Tag#Gesellschaft&Politik

Neid und Erfolg

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Eine spannende Beobachtung von Theresa Imre:

Einerseits leben wir in einer Neidgesellschaft. Es scheint für ganz viele Menschen nichts Schöneres zu geben, als erfolgreiche Menschen von ihrem vermeintlich hohen Ross herunterzuholen.

Andererseits haben wir keine Wertschätzung für das Scheitern. Wir sind gefordert, immerzu erfolgreich zu sein. Denn wer nicht erfolgreich ist, dem wird kaum Achtung geschenkt.

Eine äußerst ungesunde Mischung.

Berechnend (2)

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Erhellend, was Holger Fröhlich in brand eins über Influencer schreibt:

Wer ihnen folgt, wird per Knopfdruck Teil der Gemeinschaft (Zugehörigkeit) und erhält Liebesbekundungen (Anerkennung), da Influencer nicht müde werden zu betonen, wie großartig jeder und jede ihrer Jünger ist. Auch wenn es in Ausnahmefällen erst gemeint sein mag, wirtschaftlich förderlich ist es allemal. Als Follower muss man sich nicht um die Liebe des Idols bemühen, man verdient sie sich allein durch Folgen. Privat kann man ein Ekel bleiben, die sozialen Annehmlichkeiten gibt’s gratis. Aber eben nicht kostenlos. Schließlich sind Influencer keine Altruisten, sondern Geschäftsleute. Sie kriegen Geld dafür, likeable zu sein.

Holger Fröhlich: Nein, ich will nicht schlauer werden.
brand eins 04/2023, S. 56

Was, Influencer meinen es am Ende gar nicht (alle) ernst mit uns?

Unliebsame Aufgaben

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Die Dinge, vor denen wir als Unternehmer*innen zurückscheuen…

Wir wünschen uns ein anderes System, eine andere Gesellschaft, wo es nicht mehr notwendig ist, diese Aufgaben zu erledigen.

Wir wünschen uns z.B. ein Bedingungsloses Grundeinkommen, weil wir hoffen, dass es dann nicht mehr notwendig ist zu lernen, selbst nützliche Produkte zu schaffen und zu verkaufen.

Wir wünschen uns damit im Grunde, dass wir unsere fundamentale Aufgabe als Unternehmer*innen an die Gesellschaft auslagern können.

Das ist naiv – und feig.

Teilzeit-Diskussion

T

Bei uns in Österreich wird gerade eine Diskussion geführt, ob Menschen, die in Teilzeit arbeiten, nicht auch weniger Sozialleistungen bekommen sollte (z.B. hier). Nach dem Motto: Wer weniger leistet, soll auch weniger bekommen.

Mich verstört Diskussion, weil ich mich frage: Was ist die Agenda dahinter?

Warum kommt das Thema ausgerechnet jetzt auf? Wer will da was für wen erreichen? Welche Argumente sind echt, und welche sind nur vorgeschoben?

Wem nützt es, eine Neiddiskussion auszulösen und Vollzeitmitarbeiter gegen Teilzeitmitarbeiter auszuspielen?

Existieren diese unterstellten “faulen Schweine”, die nur Teilzeit arbeiten und dann den Rest des Tages nur Netflix schauen, überhaupt? Und wenn ja, wie viel Prozent der Teilzeitkräfte sind das wirklich? Wer kann diese Zahlen liefern, und warum werden sie nicht geliefert?

Oder ist das womöglich überhaupt eine reine Phantomdiskussion, die hier inszeniert wird?

(Und ganz abgesehen davon: Die reine Arbeitszeit als Maßstab dafür herzunehmen, wer wie viel Sozialleistung “verdient”, ist höchst fragwürdig. Teilzeitkräfte sind oft produktiver als Vollzeitkräfte, das weiß man schon sehr lange. Die Produktivität wäre der viel geeignetere Indikator, wenn schon über Leistung diskutiert wird. Aber damit würden wir eine viel tiefgreifendere und substanziellere Diskussion führen müssen. Und wer würde das wollen?)

Gastnehmer

G

Lois Heckenblaickner ist ein kritischer Chronist der unschönen Seiten des Tourismus in seiner Tiroler Heimat.

Er zeigt die Gäste, die sich schlecht benehmen. Und er zeigt die Gastgeber, die diesen Namen eigentlich gar nicht verdienen. Deswegen nennt er sie Gastnehmer und beschreibt sie so:

Der Gastnehmer ist ein grobstofflicher Hundling, dem der Gast wurscht ist.

Lois Heckenblaikner

Solche Gastnehmer gibt es überall – längst nicht nur in Tirol, und längst nicht nur im Fremdenverkehr.

Aber in der sich tiefgreifend wandelnden Wirtschaft des 21. Jahrhunderts hat den Gastnehmern das letzte Stündchen geschlagen – in allen Branchen.

Normaler Orangensaft

N

Unlängst im Billa-Plus-Restaurant in meiner Nähe: Eine Frau vor mir an der Kassa bestellt Orangensaft. „Aber nicht den frisch gepressten, sondern den normalen“, sagt sie.

