Das digitale Notizbuch von Günter Schmatzberger

Sympathisch in der Nähe

S

Eine Gründerin hat mir heute verraten, wie die meisten Menschen vorgehen, wenn sie eine Psychologin/einen Psychologen für sich suchen:

Sie googeln, was in der Nähe ist. Und dann gehen Sie auf die Website und schauen sich die Fotos an, wer ihnen am sympathischsten ist.

Wir sind schon ziemlich einfach gestrickt.

Dialekt

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Als studierter Sprachwissenschaftler weiß ich, dass ein Dialekt, eine Umgangssprache oder eine Mundart nicht “minderwertig” sind gegenüber der Standardvariation (z.B. “Hochdeutsch”). Sie sind vollwertige Sprachen, und deren Sprecher sprechen genauso “schön” wie die Sprecher der Standardvariation.

Weil ich das weiß, versuche ich meinen Kindern von Anfang an meine Weinviertler Mundart beizubringen. Sie sollen “zweisprachig” aufwachsen: Hochdeutsch von der Mama, Mundart vom Papa. So hatte ich das zumindest geplant. In der Realität sprechen sie fast ausschließlich ihre (im wahrsten Sinn des Wortes) Muttersprache – aber das ist eine andere Geschichte.

Wie dem auch sei: Ich bleibe bei meinem Dialekt, und ich stelle immer wieder freudig und stolz fest, dass mich meine Kinder gut verstehen und manchmal sogar Freude daran haben, mit Dialektausdrücken zu spielen.

Und dennoch: Wenn ich an der FH unterrichte, gerate ich hin und wieder ins Zweifeln. Ich spreche dort eine “gehobene Umgangssprache”, die sich für mich sehr authentisch anfühlt und mit der ich mich leicht und flüssig ausdrücken kann. Aber wenn ich wie unlängst einen lehrenden Kollegen höre, der in schönstem Hochdeutsch zu den Studierenden spricht, dann denke ich mir: Heast, das klingt viel professioneller, kompetenter und gescheiter als das, was ich rede.

Als studierter Sprachwissenschaftler weiß ich nämlich auch, dass Menschen, die Dialekte, Mundarten und Umgangssprachen des Deutschen sprechen, als weniger intelligent und weniger gebildet wahrgenommen werden als Sprecher der Standardvariation (siehe z.B. hier).

Dieses Vorurteil ist natürlich Blödsinn, und ich kämpfe so gut ich kann dagegen an. Aber manchmal habe ich das Gefühl, ich kann ihm selbst kaum entkommen.

Warum erzählt uns das niemand?

W

Wir reden den ganzen Tag über alles Mögliche.

Aber über die wirklich wichtigen Dinge im Leben sprechen wir nicht.

Was macht mich eigentlich aus?

W

Eine Gründer*in sagte unlängst zu mir:

Ich biete so viele Sachen an – aber was macht mich denn eigentlich aus?

Und damit stellt sie die wahrscheinlich schwierigste und gleichzeitig grundlegendste Frage, die man im Zeitalter des Individualismus stellen kann: Wer bin ich eigentlich? Was macht mich besonders?

Auf diese Frage lässt sich halt leider keine endgültige Antwort finden.

Jede Antwort ist eine Momentaufnahme.

Einsamkeit und Wettbewerb

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Ein-Personen-Unternehmen sind oft sehr einsam.

Sie haben wenige Menschen in ihrem Umfeld, mit denen sie sich austauschen können zu ihren Sorgen, aber auch zu den schönen Dingen, die mit der Selbständigkeit verbunden sind. Wenn wir aber zu lange alleine mit uns und unseren Gedanken sind, werden wir ein bisschen wunderlich. Einsamkeit tut uns nicht gut.

Eine Lösung wäre, sich eine Gruppe mit anderen Selbständigen zu suchen und sich regelmäßig zu treffen und auszutauschen.

Doch da lauert schon die nächste Falle: Statt den Austausch, die Inspiration und die Kooperation zu suchen, beginnen viele Selbständige, sich mit den anderen Gruppenmitgliedern zu vergleichen: Warum macht die mehr Umsatz als ich? Warum ist der schon so viel weiter? Wäre seine Geschäftsidee nicht viel besser als meine? Im Vergleich zu der habe ich ja ein Mickey-Mouse-Business! Und so weiter, und so fort.

Statt die Chancen der Gemeinschaft zu nützen, stehen wir uns wieder mal selbst im Weg.

Berater-Faustregel

B

„Berate so, wie du selbst beraten werden willst.“

Das konsequent umgesetzt, ist schon sehr viel.

Mehr ist wahrscheinlich gar nicht möglich.

Schwer umsetzbar

S

Lang hat’s nicht gedauert, bis meine Vorhersage eingetroffen ist:

„Schwer umsetzbar“ erscheint den Pädagoginnen und Pädagogen auch die Implementierung von 13 fächerübergreifenden Themen in den Unterricht. Diese reichen von „Entrepreneurship Education“, „informatische“ und „interkulturelle Bildung“ über „reflexive Geschlechterpädagogik“ und „Gleichstellung“ bzw. „Sexualpädagogik“ bis zu „Verkehrsbildung“ und „Umweltbildung für nachhaltige Entwicklung“.

Lehrerkritik an neuen Lehrplänen, orf.at Artikel vom 20. September 2022

Da wird wohl nix Gscheits raus kommen. Schade.

