Das Geheimnis guter (stressfreier) Beratung ist vielleicht, nicht mehr zu wollen, als in dieser einen konkreten Beratungssituation gerade möglich ist.
Schlechte Prognosen
In meinen vielen Jahren als Gründungsberater habe ich gelernt, dass ich schlecht darin bin vorherzusagen, wer als Gründer:in erfolgreich sein wird.
Jemand kommt in die Beratung, perfekter Businessplan, klare Zielgruppe, gefragte Angebote. Ich denke mir: “Leiwand! Das hat alles Hand und Fuß. Das wird Erfolg haben!.” Und dann plötzlich stockt es irgendwo am Weg, weil sich Sorgen und Zweifel bei dieser Person einschleichen. Während gleichzeitig jemand anderes – auf dem Papier viel weniger vielversprechend – einfach loslegt und einen Lauf hat.
Ali Abdaal beschreibt dasselbe Muster in seiner Lifestyle Business Academy. Die “besten” Bewerber:innen (nach klassischen Kriterien) performen nicht automatisch am besten. Manche tun sich trotz vermeintlich perfekter Ausgangslage schwer. Andere überraschen, obwohl anfangs wenig für sie sprach.
Das ist das Frustrierende in der Gründungsberatung: Du kannst Grundlagen vermitteln, Märkte analysieren, Geschäftsmodelle durchrechnen. Aber du kannst nicht vorhersagen, wer tatsächlich ins Tun kommt und Erfolg haben wird.
Die wichtigste Qualität von Gründer:innen – Handeln trotz Unsicherheit – zeigt sich erst im Prozess, nicht auf dem Papier.
Am falschen Dampfer
Der VKI hat unlängst eine spannende Studie zur Nachhaltigkeit veröffentlich. Darin findet sich folgende Grafik:

Sie zeigt die Einschätzung der Österreicher:innen, welche Konsumbereiche den größten Einfluss haben auf Nachhaltigkeit, Klimaschutz etc. Daneben sieht man die Einschätzung von Expertinnen, welche tatsächlich die größten Hebel wären.
Kurz gefasst: Die Österreicher:innen denken, wenn sie brav Müll trennen, dann leisten sie einen großen Beitrag zur Nachhaltigkeit. Die Expert:innen sagen hingegen: Liebe Österreicher:innen, ihr müsstet euch zuerst mal vollkommen anders ernähren und dann euer Reiseverhalten umstellen, wenn ihr wirklich was zur Nachhaltigkeit beitragen möchtet.
Wenn du zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen Fleisch isst, kannst du das auch nicht damit ausgleichen, dass du brav Papier und Plastik von der Schinkenverpackung auseinanderkletzelst.
Dein Fokus liegt auf der vollkommen falschen Sache – aber du glaubst, du tust das Richtige.
Ein folgenschwerer Irrtum, den ich als Gründungsberater, aber auch in meinem eigenen Solo-Business nur allzu gut kenne.
Verlockend
Es tut manchmal weh, sich das als Lehrender einzugestehen, aber: Wir können niemanden zum Lernen bringen.
Alle didaktischen Impulse funktionieren nur, wenn der andere bereits offen für “den Stoff” ist. Barbara Messer bringt es auf den Punkt: Wir können nicht motivieren, aber wir können locken.
Locken bedeutet: Ich mache etwas so attraktiv für mich selbst, dass du Lust bekommst, dabei zu sein. Wenn ich selbst Lust auf meine eigene Lektion habe, wirkt das wie ein starker Magnet.
Das gilt für die Hochschullehre, für die Gründungsberatung, für jede Form von Wissenstransfer. Menschen spüren den Unterschied. Sie spüren, ob jemand wirklich Freude hat oder nur seinen Job macht.
Und sie folgen der Energie, nicht den Argumenten.
KI für Gründungsberater
Tanja Lenke gibt allen Gründungsberater:innen für 2026 einen spannenden Gedanken mit auf den Weg:
„Entscheidend ist, ob dein Angebot echten Mehrwert bietet, der über ChatGPT & Co. hinausgeht.“
Der Dämon, der bleibt
Unlängst saß ich mit Sonja im KHM vor einem Altarbild von Peter Paul Rubens. Ignatius von Loyola treibt dort Dämonen aus – hoch dramatisch, wie immer bei Rubens.
Sonja erzählt mir dabei von einer Party, wo jemand von einem bevorstehenden Retreat geschwärmt hat. Ziel: die eigenen Dämonen nähren. Nicht besiegen, nicht austreiben wie in diesem Altarbild – nähren. Mit ihnen in Dialog treten, sie verstehen, mit ihnen leben lernen.