Das hat mich irritiert. Wäre nicht eigentlich der normale Orangensaft der frisch gepresste aus echten Orangen — und der nicht-normale ein in einem schwer recyclebaren Karton abgefülltes Gemisch aus Orangensaftkonzentrat und Wasser?

Schon interessant, was wir in unserer Konsumgesellschaft alles für normal halten.

Schummelzettel

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ChatGPT versetzt momentan viele Bereiche unserer Wissensgesellschaft in Aufruhr und macht natürlich auch nicht vor den Schulen halt.

Wie gut, dass uns in Österreich das nicht allzu sehr beunruhigen muss. Zumindest, wenn es nach den obersten Lehrer*innenvertretern geht, die im Jahr 2023 die Situation fachkundig analysiert haben und zum Schluss kommen:

„In meiner eigenen Schulzeit hat es Schummelzettel gegeben,
jetzt gibt es halt andere Dinge.“

Paul Kimberger auf orf.at, 5. Februar 2023

Bücher kaufen, Bücher lesen

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Hartmut Rosa beschreibt ein interessantes Phänomen unserer Zeit:

Wir kaufen uns ein Buch. Das geht schnell. Das Buch zu lesen hingegen dauert lang. Statt dass wir uns die Zeit zum Lesen des Buches nehmen, kaufen wir uns lieber ein neues Buch, das wir dann auch wieder nicht lesen.

Es scheint uns mehr Lust zu bereiten, etwas Neues zu kaufen, als es tatsächlich auch zu konsumieren.

Innovation

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Innovation ist nur dann möglich, wenn man sich etwas traut.

Und je mehr sich gemeinsam etwas trauen, desto besser.

[Danke Markus Peschl für den Gedanken, den er mir 2012 mitgegeben hat und der aktuell wieder sehr relevant wird.]

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Venture Capitalists haben ihre ganz eigene Logik. Sie investieren in eine Vielzahl von Start-ups und sind zufrieden, wenn eines von zehn Start-up-Investments erfolgreich ist.

Aus meiner Sicht ein wichtiger Aspekt dabei: Venture Capitalists ist es wurscht, welches der zehn Start-ups erfolgreich ist. Es geht ihnen nicht um die Menschen hinter den Start-ups, sondern rein wirtschaftlichen Erfolg.

Aber was ist mit jeder Einzelnen und jedem Einzelnen der Menschen, die zu den 90% der nicht erfolgreichen Startup-Gründer zählen? Für die sieht die Sache ganz, ganz anders aus. Für sie ist eine gescheiterte Gründung mitunter ein persönliches Drama.

Venture Capitalists ist das aber wurscht. Das muss jedem bewusst sein, der glaubt, in einem VC-Investment sein Heil zu finden.

[Danke Günter Faltin für diesen Gedanken.]

Über die Bande spielen

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Wolf Lotter sagt, dass in Unternehmen viel „über die Bande gespielt“ wird: Man spricht die Sachen nicht direkt an, sondern redet darum herum. Die Elefanten im Raum werden nicht direkt adressiert, sondern man spielt ein Theater, wo es eher um Selbstdarstellung, Gesichtswahrung und Fehlervermeidung geht.

Dass das nicht besonders hilfreich ist, dürfte klar sein. Eigentlich ist es sogar völlig kontraproduktiv. Trotzdem ist es ganz oft gelebte Praxis.

Mir fällt aber auf, dass immer mehr Menschen da nicht mehr mitmachen wollen. Sie haben das Über-Bande-Spielen satt. Sie wollen ehrliche Gespräche führen über die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Auf Augenhöhe, und von Mensch zu Mensch.

Das macht mir Mut.

Selbständige Migrant*innen

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Ich habe immer gedacht, der Anteil von Gründer*innen und Selbständigen wäre unter Migrant*innen besonders hoch — aus Mangel an Alternativen am Arbeitsmarkt, und weil die Selbständigkeit eine Möglichkeit ist für sozialen Aufstieg.

Aber das stimmt (zumindest in Österreich) nicht, sagt eine aktuelle Studie des IHS im Auftrag des Integrationsfonds. Migrant*innen sind weniger häufig selbständig als Österreicher*innen.

Wieder was gelernt!

Leistungsgesellschaft

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Ich war lange ein Skeptiker der Leistungsgesellschaft. Ich fand es unmoralisch, unsere Kinder immer auf Leistung zu drillen, als ob das das einzig Wichtige im Leben wäre.

Das Buch Ihr kriegt den Arsch nicht hoch von Evi Hartmann hat aber meine Perspektive verändert.

Es gibt Menschen, die freiwillig mehr leisten, als notwendig. Die freiwillig mehr Verantwortung übernehmen, wo sich die meisten lieber wegducken. Die freiwillig Arbeit übernehmen – nicht, weil sie dabei etwas gewinnen können, sondern weil die Arbeit einfach gemacht gehört.

Für diese Menschen müssen wir eine Leistungsgesellschaft ermöglichen. Für diese Menschen muss gelten: Leistung muss sich lohnen! Wir sollten alles unternehmen, um diesen Menschen ein ungestörtes Arbeiten zu ermöglichen und ihnen nicht ständig Steine in den Weg legen.

