieder ins Lot zu bringen.

Gutes Management zeichnet sich dadurch aus, dass man diese kritischen Zeitpunkte im Auge behält. Denn, sind wir uns ehrlich: Wer hat schon die Zeit, ständig Feuerwehr zu spielen?