Und Sonja fragt mich: Warum sollte man seine Dämonen nähren wollen – und nicht austreiben?
Meine spontane Antwort: Weil sich mit einem Dämon, der nie ganz verschwindet, länger Geschäft machen lässt.
Das ist keine Kritik an dieser spirituellen Praxis, dafür verstehe ich davon viel zu wenig. Es geht mir um ein strukturelles Muster: Systeme, die von Problemen leben, haben oft wenig Interesse an endgültigen Lösungen. Ein ausgetriebener Dämon ist ein verlorener Kunde. Ein genährter Dämon kommt zum nächsten Workshop und bucht das Follow-up-Retreat.
Das gilt für Coaching, für Therapien – und auch für Gründungs- und Unternehmensberatung. Und nicht zuletzt für einen großen Teil dessen, was wir “Selbstoptimierung” nennen.
Die Frage ist nicht, ob der Ansatz funktioniert. Die Frage ist: Wer profitiert davon?
Das Privileg der Orientierungslosigkeit
Wenn du in Österreich als Gründer:in nicht weißt, welches Business du genau gründen sollst – Glückwunsch. Du hast ein Luxusproblem.
Keine existenzielle Not zwingt dich zur Selbständigkeit. Keine natürliche Bedrohung treibt dich dazu. Du musst nicht ums Überleben kämpfen. Du darfst grübeln, zweifeln, suchen. Du darfst drei Geschäftsmodelle ausprobieren und dann doch was ganz anderes machen. Das ist ein Privileg, das längst nicht alle Menschen auf diesem Planeten haben.
Aber: Das macht die Sache nicht leichter. Im Gegenteil.
Druck von außen ist eindeutig. Druck von innen ist diffus. Wenn die Miete nicht bezahlt werden kann, weißt du wahrscheinlich ziemlich klar, was zu tun ist. Wenn du dir “nur” unsicher bist, ob du den Weg der Selbständigkeit gehen willst – was dann? Es geht ja nicht um Leben und Tod.
Viele Gründer:innen verwechseln dieses Privileg mit Versagen. Sie schämen sich für ihre Orientierungslosigkeit. Dabei ist genau das – die Zeit und der Raum zum Suchen – der größte Luxus, den unser System bietet.
Wolf Lotter hat recht. Wir müssen lernen, uns ohne Zwang anzustrengen. Aber vielleicht müssen wir vorher lernen, dankbar für diesen Zwang-losen Raum zu sein.
Das Umsetzungs-Paradox (2/3): Co-Working schlägt Curriculum
Kathrin Gildner beobachtet in ihrer Community: Was gut ankommt, sind Treffen zum Austauschen und Umsetzen – Co-Working-Sessions statt Lern-Angebote.
Das könnte z.B. so ausschauen: Statt “SEO-Webinar: Lerne SEO-Grundlagen” könntest du besser eine “SEO-Stunde: Wir gestalten gemeinsam unsere Website-Startseiten um, damit sie SEO-freundlicher werden” anbieten. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, as ist in Wirklichkeit ein großer Sprung im Leistungsversprechen
Aber es ist noch mehr. Was sich hier ändert, ist die grundsätzliche Rolle von Beratung und Bildung. Nicht mehr “Ich zeige dir, wie’s geht”, sondern “Wir machen’s gemeinsam”. Weg vn der reinen Wissensvermittlung, hin zu begleiteter Umsetzung und Mentoring. Das Versprechen ist nicht “Du lernst etwas Neues”, sondern “Am Ende ist ein konkretes Ding erledigt”.
Weniger Curriculum, mehr gemeinsame Umsetzungszeit. Das verändert, was Berater:innen und Bildungsanbieter leisten müssen. Nicht mehr Wissen vermitteln, sondern Räume schaffen, in denen Dinge passieren.
Ofen aus
Vor ziemlich genau vier Jahren habe ich über ein Unternehmen gebloggt, das Krypto-Investments mit Flugblättern einsammeln wollte. Damals habe ich meine Zweifel angemeldet, ob sowas funktionieren kann.
Turns out… Hat anscheinend nicht funktioniert. Das Unternehmen scheint es nicht mehr zu geben.
Ich kann nicht sagen, dass mich das überrascht. Weil es eine immer wiederkehrende Erfahrung als Gründungsberater belegt:
Wenn im Design des Geschäftsmodells von Anfang an ein Hund drinnen ist, dann wird’s mit der Zeit nicht besser, sondern immer schlimmer.