Die Arbeit ist Marketing

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Ein wesentlicher Unterschied zwischen Solopreneuren und klassischen Selbständigen (Freelancer):

Solopreneure haben viel mehr Marketing zu machen (für ihre Produkte) als klassische Selbständige (die oft „weitergereicht“ werden).

Die tägliche Arbeit der Solopreneure ist Marketing.

[Danke Ehrenfried Conta Gromberg für diesen Gedanken.]

Solve et coagula

S

Das ist ein Konzept aus der Spagyrik: Zuerst werden die Einzelteile aus der Pflanze herausgelöst (in 3 Schritten), und dann werden die reinen Einzelteile wieder zusammengemischt. So wieder zusammengesetzt, entsteht etwas, das viel potenter ist als das originale Gemisch.

So ähnlich ist es bei mir auch: Ich seziere zuerst die BWL, löse die einzelnen Konzepte heraus, bilde sie in möglichst reiner Form ab – damit ich sie gut verstehe und auseinander halten kann.

Und dann setze ich sie für meine Schüler*innen in neuer Form zusammen, um eine neue, viel potentere Wirksamkeit zu erreichen.

Trigger

T

Es gibt Menschen, die machen mich ohne böse Absicht grantig.

Weil sie (unbewusst) die richtigen Knöpfe bei mir drücken. Weil sie durch ihre Art oder ihre Worte etwas in mir triggern.

Ich bemühe mich dann immer nach Kräften, auf diese Trigger nicht anzuspringen. Sie zwar bewusst wahrzunehmen, aber dann tief durchzuatmen und ihnen nicht nachzugeben.

Das gelingt mal besser, mal weniger.

Erste Klasse

E

Unlängst im Zug beobachtet:

Ein Papa fährt mit seinem kleinen Sohn im Railjet nach Wien, 1. Klasse. Der Kleine ist noch ein bisschen wackelig auf den Beinen. Als der Zug im Bahnhof einfährt und stehen bleibt, passiert das Unvermeidliche: Den Kleinen haut es um, er fällt auf seinen Popsch.

Der Papa sagt, nach einer Schrecksekunde: “Ah, nix passiert. Erste Klass’ fallt ma net so hart.”

Rein logisch gesehen stimmt das natürlich nicht. Man fällt auch in der zweiten Klasse nicht härter. Aber gefühlsmäßig macht es schon Sinn: In der ersten Klasse fühlt man sich ganz generell vielleicht eine Spur besser – einfach deswegen, weil es die erste Klasse ist.

Oder, wie es Marcel Reich-Ranicki ausgedrückt hat:

Geld allein macht nicht glücklich, aber wenn man unglücklich ist, ist es besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.

Die Märchen der Erwachsenen

D

Ich beobachte es immer wieder, auch und besonders unter Berater*innen:

Bevor jemand sagt, dass er es nicht weiß, erzählt er lieber ein Märchen. Er präsentiert das, was er sich in diesem Moment gerade ausdenkt, als Fakten.

Und zwei Augenblicke später ist er dann sogar selbst felsenfest davon überzeugt, dass dieses Märchen die reine Wahrheit ist.

Angemessene Handlungen (2)

A

Manchmal geht der Schuss auch nach vorne los.

Das können wir uns mitunter nur schwer vorstellen, aber: Möglich wär’s!

Die Kennzahl

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Wenn du gezwungen wärst, dich auf eine einzige betriebswirtschaftliche Kennzahl zu beschränken, um den wirtschaftlichen Erfolg in deinem Business zu messen, dann wäre es diese:

Dein Kontostand.

Erfolg ist immer freiwillig

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Jeder Mensch hat das Recht, lieber in seinem Problem zu verharren. Lieber in Opposition zu gehen. Lieber nichts zu tun.

Man kann niemandem zum Erfolg zwingen.

[Danke Valentina Mörz für diesen Gedanken.]

Deadlines

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Das Problem ist nicht die Größe unserer Ziele.

Das Problem sind die viel zu kurzen Deadlines, die wir uns für diese Ziele setzen! 

[Danke Dan Sullivan für diesen Gedanken.]

Stärkenbündel

S

Das Erfolgsgeheimnis vieler Gründer*innen ist nicht die eine Stärke, sondern die einmalige Kombination von (einzeln betrachtet) unspektakulären Fähigkeiten.

Wie der ehemalige Bankberater, der dann bei der Stadtverwaltung in der Planung tätig war und jetzt die Baubranche genauso kennt wie die Banken – und damit ein idealer Projektabwickler ist.

Oder der Psychologe, der gerne surft und jetzt Therapie und Surfen verbindet.

Die Kombination ist individuell, einzigartig und wird deswegen am Markt geschätzt.

[Danke Scott Adams für diesen Gedanken, der das Ganze talent stacks nennt.]

Programmierer

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Ich habe einen Programmierer gefragt, wie er es schafft, langfristig exzellente Arbeit abzuliefern.

Er sagt: Er braucht jeden Tag 2-4 Fokus-Stunden. Egal wann.

In 2-4 Stunden pro Tag passiert der Großteil seiner Arbeit.

Gilt wahrscheinlich nicht nur für diesen Programmierer.

Persönlichkeitstests

P

Die Faszination von Persönlichkeitstests liegt darin, dass sie uns eine Landkarte geben, damit wir uns besser verstehen.

Endlich erklärt uns jemand, was mit uns los ist. Endlich bekommen wir eine Story dafür, warum wir sind, wie wir sind.

Und selbst, wenn diese Story unvollständig oder gar falsch ist… Es ist immerhin eine Story mehr, als wir bisher hatten.