In unserer Welt und in unserer Gesellschaft gibt es nämlich eine Menge Probleme zu lösen und sehr viel Arbeit zu übernehmen. Wir brauchen deshalb Menschen, die mehr tun als notwendig. Deren Ziel es nicht ist, mit so wenig Anstrengung wie möglich durchs Leben und möglichst früh in Pension zu gehen.

Für diese Menschen brauchen wir eine Leistungsgesellschaft.

Für alle anderen gibt es eh Netflix.

Die Umwandlung von öffentlichen Gütern zu privaten Gütern

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Öffentliche Güter sind in der Volkswirtschaftslehre Güter, bei denen man niemanden vom Konsum ausschließen kann und die von vielen Menschen gleichzeitig genützt werden können. Bespiele für öffentliche Güter sind Luft, eine schöne Landschaft oder Frieden.

Mit öffentlichen Gütern lässt sich allerdings kein Umsatz machen. Deshalb bieten sie private Unternehmen nicht an. Es entsteht kein Markt, und der Staat muss eingreifen.

Geld lässt sich mit öffentlichen Güntern nur verdienen, wenn sie in private Güter umgewandelt werden. Soll heißen: Wenn man Wege findet, Menschen vom Konsum eines Gutes auszuschließen, wenn sie nicht dafür bezahlen.

Das passiert sehr häufig in der Medienlandschaft. Güter, die eigentlich öffentlich sind oder sein könnten, werden in private Güter umgewandelt. Und wir merken es nicht einmal.

Micro-Entrepreneurship

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Unlängst habe ich einen neuen Begriff kennengelernt: Micro-Entrepreneurship

Es ist die Idee, dass immer mehr Menschen in immer mehr Bereichen des Lebens unternehmerisch tätig werden. Nicht unbedingt in ihren eigenen kleinen Unternehmen oder als Selbständige, sondern auch als Mikro-Unternehmer in ihren Karrieren, Netzwerken und Gemeinschaften.

Micro-Entrepreneurship ähnelt der Idee des Zivilkapitalismus insofern, als Entrepreneurship hier nicht mehr nur den großen Unternehmen vorbehalten bleibt, sondern jeder Bürger und jede Bürgerin für sich unternehmerisch tätig werden kann. Eine Demokratisierung des Entrepreneurship also, ganz im Sinne eines Citizen Entrepreneurship.

Ich bin davon überzeugt, dass Micro-Entrepreneurship eines der großen Themen der nächsten Zeit ist.

[Danke Philipp Maderthaner für diesen Hinweis.]

Dialekt

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Als studierter Sprachwissenschaftler weiß ich, dass ein Dialekt, eine Umgangssprache oder eine Mundart nicht “minderwertig” sind gegenüber der Standardvariation (z.B. “Hochdeutsch”). Sie sind vollwertige Sprachen, und deren Sprecher sprechen genauso “schön” wie die Sprecher der Standardvariation.

Weil ich das weiß, versuche ich meinen Kindern von Anfang an meine Weinviertler Mundart beizubringen. Sie sollen “zweisprachig” aufwachsen: Hochdeutsch von der Mama, Mundart vom Papa. So hatte ich das zumindest geplant. In der Realität sprechen sie fast ausschließlich ihre (im wahrsten Sinn des Wortes) Muttersprache – aber das ist eine andere Geschichte.

Wie dem auch sei: Ich bleibe bei meinem Dialekt, und ich stelle immer wieder freudig und stolz fest, dass mich meine Kinder gut verstehen und manchmal sogar Freude daran haben, mit Dialektausdrücken zu spielen.

Und dennoch: Wenn ich an der FH unterrichte, gerate ich hin und wieder ins Zweifeln. Ich spreche dort eine “gehobene Umgangssprache”, die sich für mich sehr authentisch anfühlt und mit der ich mich leicht und flüssig ausdrücken kann. Aber wenn ich wie unlängst einen lehrenden Kollegen höre, der in schönstem Hochdeutsch zu den Studierenden spricht, dann denke ich mir: Heast, das klingt viel professioneller, kompetenter und gescheiter als das, was ich rede.

Als studierter Sprachwissenschaftler weiß ich nämlich auch, dass Menschen, die Dialekte, Mundarten und Umgangssprachen des Deutschen sprechen, als weniger intelligent und weniger gebildet wahrgenommen werden als Sprecher der Standardvariation (siehe z.B. hier).

Dieses Vorurteil ist natürlich Blödsinn, und ich kämpfe so gut ich kann dagegen an. Aber manchmal habe ich das Gefühl, ich kann ihm selbst kaum entkommen.

Was macht mich eigentlich aus?

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Eine Gründer*in sagte unlängst zu mir:

Ich biete so viele Sachen an – aber was macht mich denn eigentlich aus?

Und damit stellt sie die wahrscheinlich schwierigste und gleichzeitig grundlegendste Frage, die man im Zeitalter des Individualismus stellen kann: Wer bin ich eigentlich? Was macht mich besonders?

Auf diese Frage lässt sich halt leider keine endgültige Antwort finden.

Jede Antwort ist eine Momentaufnahme.