Das Budget ist schon da
Der Unterschied zwischen B2B (Business to Business) und B2E (Business to Entrepreneur, also wenn du mit Selbstständigen, Freelancer:innen etc. arbeitest) ist nicht nur die Personengruppe. Es gibt einen fundamentalen Unterschied im Geschäftsmodell.
Bei B2B verwalten deine Gesprächspartner:innen meist ein vordefiniertes Budget. Die Frage ist nicht, ob sie Geld ausgeben, sondern für wen sie das Budget verwenden. Sie werden sicher jemanden beauftragen. Das Geld ist da, die Entscheidung steht fest. Es geht “nur” mehr darum, dass sie das Geld bei dir ausgeben.
Bei B2E ist die Frage nicht, für was oder an wen gezahlt wird, sondern erstmal ob überhaupt. Deswegen kommt B2E-Marketing oft so pushy rüber: Du brauchst Funnels! Eine Personal Brand! Diese Methode garantiert dir Erfolg! Weil die Selbständigen erst mal davon überzeugt werden müssen, überhaupt Geld auszugeben, müssen permanent Probleme geweckt, Dringlichkeit geschürt, FOMO erzeugt werden.
Das ist anstrengend.
Im B2B läuft das anders. Die grundsätzliche Entscheidung fürs Geldausgeben ist bereits gefallen.
Das ändert alles.
[Danke Katrin Gildner für diesen Gedanken.]
Brauchbar schlägt richtig
In der Gründungsberatung geht es selten um Wahrheiten im wissenschaftlichen Sinn. Meinen Gründer:innen ist oft am besten geholfen mit einer plausiblen, schlüssigen Story, mit der sie etwas anfangen können. Eine Geschichte, die tragfähig genug ist, um die ersten Schritte zu gehen – und flexibel genug, um sie unterwegs anzupassen.
Dieser Prozess wird Sensemaking genannt: Eine Gründung muss nicht perfekt sein, aber sie muss Sinn ergeben. Für meine Gründer:innen, für ihre ersten Kund:innen, für ihre jeweils ganz eigene Situation.
Wenn ein Gründungsberatungsgespräch “Sinn macht”, dann haben wir ganz viel erreicht.
Erst mal nicht ertrinken
Wenn jemand zu dir kommt, dessen Business gerade am Absaufen ist – verzweifelt, überfordert, im Krisenmodus – dann ist das der denkbar schlechteste Moment für Ratschläge. Die Person kann deinen Input nicht aufnehmen. Sie ertrinkt gerade.
Was sie braucht: Raum zum Atmen. Den Kalender entleeren. Die Inbox auf null setzen. Abstand von Social Media. Einen kompletten Reset.
Erst wenn jemand wieder Luft bekommt, kannst du über Tipps und Taktiken reden. Vorher ist alles nur (noch mehr) Lärm.
Deine USP
Ich finde, die USP (unique selling proposition) ist bei einem Ein-Personen-Unternehmen ein völlig überschätztes Konzept.
Es wäre ein unglaublich hoher Anspruch, als einer von tausenden Unternehmensberater:innen, Fotograf:innen oder Psychotherapeut:innen eine echte USP zu haben – also wirklich unique zu sein..
Es gibt nichts Neues unter der Sonne, heißt es schon in der Bibel. Viele Gründer:innen quälen sich damit, ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, und kommen drauf: Alles wurde schon irgendwann mal gedacht, gemacht, angeboten.
Dabei ist es eigentlich ganz einfach: Deine USP als Solopreneur sind deine Kontakte. Punkt. Insbesondere die Resonanz-Beziehungen, die du im Laufe deines Lebens (in deiner Ausbildung, als Angestellte:r, im privaten Umfeld) hergestellt hast und noch herstellen wirst.
Diese Resonanzbeziehungen sind dein wahres Asset. Die kann dir niemand wegnehmen.
Es sind die anderen Menschen, die dich einzigartig machen – nicht du selbst.
Eine durchgängige Story
Wenn du Dinge verändern willst – die großen wie die kleinen –, dann ist es ganz entscheidend, welche Story du darüber erzählst.
Eine durchgängige Story, warum die Dinge sind, wie sie sind. Wie die Dinge in einer besseren Zukunft sein könnten. Und was dafür zu tun ist, wann und von wem.
Natürlich kannst du auch versuchen, ohne so eine Story zu führen, zu lehren oder zu beraten.
Aber: Die durchgängige, stimmige Story ist extrem nützlich.
Gründungsberatung braucht Stallgeruch
Es gibt einen Unterschied zwischen jemandem, der über Selbständigkeit redet, und jemandem, der sie lebt.
Die Wirtschaftskammer hat angestellte Gründungsberater:innen. Die Fachhochschulen haben hauptberufliche Lehrbeauftragte, die Entrepreneurship unterrichten. Alles gut ausgebildete Leute mit solidem Wissen. Aber: Sie sind angestellt. Sie kennen die Selbständigkeit aus Büchern, Studien und Konzepten – nicht aus der eigenen Realität.
Was fehlt? Der Stallgeruch. Das Wissen, wie es sich anfühlt, wenn du selbst dafür verantwortlich bist, wie viel Geld reinkommt. Die Erfahrung, dass du deine Sozialversicherung selbst zahlst. Der Moment, wo du merkst, dass niemand außer dir entscheidet, ob du heute arbeitest oder nicht.
Die Zukunftsforscher-Familie Horx nennt das in einem anderen Kontext Doing Future – nicht nur über Zukunft reden, sondern in ihr leben.
Für Gründungsberatung würde das heißen: Doing Selbständigkeit. Wie Prof. Günter Faltin mit seiner Teekampagne. Theoretisches Wissen ist wichtig. Aber wenn du jemandem erklären willst, wie Entrepreneurship funktioniert, solltest du es selbst erlebt haben. Nicht als Experiment, sondern als Realität.
Doing Selbständigkeit ist der Unterschied zwischen Gründungsberatung, die sich richtig anfühlt, und Gründungsberatung, die nur richtig klingt.
Kalkulatorische Löhne für Idealisten
Meine Beobachtung: Die meisten idealistisch motivierten Solopreneure vergessen, ihre eigene Arbeitszeit zu kalkulieren.
Du gründest ein Business, weil du die Welt ein bisschen besser machen willst. Nachhaltigkeit, Gemeinwohl, faire Produkte. Und du denkst dir: “Ich kann ja erstmal auf mein Gehalt verzichten. Für den Anfang.”
Aber: Deine Arbeitszeit kostet Geld. Immer. Auch am Anfang. Auch wenn du sie gerade nicht bezahlt bekommst. Auch wenn du für eine gute Sache arbeitest.
In der BWL nennt sich das kalkulatorischer Lohn. Du rechnest deine Zeit mit einem realistischen Stundensatz in deine Kosten ein – auch, wenn du das Geld gerade nicht ausbezahlst.
Ich sehe das immer wieder in Beratungsgesprächen. Die Rechnung geht auf – aber nur, weil 40 Stunden unbezahlte Idealismus-Arbeit pro Woche nicht mitgerechnet wurden.
Das funktioniert vielleicht ein Jahr. Oder zwei. Aber dann brennst du aus.
Ein Business, das nur funktioniert, wenn du dich selbst ausbeutest, ist kein nachhaltiges Business. Das ist ein Hobby mit Existenzangst.
Tad Hargrave: This is why your soul-led business isn’t successful 🎙
Be Mythical Podcast, 4. September 2025
(mehr …)Neue Wege müssen sich rechtfertigen
Eine meiner wichtigsten Aufgaben als Gründungsberater ist es, gute neue Ideen von unnötigen Ablenkungen zu unterscheiden.
In einem Solo-Business sind wir oft gefordert, über neue Wege nachzudenken, wenn wir unser Ziel auf dem ursprünglichen Weg nicht erreichen können. Dabei ist Kreativität gefragt. Und gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir unser eigentliches Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Wenn ich mit meinen Kund:innen über einen “neuen Weg” spreche, dann bin ich streng. Dieser “neue Weg” muss sich vor mir rechtfertigen: Machst du nur zusätzliche Arbeit, oder zahlst du wirklich auf das eigentliche Ziel ein?
Entrepreneurship für unsere Zukunft 🙋♂️
Ausgewählte Vorträge vom Entrepreneurship Summit 2025 // Berlin // 11. – 12. Oktober 2025
(mehr …)Marketing-Ursulas
So nennt Larissa Fessl die Frauen auf Instagram, „die dann immer so sagen, du musst das und das machen“, wenn du mit deinem Business Erfolg haben willst.
Die dir sagen: “Du brauchst einen Online-Kurs. Und dann musst du hier einen Funnel aufbauen. Und e-Mail-Marketing machen und irgendwie tausend e-Mail-Sequenzen schreiben.“
Die “Marketing-Ursulas” sagen dir genau, wie’s geht. Und trotzdem spürst du: Da stimmt was nicht. „Ich hab auch irgendwie jetzt festgestellt: Ich kauf das ja selber nicht, wenn ich solche e-Mails bekomme!“, sagt Larissa Fessl.
Nimm dich in Acht vor den “Marketing-Ursulas”. (Es ist gar nicht leicht, ihnen zu entkommen.)